Mondgöttinnen

Eine Party auf der Wiese

Kapitel 8

Es war ein ungewöhnlich warmer, sonniger Samstag Anfang März im nördlichen Allgäu, als Mark auf die Veranda trat, um eine Zigarette zu rauchen. In Jeans und Polohemd schlenderte er an den großen Blumen- und Kräuterbeeten des geschmackvollen, etwas wild wirkenden, Gartens vorbei. Seine dunklen Haare waren nass von der Dusche, die er zuvor genommen hatte. Aus der Küche drang geschäftiges Treiben, das Fenster stand weit offen und Mark beobachtete Maurizio und Sophie, die lachten und sich unterhielten.
Bunte Blumen reckten ihre Köpfe Richtung Sonne, er erkannte Schneeglöckchen, Leberblümchen, Märzenbecher, Schlüsselblumen und Löwenzahn. Die blühenden Kräuter waren ihm fremd, aber der Geruch, der von ihnen ausging, war betörend.
„Wunderschön, nicht wahr?“ Chiara, die Tochter von Maurizio, stand plötzlich hinter ihm. Ihr schulterlanges schwarzes Haar glänzte in der Sonne und ihre tiefblauen Augen strahlten Mark an. Sie trug ebenfalls Jeans und eine zartrosa Bluse, die ihren makellosen Teint unterstrich. In einigem Abstand folgte der Hund des Hauses ihr und beobachtete sie.
„Ja, bemerkenswert, was hier schon alles blüht um diese Jahreszeit“, entgegnete Mark.
„Der Winter heuer war sehr mild, darum ist die Natur schon weit fortgeschritten.“
„Aber was ist mit diesen Blumen hier, die sind wohl nicht ganz fit durch den Winter gekommen?“, fragte er und deutete auf einige krokusartige, verwelkte Blüten.
„Das ist Crocus sativus. Meine Großtante Sophie erntet daraus im Herbst Safran.“
Chiara schmunzelte bei dem verblüfften Gesichtsausdruck von Mark.

***
Maurizio und Sophie beobachteten die beiden und grinsten sich an.
„Was für ein schönes Paar sie abgeben würden, was?“, meinte Chiaras Vater.
„Es knistert gewaltig bei den beiden, aber sie sind viel zu schüchtern. Seit vier Wochen wohnt er nun bei uns hier im Gästezimmer, aber da rührt sich nichts. Ich denke, du wirst mit deinen Kochkünsten nachhelfen müssen, Maurizio. Immerhin bist du Italiener, also lass dir was einfallen!“
Sophie strich sich ihr langes, widerspenstiges Haar aus dem Gesicht und öffnete den Kühlschrank.
„Was führt ihr nun wieder im Schilde, ihr zwei?“ Katharina betrat die Küche und umarmte ihren Mann von hinten.
„Allora, dann lasst uns kochen aphrodisiaco!“.

***
Mark zündete sich eine weitere Zigarette an und seine Gedanken schweiften ab. Er erinnerte sich gut, als er vor vier Wochen hier in Deutschland angekommen war aus Amerika und ein Zimmer suchte. Da war ihm Sophie das erste Mal begegnet. Wie aus dem Nichts stand da ein Hund am Hauseingang, stolz und erhaben kam er auf Mark zu und hielt einige Meter vor ihm an, musterte ihn, sein Fellkleid schimmerte in allen Brauntönen. Mark nahm befremdliche Duftnoten wahr, es roch intensiv erdig,
nach Myrrhe und Moschus. Kalte Schauer liefen ihm über den Rücken, ihm wurde übel.
Dann vernahm er ein leises Zischen hinter ihm. Plötzlich stand sie da, ihre Augen geschlossen, ihre langen grauen Haare wehten im Wind, sie kräuselte fast unmerklich die Nase, ihre Nasenflügel bebten – als würde sie an Mark riechen, zog sie mit einem leisen Zischlaut die Luft durch den leicht geöffneten Mund ein. Dann lächelte sie und öffnete die Augen. Mark wich vor Schreck zurück, er hatte nie in seinem Leben solche Augen bei einem Menschen gesehen, bernsteinfarben!
„Deine Großtante ist eine sehr…., wie sagt man, eigenartige Person? Mir fällt das richtige Wort nicht ein.“
„Ist sie dir unheimlich?“, fragte Chiara amüsiert.
„Am Anfang schon, ja. Aber nun wirkt sie eher geheimnisvoll auf mich. Vor allem ihre Augen, die ständig die Farbe zu wechseln scheinen. Und ich frage mich, wie alt sie sein mag. Manchmal wirkt sie beinahe jugendlich, dann wieder ziemlich alt.“
„Manchmal Elfe, manchmal Hexe. So ist sie, unsere liebe Sophie“, entgegnete Chiara.

„Hey, Americano, hilf mal den Tisch rauszutragen, wir essen heute in der Sonne, sui prati!“, rief Maurizio aus der Küche. Schnell wurden Tisch, Bänke, Stühle auf die Wiese getragen, eine weiße Leinentischdecke glatt gestrichen und Katharina brachte große Teller und Weingläser.
„Kommen Gäste?“, wollte Mark wissen, als er die Anzahl der Gedecke sah.
„Ganz sicher“, entgegnete Chiara.
„Was feiert ihr denn?“, fragte er.
„La dolce vita, Mark! Wer weiß, wie lange uns das noch möglich ist? Es könnte ganz schnell anders sein.“ Sophie richtete ihren Blick Richtung Himmel und ein paar Sor-genfalten waren auf ihrer Stirn zu erkennen.
Kurze Zeit später trafen tatsächlich Gäste ein. Nachbarn, Bekannte, Freunde. Sie brachten selbst gebackenes Brot und Süßigkeiten mit. Wie selbstverständlich nahmen sie am Tisch Platz und unterhielten sich. Einige von ihnen musterten Mark und Chiara, die nun nebeneinander auf einer der Bänke saßen. Die ersten Platten wurden von Katharina und Maurizio rausgetragen, marinierte Erdbeeren, frittierte Artischocken, Sellerie mit Frischkäse, süßsaurer Orangensalat mit Basilikum und noch vieles mehr, die Primi Piatti nahmen den gesamten Tisch ein. Sophie brachte gekühlten Vermentino Wein und reichte den Gästen die Flasche. Sie war barfuß und ihr bodenlanges orangefarbenes Kleid wehte im Frühlingswind. Um ihre Taille war ein breiter Ledergürtel geschlungen, an dem mehrere kleine Leinenbeutel mit Kordel hingen. Sie griff in einen hinein und verteilte unbekannte Gewürze auf den Gerichten.
„Esst und trinkt, Freunde! Ich habe alles letzte Woche frisch aus meiner Heimat Ligurien geholt!“ Maurizio hielt ein Glas Wein in die Höhe und prostete in die Runde. Dann holte er tief Luft und begann zu singen:
„ Una festa sui prati
una bella compagnia
panini, vino un sacco di risate
e luminosi sguardi di ragazze innamorate
ma che bella giornata
siamo tutti buoni amici……“
Mark genoss diese herrliche Stimmung am Tisch, er fühlte sich nach Italien versetzt und blickte in die gesellige Runde.
„Ich möchte wissen, was er singt? Alle lachen und ich kann nichts verstehen.“ Mark beugte sich zu Chiara und nahm ihren verführerischen Duft wahr. Ihre Lippen glänzten vom Olivenöl und Aceto Balsamico.
„Mein Vater singt von einer Party auf der Wiese, von einer netten Gesellschaft bei Essen und Wein, von strahlenden Blicken verliebter Mädchen, von guten Freunden,….!“
„Und weiter?“, Mark sah ihr an, dass sie absichtlich nicht alles übersetzte.
„Nun ja, von diesem Fest, das nicht enden soll, es solle das ganze Leben lang dauern, denn ist ein Fest der Liebe und der Liebenden …… .“ Chiara senkte ihren Blick auf den Teller, ein zartes Lächeln umspielte ihren Mund.

