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Fabelwesen

Beltane und ihre Pferde

Beltane holte Pfeil und Bogen aus dem Schuppen, band geschickt mit einem grünen Samtband ihre wilden roten Locken im Nacken zusammen und ging zu den Stallungen. Die Holztür knarzte und die Pferde im Stall richteten aufmerksam ihre Blicke auf sie. Elwood wieherte leise und scharrte mit einem Vorderhuf.
„Elwood, wir haben einen Auftrag! Du weißt es schon, oder?“ Beltane lächelte und klopfte dem prachtvollen Tier sanft den Hals. Der Hengst schüttelte sachte den Kopf auf und ab, seine Muskeln spannten unter dem glänzenden Fell und seine Nüstern waren geweitet.
Beltane öffnete nun alle Tore und die Pferde folgten ihr langsam ins Freie. Die Frau war in ein langes pinkfarbenes Kleid gehüllt und an einer Kordel um die Taille hing ein großer Leinenbeutel. Sie richtete den Blick Richtung Dach des Stallgebäudes und pfiff mit zwei Fingern.
„Falco, du kommst auch mit!“ Mit einem rauen Rufen landete der Wanderfalke auf Beltanes Schulter.
Athletisch schwang sich die Frau auf Elwoods Rücken, hielt sich mit einer Hand an den Mähnenhaaren des Pferdes, drückte sachte ihre nackten Fersen an seinen Bauch und so setzten sich alle langsam in Bewegung.
„Du weißt, was zu tun ist? Gib mir immer ein Zeichen, mein Guter.“


Beltane richtete sich den Bogen, der mit dem Pfeilköcher über ihren Rücken hing, blickte den Falken auf ihrer Schulter von der Seite an und schnalzte mit der Zunge. Elwood gehorchte auf das Zeichen, galoppierte an und ein Dutzend Pferde folgte dem Leithengst.
So zogen sie in der Abenddämmerung über die Länder, mit wehenden Mähnen, donnernden Hufen und den Rufen des Falken. Beltane sang auf dem Rücken des Pferdes ein Lied in fremder Sprache und der Vollmond zeigte sich bereits am Horizont.
In der Nähe einer Kleinstadt verlangsamten sie ihr Tempo und erreichten einige Siedlungen. Elwood übernahm weiterhin die Führung, er näherte sich den Vorplätzen langsam, schritt durch Garteneingänge, hielt an und wartete ab. Die Einwohner kamen neugierig aus ihren Wohnungen, betrachteten die seltsamen Gäste und staunten. Viele waren spärlich gekleidet, hatten kranke Kinder auf dem Arm und wirkten verwahrlost. Elwood trat vorsichtig an die Kinder heran und mit seinen Nüstern blies er sachte seinen Atem über ihre Köpfe. Seine Augen leuchteten wie die Sonne und spendeten Trost und Zuversicht. Die anderen Pferde taten es ihm gleich und bald schon lachten und tanzten die Einwohner auf den Straßen und Plätzen. Falco zog einige Kreise über die Kleinstadt und landete anschließend wieder auf Beltanes Schulter.


Sie zogen weiter im Galopp in ferne Länder und Gebiete. Dort, wo Armut herrschte, hinterließen die Hufabdrücke der Tiere sofort fruchtbaren Boden. Der Schweiß, der den Pferden vom Fell tropfte, füllte ausgetrocknete Brunnen wieder mit quellklarem Wasser. In Gegenden, wo Menschen traurig und krank waren, schwebten besonders viele Schweif- und Mähnenhaare in die Lüfte. Diese Haare flochten sich die Bewohner in ihr eigenes und bald waren sie wieder mit Frohsinn und Hoffnung erfüllt.
Später in der Nacht erreichten sie eine noble Wohngegend mit pompösen Häusern und meterhohen Zäunen rund um deren Anwesen. Elwoods Atem beschleunigte sich, er stampfte mit dem Vorderhuf, stieg und wieherte laut. Falco hob sich in die Lüfte und schrille Warnrufe weckte die Menschen aus ihren Betten, die anschließend wild gestikulierend in noblen Nachtgewändern umherliefen. Beltane konnte es riechen, hier waren Macht, Gier und Respektlosigkeit zuhause. Hier lebten Menschen, die Tiere und die Natur nicht achteten. Flink griff sie nach dem Bogen und schoss gezielt ihre Pfeile auf Ferse und Knie, die die Verletzten am Davonlaufen hinderten. Die Pferde sprangen über die Zäune, zerstörten Gärten und Wohnräume und hinterließen große Verwüstung.

