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Siegergeschichte Mai

Ich freue mich besonders, dass eine weitere Geschichte von mir beim Schreiblust-Verlag das Treppchen erklommen hat.

Im Monat März war „Piano Man“ und im Monat Mai „Blutmond“ auf Rang 1! Beide Geschichten erscheinen somit im Jahrbuch 2019 in gedruckter Form (erscheint Anfang des Jahres 2020).

Blutmond findet ihr im Untermenü „Mondgöttinnen“ – es handelt sich um Kapitel 7 meiner mystischen Frauen 🙂 – Viel Spaß beim Lesen!

Hier geht´s direkt zur Geschichte: Blutmond

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Mondgöttinnen

Blutmond

Kapitel 7

Sophie öffnet die Augen, ihre Handgelenke schmerzen. Sie weiß nicht, wie sie hierhergekommen ist, warum sie hier, angebunden an einen Baum, vor einem kleinen Haufen mit Holzscheiten steht, kurz vor Einbruch der Dunkelheit. Am Nachmittag war sie noch mit ihrem Hund unterwegs gewesen, Kräuter sammeln.
„Sie ist wach!“, hört sie eine Männerstimme. Sophie möchte sich umsehen, sie ist aber fest und starr mit Händen und Füßen an den Baum gefesselt. Sie richtet den Blick zur Baumkrone. Es ist eine Ulme, die mitten in der Wiese steht.
Plötzlich nähern sich mehrere Gestalten, stellen sich im Halbkreis vor ihr auf. Alle tragen weiße Kapuzengewänder mit jeweils drei eingeschnittenen Löchern vor Augen und Mund.
„Jetzt werden wir dir mal das Fürchten lehren, Alte!“

Sophie riecht Blut, ein kleines Rinnsal läuft von ihrer Stirn über das rechte Auge an ihrer Wange hinab.
„Habt ihr mir eins übergezogen? Zwei Hand voll Männer gegen eine alte Frau? Alle Achtung, ihr könnt stolz auf euch sein!“ Sophie lacht heiser auf.
„Dir wird das Lachen noch vergehen“, meint nun ein Weiterer aus der Gruppe.

„Was habt ihr mit meinem Hund gemacht? Wo ist er?“
„Der feige Köter hat den Schwanz eingezogen und ist weggelaufen!“ Die Männer lachen argwöhnisch.

Sophie schaut in die Ferne, hinter einem kleinen Hügel kann sie den Waldrand erkennen. Ihre Augen suchen die Gegend ab. Dann sieht sie ihn! Zwischen einer kleinen Baumgruppe lugt er hervor, seine Augen fixieren sie. „Hank!“, denkt sie, „mein bester Freund!“. Sophie atmet tief durch und bündelt all ihre Energie, sie konzentriert sich auf ihren Hund und formt mit den Lippen lautlos zwei Worte, sie hofft, er versteht:
„Hole Hilfe!“
„Was machst du da?“ Eine Kapuzengestalt tritt aus dem Halbkreis vor und nähert sich. Sie merkt noch, dass Hank im Wald verschwindet und fühlt, dass er verstanden hat, dann sieht sie in die zwei Augenlöcher des Maskierten. Sophie antwortet nicht, sie starrt weiter auf den Mann vor ihr. Leichter Wind kommt auf, ihre langen, grauen Haare verheddern sich in der Baumrinde, das bodenlange Leinenkleid kringelt sich um ihre nackten Knöchel. Sie spürt die feuchte Erde unter ihren Fußsohlen und ihr Rücken nimmt den Puls der Ulme auf, sie atmet nun mit dem Rhythmus des Baumes.
Am Horizont steigt der Mond langsam in die Höhe, heute ist Blutmond und bevor die Nacht endgültig hereinbricht, taucht der Himmelskörper noch alles in ein sattes Orange.
„Der Himmel brennt“, denkt sie.
Die Kapuzenmänner entzünden die Fackeln in ihren Händen. Der Mann vor ihr ist wohl der Anführer.
„Jetzt lass uns mal zur Sache kommen, Alte. Wir fragen uns schon die längste Zeit, was du mit unseren Weibsbildern machst. Was geht da in den vier Wänden vor, wenn sie bei dir sind? Willst du sie gegen uns aufhetzen? Sie werden aufsässig, das lassen wir uns nicht länger gefallen! Du hast sie verhext.“ Ein anderer aus der Gruppe ergreift nun das Wort:
„Meiner schwangeren Frau hast du versichert, dass ihr die Tropfen, die du verordnet hast, bei der Entbindung helfen werden. Und was war? Sie hat einen Kaiserschnitt gebraucht. Alles Humbug, den du verzapfst!“
„Meine Mathilde kam von deinem Walpurgisfest am Lagerfeuer betrunken nach Hause. Am nächsten Morgen stand kein Frühstück am Tisch und sie hatte den ganzen Tag Kopfschmerzen und war zu nichts zu gebrauchen! Sowas hat es früher nicht gegeben, als du noch nicht hier gewohnt hast. Es ist zum Davonrennen.“
Sophie kann sich ein raues Lachen nicht verkneifen.
„Wie armselig ihr doch seid. Kaum werden eure Frauen wagemutig, denken selbständig, sind lustig und heiter, habt ihr Angst. Dann müsst ihr eine Schuldige suchen, kommt daher, verkleidet wie der Ku-Klux-Klan, und werft mir Hexerei vor? Und dich, Franz, möchte ich fragen – wo warst du, als deine Frau in den Wehen lag? Im Dorfgasthaus bist du gesessen bis spät nachts. Hast dich nicht gekümmert um Frau und Kind!“

