Fabelwesen

Der Weisenrat

Ihre Kleider hingen in Fetzen an ihrem gebrechlichen, mageren Leib hinunter. Die Löcher im Gewand gaben den Blick frei auf zahlreiche Wunden. Manche eiterten, andere waren stark gerötet und wollten nicht verheilen. Bei den Bewegungen ihrer Glieder machte sich Mief in der Umgebung breit, sie stank aus jeder Pore. Viele Knochenbrüche hatte sie schon erlitten, an den Bruchstellen, die nicht mehr zu gesunden schienen, entstanden Schwellungen.
Etliche Krankheiten hatte sie überstanden, für ihr Alter war es ein Wunder, dass sie überhaupt noch lebte. Zäh war sie und an ein Aufgeben war nicht zu denken. Von Burn-out über Dehydration bis hin zu Sepsis und Beinahe-Organversagen, alles hatte sie einstecken müssen.
Ihre Freunde und Weggefährten machten sich unglaubliche Sorgen.
„Lang wird sie das nicht mehr machen, wir müssen jetzt einschreiten!“, schrieb der Chef des Weisenrates an seine Kollegen.

Eine Woche später trafen sich die Experten an einem warmen Frühlingstag und saßen auf der Wiese in einem großen Garten. In einem Fragenkatalog, der zuvor an die Mitglieder ergangen war, wurden etliche Punkte erörtert.
„Es wäre gut, wenn jeder für sich aus seinen Beobachtungen berichtet. Anschließend können wir Vorschläge einbringen, wie wir der Alten endlich zielführend helfen können. So wie es jetzt ist, steht sie kurz vor einem Kollaps, und niemand wird sie mehr auf die Beine bringen können.“ Der Vorsitzende sprach mit bedachter, gleichmäßiger Stimme und richtete den Blick seiner intensiv grünen Augen an jedes einzelne Mitglied in der Runde. Er war schon ein altes Semester, und zahlreiche Falten gruben sich in sein braungebranntes Gesicht. Die Haare an seinem Kopf waren spärlich und standen in kleinen, grauen Büscheln kreisrund ab, die Augenbrauen jedoch waren üppig und schienen, wie dicke Borsten aus Stroh, kaum zu bändigen zu sein.
„Magst du beginnen?“, fragte er seinen rechten Sitznachbarn.

Der Mann an seiner Seite hob träge seine alten Hände und räusperte sich. Seine Kleidung wirkte etwas schmuddelig, um nicht zu sagen schmutzig an manchen Stellen.
„Meine Beobachtungen? Es hat sich nichts geändert, muss ich sagen. Die kurze Verschnaufpause für die Alte, als sie auf Reha war, brachte nichts. Wenn wieder alle so weitermachen wie vorher, war das nur ein kurzes Abebben der Symptome. In meinem Ressort stehen schon wieder etliche der Spezies Schlange in den Häfen, um Kreuzfahrtschiffe zu besteigen, die Gewässer versinken schon wieder im Dreck, die Ressourcen werden knapp. Ich befürchte, der Countdown läuft, und die Tage sind gezählt.“

Schweigen in der Runde. Der zweite Redner hob die Schultern und schüttelte den Kopf, er richtete seinen Blick auf die Frau neben ihm und hob die Hand als Aufforderung, dass sie fortfahren solle.
Sie war eine bunte, kesse Erscheinung in grellen Kleidern. Ihre Haare glänzten in allen Farben des Regenbogens, vor langer Zeit waren sie jedoch noch viel prächtiger gewesen, man wusste nicht, war es Gefieder, Fell oder Haar. Ihr Gesicht hatte etliche unterschiedliche Züge, von katzenhaft über krötenähnlich bis hin zu einer schlangenartigen Spitzmündigkeit, alles in ständigem Wechsel.
„Leider muss ich auch Ähnliches berichten wie mein Freund hier. Die Fluchträume sind eingeschränkt, die Versorgung ist sehr schlecht. Es wird ausgebeutet und abgeschlachtet wie vor dem Shutdown, die Würde wird uns geraubt, und unser Lebensraum ist beinahe nicht mehr vorhanden.“