Mark rückte näher an sie heran, er wusste nicht, warum er plötzlich so beschwingt war. Vom Wein? Von Maurizios Gesang? Oder von Chiaras Anblick, der ihn mehr und mehr verzauberte. Eine wohlige Wärme erfasste ihn, und mit jedem Bissen dieser aromatischen Gerichte und mit jedem Glas Wein fühlte er sich glücklicher. So eine innere Zufriedenheit hatte er schon lange nicht mehr gespürt, dennoch war ihm auch etwas mulmig zumute.
„Ob sie ähnlich empfindet?“, fragte er sich. Um seine Beine schmiegte sich nun Sophies Hund, langsam legte er sich ins Gras, seinen Kopf auf Marks Turnschuh gebettet rollte er sich zusammen und schlief.
Nach einer Weile wurde feinstes Risotto Milanese gebracht. Sophie streute ihren selbst geernteten Safran über den Inhalt der riesigen Pfanne und aus einem anderen Beutel entnahm sie weitere Gewürze. Der Duft von Paprika, Kardamom, Chili, Ingwer und Koriander schwebte durch die Lüfte und die Gäste genossen mit „Aaah“ und „Ooooh“-Lauten und geschlossenen Augen dieses Aroma.
„Scharfe Sache!“, entfuhr es Mark, als er den ersten Bissen nahm und sich beinahe verschluckte.
„Oooohja, vorsichtig genießen, Mark. Sophie ist nicht zu unterschätzen“, flüsterte Chiara und zwinkerte ihm zu.

Immer näher rückten die beiden zusammen, zu fortgeschrittener Stunde und nach einer betörenden Panna Cotta mit frischer Vanilleschote und Dessertwein betrachteten alle den prächtigen Sonnenuntergang.
„Wann ist dein Rückflug eigentlich geplant, Mark?“, wollte Katharina wissen.
„Meine Heimreise ist in zwei Tagen.“
Katharina reichte ihm eine Zeitung.
„Ich glaube nicht, dass das was wird. Dein Mister Präsident lässt keinen mehr ins Land reisen, der mit Ländern in Kontakt war, wo das Coronavirus umgeht.“
Mark überflog die Schlagzeile auf der Titelseite und musste lächeln.
„Willst du nicht hierbleiben, bei uns? Was hält dich in Amerika?“, fragte Sophie über den Tisch hinweg.
„Was mich hält? Wenn ich so recht überlege, hält mich dort gar nichts mehr. Mein Heimatland wird mir zunehmend fremd.“
Plötzlich spürte Mark die Hand von Chiara auf seinem Knie. Sie blickte ihm tief in die Augen:
„Bleibst du hier? Bei uns?“, flüsterte sie.
Mark legte seinen Arm um ihre Schultern und erwiderte ihren Blick.
Und aus dem Tiefblau ihrer Augen wurde unverhofft ein sattes Smaragdgrün mit einem bernsteinfarbenen Ring um den Rand der schwarzen Pupille.

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Foto: Manuela Murauer (Beifuß in meinem Kräutergarten)

Musik mit Textauszug von Adriano Celentano: https://www.songtexte.de/songtexte/adriano-celentano-una-festa-sui-prati-3647145.html

….langsam schließt sich der Kreis…..oder doch nicht?  😉 

 

Mondgöttinnen

Blutmond

Kapitel 7

Sophie öffnet die Augen, ihre Handgelenke schmerzen. Sie weiß nicht, wie sie hierhergekommen ist, warum sie hier, angebunden an einen Baum, vor einem kleinen Haufen mit Holzscheiten steht, kurz vor Einbruch der Dunkelheit. Am Nachmittag war sie noch mit ihrem Hund unterwegs gewesen, Kräuter sammeln.
„Sie ist wach!“, hört sie eine Männerstimme. Sophie möchte sich umsehen, sie ist aber fest und starr mit Händen und Füßen an den Baum gefesselt. Sie richtet den Blick zur Baumkrone. Es ist eine Ulme, die mitten in der Wiese steht.
Plötzlich nähern sich mehrere Gestalten, stellen sich im Halbkreis vor ihr auf. Alle tragen weiße Kapuzengewänder mit jeweils drei eingeschnittenen Löchern vor Augen und Mund.
„Jetzt werden wir dir mal das Fürchten lehren, Alte!“

Sophie riecht Blut, ein kleines Rinnsal läuft von ihrer Stirn über das rechte Auge an ihrer Wange hinab.
„Habt ihr mir eins übergezogen? Zwei Hand voll Männer gegen eine alte Frau? Alle Achtung, ihr könnt stolz auf euch sein!“ Sophie lacht heiser auf.
„Dir wird das Lachen noch vergehen“, meint nun ein Weiterer aus der Gruppe.

„Was habt ihr mit meinem Hund gemacht? Wo ist er?“
„Der feige Köter hat den Schwanz eingezogen und ist weggelaufen!“ Die Männer lachen argwöhnisch.