Ein stürmischer Wind lässt die Flammen der Fackeln züngeln, die Blätter der Ulme rascheln und die Zweige krümmen sich. Die Spitzen der Kapuzen flattern und die Männer greifen nach ihren Masken.
„Du gibst ihnen verhextes Kraut, Tropfen, Salben – allerlei Hexenkram. Unsere Ehefrauen benehmen sich sonderbar, sie hören nicht mehr auf uns. Deine komischen Feste am Lagerfeuer kannst du dir auch abschminken. Ab heute wirst du sie in Ruhe lassen, wir warnen dich! Wehe, du bringst sie nochmal gegen uns auf.“ Die Gestalt vor ihr hat die Stimme erhoben und fuchtelt wild mit ihrer Fackel vor dem Haufen mit den Holzscheiten.
„Was passiert dann? Verbrennt ihr mich auf dem Scheiterhaufen? Man fasst es nicht!“ Sophie hebt ihren Kopf, sieht in die Baumkrone und lacht laut und aus voller Brust. Ihr düsteres Lachen zieht durch die Wiesen, bis hinauf zum Hügel und in den Wald hinein ist ihre Stimme zu hören, vermischt sich mit dem Wind und hält Einzug in die entlegensten Winkel des kleinen Tales und streift sogar das kleine, abgeschiedene Dorf in der Ferne. Den Männern läuft ein kalter Schauer über den Rücken, sie weichen einige Schritte zurück und tauschen Blicke untereinander aus. Abrupt hört Sophie mit dem
Lachen auf, den Blick noch immer in die Krone der Ulme gerichtet, flüstert sie jetzt leise und rau:

„In der Nacht des Blutmondes bitte ich dich, meine treue Ulme, Stammfrau der Menschheit, schenke mir Kraft, meine Aufgabe zu erfüllen. Ich lehne mich getrost an dich und verbinde mich mit allen Wesenheiten. Ich wende mich an meine Ahninnen, an alle Pflanzen und Tiere da draußen. Schenke diesen Frauen im Dorf Zuversicht und Hoffnung, erlöse sie von Selbstmitleid und pathetischer Dramatik, lass sie wagen und Neues entdecken…….“ Sophie spricht zunehmend leiser und rauer, ihr Brustkorb hebt und senkt sich in raschem Tempo, ihre Stimme ist nur mehr ein Zischeln.
Die Natur scheint sich plötzlich aufzubäumen, die Erde bebt kaum merklich, als würde sich eine Herde galoppierender Pferde nähern. Ein lautes Tosen ist zu hören, ähnlich einer Meeresgischt, die sich mit dem Wind vereint. Glockengeläute und Trommelwirbel, alles in einem dröhnenden, rhythmischen Mosaik.