Der Vollmond stand hoch am Himmel, als sie dem Flug des Falken folgend in ein entferntes Land gelangten. Beltane verstreute aus ihrem Leinenbeutel Kardamom, Salbei und Veilchenwurzel, Moschus und Myrrhe. Elwood brummelte und wieherte leise und die Menschen erfüllte tiefe Liebe, Sinnlichkeit und Fülle.

Und so geschah es, dass sich in der Vollmondnacht vor dem ersten Maitag Himmel und Erde vereinten, die Menschen sich wieder liebten, Kranke geheilt wurden, die Erde wieder fruchtbar und heil war und Kriege, Pandemien, Hungersnot und Elend keinen Platz mehr fanden.

Beltane und ihre Pferde – Der Versuch, ein Märchen zu schreiben 🙂

News

Frauen

Gestern tönte es aus allen Kanälen – Weltfrauentag.
Ich habe mir selber ein Geschenk gemacht und mir ein Buch anlässlich dieses Tages geschenkt.
Beim ersten Reinlesen gestern Abend sind mir drei Zeilen besonders ins Auge gestochen und haben mich beeindruckt. Wie ihr vielleicht schon bemerkt habt, mag ich ja gern die mystischen Geschichten, in denen es um Göttinnen, „Hexen“, Brauchtum geht. Luisa Francia betont, dass sie lieber über „Zauberinnen“ spricht, als über Hexen (wenn wir uns ehrlich sind, hat das Wort ja tatsächlich durch die Inquisition Schaden genommen). In dem Wort Zauberin liegt ihrer Ansicht nach etwas Zauberhaftes, Wundervolles.

Es gibt drei Frauen, die mein Leben besonders bereichern und bunt machen, die mich prägen und tief berühren. Meine Mama und meine beiden Töchter! Meine Mama ist eine wahre Zauberin, sie hat uns stets Familiensinn, Achtsamkeit und ein respektvolles Miteinander gelehrt und sie ist wunderbar liebevoll und feinsinnig.
Bei meinen beiden Töchtern macht es mir viel Freude, ihre Wege zu betrachten, die sie gehen. Sie sind empathische, kämpferische (im positiven Sinne) Frauen, die wissen, was sie wollen und tüchtig voranschreiten. Sie haben Humor und das Herz am rechten Fleck. Ich bin dankbar, am Leben dieser drei Frauen teilhaben zu können.
Und wenn wir schon vom Herz sprechen: heute las ich die Zeilen von Wolf-Dieter Storl (der gerne über Göttinnen, Pflanzen, Natur schreibt):

Den Weg des Herzens gehen
Das heißt in erster Linie, mit sich selbst ehrlich zu sein, mit sich selbst im Reinen zu sein. Das zu tun im Leben, was einen wirklich interessiert. Das Leben ist viel zu kostbar, um dies nicht zu tun. Das Leben ist ein Geschenk. Das Wort Interesse im wahrsten Sinne des Wortes: inter =mittendrin und esse = sein, Essenz. Im Wesentlichen sein, darum geht es im Leben. Das ist das Beste. Da fühlt sich das Herz wohl und geborgen. Da tun wir von allein das Richtige.