Sophie schaut in die Ferne, hinter einem kleinen Hügel kann sie den Waldrand erkennen. Ihre Augen suchen die Gegend ab. Dann sieht sie ihn! Zwischen einer kleinen Baumgruppe lugt er hervor, seine Augen fixieren sie. „Hank!“, denkt sie, „mein bester Freund!“. Sophie atmet tief durch und bündelt all ihre Energie, sie konzentriert sich auf ihren Hund und formt mit den Lippen lautlos zwei Worte, sie hofft, er versteht:
„Hole Hilfe!“
„Was machst du da?“ Eine Kapuzengestalt tritt aus dem Halbkreis vor und nähert sich. Sie merkt noch, dass Hank im Wald verschwindet und fühlt, dass er verstanden hat, dann sieht sie in die zwei Augenlöcher des Maskierten. Sophie antwortet nicht, sie starrt weiter auf den Mann vor ihr. Leichter Wind kommt auf, ihre langen, grauen Haare verheddern sich in der Baumrinde, das bodenlange Leinenkleid kringelt sich um ihre nackten Knöchel. Sie spürt die feuchte Erde unter ihren Fußsohlen und ihr Rücken nimmt den Puls der Ulme auf, sie atmet nun mit dem Rhythmus des Baumes.
Am Horizont steigt der Mond langsam in die Höhe, heute ist Blutmond und bevor die Nacht endgültig hereinbricht, taucht der Himmelskörper noch alles in ein sattes Orange.
„Der Himmel brennt“, denkt sie.
Die Kapuzenmänner entzünden die Fackeln in ihren Händen. Der Mann vor ihr ist wohl der Anführer.
„Jetzt lass uns mal zur Sache kommen, Alte. Wir fragen uns schon die längste Zeit, was du mit unseren Weibsbildern machst. Was geht da in den vier Wänden vor, wenn sie bei dir sind? Willst du sie gegen uns aufhetzen? Sie werden aufsässig, das lassen wir uns nicht länger gefallen! Du hast sie verhext.“ Ein anderer aus der Gruppe ergreift nun das Wort:
„Meiner schwangeren Frau hast du versichert, dass ihr die Tropfen, die du verordnet hast, bei der Entbindung helfen werden. Und was war? Sie hat einen Kaiserschnitt gebraucht. Alles Humbug, den du verzapfst!“
„Meine Mathilde kam von deinem Walpurgisfest am Lagerfeuer betrunken nach Hause. Am nächsten Morgen stand kein Frühstück am Tisch und sie hatte den ganzen Tag Kopfschmerzen und war zu nichts zu gebrauchen! Sowas hat es früher nicht gegeben, als du noch nicht hier gewohnt hast. Es ist zum Davonrennen.“
Sophie kann sich ein raues Lachen nicht verkneifen.
„Wie armselig ihr doch seid. Kaum werden eure Frauen wagemutig, denken selbständig, sind lustig und heiter, habt ihr Angst. Dann müsst ihr eine Schuldige suchen, kommt daher, verkleidet wie der Ku-Klux-Klan, und werft mir Hexerei vor? Und dich, Franz, möchte ich fragen – wo warst du, als deine Frau in den Wehen lag? Im Dorfgasthaus bist du gesessen bis spät nachts. Hast dich nicht gekümmert um Frau und Kind!“

Ein stürmischer Wind lässt die Flammen der Fackeln züngeln, die Blätter der Ulme rascheln und die Zweige krümmen sich. Die Spitzen der Kapuzen flattern und die Männer greifen nach ihren Masken.
„Du gibst ihnen verhextes Kraut, Tropfen, Salben – allerlei Hexenkram. Unsere Ehefrauen benehmen sich sonderbar, sie hören nicht mehr auf uns. Deine komischen Feste am Lagerfeuer kannst du dir auch abschminken. Ab heute wirst du sie in Ruhe lassen, wir warnen dich! Wehe, du bringst sie nochmal gegen uns auf.“ Die Gestalt vor ihr hat die Stimme erhoben und fuchtelt wild mit ihrer Fackel vor dem Haufen mit den Holzscheiten.
„Was passiert dann? Verbrennt ihr mich auf dem Scheiterhaufen? Man fasst es nicht!“ Sophie hebt ihren Kopf, sieht in die Baumkrone und lacht laut und aus voller Brust. Ihr düsteres Lachen zieht durch die Wiesen, bis hinauf zum Hügel und in den Wald hinein ist ihre Stimme zu hören, vermischt sich mit dem Wind und hält Einzug in die entlegensten Winkel des kleinen Tales und streift sogar das kleine, abgeschiedene Dorf in der Ferne. Den Männern läuft ein kalter Schauer über den Rücken, sie weichen einige Schritte zurück und tauschen Blicke untereinander aus. Abrupt hört Sophie mit dem
Lachen auf, den Blick noch immer in die Krone der Ulme gerichtet, flüstert sie jetzt leise und rau:

„In der Nacht des Blutmondes bitte ich dich, meine treue Ulme, Stammfrau der Menschheit, schenke mir Kraft, meine Aufgabe zu erfüllen. Ich lehne mich getrost an dich und verbinde mich mit allen Wesenheiten. Ich wende mich an meine Ahninnen, an alle Pflanzen und Tiere da draußen. Schenke diesen Frauen im Dorf Zuversicht und Hoffnung, erlöse sie von Selbstmitleid und pathetischer Dramatik, lass sie wagen und Neues entdecken…….“ Sophie spricht zunehmend leiser und rauer, ihr Brustkorb hebt und senkt sich in raschem Tempo, ihre Stimme ist nur mehr ein Zischeln.
Die Natur scheint sich plötzlich aufzubäumen, die Erde bebt kaum merklich, als würde sich eine Herde galoppierender Pferde nähern. Ein lautes Tosen ist zu hören, ähnlich einer Meeresgischt, die sich mit dem Wind vereint. Glockengeläute und Trommelwirbel, alles in einem dröhnenden, rhythmischen Mosaik.

„Was ist hier los?“ „Um Gottes Willen!“ Die Männer blicken Richtung Himmel und beobachten das Schauspiel. Sophie lächelt und ihre Gesichtszüge scheinen nun zart und jung, sie ist nicht mehr die alte Frau. Der Blutmond steht wie ein Mahnmal hoch am Firmament, leuchtet rot in eine wolkenlose, mit Sternen übersäte Nacht. Plötzlich
erscheint ein Rotmilan vor dem runden Himmelskörper, er fliegt schrill rufend auf die Ulme zu. Ihm folgen Bussard, Habicht und Falke, alle ziehen sie kreischend über den Hügel und umkreisen die Ulme. Der Wind braust auf, das Beben wird stärker und das
Hufgedonner kommt immer näher.
Sophie atmet tief ein und mit klangvoller, jugendlicher Stimme singt sie:

„Det er så kaldt her
vinden tok mine siste lauv
Ormen gneg i grunna
kvasst eg eldest
Elden som tek – Liv

Djupt or djupet
Hjerte hamrar
Djupt or djupet
Hjerte slår
Lik stein slår gneist
slår gneist til bringas
brisingeld
slår gneist til hjartet
til hug og blod“

Der Wind erfasst die Kapuzen der Männer und trägt sie fort, wild gestikulierend laufen sie durcheinander.
„Sie ist wirklich eine Hexe! Kommt, lasst uns verschwinden“, ruft ein älterer Mann. Er stolpert über eine Baumwurzel und fällt mit der Fackel voran in den Scheiterhaufen.
Panisch richtet er sich auf, lässt die Fackel liegen und läuft den anderen hinterher. Das Holz fängt Feuer, der Scheiterhaufen brennt, in der Nähe eines kleinen Dorfes im Allgäu im 21. Jahrhundert.

Doch Sophie lächelt, ihre bernsteinfarbenen Augen funkeln, sie schaut Richtung Waldrand. Sie spürt die Wärme der Flammen auf ihren Wangen glühen und hört die donnernden Hufe näher kommen. Und zum Kreischen der Vögel, dem Windgetöse und Meeresrauschen mischt sich nun das Jaulen des Wolfes in der Ferne.

