Mondgöttinnen

Walpurgisnacht

Kapitel 5

Ihre Hand streicht immer wieder langsam über die zusammengerollte Tageszeitung. Im Hintergrund hört sie die Pendeluhr – „tick, tack, tick, tack“. Das Feuer knistert im Kamin und die Flammen malen rote und orange Farbschattierungen an die gegenüberliegende Wand. Sie hört die Haustüre ins Schloss fallen, endlich ist Sophie vom Spaziergang zurück.
„Möchtest du Tee? Ich habe gerade den Kessel aufgesetzt.“ Katharina nimmt ihrer Tante den Mantel ab. „Das ist sehr lieb von dir, danke.“
Sie setzen sich an den Tisch, wie zufällig legt Katharina die Zeitung zwischen die Teetassen. Sophie schmunzelt.
„Wieder was gefunden?“
„Ja, sieh auf die vorletzte Seite, da steht es!“
Sophie umschlingt mit beiden Händen die warme Teetasse, Altersflecken sind deutlich zu sehen, aber die Haut auf ihren schlanken Gliedern scheint wie aus Pergamentpapier zu sein, zart, dünn und kaum Falten.
„Willst du es gar nicht lesen?“, fragt Katharina ungeduldig.
„Ich weiß doch, was drin steht. Ist ja immer derselbe Text“, antwortet Sophie mit einem Lächeln.
Katharina nimmt die Ecke der Platzdecke aus buntem Stoff zwischen Zeigefinger und Daumen, rollt sie kurz zusammen, streicht sie glatt, rollt sie zusammen … Ihre Augen sind auf den dampfenden Tee gerichtet. Sie atmet tief durch:
„Du könntest ja mal antworten zur Abwechslung, wieso lässt du alle im Ungewissen?“, fragt sie leise.
Sophie greift nach der Hand ihrer Nichte, streichelt sanft über den Handrücken und verhindert so, dass Katharina ständig die Platzdecke zerknüllt.
„Tick, tack, tick, tack.“
„Ich lege nochmals nach, es soll heute Nacht stürmisch werden.“ Sophie erhebt sich und holt Holzscheite aus dem geflochtenen Korb in der Nähe des Ofens.
Langsam räumt Katharina den Tisch ab, schlägt die letzte Seite der Zeitung auf und verlässt den Raum.

Am nächsten Morgen liegt das Journal immer noch unberührt da. Beim Frühstück reden die Frauen belanglos über das Wetter und die bevorstehende Vollmondnacht.
Anschließend holt Sophie einige Papiertüten und Gläser, gefüllt mit Räucherharzen und Kräutern, aus dem Keller, nimmt den schweren Steinbehälter mit dem Stößel aus dem Regal und macht es sich am Küchentisch gemütlich.
„Kann ich dir behilflich sein, Tante?“, fragt Katharina. Langsam schüttelt Sophie den Kopf.
„Das ist nicht nötig, Liebes. Aber tu mir doch den Gefallen und hole aus meinem Kleiderschrank die alte Holzkiste, die ganz unten steht.“
Sophie mischt Kräuter, Samen und Harze in dem Steingefäß und mörsert leise vor sich hinsummend. Duftschwaden erfüllen den Raum, es riecht nach Myrrhe, Kardamom, Salbei und Moschus.
Katharina kehrt mit der alten Kiste zurück und nimmt den angenehm würzigen, sinnlichen Duft wahr.
„Willst du sie nicht öffnen?“, fragt Sophie.
Katharina versucht sich am zierlichen, verrosteten Vorhängeschloss, es ist jedoch zwecklos.
„Sie ist ja verschlossen. Wie soll ich sie öffnen?“
Die Tante greift an ihre Halskette, an der, unter vielen anderen kleinen Anhängern, auch ein winziger Schlüssel hängt, den sie nun abnimmt und ihrer Nichte reicht.
Katharina ist nervös, schon immer wollte sie wissen, was sich in dieser Kiste verbirgt. Dass sich heute das Geheimnis plötzlich lüften soll, kommt völlig überraschend.
Leise knarzend hebt sich der Deckel. Eine Ansammlung von Zeitungsausschnitten liegt fein säuberlich gefaltet darin, daneben eine alte Herrenuhr und ein goldener Ring. Sie nimmt den Ring zur Hand und liest die Gravur in der Innenseite. „Sophie – 01.05.1967“. Langsam faltet sie die Papierseiten auseinander. Inserate aus den vergangenen Jahren, immer mit derselben Formulierung.
„Du kannst das Inserat von gestern kontrollieren. Es wird der gleiche Text sein, richtig?“ Die Tante ist noch immer mit ihrer Räuchermischung beschäftigt und zwinkert Katharina zu.
Das Knistern im Kamin wird zunehmend lauter, als ob die Holzscheite eine extra Luftversorgung bekommen hätten. Plötzlich dringt der Moschus- und Kardamomduft ganz intensiv an Katharinas Nase und fährt ihr wie ein Blitz in die Stirnhöhlen.
„Tick, tack, tick, tack.“
Katharina hat insgesamt fünfundzwanzig Seiten aufgeklappt, ihre Tante hat mit krummer Handschrift jeweils das Erscheinungsdatum darauf notiert.

VERMISST! Ich suche meinen Vater! Er war Pilot und ist wahrscheinlich im Raum Allgäu, Deutschland, geboren. In den Jahren 1970 bis 1980 war er für eine deutsche Fluggesellschaft tätig und ist regelmäßig in die USA geflogen. Seit Ende April 1980 ist er nicht mehr hier in Washington DC gesehen worden. Für nähere Hinweise bitte eine Mail an: mark.lewis@autornet.com

„Du musst ihm schreiben, Sophie!“ Katharina hält sich an der Stuhllehne fest, ihr wird schwindlig von dem durchdringenden Geruch und der Hitze im Raum.
„Den Teufel werde ich tun! Sein Vater war ein Mistkerl, er hat ein Doppelleben geführt und wahrscheinlich nicht nur mich betrogen. Ich werde früh genug entscheiden, ob ich ihm davon erzählen werde. Bald wird er hier eintreffen und wir lernen ihn kennen.“ Sophie lässt lautstark den Stößel auf den Tisch fallen und ihre Hände zittern.
Katharina setzt sich, sortiert die Zeitungsausschnitte und legt sie wieder sauber in die Kiste zurück.
„Wir werden ihn kennenlernen? Wann?“
„Noch in diesem Sommer, Katharina. Sobald Chiara wieder zurück ist. Es hat alles seine Richtigkeit, glaube mir.“
„Ihr habt also am 1. Mai 1967 geheiratet, morgen hättet ihr euren … 51. Hochzeitstag? Immer am Abend davor feierst du ein Ritual am Waldrand, wieso vor eurem Hochzeitstag, Sophie? Wenn er doch so ein Mistkerl war?“ Lange sehen sich die zwei Frauen über den Tisch hinweg an.
„Tick, tack, tick, tack.“
„Es war nicht nur unser Hochzeitstag, Liebes. In der Nacht davor, der Walpurgisnacht, habe ich endlich begriffen, dass ich betrogen werde. Und genau DAS feiere ich jedes Jahr.“
„Wir hatten beide nicht die besten Jahre, was Männer betrifft. Wird es für Chiara besser werden, Tante?“
„Ja, das wird es. Glaube mir!“ Sophie erhebt sich, geht um den Tisch herum und umarmt ihre Nichte herzlich.