„Was ist hier los?“ „Um Gottes Willen!“ Die Männer blicken Richtung Himmel und beobachten das Schauspiel. Sophie lächelt und ihre Gesichtszüge scheinen nun zart und jung, sie ist nicht mehr die alte Frau. Der Blutmond steht wie ein Mahnmal hoch am Firmament, leuchtet rot in eine wolkenlose, mit Sternen übersäte Nacht. Plötzlich
erscheint ein Rotmilan vor dem runden Himmelskörper, er fliegt schrill rufend auf die Ulme zu. Ihm folgen Bussard, Habicht und Falke, alle ziehen sie kreischend über den Hügel und umkreisen die Ulme. Der Wind braust auf, das Beben wird stärker und das
Hufgedonner kommt immer näher.
Sophie atmet tief ein und mit klangvoller, jugendlicher Stimme singt sie:

„Det er så kaldt her
vinden tok mine siste lauv
Ormen gneg i grunna
kvasst eg eldest
Elden som tek – Liv

Djupt or djupet
Hjerte hamrar
Djupt or djupet
Hjerte slår
Lik stein slår gneist
slår gneist til bringas
brisingeld
slår gneist til hjartet
til hug og blod“

Der Wind erfasst die Kapuzen der Männer und trägt sie fort, wild gestikulierend laufen sie durcheinander.
„Sie ist wirklich eine Hexe! Kommt, lasst uns verschwinden“, ruft ein älterer Mann. Er stolpert über eine Baumwurzel und fällt mit der Fackel voran in den Scheiterhaufen.
Panisch richtet er sich auf, lässt die Fackel liegen und läuft den anderen hinterher. Das Holz fängt Feuer, der Scheiterhaufen brennt, in der Nähe eines kleinen Dorfes im Allgäu im 21. Jahrhundert.

Doch Sophie lächelt, ihre bernsteinfarbenen Augen funkeln, sie schaut Richtung Waldrand. Sie spürt die Wärme der Flammen auf ihren Wangen glühen und hört die donnernden Hufe näher kommen. Und zum Kreischen der Vögel, dem Windgetöse und Meeresrauschen mischt sich nun das Jaulen des Wolfes in der Ferne.

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Foto von: https://www.deviantart.com/thanith-cs/art/Blutmond-321713848

Ein weiteres Kapitel der „Mondgöttinnen“! Dieser Text hat im Monat Mai am Schreibwettbewerb des Schreiblustverlages (Schreiblust Verlag) zum Thema: „Hexenverfolgung“ teilgenommen. Meine Sophie hat Rang 1 erreicht 🙂 und ich freue mich sehr, dass auch dieser Text im Jahrbuch 2019 des Verlages erscheinen wird. 

Die Musik am Schluss des Textes ist in norwegischer Sprache von der Band „Wardruna“. Ich höre gerne mystische Musik, wenn ich beim Schreiben bin, wenn wir am Lagerfeuer sitzen oder / und wenn ich räuchere. Mehr dazu hier (inkl. Übersetzung von Norwegisch auf Deutsch und Hörprobe): https://lyricstranslate.com/de/wardruna-naudir-lyrics.html

 

 

Lyrikpfad

Mandala

Ein Mandala möchte ich für dich malen…….

ein Mandala der Emotionen,
die gerade über uns thronen.

Wut keimt auf, nimmt uns Raum,
Trauer begleitet sie, spür sie im Traum.
Leere saugt an uns, laugt uns aus,
Angst hält Einzug im Lebenshaus.

Ich male weiter, füge Farben hinzu,
mische, tauche ein, fühle: DU!
Bist mir wichtig, ein Teil von mir,
fehlst gerade so sehr hier.
Male Wut, mach` sie bunt wie Kraft,
ein Gefühl, das Stärke schafft.
Die Trauer bedeutet nicht immer Tod,
übermale sie mit Liebe, ganz in rot.
Der Leere soll weichen in Pastell,
Lebendigkeit und Fülle, ganz grell.

Zuletzt bleibt die Angst, was mach ich mit ihr?
Mische weiter, male, spür` dich hier.
Vermische in Mut und Zuversicht,
etwas Farbiges, das Hoffnung verspricht.
Werde diesen Teil nicht alleine beenden,
gemeinsam werden wir dieses Werk vollenden.