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Foto von: https://www.deviantart.com/thanith-cs/art/Blutmond-321713848

Ein weiteres Kapitel der „Mondgöttinnen“! Dieser Text hat im Monat Mai am Schreibwettbewerb des Schreiblustverlages (Schreiblust Verlag) zum Thema: „Hexenverfolgung“ teilgenommen. Meine Sophie hat Rang 1 erreicht 🙂 und ich freue mich sehr, dass auch dieser Text im Jahrbuch 2019 des Verlages erscheinen wird. 

Die Musik am Schluss des Textes ist in norwegischer Sprache von der Band „Wardruna“. Ich höre gerne mystische Musik, wenn ich beim Schreiben bin, wenn wir am Lagerfeuer sitzen oder / und wenn ich räuchere. Mehr dazu hier (inkl. Übersetzung von Norwegisch auf Deutsch und Hörprobe): https://lyricstranslate.com/de/wardruna-naudir-lyrics.html

 

 

Mondgöttinnen

Walpurgisnacht

Kapitel 6

Ihre Hand streicht immer wieder langsam über die zusammengerollte Tageszeitung. Im Hintergrund hört sie die Pendeluhr – „tick, tack, tick, tack“. Das Feuer knistert im Kamin und die Flammen malen rote und orange Farbschattierungen an die gegenüberliegende Wand. Sie hört die Haustüre ins Schloss fallen, endlich ist Sophie vom Spaziergang zurück.
„Möchtest du Tee? Ich habe gerade den Kessel aufgesetzt.“ Katharina nimmt ihrer Tante den Mantel ab. „Das ist sehr lieb von dir, danke.“
Sie setzen sich an den Tisch, wie zufällig legt Katharina die Zeitung zwischen die Teetassen. Sophie schmunzelt.
„Wieder was gefunden?“
„Ja, sieh auf die vorletzte Seite, da steht es!“
Sophie umschlingt mit beiden Händen die warme Teetasse, Altersflecken sind deutlich zu sehen, aber die Haut auf ihren schlanken Gliedern scheint wie aus Pergamentpapier zu sein, zart, dünn und kaum Falten.
„Willst du es gar nicht lesen?“, fragt Katharina ungeduldig.
„Ich weiß doch, was drin steht. Ist ja immer derselbe Text“, antwortet Sophie mit einem Lächeln.
Katharina nimmt die Ecke der Platzdecke aus buntem Stoff zwischen Zeigefinger und Daumen, rollt sie kurz zusammen, streicht sie glatt, rollt sie zusammen … Ihre Augen sind auf den dampfenden Tee gerichtet. Sie atmet tief durch:
„Du könntest ja mal antworten zur Abwechslung, wieso lässt du alle im Ungewissen?“, fragt sie leise.
Sophie greift nach der Hand ihrer Nichte, streichelt sanft über den Handrücken und verhindert so, dass Katharina ständig die Platzdecke zerknüllt.
„Tick, tack, tick, tack.“
„Ich lege nochmals nach, es soll heute Nacht stürmisch werden.“ Sophie erhebt sich und holt Holzscheite aus dem geflochtenen Korb in der Nähe des Ofens.
Langsam räumt Katharina den Tisch ab, schlägt die letzte Seite der Zeitung auf und verlässt den Raum.

Am nächsten Morgen liegt das Journal immer noch unberührt da. Beim Frühstück reden die Frauen belanglos über das Wetter und die bevorstehende Vollmondnacht.
Anschließend holt Sophie einige Papiertüten und Gläser, gefüllt mit Räucherharzen und Kräutern, aus dem Keller, nimmt den schweren Steinbehälter mit dem Stößel aus dem Regal und macht es sich am Küchentisch gemütlich.
„Kann ich dir behilflich sein, Tante?“, fragt Katharina. Langsam schüttelt Sophie den Kopf.
„Das ist nicht nötig, Liebes. Aber tu mir doch den Gefallen und hole aus meinem Kleiderschrank die alte Holzkiste, die ganz unten steht.“
Sophie mischt Kräuter, Samen und Harze in dem Steingefäß und mörsert leise vor sich hinsummend. Duftschwaden erfüllen den Raum, es riecht nach Myrrhe, Kardamom, Salbei und Moschus.
Katharina kehrt mit der alten Kiste zurück und nimmt den angenehm würzigen, sinnlichen Duft wahr.
„Willst du sie nicht öffnen?“, fragt Sophie.
Katharina versucht sich am zierlichen, verrosteten Vorhängeschloss, es ist jedoch zwecklos.
„Sie ist ja verschlossen. Wie soll ich sie öffnen?“
Die Tante greift an ihre Halskette, an der, unter vielen anderen kleinen Anhängern, auch ein winziger Schlüssel hängt, den sie nun abnimmt und ihrer Nichte reicht.
Katharina ist nervös, schon immer wollte sie wissen, was sich in dieser Kiste verbirgt. Dass sich heute das Geheimnis plötzlich lüften soll, kommt völlig überraschend.
Leise knarzend hebt sich der Deckel. Eine Ansammlung von Zeitungsausschnitten liegt fein säuberlich gefaltet darin, daneben eine alte Herrenuhr und ein goldener Ring. Sie nimmt den Ring zur Hand und liest die Gravur in der Innenseite. „Sophie – 01.05.1967“. Langsam faltet sie die Papierseiten auseinander. Inserate aus den vergangenen Jahren, immer mit derselben Formulierung.
„Du kannst das Inserat von gestern kontrollieren. Es wird der gleiche Text sein, richtig?“ Die Tante ist noch immer mit ihrer Räuchermischung beschäftigt und zwinkert Katharina zu.
Das Knistern im Kamin wird zunehmend lauter, als ob die Holzscheite eine extra Luftversorgung bekommen hätten. Plötzlich dringt der Moschus- und Kardamomduft ganz intensiv an Katharinas Nase und fährt ihr wie ein Blitz in die Stirnhöhlen.
„Tick, tack, tick, tack.“
Katharina hat insgesamt fünfundzwanzig Seiten aufgeklappt, ihre Tante hat mit krummer Handschrift jeweils das Erscheinungsdatum darauf notiert.

VERMISST! Ich suche meinen Vater! Er war Pilot und ist wahrscheinlich im Raum Allgäu, Deutschland, geboren. In den Jahren 1970 bis 1980 war er für eine deutsche Fluggesellschaft tätig und ist regelmäßig in die USA geflogen. Seit Ende April 1980 ist er nicht mehr hier in Washington DC gesehen worden. Für nähere Hinweise bitte eine Mail an: mark.lewis@autornet.com

