Fabelwesen

Die kleine Bärenfrau

Es war einmal eine kleine Bärenfrau. Sie lebte mit ihrer Familie nahe einer Waldlichtung. Jeden Tag ging sie arbeiten und sorgte sich um Familie und die Bärenhöhle, zusammen mit dem Bärenmann.
Sie lebten glücklich und waren alle gesund und wohlgenährt.
Eines Tages suchte ein kleiner, hilfloser Vogel die Bärenfrau auf: „Ich habe gehört, du kannst mir helfen?“ sagte er mit piepsiger, leiser Stimme. Sein Gefieder hatte keinen Glanz, die Flügel hingen kraftlos an dem schmalen Körper herunter. Die Augen waren sehr traurig und er öffnete geschwächt sein Schnäbelchen, damit sie ihm ein paar Körner füttern konnte.
„Wo tut es dir denn weh, du armes Kerlchen?“ fragte die Bärenfrau. „Ich weiß auch nicht, irgendwie ist alles so schwer für mich. Kann nicht fliegen, mein Bauch rumort, meine Füßchen sind so kraftlos. Möchte die Welt entdecken, das schaffe ich aber nicht!“
So hatte sich die kleine Bärenfrau dem winzigen Vogel angenommen. Hat in ihren Büchern geschaut, das Internet durchforstet, Freunde gefragt. Irgendwie schien dem Vögelchen aber nichts zu helfen. Alle Ärzte meinten schulterzuckend, sie wüssten auch nicht, was das Vögelchen hat.
Schließlich packte die Bärenfrau ihren alten Koffer und reiste für eine Weile in eine andere Gegend. Hat in einem nahegelegenen Wald vom Dr. Tausenfüßchen gelernt, wie man Meridiane aktiviert und Wohlbefinden in Körperregionen fließen lassen kann. Im nächsten Wald hat sie von einer weisen Biberfrau alles über Fütterung, Haltung und Wohlbefinden für Vögel gelernt. Am meisten hat ihr jedoch ein Igelmann, ganz weit weg von daheim, gelernt. Sie brauchte mehrere Tage, bis sie bei ihm angekommen war und die Reise war teuer und beschwerlich. Der Igelmann, ein Dr. der Vogelkunde und Dr. der Botanik , unterrichtete sie in Kräuterlehre, dozierte stundenlang in sehr interessantem Unterricht über die Heilkräfte der Natur und sie war so glücklich, dass sie es kaum erwarten konnte, wieder daheim zu sein und dem Vögelchen vielleicht ein wenig helfen zu können, damit sein Gefieder endlich leuchtet und er glücklich fliegen kann.
Daheim angekommen ging die kleine Bärenfrau mit ihren Kindern gleich auf Kräutersuche. Das Vögelchen hat gerne die verschiedenen Blätter, Blüten, Wurzeln gefressen und von Tag zu Tag ging es ihm besser. Die Bärenfrau brachte seine Meridiane wieder ins Lot, bestrahlte mit Farblicht und massierte das Vögelchen liebevoll mit ihren Bärentatzen.
Nach einiger Zeit leuchtete sein Gefieder in allen Farben des Regenbogens, das Vögelchen war proper von der Statur und stolz reckte es seine Flügel dem Himmel entgegen und machte seine ersten Ausflüge. Es zwitscherte und piepste ganz eifrig vor sich hin. Alle Tiere im Wald wurden hellhörig und freuten sich mit dem Vögelchen.
So kam es, dass einige kränkelnde Tiere aus der Umgebung die Bärenfrau aufsuchten und sie um Massagen, Farblicht und Meridianbehandlung baten. Auch über Kräuterlein hat die Bärenfrau mit den Tieren gesprochen, hat ihnen die Kräuter in ihrem großen Kräutergarten vor der Bärenhöhle gezeigt und alle haben die Pracht bewundert. Oft musste die Bärenfrau an den Igelmann denken, wie er leidenschaftlich über die Geschenke der Natur referiert hatte. Denn die Natur in dieser Umgebung hatte wirklich sehr viel zu bieten. Die Bärenfrau hatte das als großes Geschenk der Schöpfung gesehen. Sie kam aus dem Staunen und der Dankbarkeit nicht mehr raus und das kleine Vögelchen, das täglich an der Höhle vorbeiflatterte und lustig trällerte, machte ihr Herz ganz weit.
Leider war die kleine Bärenfrau aber auch ein wenig naiv und blauäugig, denn nicht alle waren ihr gut gesonnen und nicht alle teilten ihre Freude und Bewunderung. Manche tuschelten hinter ihrem Rücken und belächelten sie, auch über das kleine Vögelchen wurde getratscht.
Und da musste sie an einen Spruch denken, den sie schon von ihrer Großmutter gehört hatte:
„Es gibt viele Kräuter, gegen jede Krankheit eines. Nur gegen Neid, Eifersucht und Dummheit, da wächst leider keines!“