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Fabelwesen

Piano Man

Die Nacht bricht langsam herein, breitet sich wie ein dünner Schleier vor ihm aus. Der Highway scheint nicht enden zu wollen. Sein Nacken schmerzt, die Lider werden zunehmend schwer.
„Mist, ich brauche eine Mütze voll Schlaf“, murmelt er in das dunkle Innere des Mietwagens. Ein kurzer Blick auf den Bildschirm des Navigationssystems lässt seine Hoffnungen jedoch schwinden. Nichts weit und breit. Null! Nada! Keine Tankstelle, kein Parkplatz, keine Häuser, gähnende Leere und Öde rundherum. Er tritt aufs Pedal.
In der Ferne plötzlich Lichter! Nicht weit entfernt vom Highway. Ein paar Bäume säumen die Zufahrt. Kontrolle am Bildschirm des Navis. Eigenartig, hier ist nichts verzeichnet, denkt er.

„Motel“, steht auf einer verrosteten, altertümlich wirkenden Tafel neben der staubigen Zufahrt. Die Lichter der Autoscheinwerfer fangen ein altes, dunkelrot gestrichenes Gebäude mit schwarzen Fensterläden ein. Der Parkplatz davor ist leer. Wenigstens sieht er Beleuchtung hinter den Fenstern im Erdgeschoß. Tom greift nach seiner Reisetasche am Rücksitz und freut sich auf eine Dusche und ein gemütliches Bett.
Ein leiser Klingelton ist zu hören, als er die knarzende Holztür öffnet. Ein schwach beleuchteter Gang führt zu einem Pult, dahinter steht mit dem Rücken zu Tom ein weißhaariger Mann, er trägt einen Frack. Tom schmunzelt bei dem Anblick. Der Mann, wohl der Portier, dreht sich um. Tom weicht einen Schritt zurück.
„Oh!“, entfährt es ihm unabsichtlich. „Der Typ sieht eins zu eins aus wie Anthony Hopkins“, denkt er bei sich.
„Guten Abend, Sir. Sie sehen müde aus. Ein Zimmer gefällig?“, entgegnet der Portier mit den blauen Augen. Erst jetzt bemerkt Tom leise Musik im Hintergrund, sieht den schmalen Gang, die alten Bilder an den Wänden, er nimmt einen eigentümlichen Duft wahr, der ihm einerseits bekannt ist, aber nicht vertraut. An der Decke hängt ein riesiger Kronleuchter, der nur fahles Licht von sich gibt. Eine schlanke Frau mit schwarzen, rückenlangen Haaren in einem weißen, bodenlangen Kleid betritt den Gang und kommt auf ihn zu. Ihre Lippen sind blutrot geschminkt, dunkle, große Augen strahlen ihn an, ihr Teint ist makellos, wie Alabaster. Unter der feinen Spitze des Oberteiles zeichnen sich verführerisch die prallen Brüste ab, Tom zwingt sich, nicht hinzusehen.
„Kein Büstenhalter, krass!“, denkt er sich. Die Frau lächelt ihn an, reicht ihm die feingliedrige Hand.
„Ich zeige dir gleich das Zimmer!“ Während sie von Anthony einen alten Schlüssel mit einem großen Holzanhänger, auf den die Sieben aufgedruckt ist, entgegennimmt, steigt Tom erneut dieser Geruch in die Nase.
„Cannabis, oder?“, fragt er sich und schmunzelt.

Tom folgt ihr wortlos über die Treppe, sie schließt Zimmer Nummer Sieben auf. Er bemerkt die weißen Plateauschuhe, in denen sie, sanft wie eine Feder, Richtung Fenster zu schweben scheint. Sie zieht die Gardinen zur Seite und öffnet einen Fensterflügel. Die Musik ertönt jetzt lauter, sie muss wohl von einem Hinterhof kommen. Aus einem schwarzen Schrank entnimmt sie eine Flasche und zwei Kristallgläser, füllt ein tiefrotes Getränk in die Gläser und reicht ihm eines.
„Herzlich willkommen, Fremder!“, haucht sie ihm ins Ohr, „du kommst uns noch besuchen, ja? Wir sitzen im Garten.“ Sie leert das Glas in einem Zug und verlässt das Zimmer.
„Holla, die Waldfee! Wo bin ich denn da gelandet?“ Tom schüttelt den Kopf und nimmt einen großen Schluck. Bitteres Zeug, lauwarm, er hat sowas noch nie getrunken. Er sieht aus dem Fenster. Im Hof, auf der Rückseite des Motels, sitzen einige Männer um einen großen Tisch. Sie sind eigenartig gekleidet, manche in Schlaghosen und ärmellosen Pullis über bunten Hemden mit langen Kragen, einige haben altmodische Haarschnitte und alle himmeln die bildschöne Frau an, die soeben wieder zurückgekommen ist. Sie setzt sich keck auf den Schoß eines Mannes und küsst ihn leidenschaftlich auf den Mund.
Hinter dem Grünstreifen des Gartenlokales sieht Tom jetzt einen Parkplatz. Mehrere Autos älteren Baujahres stehen ordentlich nebeneinander, genau genommen sechs Stück. Die Autos scheinen zu den Männern zu passen. „Maskenball oder Junggesellenabschied?“, fragt er sich. Die Musik wird lauter und die Fee erhebt sich und tanzt elfengleich.