„Du musst ihm schreiben, Sophie!“ Katharina hält sich an der Stuhllehne fest, ihr wird schwindlig von dem durchdringenden Geruch und der Hitze im Raum.
„Den Teufel werde ich tun! Sein Vater war ein Mistkerl, er hat ein Doppelleben geführt und wahrscheinlich nicht nur mich betrogen. Ich werde früh genug entscheiden, ob ich ihm davon erzählen werde. Bald wird er hier eintreffen und wir lernen ihn kennen.“ Sophie lässt lautstark den Stößel auf den Tisch fallen und ihre Hände zittern.
Katharina setzt sich, sortiert die Zeitungsausschnitte und legt sie wieder sauber in die Kiste zurück.
„Wir werden ihn kennenlernen? Wann?“
„Noch in diesem Sommer, Katharina. Sobald Chiara wieder zurück ist. Es hat alles seine Richtigkeit, glaube mir.“
„Ihr habt also am 1. Mai 1967 geheiratet, morgen hättet ihr euren … 51. Hochzeitstag? Immer am Abend davor feierst du ein Ritual am Waldrand, wieso vor eurem Hochzeitstag, Sophie? Wenn er doch so ein Mistkerl war?“ Lange sehen sich die zwei Frauen über den Tisch hinweg an.
„Tick, tack, tick, tack.“
„Es war nicht nur unser Hochzeitstag, Liebes. In der Nacht davor, der Walpurgisnacht, habe ich endlich begriffen, dass ich betrogen werde. Und genau DAS feiere ich jedes Jahr.“
„Wir hatten beide nicht die besten Jahre, was Männer betrifft. Wird es für Chiara besser werden, Tante?“
„Ja, das wird es. Glaube mir!“ Sophie erhebt sich, geht um den Tisch herum und umarmt ihre Nichte herzlich.

Später am Abend machen sich die beiden Frauen auf den Weg zum Waldrand. Sophie trägt ein weites, knöchellanges Leinenkleid in Purpurrot, viele bunte Armreifen und Ketten klimpern bei jedem Schritt und ihr silbergraues, welliges Haar weht im Wind. Katharina ist in einen hellblauen Mantel gehüllt und trägt einen großen Korb gefüllt mit Holzscheiten, einem Glas mit der Räuchermischung, einer Thermoskanne und zwei Porzellantassen mit bunten Blumen darauf.
Sie halten an einem Lagerfeuerplatz, der kreisförmig mit Granitsteinen umrandet ist. Das Ritual der Walpurgisnacht wird jährlich im selben Ablauf zelebriert. Einige Frauen aus dem Dorf kommen ebenfalls anspaziert, schweigend nicken sich die Damen zu und packen ihre Körbe aus. Sophie entzündet das Feuer und lässt achtsam ein klein wenig Räucherware hineinrieseln.
Langsam wird es dunkel. Die Frauen wärmen sich an den Flammen und trinken heißen Punsch. Aus den Tassen steigt der Geruch von Waldmeister, Melisse, Johannisbeere, Salbei und Wein empor.
Manche Frauen tanzen um das Feuer, andere trommeln und singen eigentümliche Lieder. In der Mitte steht Sophie und lächelt, sie betrachtet den Nachthimmel und entfernt sich einige Meter von der Gruppe. Katharina folgt ihr schweigend.
An einem Felsvorsprung halten sie an. Ein laues Lüftchen weht und es riecht intensiv erdig. Sophie betrachtet aufmerksam den Felsen, hinter dem nun der Vollmond strahlend leuchtet.

„Tante, wohin ist dein Mann verschwunden? Leute im Dorf erzählen, du hättest … also du hättest was mit seinem Verschwinden zu tun. Du weißt schon …!“
Plötzlich hören sie ein lautes Jaulen in der Ferne. Ein Wolf stimmt in die Lieder der um das Lagerfeuer tanzenden Frauen ein.

„Die Antwort kennt nur der Wolf, meine Liebe!“

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Vergangene Woche ist dieser Text von mir auf  www.verdichtet.at  erschienen. Es ist eine weitere (Fortsetzungs-) Geschichte von den mystischen Frauen vom Waldrand.  🙂 

Mondgöttinnen

Der Schafhirte

Kapitel 5

Sie lenkt den Mietwagen auf die Bundesstraße Richtung Nationalpark Sierra de Grazalema. Auf dem Beifahrersitz liegt die neueste Canon EOS 80D, ein Geschenk ihrer Mutter vor ihrer Abreise nach Andalusien.

„Halte alle Wunder der Natur auf deiner Studienreise damit fest.“

Seit drei Wochen jobbt sie jetzt auf der Hacienda Andaluz, einem Wanderreitbetrieb. Heute ist ihr erster freier Tag und sie ist bei Sonnenaufgang losgefahren. Chiara erreicht die schmale, steile Straße, die hoch in die Berge führt, die regenreichste Region Spaniens mit einer traumhaften Pflanzenwelt. Die Märzsonne taucht alles in elfenbeinfarbiges Licht. Auf den Wiesen liegt ein silbern funkelnder Schal aus Tau. Rauschende Bäche stürzen von den Bergen in die Tiefe und hinterlassen einen Gischtnebel, der sich bunt mit dem Licht der Sonne vereint.

In der Ferne eine große Schafherde auf einem Wiesenstück. Langsam fährt sie vorbei und bemerkt erst jetzt im Schatten einer Steineiche den Schäfer mit seinem Border Collie. Chiara kann dieser zarten Atmosphäre nicht widerstehen, sie hält am Straßenrand, nimmt ihre Kamera und steigt aus.
„Puedo tomar fotos, Señor?“ Der Hirte lächelt und nickt, ohne zu antworten. Durch ihr Objektiv kann sie die tiefen Furchen im Gesicht des Mannes erkennen. Unter der Baskenmütze dunkelblaue, jugendlich wirkende Augen, die irgendwie nicht zu der gegerbten Haut passen. In seiner linken Hand hält er eine krumme, schlanke Zigarre, aus der er einen Zug nimmt. Zu seinen Füßen liegt der Border Collie, sein abwartendes Verhalten an der Seite des Hirten zeugt von Sensibilität, die Augen sind ruhig auf die Schafe gerichtet. Sie kann sich der Ausstrahlung dieses Hundes kaum entziehen und muss an Hank denken, den Hund ihrer Großtante. `Ach, wie er mir fehlt!`, denkt sie wehmütig.
Der Schafhirte erhebt sich und humpelt, er zieht ein Bein nach, der Hund folgt ihm wie ein Schatten.
„Gracias, Señor!“ ruft Chiara hinterher. Sie hat einige Fotos gemacht und bricht wieder auf.
Pünktlich zum Abendessen trifft sie in Prado del Rey ein. Lautes Geschrei aus der Küche der Hacienda.