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Heute hatte ich Lust auf ein Märchen. Es liegt schon jahrelange in meiner Schublade und es hat natürlich auch einen “Grund”, wieso die Zeilen entstanden sind. 😉

Foto: @Manuela Murauer – Brunnen vor unserem Haus mit Johanniskraut in voller Blüte.
Fabelwesen

Piano Man

Die Nacht bricht langsam herein, breitet sich wie ein dünner Schleier vor ihm aus. Der Highway scheint nicht enden zu wollen. Sein Nacken schmerzt, die Lider werden zunehmend schwer.
„Mist, ich brauche eine Mütze voll Schlaf“, murmelt er in das dunkle Innere des Mietwagens. Ein kurzer Blick auf den Bildschirm des Navigationssystems lässt seine Hoffnungen jedoch schwinden. Nichts weit und breit. Null! Nada! Keine Tankstelle, kein Parkplatz, keine Häuser, gähnende Leere und Öde rundherum. Er tritt aufs Pedal.
In der Ferne plötzlich Lichter! Nicht weit entfernt vom Highway. Ein paar Bäume säumen die Zufahrt. Kontrolle am Bildschirm des Navis. Eigenartig, hier ist nichts verzeichnet, denkt er.

„Motel“, steht auf einer verrosteten, altertümlich wirkenden Tafel neben der staubigen Zufahrt. Die Lichter der Autoscheinwerfer fangen ein altes, dunkelrot gestrichenes Gebäude mit schwarzen Fensterläden ein. Der Parkplatz davor ist leer. Wenigstens sieht er Beleuchtung hinter den Fenstern im Erdgeschoß. Tom greift nach seiner Reisetasche am Rücksitz und freut sich auf eine Dusche und ein gemütliches Bett.
Ein leiser Klingelton ist zu hören, als er die knarzende Holztür öffnet. Ein schwach beleuchteter Gang führt zu einem Pult, dahinter steht mit dem Rücken zu Tom ein weißhaariger Mann, er trägt einen Frack. Tom schmunzelt bei dem Anblick. Der Mann, wohl der Portier, dreht sich um. Tom weicht einen Schritt zurück.
„Oh!“, entfährt es ihm unabsichtlich. „Der Typ sieht eins zu eins aus wie Anthony Hopkins“, denkt er bei sich.
„Guten Abend, Sir. Sie sehen müde aus. Ein Zimmer gefällig?“, entgegnet der Portier mit den blauen Augen. Erst jetzt bemerkt Tom leise Musik im Hintergrund, sieht den schmalen Gang, die alten Bilder an den Wänden, er nimmt einen eigentümlichen Duft wahr, der ihm einerseits bekannt ist, aber nicht vertraut. An der Decke hängt ein riesiger Kronleuchter, der nur fahles Licht von sich gibt. Eine schlanke Frau mit schwarzen, rückenlangen Haaren in einem weißen, bodenlangen Kleid betritt den Gang und kommt auf ihn zu. Ihre Lippen sind blutrot geschminkt, dunkle, große Augen strahlen ihn an, ihr Teint ist makellos, wie Alabaster. Unter der feinen Spitze des Oberteiles zeichnen sich verführerisch die prallen Brüste ab, Tom zwingt sich, nicht hinzusehen.
„Kein Büstenhalter, krass!“, denkt er sich. Die Frau lächelt ihn an, reicht ihm die feingliedrige Hand.
„Ich zeige dir gleich das Zimmer!“ Während sie von Anthony einen alten Schlüssel mit einem großen Holzanhänger, auf den die Sieben aufgedruckt ist, entgegennimmt, steigt Tom erneut dieser Geruch in die Nase.
„Cannabis, oder?“, fragt er sich und schmunzelt.