Wieder herrschte Unverständnis, bis ein kaum vernehmliches Krächzen von der nächsten Weisen in der Runde die Stille durchbrach.
„Habt ihr es nicht bemerkt? Die letzten Tage?“, flüsterte sie leise, und es schien, als hätte sie extreme Atemnot. Jedes Wort kam besonnen und mit großer Anstrengung über ihre spröden Lippen. Ihre Haut war fahl und farblos, die Augen von hellem Grau, das Haar hing in Strähnen über den krummen Rücken.
„Die Stadien sind wieder voll, Großveranstaltungen finden wieder statt, die Flughäfen sind auf Hochbetrieb, zahlreiche Flieger starten und landen. Die Spezies hat nichts verstanden. Ich denke, wir müssen zu unserem letzten Schritt übergehen, bevor uns die Alte krepiert.“
„Das Worst-Case-Szenario, wie wir das schon mal besprochen hatten? Ist das dein Ernst?“, fragte der Diskussionsleiter.
Ein Raunen und Schnauben ging durch die Runde.
„Wenn wir das jetzt nicht machen, bedeutet das auch unseren Untergang. Wir werden mit der Alten gemeinsam verrecken. Ist euch das klar?“, zischte die Atemlose ihre Freunde an.

Aus heiterem Himmel bog die Alte um die Ecke, sie stützte sich auf zwei Krücken und hatte große Mühe. Ein erbärmlicher Anblick bot sich dem Weisenrat. Sie war nur noch ein Schatten ihrer selbst.
„Komm, lass dir helfen“, der Vorsitzende erhob sich und begleitete sie zu seinen Kollegen.
„Ihr habt wohl gedacht, ihr könnt ohne mich einen Plan aushecken?“ Sie schmunzelte, und man konnte erahnen, dass sie einmal eine stolze, wunderschöne Frau gewesen war. Aber das musste vor sehr langer Zeit gewesen sein.

„Meine Liebe, was sind denn deine Wünsche in Anbetracht der Situation?“, fragte der Vorsitzende.
„Ihr kennt meine Meinung“, antwortete sie röchelnd. „Noch schlägt mein Herz, tagein, tagaus. Meine Organe funktionieren und tun gefügig ihren Dienst, aber lange werde ich das nicht mehr schaffen. Ich will keine Kriege mehr schicken, keine Epidemien, keine Pandemien. Ich habe an die Spezies geglaubt und habe ihr vertraut, aber scheinbar lässt ihre Intelligenz sehr zu wünschen übrig.“

„Du weißt aber, was unser Worst-Case-Szenario bewirken könnte? Wir haben das hundertmal durchbesprochen. Die Konsequenzen sind von großer Tragweite“, meldete sich ein Mitglied zu Wort.
„Wir müssen es versuchen. Um unser aller Überleben willen!“, zischelte die schlangenhafte Gestalt.
„Ich werde euch sagen, was passieren wird“, sprach die Alte weiter. „Eine Katastrophe wird über die Spezies hereinbrechen, die einzelnen Facetten würden hier den Rahmen sprengen. Millionen werden obdachlos, in den Hospitälern geht den Notstromaggregaten nach 48 Stunden die vorgeschriebene Treibstoffreserve aus, Beatmungsmaschinen schalten sich ab, lebenswichtige Medikamente gehen zur Neige. Ärzten bleibt nur noch, ihren Patienten Sterbehilfe zu leisten. Unruhen brechen aus, bewaffnete Banden überfallen Krankenhäuser und Supermärkte, um Vorräte zu rauben. Notunterkünfte werden errichtet, dort greifen aufgrund fehlender Toiletten und Medikamente Krankheiten um sich. Nach ein paar Tagen erhalten Polizisten das Recht, wie in einem Krieg Plünderer zu erschießen. Es wird ein Holocaust. Langsam, aber sicher, wird die Spezies aussterben.“
„Ja, ein Holocaust, aber für uns bedeutet es, dass wir überleben!“, setzte der Vorsitzende fort.

Nach kurzem Expertenaustausch wurde einstimmig der Blackout beschlossen. Für mehr als 7,7 Milliarden Menschen auf der Erde fiel an diesem Tag der Strom aus, das Treiben rund um den Globus stand abrupt still. Genau die Spezies, die sich am intelligentesten glaubte, stieß völlig an ihre Grenzen.

Und alle Weisen aus dem Stab, die in Vertretung für Pflanzen, Ozeane, Tiere, Sonne, Himmelskörper und Luft den Blackout beschlossen hatten, feierten bald mit der alten Mutter Erde, die sich von ihren Gebrechen langsam erholte, einen zweiten Geburtstag.

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Foto von @Solveig Swenson (https://fineartamerica.com/featured/mother-earth-in-her-struggle-to-save-the-night-solveig-swenson.html )

Diese Geschichte wurde auf der Seite von www.verdichtet.at veröffentlicht und hat  außerdem am Monatswettbewerb Mai des Schreiblust-Verlages zum Thema „Als das Licht ausging“ teilgenommen.

 

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