Später am Abend machen sich die beiden Frauen auf den Weg zum Waldrand. Sophie trägt ein weites, knöchellanges Leinenkleid in Purpurrot, viele bunte Armreifen und Ketten klimpern bei jedem Schritt und ihr silbergraues, welliges Haar weht im Wind. Katharina ist in einen hellblauen Mantel gehüllt und trägt einen großen Korb gefüllt mit Holzscheiten, einem Glas mit der Räuchermischung, einer Thermoskanne und zwei Porzellantassen mit bunten Blumen darauf.
Sie halten an einem Lagerfeuerplatz, der kreisförmig mit Granitsteinen umrandet ist. Das Ritual der Walpurgisnacht wird jährlich im selben Ablauf zelebriert. Einige Frauen aus dem Dorf kommen ebenfalls anspaziert, schweigend nicken sich die Damen zu und packen ihre Körbe aus. Sophie entzündet das Feuer und lässt achtsam ein klein wenig Räucherware hineinrieseln.
Langsam wird es dunkel. Die Frauen wärmen sich an den Flammen und trinken heißen Punsch. Aus den Tassen steigt der Geruch von Waldmeister, Melisse, Johannisbeere, Salbei und Wein empor.
Manche Frauen tanzen um das Feuer, andere trommeln und singen eigentümliche Lieder. In der Mitte steht Sophie und lächelt, sie betrachtet den Nachthimmel und entfernt sich einige Meter von der Gruppe. Katharina folgt ihr schweigend.
An einem Felsvorsprung halten sie an. Ein laues Lüftchen weht und es riecht intensiv erdig. Sophie betrachtet aufmerksam den Felsen, hinter dem nun der Vollmond strahlend leuchtet.

„Tante, wohin ist dein Mann verschwunden? Leute im Dorf erzählen, du hättest … also du hättest was mit seinem Verschwinden zu tun. Du weißt schon …!“
Plötzlich hören sie ein lautes Jaulen in der Ferne. Ein Wolf stimmt in die Lieder der um das Lagerfeuer tanzenden Frauen ein.

„Die Antwort kennt nur der Wolf, meine Liebe!“

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Vergangene Woche ist dieser Text von mir auf  www.verdichtet.at  erschienen. Es ist eine weitere (Fortsetzungs-) Geschichte von den mystischen Frauen vom Waldrand.  🙂 

Mondgöttinnen

Der Schafhirte

Kapitel 4

Sie lenkt den Mietwagen auf die Bundesstraße Richtung Nationalpark Sierra de Grazalema. Auf dem Beifahrersitz liegt die neueste Canon EOS 80D, ein Geschenk ihrer Mutter vor ihrer Abreise nach Andalusien.

„Halte alle Wunder der Natur auf deiner Studienreise damit fest.“

Seit drei Wochen jobbt sie jetzt auf der Hacienda Andaluz, einem Wanderreitbetrieb. Heute ist ihr erster freier Tag und sie ist bei Sonnenaufgang losgefahren. Chiara erreicht die schmale, steile Straße, die hoch in die Berge führt, die regenreichste Region Spaniens mit einer traumhaften Pflanzenwelt. Die Märzsonne taucht alles in elfenbeinfarbiges Licht. Auf den Wiesen liegt ein silbern funkelnder Schal aus Tau. Rauschende Bäche stürzen von den Bergen in die Tiefe und hinterlassen einen Gischtnebel, der sich bunt mit dem Licht der Sonne vereint.

In der Ferne eine große Schafherde auf einem Wiesenstück. Langsam fährt sie vorbei und bemerkt erst jetzt im Schatten einer Steineiche den Schäfer mit seinem Border Collie. Chiara kann dieser zarten Atmosphäre nicht widerstehen, sie hält am Straßenrand, nimmt ihre Kamera und steigt aus.
„Puedo tomar fotos, Señor?“ Der Hirte lächelt und nickt, ohne zu antworten. Durch ihr Objektiv kann sie die tiefen Furchen im Gesicht des Mannes erkennen. Unter der Baskenmütze dunkelblaue, jugendlich wirkende Augen, die irgendwie nicht zu der gegerbten Haut passen. In seiner linken Hand hält er eine krumme, schlanke Zigarre, aus der er einen Zug nimmt. Zu seinen Füßen liegt der Border Collie, sein abwartendes Verhalten an der Seite des Hirten zeugt von Sensibilität, die Augen sind ruhig auf die Schafe gerichtet. Sie kann sich der Ausstrahlung dieses Hundes kaum entziehen und muss an Hank denken, den Hund ihrer Großtante. `Ach, wie er mir fehlt!`, denkt sie wehmütig.
Der Schafhirte erhebt sich und humpelt, er zieht ein Bein nach, der Hund folgt ihm wie ein Schatten.
„Gracias, Señor!“ ruft Chiara hinterher. Sie hat einige Fotos gemacht und bricht wieder auf.
Pünktlich zum Abendessen trifft sie in Prado del Rey ein. Lautes Geschrei aus der Küche der Hacienda.