Tom folgt ihr wortlos über die Treppe, sie schließt Zimmer Nummer Sieben auf. Er bemerkt die weißen Plateauschuhe, in denen sie, sanft wie eine Feder, Richtung Fenster zu schweben scheint. Sie zieht die Gardinen zur Seite und öffnet einen Fensterflügel. Die Musik ertönt jetzt lauter, sie muss wohl von einem Hinterhof kommen. Aus einem schwarzen Schrank entnimmt sie eine Flasche und zwei Kristallgläser, füllt ein tiefrotes Getränk in die Gläser und reicht ihm eines.
„Herzlich willkommen, Fremder!“, haucht sie ihm ins Ohr, „du kommst uns noch besuchen, ja? Wir sitzen im Garten.“ Sie leert das Glas in einem Zug und verlässt das Zimmer.
„Holla, die Waldfee! Wo bin ich denn da gelandet?“ Tom schüttelt den Kopf und nimmt einen großen Schluck. Bitteres Zeug, lauwarm, er hat sowas noch nie getrunken. Er sieht aus dem Fenster. Im Hof, auf der Rückseite des Motels, sitzen einige Männer um einen großen Tisch. Sie sind eigenartig gekleidet, manche in Schlaghosen und ärmellosen Pullis über bunten Hemden mit langen Kragen, einige haben altmodische Haarschnitte und alle himmeln die bildschöne Frau an, die soeben wieder zurückgekommen ist. Sie setzt sich keck auf den Schoß eines Mannes und küsst ihn leidenschaftlich auf den Mund.
Hinter dem Grünstreifen des Gartenlokales sieht Tom jetzt einen Parkplatz. Mehrere Autos älteren Baujahres stehen ordentlich nebeneinander, genau genommen sechs Stück. Die Autos scheinen zu den Männern zu passen. „Maskenball oder Junggesellenabschied?“, fragt er sich. Die Musik wird lauter und die Fee erhebt sich und tanzt elfengleich.

Tom wird komisch schwindelig, alles um ihn herum beginnt sich zu drehen. Sein Herz pocht beim Anblick der tanzenden Frau, die Musik dröhnt in seinen Ohren, die Gerüche dringen intensiv in seine Nase, scheinen im Kopfinneren zu explodieren, die Farben rundherum werden grell und verschmelzen ineinander wie in einem Aquarellgemälde. Tom stolpert aus der Tür, über die Treppe hinunter, sucht den Ausgang zum Garten und kommt atemlos im Freien an. Die sechs Männer am Tisch verstummen, alle Augen sind auf Tom gerichtet. Einige nicken ihm zu und lächeln, die Fee hält unterm Tanzen inne und bewegt sich geschmeidig auf Tom zu.
„Schön, dass du bei uns bist, Fremder!“, haucht sie in den Sommerabend.
„Was wird denn hier gefeiert?“, fragt Tom, noch immer außer Atem. Ein brünetter, schlanker Typ mit Pilzkopffrisur wendet sich an Tom:
„Wir feiern das Leben! Jeden Tag aufs Neue!“
Die Fee tanzt zu einem kleinen Tisch an der Hausmauer, daneben sieht Tom ein Piano stehen und weiter rechts davon eine Jukebox. Am Tisch steht ein hoher Wasserbehälter mit mehreren Hähnen, sieben antike Kristallgläser mit einer grünen Flüssigkeit sind unter diesen platziert, auf den Gläsern liegen gelochte Silberlöffel mit einem Stück Zucker darauf. Die Fee dreht einen Hahn des Wasserbehälters auf und jeder Tropfen, der in das darunter stehende Glas fällt, hinterlässt in der grünen Flüssigkeit milchige Spuren, sie wirken wie feine Nebelfäden, die langsam mit dem Grün verschmelzen. Tom beobachtet das Schauspiel, kalte Schauer laufen über seinen Rücken, gleichzeitig ist ihm heiß und er fühlt sich wie benommen. Die Fee nimmt das Glas und reicht es Tom. Sie streichelt mit den rot lackierten Fingernägeln langsam über die nackte Haut seines Unterarmes, über seine Schulter hinweg bis zum Hals und hält an seinem Ohr inne. Sie beugt sich vor und flüstert:
„L´heure verte“. Tom versteht nur Bahnhof. Die Berührungen machen ihn halb verrückt. „Trink, Fremder!“, fordert sie ihn auf. Ihr Atem riecht nach Kräutern, irgendwie nach Anis, Fenchel…
Tom nimmt einen Schluck und seine trockene Kehle verlangt nach mehr. Nach mehr Flüssigkeit, nach mehr Berührung.
„Komm! Setz dich ans Piano und spiele für uns!“
„Es ist ewig her, seit ich das letzte Mal gespielt habe….aber woher weißt du….?“, will Tom einwenden.
„Sing us a song, you´re the piano man….“, fangen die Männer am Tisch zu singen an.
Die Frau setzt sich ans Piano neben Tom und streichelt seinen Rücken. Toms Finger scheinen nun wie selbstverständlich über die Tasten zu fliegen, machen sich selbständig. Ein Mann am Tisch zieht eine Mundharmonika aus seiner Hosentasche.
„…..well we’re all in the mood for a melody and you’ve got us feelin’ alright…..la la la….“, stimmen nun alle mit ein.
Tom spielt und alle singen, die Frau tanzt und verführt, neckt die Männer. Ein lauer Nachtwind kühlt die erregten Gemüter, lässt Toms Schweißperlen trocknen. Er weiß nicht, wie spät es ist, er weiß nicht, wo er ist, er weiß gar nichts mehr. Die Fee zieht ihn vom Piano weg, die Musik endet trotzdem nicht, die Tasten bewegen sich wie von Geisterhand. Sie tanzt mit ihm durch den Abend, drückt sich fest an ihn, er spürt jede Faser ihres schlanken Körpers, er ist elektrisiert.
„Wirst du mich retten, Piano Man?“, fragt sie ihn plötzlich mit trauriger Stimme. „Ja… ja, natürlich. Aber ….?“, stottert Tom.