„Dieser Mistkerl! Wenn ich den erwische, hacke ich ihm die Finger eigenhändig ab!“ Chiara verdreht die Augen. Die Hofbesitzerin Marietta, eine deutsche Auswanderin, bei einem hysterischen Anfall. „Chiara! Komm sofort hier her!“
„Was ist denn passiert, Señora?“
„Wir wurden schon wieder bestohlen! Hast du nichts bemerkt in der Früh? Diese scheiß nutzlosen Köter schlagen auch nicht an!“ Vor der Tür liegen zwei Cattle Dogs in der Sonne und dösen.
„Es war ganz ruhig, als ich losgefahren bin. Was fehlt denn wieder?“
„Es fehlt Käse, Geräuchertes, Brot… es ist zum Verrücktwerden!“ Mariettas Haar ist zerzaust, einzelne Strähnen kleben an ihren Schläfen und sie hat Schweißflecken an ihrem Kleid.
„Mach´ dich an die Arbeit und betreue die Gäste. Eine neue Ausreitgruppe ist eingetroffen. Nach dem Abendessen hast du Stalldienst und morgen früh hilf´ dem Reitführer beim Satteln. Rápido!“

Nachdem Chiara die Tische der neu eingetroffenen Gäste abgeräumt hat, geht sie müde Richtung Stallungen. Niedrige, drückende Mauern mit einem alten Gewölbe erstrecken sich entlang der Pferdeboxen, es riecht miefig und es ist heiß. Zu viele Pferde für zu viele Stunden eingepfercht auf engstem Raum. Die Pferde schauen hinter Gitterstäben zu Chiara, manche brummeln oder wiehern ihr zu.
„Diego, mein Freund. Wie geht es dir?“ Chiara streichelt dem Schimmelwallach über den Hals. Das Heu hat er bereits aufgefressen. Diego, der sicherlich mal ein stattlicher Spanier gewesen ist, senkt den Kopf. Seine Rippen sind deutlich zu sehen und die Hüftknochen stehen hervor. Chiara steckt ihre Nase in seine Mähne, kann ihre Tränen kaum unterdrücken. Sie hält noch bei jedem einzelnen Pferd Nachschau, füttert Heu und streichelt die Tiere liebevoll. Dann geht sie in ihr kleines Pueblo hinter einer leer stehenden Stallung. Hier hat sie zum Glück genügend Abstand zu den Touristen, die im Hofinneren wohnen und hört den Lärm nicht, den sie nach dem Abendessen auf der Veranda sitzend machen. Sie verstaut ihre Kamera sorgfältig und fällt dann gleich in tiefen Schlaf.

„Die Pferde sind gesattelt“, begrüßt Chiara am nächsten Morgen Hernandez, den Reitführer. Der aus der Region stammende, wortkarge Mann mittleren Alters zieht seine Stiefel und Sporen an und holt sich eine Kandarentrense aus der Sattelkammer. Diego reißt die Augen auf und wirft seinen Kopf in die Höhe, als Hernandez sich ihm nähert.
Ein Dutzend Reitgäste kommt herbei, laut plaudernd und lachend. Hernandez weist den Gästen die Pferde zu, erklärt kurz den geplanten Weg und alle sitzen auf. Zwei Gäste prosten sich bereits jetzt aus Brustflaschen zu und drücken die Sporen in das Pferdefell. Chiara hat einen Kloß im Hals und ein bedrückendes Gefühl in der Magengegend, mit zittrigen Händen räumt sie die Putzkisten weg und macht sich an die Stallarbeit.

„Marietta, einige Pferde bluten aus dem Maul und sind kräftig sporniert worden. Die Gäste sind mehr als grob. Wieso weist Hernandez die Gäste nicht zurecht? Das ist seine Pflicht!“ Chiara steht abends in der Küche und kann ihre Wut nicht bremsen.
„Das müssen die Rösser schon aushalten. Das ist ihr Job. Und überhaupt geht dich das nichts an, kümmere dich um deine Arbeit und lass mich in Ruhe, ich habe zu tun.“

Eine Nacht voll Kummer und Sorge um die Pferde. Chiara kann nicht einschlafen, es ist bereits lange nach Mitternacht, als sie plötzlich ein Knacksen und Rascheln vor ihrer Hütte hört. Sie steht auf und sieht aus dem Fenster. Ein Hund, geduckt und schleichend, dahinter ein hinkender Mann. Der Schafhirte! Langsam öffnet sie die Tür.
„Ola? Qué haces aquí?“ flüstert sie. Der Mann bleibt erschrocken stehen.
„Sie können Deutsch mit mir sprechen, Señorita!“, flüstert er zurück.
„Kommen Sie rein, bitte. Wir wollen niemanden wecken.“ Chiara macht eine einladende Handbewegung.
Heute hinkt er besonders schlimm und während er über die Türschwelle tritt, kommt er ins Stolpern, seine Leinentasche fällt auf den Boden und der Inhalt entleert sich auf den Holzdielen. Chiara schließt schnell die Tür und bückt sich. Sie muss schmunzeln: Brot, Käse, Zigarren, Hundefutter…
„Da haben wir ja den Dieb!“, sagt sie lächelnd und sammelt alles ein.
„Setzen Sie sich doch. Wie heißen Sie?“
„Ich heiße Roland.“ Er reicht ihr die Hand. „Ich bin Chiara und arbeite als Aushilfe hier.“
„Sicher keine leichte Aufgabe bei dem Hausdrachen“, entgegnet er.
„Roland, die Chefin bemerkt, dass sie bestohlen wird. Was, wenn sie dich erwischt?“
„Wenn Marietta nicht so gefühlskalt wäre, wüsste sie, dass ich es bin und mir nur das hole, was mir zusteht. Sie ist nämlich meine Frau.“
„Deine Frau?“
„Denk ich mir, dass sie das nicht erwähnt hat. Wir sind vor über 20 Jahren ausgewandert und haben die Hacienda übernommen. Bis zu meinem Autounfall habe ich die Gäste auf Ausritten begleitet. Danach ging nichts mehr. Ich kann nicht Reiten mit meiner kaputten Hüfte. Marietta ist sehr geschäftstüchtig, von Jahr zu Jahr wurde ihre Gier schlimmer. Ich hab das nicht mehr ausgehalten. Als sie dann noch diesen Hernandez als Reitführer einstellte, hat es mir gereicht. Dieser grobe Hammel! Die Tiere gehen kaputt!“
„Ich betreue sie gut, aber leider hat Marietta kein Einsehen. Die Pferde müssten ganz anders gehalten werden. Hernandez und manche Reitgäste sind richtig grob….“ Chiara kann nicht mehr weiter sprechen, ihre Stimme versagt bei dem Gedanken an die blutenden Pferde.
„Es war nur noch Streit und Krampf. Vor einem Jahr bin ich mit meinem Hund und den Schafen einfach abgehauen, es war ihr egal. Am liebsten hätte ich auch die Pferde mitgenommen, ganz weit weg von hier. Die Behörden in Spanien machen leider nichts.“
Das erste Morgenlicht blinzelt durch das Fenster. Ein Hund bellt auf der Hacienda.
„Die Hunde! Wieso schlagen die Hunde nicht an, wenn du hier rum geisterst in der Nacht?“ Roland lacht laut auf. „Die Hunde kennen mich doch, die wedeln sogar mit dem Schweif. Und die Pferde gehe ich auch besuchen, die sind mucksmäuschenstill, wenn ich den Stall betrete.“ Jetzt müssen beide lachen. Der Hund von Roland läuft zur Tür, als wolle er sagen: Komm, es wird höchste Zeit.
„Wie heißt er?“, will Chiara wissen. „Das ist mein Flash, der beste Hund der Welt.“ Roland erhebt sich mühsam. „Danke, Chiara.“
„Wann kommst du wieder?“ Roland lächelt sie an, zuckt mit den Schultern und verlässt mit Flash die Hütte.