„Dieser Mistkerl! Wenn ich den erwische, hacke ich ihm die Finger eigenhändig ab!“ Chiara verdreht die Augen. Die Hofbesitzerin Marietta, eine deutsche Auswanderin, bei einem hysterischen Anfall. „Chiara! Komm sofort hier her!“
„Was ist denn passiert, Señora?“
„Wir wurden schon wieder bestohlen! Hast du nichts bemerkt in der Früh? Diese scheiß nutzlosen Köter schlagen auch nicht an!“ Vor der Tür liegen zwei Cattle Dogs in der Sonne und dösen.
„Es war ganz ruhig, als ich losgefahren bin. Was fehlt denn wieder?“
„Es fehlt Käse, Geräuchertes, Brot… es ist zum Verrücktwerden!“ Mariettas Haar ist zerzaust, einzelne Strähnen kleben an ihren Schläfen und sie hat Schweißflecken an ihrem Kleid.
„Mach´ dich an die Arbeit und betreue die Gäste. Eine neue Ausreitgruppe ist eingetroffen. Nach dem Abendessen hast du Stalldienst und morgen früh hilf´ dem Reitführer beim Satteln. Rápido!“

Nachdem Chiara die Tische der neu eingetroffenen Gäste abgeräumt hat, geht sie müde Richtung Stallungen. Niedrige, drückende Mauern mit einem alten Gewölbe erstrecken sich entlang der Pferdeboxen, es riecht miefig und es ist heiß. Zu viele Pferde für zu viele Stunden eingepfercht auf engstem Raum. Die Pferde schauen hinter Gitterstäben zu Chiara, manche brummeln oder wiehern ihr zu.
„Diego, mein Freund. Wie geht es dir?“ Chiara streichelt dem Schimmelwallach über den Hals. Das Heu hat er bereits aufgefressen. Diego, der sicherlich mal ein stattlicher Spanier gewesen ist, senkt den Kopf. Seine Rippen sind deutlich zu sehen und die Hüftknochen stehen hervor. Chiara steckt ihre Nase in seine Mähne, kann ihre Tränen kaum unterdrücken. Sie hält noch bei jedem einzelnen Pferd Nachschau, füttert Heu und streichelt die Tiere liebevoll. Dann geht sie in ihr kleines Pueblo hinter einer leer stehenden Stallung. Hier hat sie zum Glück genügend Abstand zu den Touristen, die im Hofinneren wohnen und hört den Lärm nicht, den sie nach dem Abendessen auf der Veranda sitzend machen. Sie verstaut ihre Kamera sorgfältig und fällt dann gleich in tiefen Schlaf.

„Die Pferde sind gesattelt“, begrüßt Chiara am nächsten Morgen Hernandez, den Reitführer. Der aus der Region stammende, wortkarge Mann mittleren Alters zieht seine Stiefel und Sporen an und holt sich eine Kandarentrense aus der Sattelkammer. Diego reißt die Augen auf und wirft seinen Kopf in die Höhe, als Hernandez sich ihm nähert.
Ein Dutzend Reitgäste kommt herbei, laut plaudernd und lachend. Hernandez weist den Gästen die Pferde zu, erklärt kurz den geplanten Weg und alle sitzen auf. Zwei Gäste prosten sich bereits jetzt aus Brustflaschen zu und drücken die Sporen in das Pferdefell. Chiara hat einen Kloß im Hals und ein bedrückendes Gefühl in der Magengegend, mit zittrigen Händen räumt sie die Putzkisten weg und macht sich an die Stallarbeit.

„Marietta, einige Pferde bluten aus dem Maul und sind kräftig sporniert worden. Die Gäste sind mehr als grob. Wieso weist Hernandez die Gäste nicht zurecht? Das ist seine Pflicht!“ Chiara steht abends in der Küche und kann ihre Wut nicht bremsen.
„Das müssen die Rösser schon aushalten. Das ist ihr Job. Und überhaupt geht dich das nichts an, kümmere dich um deine Arbeit und lass mich in Ruhe, ich habe zu tun.“

Eine Nacht voll Kummer und Sorge um die Pferde. Chiara kann nicht einschlafen, es ist bereits lange nach Mitternacht, als sie plötzlich ein Knacksen und Rascheln vor ihrer Hütte hört. Sie steht auf und sieht aus dem Fenster. Ein Hund, geduckt und schleichend, dahinter ein hinkender Mann. Der Schafhirte! Langsam öffnet sie die Tür.
„Ola? Qué haces aquí?“ flüstert sie. Der Mann bleibt erschrocken stehen.
„Sie können Deutsch mit mir sprechen, Señorita!“, flüstert er zurück.
„Kommen Sie rein, bitte. Wir wollen niemanden wecken.“ Chiara macht eine einladende Handbewegung.
Heute hinkt er besonders schlimm und während er über die Türschwelle tritt, kommt er ins Stolpern, seine Leinentasche fällt auf den Boden und der Inhalt entleert sich auf den Holzdielen. Chiara schließt schnell die Tür und bückt sich. Sie muss schmunzeln: Brot, Käse, Zigarren, Hundefutter…
„Da haben wir ja den Dieb!“, sagt sie lächelnd und sammelt alles ein.
„Setzen Sie sich doch. Wie heißen Sie?“
„Ich heiße Roland.“ Er reicht ihr die Hand. „Ich bin Chiara und arbeite als Aushilfe hier.“
„Sicher keine leichte Aufgabe bei dem Hausdrachen“, entgegnet er.
„Roland, die Chefin bemerkt, dass sie bestohlen wird. Was, wenn sie dich erwischt?“
„Wenn Marietta nicht so gefühlskalt wäre, wüsste sie, dass ich es bin und mir nur das hole, was mir zusteht. Sie ist nämlich meine Frau.“
„Deine Frau?“
„Denk ich mir, dass sie das nicht erwähnt hat. Wir sind vor über 20 Jahren ausgewandert und haben die Hacienda übernommen. Bis zu meinem Autounfall habe ich die Gäste auf Ausritten begleitet. Danach ging nichts mehr. Ich kann nicht Reiten mit meiner kaputten Hüfte. Marietta ist sehr geschäftstüchtig, von Jahr zu Jahr wurde ihre Gier schlimmer. Ich hab das nicht mehr ausgehalten. Als sie dann noch diesen Hernandez als Reitführer einstellte, hat es mir gereicht. Dieser grobe Hammel! Die Tiere gehen kaputt!“
„Ich betreue sie gut, aber leider hat Marietta kein Einsehen. Die Pferde müssten ganz anders gehalten werden. Hernandez und manche Reitgäste sind richtig grob….“ Chiara kann nicht mehr weiter sprechen, ihre Stimme versagt bei dem Gedanken an die blutenden Pferde.
„Es war nur noch Streit und Krampf. Vor einem Jahr bin ich mit meinem Hund und den Schafen einfach abgehauen, es war ihr egal. Am liebsten hätte ich auch die Pferde mitgenommen, ganz weit weg von hier. Die Behörden in Spanien machen leider nichts.“
Das erste Morgenlicht blinzelt durch das Fenster. Ein Hund bellt auf der Hacienda.
„Die Hunde! Wieso schlagen die Hunde nicht an, wenn du hier rum geisterst in der Nacht?“ Roland lacht laut auf. „Die Hunde kennen mich doch, die wedeln sogar mit dem Schweif. Und die Pferde gehe ich auch besuchen, die sind mucksmäuschenstill, wenn ich den Stall betrete.“ Jetzt müssen beide lachen. Der Hund von Roland läuft zur Tür, als wolle er sagen: Komm, es wird höchste Zeit.
„Wie heißt er?“, will Chiara wissen. „Das ist mein Flash, der beste Hund der Welt.“ Roland erhebt sich mühsam. „Danke, Chiara.“
„Wann kommst du wieder?“ Roland lächelt sie an, zuckt mit den Schultern und verlässt mit Flash die Hütte.