Tom wird komisch schwindelig, alles um ihn herum beginnt sich zu drehen. Sein Herz pocht beim Anblick der tanzenden Frau, die Musik dröhnt in seinen Ohren, die Gerüche dringen intensiv in seine Nase, scheinen im Kopfinneren zu explodieren, die Farben rundherum werden grell und verschmelzen ineinander wie in einem Aquarellgemälde. Tom stolpert aus der Tür, über die Treppe hinunter, sucht den Ausgang zum Garten und kommt atemlos im Freien an. Die sechs Männer am Tisch verstummen, alle Augen sind auf Tom gerichtet. Einige nicken ihm zu und lächeln, die Fee hält unterm Tanzen inne und bewegt sich geschmeidig auf Tom zu.
„Schön, dass du bei uns bist, Fremder!“, haucht sie in den Sommerabend.
„Was wird denn hier gefeiert?“, fragt Tom, noch immer außer Atem. Ein brünetter, schlanker Typ mit Pilzkopffrisur wendet sich an Tom:
„Wir feiern das Leben! Jeden Tag aufs Neue!“
Die Fee tanzt zu einem kleinen Tisch an der Hausmauer, daneben sieht Tom ein Piano stehen und weiter rechts davon eine Jukebox. Am Tisch steht ein hoher Wasserbehälter mit mehreren Hähnen, sieben antike Kristallgläser mit einer grünen Flüssigkeit sind unter diesen platziert, auf den Gläsern liegen gelochte Silberlöffel mit einem Stück Zucker darauf. Die Fee dreht einen Hahn des Wasserbehälters auf und jeder Tropfen, der in das darunter stehende Glas fällt, hinterlässt in der grünen Flüssigkeit milchige Spuren, sie wirken wie feine Nebelfäden, die langsam mit dem Grün verschmelzen. Tom beobachtet das Schauspiel, kalte Schauer laufen über seinen Rücken, gleichzeitig ist ihm heiß und er fühlt sich wie benommen. Die Fee nimmt das Glas und reicht es Tom. Sie streichelt mit den rot lackierten Fingernägeln langsam über die nackte Haut seines Unterarmes, über seine Schulter hinweg bis zum Hals und hält an seinem Ohr inne. Sie beugt sich vor und flüstert:
„L´heure verte“. Tom versteht nur Bahnhof. Die Berührungen machen ihn halb verrückt. „Trink, Fremder!“, fordert sie ihn auf. Ihr Atem riecht nach Kräutern, irgendwie nach Anis, Fenchel…
Tom nimmt einen Schluck und seine trockene Kehle verlangt nach mehr. Nach mehr Flüssigkeit, nach mehr Berührung.
„Komm! Setz dich ans Piano und spiele für uns!“
„Es ist ewig her, seit ich das letzte Mal gespielt habe….aber woher weißt du….?“, will Tom einwenden.
„Sing us a song, you´re the piano man….“, fangen die Männer am Tisch zu singen an.
Die Frau setzt sich ans Piano neben Tom und streichelt seinen Rücken. Toms Finger scheinen nun wie selbstverständlich über die Tasten zu fliegen, machen sich selbständig. Ein Mann am Tisch zieht eine Mundharmonika aus seiner Hosentasche.
„…..well we’re all in the mood for a melody and you’ve got us feelin‘ alright…..la la la….“, stimmen nun alle mit ein.
Tom spielt und alle singen, die Frau tanzt und verführt, neckt die Männer. Ein lauer Nachtwind kühlt die erregten Gemüter, lässt Toms Schweißperlen trocknen. Er weiß nicht, wie spät es ist, er weiß nicht, wo er ist, er weiß gar nichts mehr. Die Fee zieht ihn vom Piano weg, die Musik endet trotzdem nicht, die Tasten bewegen sich wie von Geisterhand. Sie tanzt mit ihm durch den Abend, drückt sich fest an ihn, er spürt jede Faser ihres schlanken Körpers, er ist elektrisiert.
„Wirst du mich retten, Piano Man?“, fragt sie ihn plötzlich mit trauriger Stimme. „Ja… ja, natürlich. Aber ….?“, stottert Tom.