Stille.

Tom öffnet die Augen. Sein Kopf brummt, ein fahler Geschmack macht sich in seinem Mund breit, leichte Übelkeit überkommt ihn. Er sieht zerwühlte Bettlaken neben sich, versucht, sich zu erinnern, es ist zwecklos.
„Was zum Geier…..?“
Das Fenster steht noch immer offen, eine zarte Melodie dringt an sein Ohr. Tom steht vorsichtig auf, er hat Angst, dass sich wieder alles um ihn herum dreht. Er läuft nackt ans Fenster und glaubt, seinen Augen nicht zu trauen. Sein Mietwagen ist nun neben den anderen Autos geparkt. Wie ist der bloß dahin gekommen? Sein Blick schweift in den Garten, dann sieht er sie. Die dunkelhaarige Schönheit, heute in einem roten, bodenlangen Kleid. Sie trägt einen geflochtenen Korb und pflückt Blumen, die sie liebevoll in diesen platziert, sie summt ein Lied…„Piano Man“…..
„Mein Gott, sie ist so wunderschön!“ Ihr Anblick verursacht Herzrasen bei Tom.
Er läuft durchs Zimmer, zieht sich an und verlässt mit Reisetasche und zerwühlten Haaren den Raum.
„Ich muss weg von hier, verflucht!“, flüstert er mit zittriger Stimme. Er sucht den Autoschlüssel in der Jackentasche, findet ihn nicht, rennt zum Pult am Eingang und drückt mehrmals wie von Sinnen die Tischklingel.
„Verdammt! Hallo? Ist hier jemand?“
Anthony kommt aus einer Seitentür und lächelt ihn an.
„Sir, wie kann ich Ihnen helfen?“
„Ich will auschecken, schnell. Und wer hat meinen Autoschlüssel?“ Tom stottert weiter, ihm wird wieder schwindelig. Die Fee betritt den Gang, lächelt ihn an, küsst ihn auf den Mund. Wortlos stellt sie die Blumen auf das Pult.
Anthony sieht Tom tief in die Augen, beugt sich etwas nach vorne und flüstert:
„Du bist Nummer Sieben in der Runde, es ist vollbracht. Dieses Hotel kannst du nie mehr verlassen, du gehörst jetzt ihr, für immer!“

Wie in den News bereits angekündigt, hat diese Geschichte zum Thema “Schneewittchen” im Monat März beim Schreiblust-Verlag unter 40 Geschichten Platz 1 erreicht und wird im Jahrbuch 2019 abgedruckt (erscheint voraussichtlich Anfang 2020).