Die folgenden Wochen kümmert sich Chiara liebevoll um die Pferde, sie sind ihr zur Herzensangelegenheit geworden. Roland und Flash kommen nun öfter vorbei. Nicht nur, um Essen zu klauen, sondern auch, um Chiara zu besuchen. Sie sitzen dann die halbe Nacht im Pueblo, naschen vom gestohlenen Brot, Käse und Wein und schmieden Pläne. Und was für Pläne! Chiara kann ihren letzten Arbeitstag kaum erwarten.
„Willst du nicht verlängern? Ich kann jede Arbeitskraft gebrauchen.“ Marietta sitzt an ihrem Schreibtisch und holt die Geldbörse aus der Schublade.

„Nein, Marietta. Ich kann die geschundenen Seelen im Stall nicht mehr sehen.“ Feindselig grinst Marietta Chiara an und reicht ihr das Geld.

Sorgfältig verstaut Chiara spät abends alles im Mietwagen. Um vier Uhr, wie vereinbart, ein leises Klopfen an der Tür.
„Bist du bereit?“, flüstert Roland. Sie nickt und reicht ihm den Autoschlüssel. Gemeinsam gehen sie zu den Stallungen.
„Mein Flug geht mittags.“
„Wir treffen uns in etwa zwei Stunden. Danke, Chiara. Dich hat der Himmel geschickt!“

„Psst, Diego, wir machen eine Reise.“ Chiara streift dem Pferd sanft das Stallhalfter über. Als sie den Innenhof erreichen, öffnet Roland alle Boxentüren. Ruhig folgen alle Pferde, als wüssten sie, dass sie leise sein müssen. Roland hilft Chiara auf den Rücken von Diego, sie hält sich an seiner Mähne fest.

„Vamos, Diego!“ Nach kurzer Zeit erreichen sie die Wiesen der Ebene, sie galoppieren in den Sonnenaufgang. Chiaras dunkles Haar und Diegos weiße Mähne wehen im Wind. Bald werden die Pferde auf saftigen Wiesen in den Bergen der Grazalema für immer frei sein!

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Diese Kurzgeschichte hat unter „Schreiblustverlag“ im Monatswettbewerb September unter 26 Geschichten Rang 5 erreicht.

Auf dem Foto seht ihr unseren Border-Collie „Faith“ – er steht hier symbolhaft für die wunderbare Hunderasse.

Mondgöttinnen

Was wäre, wenn…?

Kapitel 3

Mark schaut aus dem Hotelfenster, sieht Capitol Hill und die schöne Parkanlage, es herrscht reges Treiben auf den Straßen. Ein kurzer Blick auf die Uhr verrät ihm, dass er nun aufbrechen muss, er nimmt seine Aktentasche vom Stuhl, darin befindet sich nur das Nötigste, was man als Schriftsteller für das National Book Festival eben so braucht.
Die knappe Meile läuft er zu Fuß zum Gelände der Library of Congress, der größten Bibliothek der Welt. Obwohl es seine erste Teilnahme an diesem Festival ist, findet er sich schnell zurecht. Er trifft einige Kollegen und interessierte Leser. Der Tag ist voll gespickt mit Small Talk und mit zahlreichen Fans, die sich Bücher von Mark signieren lassen. Er ist ein schüchterner, zurückhaltender und stiller Mann im besten Alter und eine sehr interessante, gut aussehende Erscheinung. Freunde sagen über ihn, dass er trotz seiner Zurückhaltung einen phantastischen Humor hat, den man ihm nicht zutrauen würde.
Die Zeit vergeht im Flug und Mark wäre es gerade recht, könnte er sich bald in sein Hotelzimmer zurückziehen. Er schaut in die Menschenmenge und als er so überlegt, wie er den Abend noch verbringen soll, sieht er ihn. Das rot/orangene Tuch, das er immerwährend trägt, leuchtet aus der Menge, einige Menschen verbeugen sich, andere beobachten ihn neugierig. Mark lässt ihn nicht aus den Augen und er kann es fast nicht glauben, der Dalai Lama geht tatsächlich in seine Richtung, zu Marks Tisch.
„Mister Lewis, es ist mir eine Ehre!“ Der Mönch deutet eine leichte Verbeugung an und lächelt. Mark sucht nach Worten, ist völlig perplex, fasst sich dann und verbeugt sich in buddhistischer Manier. „Eure Heiligkeit.“ Plötzlich scheint sich alles rundherum zu drehen, ihm wird schwindlig und heiß/kalt im Wechsel, er braucht dringend frische Luft. Als würde der Dalai Lama es erahnen, fasst er ihn sogleich am Arm und hakt sich ein, schnellen Schrittes führt er Mark Richtung Ausgang. Die angenehme, frische Luft und die sanfte Herbstsonne in der Parkanlage tun ihm richtig gut. Sie halten unter einer Linde und stehen sich gegenüber.
„Mister Lewis, ich habe ein Anliegen. Es handelt sich um ein Experiment, welches seinesgleichen sucht. Sie werden erstaunt sein!“ Mark sieht die funkelnden Augen und das schelmische Lächeln seines Gegenübers.
„Eure Heiligkeit, ich wüsste nicht, wieso Sie sich diesbezüglich ausgerechnet an mich wenden?“
„Nun, Mister Lewis, ich kenne Ihre Bücher und Sie sind Buddhist. Sie können dieses Experiment durchführen, davon bin ich überzeugt. Es wird Ihnen großen Spaß machen!“ wieder ein verschmitztes Lächeln, als würden sie gemeinsam einen Streich aushecken wollen.
„Worum geht es denn?“ Mark wird nun zunehmend neugierig.
„Ich überreiche Ihnen heute einen Schlüssel, suchen Sie die Bibliothekarin der Library of Congress auf und folgen Sie den Vögeln.“ Der Dalai Lama kramt in seinem Samtbeutel, der an seiner Tunika an einem Gürtel hängt, und reicht Mark einen kleinen, goldenen Schlüssel.
„Ich bin natürlich sehr gerne behilflich und wie Sie wahrscheinlich wissen, mag ich Experimente sehr. Aber eine Frage sei mir erlaubt: wieso gehen wir nicht gemeinsam zur Bibliothekarin?“
„Eine berechtigte Frage. Ich bin jedoch nur der Überbringer des Schlüssels, eine von mir ausgewählte Person sorgt für die Durchführung des Experimentes. Es funktioniert nur innerhalb der jeweiligen Zeitzone, in der der Auserwählte – das sind in diesem Falle Sie – lebt. In meiner Zeitzone wurde das Experiment schon durchgeführt. Warum es keine Aufzeichnungen, Videos oder Berichte in den Medien darüber gibt, werden Sie früh genug erfahren. Jedoch, das können Sie mir glauben, ist dieses Experiment formvollendet. Mister Lewis, ich wünsche Ihnen viel Freude, verlasse mich auf Sie und werde Sie morgen wieder kontaktieren.“ Der Dalai Lama verbeugt sich nochmals kurz und verlässt die Parkanlage flotten Schrittes.
Da steht er nun, unter der Linde, sieht auf seine Hand mit dem kleinen Schlüssel darin.
Folgen Sie den Vögeln, hat er gemeint. „Was auch immer das heißen mag.“ Mark sieht sich um und entdeckt den Eingang der Library in einiger Entfernung.
„Nun gut, auf zur Bibliothekarin.“ Solche Rätsel machen Mark Spaß, das kommt auch deutlich in den Inhalten seiner Bücher zum Vorschein.
„Mrs. Hayden? Mark Lewis mein Name, der Dalai Lama schickt mich.“ Frau Hayden reicht ihm die Hand, lächelt und meint:
„Ich weiß, wer Sie sind und freue mich, Sie endlich persönlich kennenzulernen, Mister Lewis. Habe ich richtig gehört, der Dalai Lama schickt Sie?“
„Ja, Sie haben richtig gehört“, entgegnet Mark freundlich. „Es handelt sich scheinbar um ein Experiment und er meinte nur `Folgen Sie den Vögeln`.“ Die Bibliothekarin verschränkt die Arme vor der Brust und scheint in Gedanken. Nach einer Weile geht sie an ihren Schreibtisch und tippt auf der Tastatur des PCs.
„Gar nicht so einfach. Wir haben hier jede Menge Bücher über Ornithologie. Ich weiß jetzt nicht, wo wir mit der Suche beginnen sollen?“ Sie zuckt die Schultern und sieht Mark über die Brille hinweg an. „Ah, Moment, jetzt hätte ich es beinahe vergessen. Ich habe hier einen Schlüssel, der wohl einen Code knackt?“ Etwas hektisch sucht Mark nach dem Schlüssel in seiner Jacke.
„Dann muss es wohl eine größere Ausgabe sein.“ Sie recherchiert wieder in ihrem PC und hebt dann beide Hände:
„Ja natürlich! Das muss das Buch von John James Audubon sein, The Birds of America. Das weltweit wertvollste Buch, Mr. Lewis. Folgen Sie mir in Gallery B.“
Ein riesiges Buch liegt vor ihnen, Mark schätzt es auf fast 1 m Größe im Quadrat. Die Bibliothekarin zieht weiße Baumwollhandschuhe über und öffnet vorsichtig den wertvollen Buchdeckel. Achtsam blättert sie weiter. Mark sieht die buntesten Vögel gezeichnet, mit Beschreibungen darunter. Er ist sehr beeindruckt von diesem Werk, welches 1826 erschienen ist.
„Lassen Sie uns die letzte Seite suchen, vielleicht werden wir fündig“, meint er. Tatsächlich finden sie auf der vorletzten Seite ein zusammengefaltetes, sehr zartes Blatt Seidenpapier, auf dem mit Tinte in feinster Schrift folgendes steht:

„Was wäre wenn….?
.. alle Buchstaben, Zahlen, Zeichen, Codes in die Freiheit entlassen würden?
Was wäre wenn….?
.. sie sich gemeinsam mit den Vögeln dieses Buches in den Himmel erhöben und davon schwebten?
Was wäre wenn…?
.. für eine Stunde die Erde scheinbar still stünde?“
Sie blättert weiter und entdeckt auf der letzten Seite des Buches, im letzten Einbanddeckel, einen Schlitz.
„Hier, Mister Lewis. Hier muss der Schlüssel rein!“ Mit leicht zittrigen Fingern steckt Mark den Schlüssel ins Schloss des Einbanddeckels und dreht ihn um 90 Grad.
Leises Flattern ertönt, die Seiten des Buches schlagen sachte aufeinander und zart erheben sich alle bebilderten Vögel, alle Buchstaben, Zahlen, Zeichen, Punkte, Beistriche, Strichpunkte und fliegen mit sanftem Summen den Fenstern entgegen, drängen gegen den Fensterspalt und bahnen sich den Weg ins Freie. Alle Bücher in der Library machen es dem Band von Audubon nach, ein allgemeines, rhythmisches Rascheln erfüllt die Räume. Mark und Mrs. Hayden bücken sich, denn manche Zeichen sind besonders keck und fliegen ihnen um die Ohren. Die Bibliothekarin hält eine Hand vor ihren Mund und will sich ein Lachen verkneifen, was nicht ganz gelingen mag.
„Es ist…….“, möchte sie sagen, jedoch auch ihre gesprochenen Worte lösen sich in Luft auf, vergehen, verwehen, verschwinden mit den anderen geschriebenen Zeichen durchs Fenster der weltgrößten Bibliothek. Mark läuft hinterher, zückt sein Smartphone, möchte gerne auf Video aufzeichnen, was hier passiert. Doch auch aus dem Handy schlüpfen Buchstaben und Zeichen beinahe lautlos ins Freie und verschwinden in der Ferne. Der Bildschirm des Handys wird dunkel, es ist nicht mehr zu bedienen. Über Capitol Hill und der Library of Congress schweben nun tausende Zahlen, Buchstaben, Satzzeichen, scheinbar schwerelos in den Himmel. Mark und die Bibliothekarin laufen zum Ausgang, möchten sich gerne unterhalten, es ist aber nicht mehr möglich.
Sie beobachten die Straßen der Stadt. Der Verkehr kommt zum Erliegen, alle Buchstaben und Zeichen der Werbeanzeigen an Tankstellen, Einkaufsmärkten, Banken und Gebäuden rundherum schließen sich den Vögeln und Zeichen der Library an und entschwinden. Die Menschen gestikulieren, Worte sind zwecklos. Stille rundherum. Nur das leise Flattern und Rascheln der wegfliegenden Zeichen. Hoch hinaus, in das Blau des Himmels mit der untergehenden Sonne. Absoluter Stillstand.
Alle Menschen, die dieses Schauspiel beobachten, blicken hoch und nach einiger Zeit sieht man die formvollendete Formation der Zeichen am wolkenlosen Himmel:

Friede

steht da. In allen Sprachen der Welt. Für 1 Stunde in der Zeitzone von Washington D.C. Stille. Kein Angriff, keine Aggression, kein Befehl, kein böses Wort, kein Straßenlärm, keine Musik, nichts. Nur Friede, als Botschaft an den Himmel gepinselt.