Und nun lese ich wieder weiter im Buch von Luisa Francia. Tipp: sie führt ein Onlinetagebuch – salamandra.de

Writing Friday

Zu alt für Rock ’n‘ Roll

Wieder nehme ich diesen Monat an dem Schreibprojekt #oneshortyear teil:

Worum gehts? Am Ende jeden Monats (von Juli 2020 – Juli 2021) gibt es jeweils ein Thema – gesucht werden Kurzgeschichten von entweder bis zu 1000 Worten, oder einen Prompt mit deutlich mehr Worten usw. usf…… 

Wer es am Ende (Juli 2021) in die Anthologie schafft, wird erst nach Ablauf des langen kurzen Jahres bekanntgegeben. 

Thema Jänner 2021: 

Lasst euch von den Blumen inspirieren. Maximal 1000 Wörter, freie Genrewahl.

Hier meine Geschichte:

Wir fahren gemütlich mit dem Mietwagen durch die Hügel Andalusiens. Der Urlaub war ein Geschenk der Töchter zum sechsundzwanzigsten Hochzeitstag  mit der Bemerkung: „Ihr ward so lange nicht mehr gemeinsam auf Urlaub.“ Aber wie sollen wir für längere Zeit wegfahren, wenn am Hof Pferde und Hund täglich einen Futterträger brauchen?

„Du musst da vorne abbiegen“, erkläre ich meinem Mann. Wir fahren langsam an den Sonnenblumenfeldern vorbei. Soweit das Auge reicht lachen uns diese zauberhaften Blütenköpfe an! Auf der gegenüberliegenden Seite erstreckt sich ein Hügel mit alten knorrigen Olivenbäumen, deren Blätter silbern in der Sonne schimmern. Für meinen Mann und mich ist es nicht der erste Aufenthalt in dieser Gegend. Er hat vor einigen Jahren einmal eine Reitwoche auf einer Hacienda hier verbracht, meine Aufgabe damals war es, Fotos und Videos zu machen. Reitunterricht wollte ich nicht, wenn ich zu dieser Zeit überhaupt geritten bin, dann nur daheim auf meinem eigenen Pferd. Im jetzigen Urlaub haben wir uns für mehrere Ausflüge in die Umgebung entschlossen. Wir verbrachten einige Tage in Cadiz, schlenderten durch die engen Gassen von Ronda, naschten Tapas und tranken Sherry. Eine kurze Visite in Sevilla mit dem Besuch der Kathedrale hat uns ebenso bezaubert, wie die Alhambra in Granada. Am vorletzten Tag unserer Reise schauen wir noch bei der Hacienda, auf der wir vor vielen Jahren gewohnt haben, vorbei. Mittlerweile scheint sie zu einem Touristentreffpunkt für Reitgäste geworden zu sein. Wir setzen uns in den Schatten der überdachten Veranda und schauen dem Treiben bei einem Glas Tinto de verano zu. Pferde werden aus dem Stall geholt, Reitgäste scharren sich um ihre Guides und sind schwitzend damit beschäftigt, zu putzen und zu satteln. Der Geruch nach Pferdeschweiß lässt uns an daheim und unsere Pferdesenioren denken.

Nach kurzer Zeit kommt ein junger Reitführer mit klappernden Sporen an den Stiefeln zu unserem Tisch und erklärt in holprigem Englisch, dass noch zwei Pferde frei wären. Wir könnten gerne mitkommen auf einen Ausritt in den Sonnenuntergang. Ich winke ab und meine, das sei zwar sehr nett, aber ich sei ewig nicht mehr geritten und schon gar nicht auf einem fremden Pferd. Mein Mann meint schmunzelnd: „Ach was, ein kleiner Ausritt im Schritt zum Abschluss der Reise wird uns gut tun.“ Ein ungutes Gefühl in der Magengegend macht sich breit, dennoch möchte ich meinem Mann den schönen Urlaub nicht verderben. Kurze Zeit später steige ich etwas ungelenk auf den braunen Wallach und streiche ihm über den Hals. „Wird schon schief gehen“, versuche ich mich selber zu beruhigen. Ich reite gleich hinter dem Guide, dann folgt mein Mann und der Rest der Gruppe mit drei Gästen reiht sich ein.