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Foto von Google-Pics – http://musimot.e-monsite.com/pages/marie-pierre-forrat/musiques.html
Fabelwesen

Zwei fabelhafte Philosophen

Die Sonne strahlte an diesem Vormittag vom blauen Himmel, fröhliches Vogelgezwitscher war in den Bäumen neben dem Pferdestall zu hören. An der Raufe standen einige Pferde und mümmelten Heu, ein paar davon vertrieben mit ihren Schweifhaaren die lästigen Fliegen. Die Ruhe auf dem Hof war an diesem Samstag ungewöhnlich, denn üblicherweise waren um diese Zeit schon einige Pferdebesitzer hier und gingen ihrem Hobby nach.
Zwei Pferde in der Herde fielen besonders auf: ein Wallach mit glänzend rötlichbraunem Fell, die gleichfarbige Mähne und das Schweifhaar mit feinen, goldenen Strähnen durchzogen, sehr athletisch gebaut, muskulös, mit kleinen Hufen, sein Name war Ben. Neben ihm stand ein Falbe, ebenfalls Wallach, elfenbeinfarbiges Fellkleid, brauner Aalstrich, Mähne und Schweifhaar waren dunkelbraun, einzelne blonde Strähnen hatten sich ganz keck darin verirrt. Sein Körperbau war eher kräftig, er wirkte viel schwerfälliger als Ben und hatte große Hufe. Sein Name war Johnny.
Johnny drehte sich zu Ben: „Ist dir schon aufgefallen, dass unsere Menschen gerade so wenig Zeit für uns haben?“„Ja, natürlich ist mir das aufgefallen. Die haben gerade auch andere Sorgen.“ Ben knabberte weiter am Heu.
„Aha? Welche denn?“, fragte Johnny. Ben schnaubte tief durch und zog die Nüstern zusammen: „Tönt doch aus allen Dingern, mit denen die Menschen auf den Hof kutschieren, auch über das Flimmerteil in der Reiterschenke, das man durch die offenen Fenster hört und aus den kleinen, dünnen, bunten Geräten, die die Menschen ständig in der Hand halten, da läuft auch immer irgendeine Warnung.“
Johnny hob den feudalen Kopf vom Heu, hörte zu kauen auf und starrte Ben an.
„Warnung? Wovor?“
Die anderen Pferde verzogen sich in den Schatten, ließen Ben, den Chef der Herde, und seinen Freund Johnny allein mit ihren Gesprächen.
„Sag, passt du überhaupt nicht auf, wenn die Menschen sich unterhalten? Gibt doch seit Tagen kein anderes Gesprächsthema mehr?“, rügte Ben seinen Kumpel.
„Also ehrlich, die Menschen reden doch so viel. Wozu soll ich da noch hinhören?“, meinte Johnny und widmete sich wieder ausgiebig dem Futter.
Später zog plötzlich ein kräftiger Wind auf und nahm noch gleich ein paar Wolken aus dem Irgendwo mit, die, wütend wirkend, über den Himmel wirbelten. Abrupt hörte das Vogelgezwitscher auf und nun trotteten die Pferde, die zuvor dösend im Schatten gestanden waren, wieder zurück an die Futterstelle. Ben hob seine zarte Pferdenase gegen den Himmel, seine Ohren, wie Antennen, in ständigem Wechsel nach vor und zurück gewandt, seine Mähne wehte mit den anderen Pferdefrisuren um die Wette.
„Bald ist es so weit. Ich kann es ahnen“, meinte er schließlich.
Johnny zog seinen Kopf aus der Raufe, ging ein paar ausholende Schritte an den Zaun und hob ebenfalls, wenn auch bedeutend langsamer, die Nüstern in die Höhe.
„Hm … ich bemerke nichts. Du flunkerst.“ Er wandte sich wieder ab und stolperte über einen kleinen Ast, welcher zum Knabbern für die Pferde am Boden lag.
„Autsch! Verflixt!“ Verärgert über seine Tollpatschigkeit schüttelte er den Kopf, hob das imposante Hinterteil und kickte mit einem Bein kurz Richtung Ast aus. Das war aber auch schon alles, was er an Energie verschwendete.