Mark öffnet die Augen.
„Das war nur ein Traum!“ denkt er, steht auf und geht ans Fenster seines Hotelzimmers. Reges Treiben auf den Straßen, der übliche Lärm. Er streicht sich durch das zerzauste Haar und über die Bartstoppeln, schüttelt den Kopf und geht ins Badezimmer. Plötzlich läutet das Haustelefon auf dem Schreibtisch, Mark nimmt den Hörer ab… und – da liegt ein kleiner, goldener Schlüssel auf dem dunklen Holz des Tisches und eine Frauenstimme am Telefon sagt:
„Mr. Lewis? Seine Heiligkeit, der Dalai Lama, wartet hier in der Lobby auf Sie.“

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Foto von: https://www.andrewisles.com/

Diese Kurzgeschichte erreichte beim Monatswettbewerb des Monats April zum Thema „Das Experiment“ den 2. Platz und wird im Jahrbuch 2018 des Schreiblust-Verlages veröffentlicht. http://schreiblust-verlag.de/mitmach-projekt/schreibaufgabe-april-2018

Weiters wird sie auf der Homepage von: http://www.verdichtet.at erscheinen.

Mondgöttinnen

Die Mondgöttin

Kapitel 2

heute ist wieder eine Kurzgeschichte von mir auf www.verdichtet.at erschienen:

Die Mondgöttin

Sie läuft barfuß hinter dem alten Hund her, ihre dunklen Locken, die bis zur Mitte des Rückens reichen, wehen im Sturm. Das geblümte Kleid klebt an ihren nackten Beinen, es ist durchnässt. „Hank! Warte auf mich!“ Das kleine Mädchen kann dem Hund nur schwer folgen, es weiß aber, dass er auf der Suche nach Schutz ist und ihm den Weg weisen wird. Hinter ihm öffnet sich der Boden, aus schmalen Kratern quillt eitrige Masse, vermischt mit lavaähnlicher Brühe, alles schwappt über seine Knöchel, es stinkt ganz ekelerregend und das Mädchen muss würgen. Es läuft weiter, der Wind peitscht Regen, Hagel und Schnee gegen sein Gesicht. Der Hund hält immer wieder an und wartet auf das Mädchen.
An einem Bachlauf springen Forellen aus dem Wasser, landen auf der blutenden Erde, schwänzeln verzweifelt in der Luft. Das Gewässer verfärbt sich blitzschnell dunkelrot und beißender Mief erfüllt die Umgebung. Bald haben sie den Wald erreicht. Hinter einer großen Hecke kriechen Schlangen, Würmer, Kröten und Echsen hervor, sie fliehen ebenso vor der sich öffnenden Erde. Aus den Baumrinden tropfen dicke, harzähnliche Absonderungen, die Äste kringeln sich ein, sind plötzlich tot, starr, es stinkt nach Ammoniak.
„Hank, hilf mir, ich kann nicht mehr!“ Das Mädchen ringt nach Luft, der Ammoniakgestank treibt ihm Tränen in die Augen. Es dreht sich um, die Schlangen, Echsen und Kröten folgen ihnen. Die Fußsohlen des Mädchens schmerzen, trotz Regen und Schnee beginnt der Wald nun zu brennen, fängt Feuer. Der Himmel verdunkelt sich und es kann nichts mehr sehen. Nun ist der Hund an seiner Seite und führt es weiter. Vor ihnen teilt sich plötzlich der Weg, das Mädchen nimmt Anlauf und springt dem Hund hinterher, stolpert und versinkt mit einem Fuß im Morast. Das Mädchen schreit auf, mit Händen und auf Knien versucht es, sich aus dem Abgrund zu befreien. Sein Herz schlägt bis zum Hals, es weint und fleht und krabbelt auf allen Vieren weiter … Schlangen streifen seine Hände und Arme, schlingern an ihm vorbei.
Dann, endlich, sieht das Mädchen vor sich einen Felsvorsprung und dahinter eine große Weide, die von all diesem Unheil verschont geblieben scheint. Hank legt sich unter die Weide ins saftige Gras und wartet auf das Kind. Den Hund umarmend legt es sich dicht neben ihn, zitternd am ganzen Leib, und gemeinsam schauen sie dem grauenvollen Schauspiel zu, das um sie herum passiert.
„Mutter Erde, Mutter Erde, was ist mit dir? Wo tut‘s denn weh?“, schreit das Mädchen laut in den Abendhimmel.
***
Chiara reißt die Augen auf und ringt nach Luft, an ihrem Bett sitzen Großtante Sophie und ihre Mutter Katharina.
„Schatz, es war nur wieder dieser Traum. Es ist alles gut, wir sind ja da.“ Chiara weint und ist schweißgebadet. Ihre Mutter streichelt ihr sanft über die Stirn und küsst sie, die Großtante hält ihre Hand.
„Wieso träume ich das immer wieder?“, schluchzt sie und legt ihren Kopf auf den Schoß der Mutter.
„Du hast die Gabe, liebe Chiara. Du fühlst den Schmerz der Erde. Genau wie deine Großtante“, flüstert ihre Mutter. Die Tür öffnet sich und das Mädchen sieht das Schweifende von Hank am Bett vorbeihuschen. Der Hund legt seinen Kopf auf die Bettkante und leckt über ihren Unterarm. Chiara betrachtet ihre Großtante, die Hank nun hinter dem Ohr krault. Sie sitzt im Nachthemd da, ihre silbergrauen, dichten Haare zu einem dicken Zopf gebunden. Sie lächelt Chiara an und ihre wunderschönen, bernsteinfarbenen Augen betrachten das Mädchen liebevoll.