Stille.

Tom öffnet die Augen. Sein Kopf brummt, ein fahler Geschmack macht sich in seinem Mund breit, leichte Übelkeit überkommt ihn. Er sieht zerwühlte Bettlaken neben sich, versucht, sich zu erinnern, es ist zwecklos.
„Was zum Geier…..?“
Das Fenster steht noch immer offen, eine zarte Melodie dringt an sein Ohr. Tom steht vorsichtig auf, er hat Angst, dass sich wieder alles um ihn herum dreht. Er läuft nackt ans Fenster und glaubt, seinen Augen nicht zu trauen. Sein Mietwagen ist nun neben den anderen Autos geparkt. Wie ist der bloß dahin gekommen? Sein Blick schweift in den Garten, dann sieht er sie. Die dunkelhaarige Schönheit, heute in einem roten, bodenlangen Kleid. Sie trägt einen geflochtenen Korb und pflückt Blumen, die sie liebevoll in diesen platziert, sie summt ein Lied…„Piano Man“…..
„Mein Gott, sie ist so wunderschön!“ Ihr Anblick verursacht Herzrasen bei Tom.
Er läuft durchs Zimmer, zieht sich an und verlässt mit Reisetasche und zerwühlten Haaren den Raum.
„Ich muss weg von hier, verflucht!“, flüstert er mit zittriger Stimme. Er sucht den Autoschlüssel in der Jackentasche, findet ihn nicht, rennt zum Pult am Eingang und drückt mehrmals wie von Sinnen die Tischklingel.
„Verdammt! Hallo? Ist hier jemand?“
Anthony kommt aus einer Seitentür und lächelt ihn an.
„Sir, wie kann ich Ihnen helfen?“
„Ich will auschecken, schnell. Und wer hat meinen Autoschlüssel?“ Tom stottert weiter, ihm wird wieder schwindelig. Die Fee betritt den Gang, lächelt ihn an, küsst ihn auf den Mund. Wortlos stellt sie die Blumen auf das Pult.
Anthony sieht Tom tief in die Augen, beugt sich etwas nach vorne und flüstert:
„Du bist Nummer Sieben in der Runde, es ist vollbracht. Dieses Hotel kannst du nie mehr verlassen, du gehörst jetzt ihr, für immer!“

Wie in den News bereits angekündigt, hat diese Geschichte zum Thema „Schneewittchen“ im Monat März beim Schreiblust-Verlag unter 40 Geschichten Platz 1 erreicht und wird im Jahrbuch 2019 abgedruckt (erscheint voraussichtlich Anfang 2020).

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Foto von Google-Pics – http://musimot.e-monsite.com/pages/marie-pierre-forrat/musiques.html
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..wie alles begann..

Meinen ersten Blog habe ich im Dezember 2009 gestartet und ich betreue ihn noch immer. Zwar nicht sehr regelmäßig, aber dennoch – er ist noch da 🙂 .

Es war der Beginn meiner Leidenschaft fürs Bloggen. In diesem Blog – „Jac´s Stable“ – geht es um Erlebnisse und Erfahrungen auf unserem kleinen Pferdehof. Außerdem ist es auch noch ein Blog für meinen Mann, der nebenbei ja als Reittrainer unterwegs ist.

Vielleicht habt ihr Lust, meinen neuesten Beitrag in diesem Blog zu lesen.

https://jacsstable.blogspot.com/2019/04/kapitel-124-gentlemens-agreement.html