Ein Traktor fuhr auf den Hof, ein junger Mann sprang aus dem Führerhaus und lief schnurstracks Richtung Wohnhaus.
„Jetzt sag schon, Ben. Was ist das nun für eine Warnung, die die Menschen so aus dem Gleichgewicht geraten lässt?“
„Ein Komet wird, Berechnungen zufolge, auf die Erde krachen. Ungefähr einen halben Tagesritt von hier entfernt soll er einschlagen. Die Menschen fürchten sich“, erklärte Ben endlich seinem Freund.
„Oh, das ist natürlich blöd für die Menschen. Wobei so ein Komet ja nur eine Naturerscheinung ist“, brummelte Johnny.
Der Wind wurde immer stärker, aber die Pferde schenkten dem Wettergeschehen keine Aufmerksamkeit. Einzig Ben beobachtete sehr genau die Vorkommnisse am Horizont.
„Wann sollte es denn eigentlich so weit sein? Wo ist der Komet gerade?“, fragte Johnny.
„Nach dem Wind zu urteilen, kann es nicht mehr lange dauern. Er müsste gerade dort sein, wo der Ozean die Erde berührt.“
Johnny trottete, nun doch etwas interessierter an der Sache, mit vom Wind zerzauster Mähne gemütlich zu Ben.
„Wird etwas Schlimmes passieren, Ben? Nein, oder? Das würde ich spüren“, sagte Johnny.
„Es wird ein Schuss vor den Bug sein, der Komet wird die Menschen vielleicht etwas erschrecken. Weiter nichts.“
„Und sie haben schon seit Wochen die Hosen gestrichen voll!“, prustete Johnny los und entblößte sein beeindruckendes Pferdegebiss. Ben und die anderen Pferde taten es ihm gleich und wieherten vergnügt in den Wind hinein.

„Meine Menschenfrau sitzt manchmal auf mir, starrt in ihr buntes, kleines Gerät in der Hand, nimmt mich gar nicht wahr. Sie ist nicht geerdet, nicht in ihrer Mitte, manchmal ist sie verspannt und so weit weg in Gedanken, dass mir ganz elend wird. Sie atmet nicht vollständig durch, sie atmet oberflächlich. Wieso ist das so, Ben?“, fragte Johnny nun nachdenklich.
„Es sind nur Menschen, Johnny. Viele Sommer ziehen ins Land, und sie haben Stress, sie sind getrieben. Sie leben nicht im Hier und Jetzt, wie wir es tun. Sie machen sich Gedanken, was morgen sein wird, und es ist ihnen nicht egal, was gestern war. Auch können sie dem Druck nicht weichen, wie wir das gelernt haben, für uns ist das überlebenswichtig“, klärte Ben ihn auf.
„Stress? Druck?“
„Ja, Johnny. Sie stehen unter Druck. Sie spüren sich nicht mehr wirklich. Aber du stehst beispielsweise auch unter Stress, wenn die Heuraufe leer ist und du kein Futter mehr hast.“ Mit einem Grinsen sieht er Johnny an.
„Das ist aber auch berechtigter Stress! Himmel, unvorstellbar, eine leere Futterraufe“, entgegnete er.
„Weißt du, Johnny, wir haben trotzdem Glück. Unsere Menschen sind gut zu uns. Sie legen ihr Herz in ihre Hände, in allem, was sie mit uns machen. Wir hätten es schlimmer erwischen können.“
„Das ist wahr, Ben. Aber ich bin trotzdem froh, ein Pferd zu sein. Im Hier und Jetzt leben, das hat schon was!“, Johnny marschierte wieder zum Heu.

Sonntag, 13.05.2018
Berlin: Komet Benjamin hat die Bundeshauptstadt gestern Mittag erreicht. Die Stadt war menschenleer. Wie berichtet, wurde angenommen, der Komet könne direkt ins Zentrum der Stadt einschlagen und große Verwüstung anrichten. Zum Glück hat nur das goldene Schweifende des Kometen die Glaskuppel des Reichstagsgebäudes gestreift. Das Stahlskelett der Kuppel mit 800 Tonnen krachte in den darunterliegenden Saal, der Boden ist übersät mit Glasscherben. Es wird einige Wochen dauern, bis der Bundestag wieder Sitzungen abhalten kann. Mit den Aufräumarbeiten wird morgen begonnen.
Komet Benjamin machte nur einen Kurzbesuch, neuen Berechnungen zufolge wird er erst in 78 Jahren wieder die Erdumlaufbahn passieren.

Diese Fabel von mir ist heute auf http://www.verdichtet.at   erschienen.

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