*** 12 Jahre später ***

Mark nimmt an einem der kleinen Tische vor der Bäckerei Platz. Er sortiert seinen Notizblock und die Stifte und bestellt sich einen Kaffee. Sein Deutsch ist zwar nicht akzentfrei, aber sehr gut. Am Nebentisch sitzt ein älteres Pärchen und mustert ihn neugierig.
„Sie sind wohl nicht von hier, was?“, fragt der Mann, der seine Hände auf einen Stock stützt.
„Ich komme aus Amerika und muss hier für eine Fachzeitschrift recherchieren“, antwortet Mark.
„Hier, bei uns? In diesem Kaff?“ Der Alte lacht laut auf. „Was soll es da zu recherchieren geben?“
„Es geht um das Thema Plastic Planet und um Mythologie. Ich bin auf der Suche nach drei Frauen, die hier wohnen. Vielleicht können Sie mir sagen, wo ich sie finde?“
Der alte Mann stopft sich mit krummen, arthritischen Fingern eine Pfeife und brummt leise vor sich hin. „Die ollen Weiber vom Waldrand?“, fragt er. Die Frau daneben stößt ihm den Ellenbogen in die Seite:
„Aber Friedrich, wie redest du nur?“, entgegnet sie.
„Ist doch wahr! Früher hätte man sowas wie die auf dem Scheiterhaufen verbrannt!“
Mark macht sich ein paar Notizen und muss schmunzeln. Dieses kleine Dorf hat einen seltsamen Charme, hier läuft alles etwas ruhiger ab als in seiner Heimatstadt, als hätte man die Zeit um Jahre zurückgedreht.
„Sie müssen wissen, die Damen leben sehr abgeschieden am Waldrand und das ist vielen hier im Dorf unheimlich. Die Ältere heißt Sophie, sie streift oft stundenlang barfuß und mit wehenden Kleidern durch die Wälder, an ihrer Seite ist immer ein Hund. Man erzählt sich, dass sie vor langer Zeit eine Begegnung mit einem Wolf hatte und seither sei sie völlig verändert. Leute, die nicht so ängstlich sind, kommen zu ihr und suchen Rat und Hilfe. Sophie hat schon sehr vielen Menschen helfen können.“
„Ach, papperlapapp!“ Der alte Mann nimmt die Pfeife aus dem Mund und bläst den Rauch in die Luft. „Das ist doch alles Quatsch, den du erzählst, Mutti.“ Mark wendet sich nun der Frau zu und klopft nachdenklich mit dem Bleistift auf den Zettel.
„Wie darf ich das verstehen, ihr sei ein Wolf begegnet? Können Sie mir das näher erklären?“
Die alte Frau rutscht mit dem Stuhl nun näher an Mark heran.
„Näheres weiß niemand hier. Sie war ja damals verheiratet, aber seit sie dem Wolf begegnet ist, sei der Mann wie vom Erdboden verschluckt. Niemand hat ihn je wieder gesehen. Und sie hat sich seit diesem Tag nicht nur vom Wesen her verändert, sondern auch äußerlich. Früher hatte sie blaue Augen, seit dieser Wolfsbegegnung aber sind ihre Augen wie aus dunklem Bernstein. Es leben drei Frauen in diesem Haus: Sophie, ihre Nichte Katharina und die Tochter von Katharina, sie heißt Chiara. Es wird gemunkelt, dass Katharinas Kind von einem Italiener ist, aber niemand weiß das so genau.“ Die Hände der Frau zittern nun, und sie wirkt nervös.
„Sophie und Chiara sind Sehende, müssen Sie wissen. Sie haben eine Gabe, sagt man“, flüstert sie Mark hinter vorgehaltener Hand zu.
„Kann ich unangemeldet bei den Frauen vorbeischauen? Was meinen Sie?“, fragt Mark.
Die zwei Alten sehen sich an und der Mann zuckt mit den Schultern.
„Wenn Sie meinen?! Ich wünsche Ihnen viel Glück. Die olle Sophie lässt Männer verschwinden. Passen Sie bloß auf sich auf!“
Mark notiert sich noch den Weg und marschiert los. Was für Schauermärchen, denkt er und lacht.

Nach einer Viertelstunde Fußmarsch kommt er an ein alleinstehendes Haus am Waldrand, die Fassade ist mit Lärchenholz vertäfelt, viele bunte Windspiele hängen an der Veranda, im dicht blühenden Garten sieht er vereinzelt Statuen aus Stein, elfenhafte, lächelnde Frauengestalten. Das Haus steht auf einer Anhöhe und Mark hält an, um sich einen Eindruck zu verschaffen. Plötzlich kommt Wind auf, die Tonmotive der Windspiele schlagen aufeinander und eine wundersame Melodie ertönt. Die sich im Wind wiegenden Blüten lassen die Elfenfiguren manchmal verschwinden und wieder erscheinen, es sieht aus, als würden sie tanzen. Wie aus dem Nichts steht nun ein Hund am Hauseingang, stolz und erhaben kommt er auf Mark zu und hält einige Meter vor ihm an, er mustert Mark, sein Fellkleid schimmert in allen Brauntönen. Dann ebbt der Wind wieder ab, es ist still rundherum. Mark nimmt nun befremdliche Duftnoten wahr, es riecht intensiv erdig, nach Myrrhe und auch nach Moschus. Kalte Schauer laufen seinen Rücken hinunter, ihm wird übel.

Plötzlich ein leises Zischen. Mark dreht sich abrupt um! Sie steht knapp hinter ihm, ihre Augen sind geschlossen, sie ist barfuß, hat lange, grau schimmernde Haare, sie kräuselt fast unmerklich ihre Nase, ihre Nasenflügel beben – als würde sie an Mark riechen, zieht sie mit einem leisen Zischlaut die Luft durch den leicht geöffneten Mund ein. Nun lächelt sie und öffnet die Augen. Mark weicht vor Schreck zurück, er hat noch nie solche Augen bei einem Menschen gesehen, sie sind bernsteinfarben und funkeln ihn an.

Sie nimmt seine Hand und spricht mit rauer, leiser Stimme: „Wir haben Sie schon erwartet!“