Ein schmaler Pfad führt bergab über Steine und Geröll und ich grüble, wie sich die Pferde hier in Spanien zwischen den vom Regen ausgeschwemmten Furchen halten können, ohne zu stolpern. Aber ich denke scheinbar schon wieder zu viel nach, die Pferde sind das sicher alles gewohnt. „Jetzt schau dir mal diese schöne Umgebung an“, höre ich meinen Mann hinter mir. Ich atme tief durch und bemerke jetzt erst die untergehende Sonne am Horizont, die alles in ein sattes orange taucht. Zikaden singen in den Olivenhainen und ein laues Lüftchen schafft etwas Abkühlung. Wir nähern uns einem langgezogenen Wiesenweg und der Guide vor mir hebt die rechte Hand. „Was soll das bedeuten?“, denke ich und ehe ich mich versehe, galoppiert der Mann mit seinem Pferd los. Alles in mir verkrampft sich und ich halte die Luft an, das Pferd unter mir fühlt sich steif an, es reckt den Kopf in die Höhe und springt los in den Galopp. Instinktiv ziehe ich am Zügel, was sich als Fehler herausstellt, denn der Wallach geht nun ab wie Schmitz Katze. „Lass die Zügel los! Setz dich tief in den Sattel und atme“, ruft mein Mann, der dicht hinter mir nun ebenfalls angaloppiert. Endlich erreichen wir eine Anhöhe und der Wiesenweg endet. Die Pferde halten an und schnauben ab.

„Ja ist denn der verrückt? Ich dachte, es wird ein gemütlicher Ausritt, niemand hat etwas von Galopp gesagt!“. Eine Hitzewallung erfasst mich und ich bin gewiss ziemlich rot im Gesicht, ich richte mich im Sattel auf und klopfe den Hals des Pferdes. „Alles okay bei dir?“, fragt mein Mann. Ich nicke und die anderen Reitgäste wischen sich den Schweiß von der Stirn und blicken ebenfalls etwas verunsichert in die Runde. „Let´s go on!“, ruft der Guide mit einem Grinsen und setzt sich wieder in Bewegung. „But this time we’re taking it slow“, erwähnt mein Mann. Ich bezweifle, dass der Reitführer das noch gehört hat. Eine Weile trotten wir gemütlich entlang der Felder, langsam komme ich wieder zur Ruhe und genieße die Stimmung. Nicht mehr weit entfernt sehe ich nun die Hacienda und  ich freue mich schon auf ein kühles, hoffentlich hochprozentiges Getränk an der Bar. Wir biegen ab in einen schmalen Weg, der rechter Hand an einem Sonnenblumenfeld entlangführt und auf der linken Seite von Steinen und Geröll begrenzt ist. Es geht ziemlich steil bergauf und ich hoffe, dass wir alle heil ankommen. Und da ist sie wieder, diese erhobene Hand vom Guide – ich höre mich „Nein!“ rufen, aber da ist es schon zu spät. In einem Affentempo galoppieren wir das letzte Stück zum Stall, ich verliere einen Steigbügel, komme aus dem Gleichgewicht, mein Pferd wird schneller und unter mir donnern die Hufe. Kurz bevor wir das Gebäude erreichen, sehe ich aus dem Augenwinkel eine Kieshalde neben dem Weg. Der Wallach macht mehrere Sprünge, steckt den Kopf zwischen seine Vorderbeine und ich ahne es, er bockt mich demnächst ab. „Bitte in das Blumenfeld“, denke ich, aber es war klar, ich lande unsanft und plump, wie ein Sack Kartoffeln, auf dem Kieshügel. Athletisch vom Pferd fallen war einmal.  

„Ich bin zu alt für diesen Scheiß!“, schreie ich den Guide an, der mich fragend, am  Pferd sitzend, anschaut.  

„Too old to Rock ’n‘ roll!“, ergänze ich und wie ich so da sitze, sehe ich die Blütenköpfe der Sonnenblumen, wie sie sich vor Lachen in alle Richtungen krümmen.