Die folgenden Wochen kümmert sich Chiara liebevoll um die Pferde, sie sind ihr zur Herzensangelegenheit geworden. Roland und Flash kommen nun öfter vorbei. Nicht nur, um Essen zu klauen, sondern auch, um Chiara zu besuchen. Sie sitzen dann die halbe Nacht im Pueblo, naschen vom gestohlenen Brot, Käse und Wein und schmieden Pläne. Und was für Pläne! Chiara kann ihren letzten Arbeitstag kaum erwarten.
„Willst du nicht verlängern? Ich kann jede Arbeitskraft gebrauchen.“ Marietta sitzt an ihrem Schreibtisch und holt die Geldbörse aus der Schublade.

„Nein, Marietta. Ich kann die geschundenen Seelen im Stall nicht mehr sehen.“ Feindselig grinst Marietta Chiara an und reicht ihr das Geld.

Sorgfältig verstaut Chiara spät abends alles im Mietwagen. Um vier Uhr, wie vereinbart, ein leises Klopfen an der Tür.
„Bist du bereit?“, flüstert Roland. Sie nickt und reicht ihm den Autoschlüssel. Gemeinsam gehen sie zu den Stallungen.
„Mein Flug geht mittags.“
„Wir treffen uns in etwa zwei Stunden. Danke, Chiara. Dich hat der Himmel geschickt!“

„Psst, Diego, wir machen eine Reise.“ Chiara streift dem Pferd sanft das Stallhalfter über. Als sie den Innenhof erreichen, öffnet Roland alle Boxentüren. Ruhig folgen alle Pferde, als wüssten sie, dass sie leise sein müssen. Roland hilft Chiara auf den Rücken von Diego, sie hält sich an seiner Mähne fest.

„Vamos, Diego!“ Nach kurzer Zeit erreichen sie die Wiesen der Ebene, sie galoppieren in den Sonnenaufgang. Chiaras dunkles Haar und Diegos weiße Mähne wehen im Wind. Bald werden die Pferde auf saftigen Wiesen in den Bergen der Grazalema für immer frei sein!

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Diese Kurzgeschichte hat unter „Schreiblustverlag“ im Monatswettbewerb September unter 26 Geschichten Rang 5 erreicht.

Auf dem Foto seht ihr unseren Border-Collie „Faith“ – er steht hier symbolhaft für die wunderbare Hunderasse.

Mondgöttinnen

Was wäre, wenn…?

Kapitel 4

Mark schaut aus dem Hotelfenster, sieht Capitol Hill und die schöne Parkanlage, es herrscht reges Treiben auf den Straßen. Ein kurzer Blick auf die Uhr verrät ihm, dass er nun aufbrechen muss, er nimmt seine Aktentasche vom Stuhl, darin befindet sich nur das Nötigste, was man als Schriftsteller für das National Book Festival eben so braucht.
Die knappe Meile läuft er zu Fuß zum Gelände der Library of Congress, der größten Bibliothek der Welt. Obwohl es seine erste Teilnahme an diesem Festival ist, findet er sich schnell zurecht. Er trifft einige Kollegen und interessierte Leser. Der Tag ist voll gespickt mit Small Talk und mit zahlreichen Fans, die sich Bücher von Mark signieren lassen. Er ist ein schüchterner, zurückhaltender und stiller Mann im besten Alter und eine sehr interessante, gut aussehende Erscheinung. Freunde sagen über ihn, dass er trotz seiner Zurückhaltung einen phantastischen Humor hat, den man ihm nicht zutrauen würde.
Die Zeit vergeht im Flug und Mark wäre es gerade recht, könnte er sich bald in sein Hotelzimmer zurückziehen. Er schaut in die Menschenmenge und als er so überlegt, wie er den Abend noch verbringen soll, sieht er ihn. Das rot/orangene Tuch, das er immerwährend trägt, leuchtet aus der Menge, einige Menschen verbeugen sich, andere beobachten ihn neugierig. Mark lässt ihn nicht aus den Augen und er kann es fast nicht glauben, der Dalai Lama geht tatsächlich in seine Richtung, zu Marks Tisch.
„Mister Lewis, es ist mir eine Ehre!“ Der Mönch deutet eine leichte Verbeugung an und lächelt. Mark sucht nach Worten, ist völlig perplex, fasst sich dann und verbeugt sich in buddhistischer Manier. „Eure Heiligkeit.“ Plötzlich scheint sich alles rundherum zu drehen, ihm wird schwindlig und heiß/kalt im Wechsel, er braucht dringend frische Luft. Als würde der Dalai Lama es erahnen, fasst er ihn sogleich am Arm und hakt sich ein, schnellen Schrittes führt er Mark Richtung Ausgang. Die angenehme, frische Luft und die sanfte Herbstsonne in der Parkanlage tun ihm richtig gut. Sie halten unter einer Linde und stehen sich gegenüber.
„Mister Lewis, ich habe ein Anliegen. Es handelt sich um ein Experiment, welches seinesgleichen sucht. Sie werden erstaunt sein!“ Mark sieht die funkelnden Augen und das schelmische Lächeln seines Gegenübers.
„Eure Heiligkeit, ich wüsste nicht, wieso Sie sich diesbezüglich ausgerechnet an mich wenden?“
„Nun, Mister Lewis, ich kenne Ihre Bücher und Sie sind Buddhist. Sie können dieses Experiment durchführen, davon bin ich überzeugt. Es wird Ihnen großen Spaß machen!“ wieder ein verschmitztes Lächeln, als würden sie gemeinsam einen Streich aushecken wollen.
„Worum geht es denn?“ Mark wird nun zunehmend neugierig.
„Ich überreiche Ihnen heute einen Schlüssel, suchen Sie die Bibliothekarin der Library of Congress auf und folgen Sie den Vögeln.“ Der Dalai Lama kramt in seinem Samtbeutel, der an seiner Tunika an einem Gürtel hängt, und reicht Mark einen kleinen, goldenen Schlüssel.
„Ich bin natürlich sehr gerne behilflich und wie Sie wahrscheinlich wissen, mag ich Experimente sehr. Aber eine Frage sei mir erlaubt: wieso gehen wir nicht gemeinsam zur Bibliothekarin?“
„Eine berechtigte Frage. Ich bin jedoch nur der Überbringer des Schlüssels, eine von mir ausgewählte Person sorgt für die Durchführung des Experimentes. Es funktioniert nur innerhalb der jeweiligen Zeitzone, in der der Auserwählte – das sind in diesem Falle Sie – lebt. In meiner Zeitzone wurde das Experiment schon durchgeführt. Warum es keine Aufzeichnungen, Videos oder Berichte in den Medien darüber gibt, werden Sie früh genug erfahren. Jedoch, das können Sie mir glauben, ist dieses Experiment formvollendet. Mister Lewis, ich wünsche Ihnen viel Freude, verlasse mich auf Sie und werde Sie morgen wieder kontaktieren.“ Der Dalai Lama verbeugt sich nochmals kurz und verlässt die Parkanlage flotten Schrittes.
Da steht er nun, unter der Linde, sieht auf seine Hand mit dem kleinen Schlüssel darin.
Folgen Sie den Vögeln, hat er gemeint. „Was auch immer das heißen mag.“ Mark sieht sich um und entdeckt den Eingang der Library in einiger Entfernung.
„Nun gut, auf zur Bibliothekarin.“ Solche Rätsel machen Mark Spaß, das kommt auch deutlich in den Inhalten seiner Bücher zum Vorschein.
„Mrs. Hayden? Mark Lewis mein Name, der Dalai Lama schickt mich.“ Frau Hayden reicht ihm die Hand, lächelt und meint:
„Ich weiß, wer Sie sind und freue mich, Sie endlich persönlich kennenzulernen, Mister Lewis. Habe ich richtig gehört, der Dalai Lama schickt Sie?“
„Ja, Sie haben richtig gehört“, entgegnet Mark freundlich. „Es handelt sich scheinbar um ein Experiment und er meinte nur `Folgen Sie den Vögeln`.“ Die Bibliothekarin verschränkt die Arme vor der Brust und scheint in Gedanken. Nach einer Weile geht sie an ihren Schreibtisch und tippt auf der Tastatur des PCs.
„Gar nicht so einfach. Wir haben hier jede Menge Bücher über Ornithologie. Ich weiß jetzt nicht, wo wir mit der Suche beginnen sollen?“ Sie zuckt die Schultern und sieht Mark über die Brille hinweg an. „Ah, Moment, jetzt hätte ich es beinahe vergessen. Ich habe hier einen Schlüssel, der wohl einen Code knackt?“ Etwas hektisch sucht Mark nach dem Schlüssel in seiner Jacke.
„Dann muss es wohl eine größere Ausgabe sein.“ Sie recherchiert wieder in ihrem PC und hebt dann beide Hände:
„Ja natürlich! Das muss das Buch von John James Audubon sein, The Birds of America. Das weltweit wertvollste Buch, Mr. Lewis. Folgen Sie mir in Gallery B.“
Ein riesiges Buch liegt vor ihnen, Mark schätzt es auf fast 1 m Größe im Quadrat. Die Bibliothekarin zieht weiße Baumwollhandschuhe über und öffnet vorsichtig den wertvollen Buchdeckel. Achtsam blättert sie weiter. Mark sieht die buntesten Vögel gezeichnet, mit Beschreibungen darunter. Er ist sehr beeindruckt von diesem Werk, welches 1826 erschienen ist.
„Lassen Sie uns die letzte Seite suchen, vielleicht werden wir fündig“, meint er. Tatsächlich finden sie auf der vorletzten Seite ein zusammengefaltetes, sehr zartes Blatt Seidenpapier, auf dem mit Tinte in feinster Schrift folgendes steht:

„Was wäre wenn….?
.. alle Buchstaben, Zahlen, Zeichen, Codes in die Freiheit entlassen würden?
Was wäre wenn….?
.. sie sich gemeinsam mit den Vögeln dieses Buches in den Himmel erhöben und davon schwebten?
Was wäre wenn…?
.. für eine Stunde die Erde scheinbar still stünde?“
Sie blättert weiter und entdeckt auf der letzten Seite des Buches, im letzten Einbanddeckel, einen Schlitz.
„Hier, Mister Lewis. Hier muss der Schlüssel rein!“ Mit leicht zittrigen Fingern steckt Mark den Schlüssel ins Schloss des Einbanddeckels und dreht ihn um 90 Grad.
Leises Flattern ertönt, die Seiten des Buches schlagen sachte aufeinander und zart erheben sich alle bebilderten Vögel, alle Buchstaben, Zahlen, Zeichen, Punkte, Beistriche, Strichpunkte und fliegen mit sanftem Summen den Fenstern entgegen, drängen gegen den Fensterspalt und bahnen sich den Weg ins Freie. Alle Bücher in der Library machen es dem Band von Audubon nach, ein allgemeines, rhythmisches Rascheln erfüllt die Räume. Mark und Mrs. Hayden bücken sich, denn manche Zeichen sind besonders keck und fliegen ihnen um die Ohren. Die Bibliothekarin hält eine Hand vor ihren Mund und will sich ein Lachen verkneifen, was nicht ganz gelingen mag.
„Es ist…….“, möchte sie sagen, jedoch auch ihre gesprochenen Worte lösen sich in Luft auf, vergehen, verwehen, verschwinden mit den anderen geschriebenen Zeichen durchs Fenster der weltgrößten Bibliothek. Mark läuft hinterher, zückt sein Smartphone, möchte gerne auf Video aufzeichnen, was hier passiert. Doch auch aus dem Handy schlüpfen Buchstaben und Zeichen beinahe lautlos ins Freie und verschwinden in der Ferne. Der Bildschirm des Handys wird dunkel, es ist nicht mehr zu bedienen. Über Capitol Hill und der Library of Congress schweben nun tausende Zahlen, Buchstaben, Satzzeichen, scheinbar schwerelos in den Himmel. Mark und die Bibliothekarin laufen zum Ausgang, möchten sich gerne unterhalten, es ist aber nicht mehr möglich.
Sie beobachten die Straßen der Stadt. Der Verkehr kommt zum Erliegen, alle Buchstaben und Zeichen der Werbeanzeigen an Tankstellen, Einkaufsmärkten, Banken und Gebäuden rundherum schließen sich den Vögeln und Zeichen der Library an und entschwinden. Die Menschen gestikulieren, Worte sind zwecklos. Stille rundherum. Nur das leise Flattern und Rascheln der wegfliegenden Zeichen. Hoch hinaus, in das Blau des Himmels mit der untergehenden Sonne. Absoluter Stillstand.
Alle Menschen, die dieses Schauspiel beobachten, blicken hoch und nach einiger Zeit sieht man die formvollendete Formation der Zeichen am wolkenlosen Himmel:

Friede

steht da. In allen Sprachen der Welt. Für 1 Stunde in der Zeitzone von Washington D.C. Stille. Kein Angriff, keine Aggression, kein Befehl, kein böses Wort, kein Straßenlärm, keine Musik, nichts. Nur Friede, als Botschaft an den Himmel gepinselt.

Mark öffnet die Augen.
„Das war nur ein Traum!“ denkt er, steht auf und geht ans Fenster seines Hotelzimmers. Reges Treiben auf den Straßen, der übliche Lärm. Er streicht sich durch das zerzauste Haar und über die Bartstoppeln, schüttelt den Kopf und geht ins Badezimmer. Plötzlich läutet das Haustelefon auf dem Schreibtisch, Mark nimmt den Hörer ab… und – da liegt ein kleiner, goldener Schlüssel auf dem dunklen Holz des Tisches und eine Frauenstimme am Telefon sagt:
„Mr. Lewis? Seine Heiligkeit, der Dalai Lama, wartet hier in der Lobby auf Sie.“

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Foto von: https://www.andrewisles.com/

Diese Kurzgeschichte erreichte beim Monatswettbewerb des Monats April zum Thema „Das Experiment“ den 2. Platz und wird im Jahrbuch 2018 des Schreiblust-Verlages veröffentlicht. http://schreiblust-verlag.de/mitmach-projekt/schreibaufgabe-april-2018

Weiters wird sie auf der Homepage von: http://www.verdichtet.at erscheinen.