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Mondgöttinnen

Die Fährte

Kapitel 1

– eine Fortsetzungsgeschichte   –   wie alles begann

Sie saß auf der Bank vor dem Haus, lehnte sich an die Holzvertäfelung und schloss die Augen. Die Morgensonne wärmte ihr Gesicht. Die Tasse Kaffee hielt sie mit beiden Händen umschlungen, wie sie es jeden Morgen machte. Es war Samstag und ihr Mann war auf Geschäftsreise. Wieder einmal, wie so oft, war sie alleine. Nur der Anwesenheit des Hundes, der neben ihr in der Wiese lag, war es zu verdanken, dass sie sich nicht einsam fühlte. „Er wird an deiner Seite sein, wenn ich unterwegs bin“, meinte er damals, als er mit dem kleinen Welpen im Arm in der Tür stand. Sie hatte Freude an dem Hund, vom ersten Tag an. Doch der Ehemann war nun immer öfter für Tage unterwegs.
Der Ruf des jungen Mäusebussards im angrenzenden Wald ließ sie aufhorchen. Sie hob die rechte Hand und beschattete ihre Augen. „Was will er uns wohl mitteilen, Hank?!“, sagte sie, mehr zu sich selbst als zum Hund. Dieser hob den Kopf, den er vorher auf seine Vorderpfoten abgelegt hatte, und spitzte die Ohren.
Hank erhob sich und trabte Richtung Waldrand. Sein dunkelbraunes Fell glänzte in der Sonne, seine Bewegungen waren elegant, beinahe katzenhaft. „Hank, bleib hier! Du sollst nicht alleine in den Wald!“, rief sie ihm hinterher. Doch Hank war nicht beeindruckt. Dies war völlig untypisch für den normalerweise sehr folgsamen Hund. Sie erhob sich von der Bank, stellte die Kaffeetasse ab, pfiff auf zwei Fingern und wartete. Nichts.
Plötzlich nahm sie es wahr. Der Wald, die Stimmung, das Licht – alles war anders an diesem Morgen. Obwohl ein lauer Wind wehte, rührten sich die Blätter der Laubbäume nicht. Alles schien erstarrt, der Wald lag ruhig vor ihr, der Mäusebussard war verstummt und der Hund verschwunden. Die zarte Frühlingssonne tauchte alles in samtig gelbes Licht, die Umgebung schien von einer hauchdünnen Seidendecke eingehüllt. „Wie die Ruhe vor dem Sturm“, dachte sie.
„Hank!“, rief sie – doch sogar ihre Stimme schien von dem Licht verschluckt zu werden.
Sie holte den Mantel vom Haken in der Garderobe, schloss die Tür ab und ging in den Wald.

Ihre Schritte auf dem Schotterweg waren kaum zu hören, als ob sie mit Schalldämpfern an den Schuhen unterwegs wäre. Sie folgte dem üblichen Weg, den sie sonst gerne mit dem Hund spazierte. Irgendwo musste er doch zu finden sein? An der Weggabelung angelangt, blieb sie stehen und schaute in beide Richtungen. „Hank?“ Es war nun kein Rufen mehr, eher ein fragendes Flüstern. Und dann sah sie ihn! Die Rute des Hundes war noch zu erkennen in der Ferne, als er um eine Baumgruppe bog. Er trabte den Hügel hoch, der in ein ziemliches Dickicht führen würde.
Ihre Schritte wurden schneller, ihr Herz pochte und nun wurde sie nervös. Sie kannte ihren Hund nicht mehr, er war die ganzen Jahre noch nie weggelaufen. Der Aufstieg erwies sich als sehr mühsam, der Waldboden war locker und teilweise rutschte sie weg. Manchmal musste sie sich an einem Baum hochhanteln, so steil war es. Aber nun war wenigstens der Hund nicht mehr weit von ihr entfernt. Manchmal drehte er sich um, wartete ein Weilchen und lief dann wieder voran.
Endlich war sie bei ihm angekommen. Noch nie war sie in dieser Gegend gewesen. Sie spürte einen leichten Windhauch in ihrem schweißnassen Nacken, doch auch hier war der Wald lautlos, regungslos. Sie lehnte sich an einen Baum, musste tief Luft holen und stützte sich mit den Händen auf ihren Knien ab. „Hank, was ist heute los mit dir?“ Der Hund hechelte ein wenig, sah sie an, machte dann auf den Hinterläufen kehrt und trabte einen schmalen Pfad entlang, der zu einem großen, spitzen Felsvorsprung führte. Dann blieb er abrupt stehen, verharrte, hob gleichzeitig einen Vorderlauf und winkelte diesen an. Sie dachte, er hätte wohl Wild entdeckt in der Ferne und folgte ihm langsam. Hank starrte in eine Richtung, die für sie noch nicht frei einzusehen war. Dann war ein leises Winseln von Hank zu vernehmen, nur kurz. Hank ging vier oder fünf Schritte rückwärts, zog die Rute ein und legte sich hin.
Aufmerksam folgte sie dem Pfad – dann stand er plötzlich vor ihr, etwa vier Meter höher auf dem Felsvorsprung. Ein beeindruckendes Tier. Die bernsteinfarbigen Augen fixierten sie, ihre Blicke trafen sich. Sie blieb stehen und hielt gleichzeitig den Atem an. Der Wolf hatte graubraunes Fell, einen kräftigen Nacken, er war gut genährt und strahlte Dominanz aus. Der Wind streifte über sein Fellkleid und malte Schattierungen. Sie konnte sich nicht losreißen von seinen Augen, sie schienen so klug, so allwissend und doch auch warnend. In ihren Adern pulsierte es, ihr ganzer Körper schien zu glühen. Es war keine Angst, die sie verspürte, es war eine freudige Erwartung von etwas Unbekanntem. Ganz langsam und ruhig näherte sich dem Wolf nun von der hinteren Seite ein weiteres Tier. Es war etwas kleiner und nicht ganz so imposant, aber mit ebenso wunderschönen, bernsteinfarbigen Augen. Dahinter waren nun auch drei oder vier Welpen zu sehen, ganz jung mussten sie noch sein. Es war also die Fähe, die dem Rüden neugierig folgte, jedoch respektvolle Distanz hielt.
Der Wolf fixierte sie noch eine Weile, leckte sich dann die Schnauze und wandte sich ab. Sie wusste nicht mehr, wie lange sie so dagestanden hatte. Es kam ihr vor, als wären es Stunden gewesen. Als sie sich zu Hank umdrehte, lag dieser immer noch unterwürfig auf dem Pfad. Sie flüsterte: „Hank, komm, wir gehen.“ Er erhob sich ruhig und ging langsamen Schrittes voraus.
Nun war das Blätterrauschen wieder zu hören, ihre Schritte waren nicht mehr gedämpft, ein helles Licht durchflutete die Bäume. Als würde der Wald nun wieder atmen.
Sie steckte den Schlüssel ins Schloss und öffnete die Tür. „Hallo mein Schatz, wo warst du bloß so lange? Ich hab dich schon ein paar Mal am Handy angerufen. Du hast es daheim liegen lassen!“ Ihr Mann drückte ihr einen Kuss auf die Wange. „Ich konnte schon das frühere Flugzeug nehmen. Na, ist das eine freudige Überraschung?“ Er half ihr aus dem Mantel und genau in diesem Moment nahm ihre Nase Witterung auf!

Wie ein Blitz durchdrang dieses fremde Parfum ihre Riechsinneszellen. Er ließ den Mantel fallen und wich zurück. Sie stand imposant vor ihm, mit gekräuseltem Nasenrücken, bebenden Nasenflügeln und bernsteinfarbene Augen starrten ihn durchdringend an.

Veröffentlicht auf der Seite von www.verdichtet.at

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