Lyrikpfad

daheim

insekten naschen blüten satt

sommer naht

summen saugen kosten

an den Knospen

elfen staunen und lauschen

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Animation @manuela murauer:

Beinwell, Beifuß (der kleine Bruder des Wermut), Alant und wilde Pflanzen in unserem Garten rundherum – und ein wenig „ordentlich gschlampert“ für die Natur) 

 

Fabelwesen

Der Weisenrat

Ihre Kleider hingen in Fetzen an ihrem gebrechlichen, mageren Leib hinunter. Die Löcher im Gewand gaben den Blick frei auf zahlreiche Wunden. Manche eiterten, andere waren stark gerötet und wollten nicht verheilen. Bei den Bewegungen ihrer Glieder machte sich Mief in der Umgebung breit, sie stank aus jeder Pore. Viele Knochenbrüche hatte sie schon erlitten, an den Bruchstellen entstanden Schwellungen, die nicht mehr zu gesunden schienen.
Etliche Krankheiten hatten sie überstanden, für ihr Alter war es ein Wunder, dass sie überhaupt noch lebte. Zäh war sie und an ein Aufgeben war für sie nicht zu denken. Von Burn-out über Dehydration bis hin zu Sepsis und beinahe Organversagen, alles hatte sie einstecken müssen.
Ihre Freunde und Weggefährten machten sich unglaubliche Sorgen.
„Lang wird sie das nicht mehr machen, wir müssen jetzt einschreiten!“, schrieb der Chef des Weisenrates an seine Kollegen.

Eine Woche später trafen sich die Experten an einem warmen Frühlingstag und saßen auf der Wiese in einem großen Garten. In einem Fragenkatalog, der zuvor an die Mitglieder ging, wurden etliche Punkte erörtert.
„Es wäre gut, wenn jeder für sich aus seinen Beobachtungen berichtet. Anschließend können wir Vorschläge einbringen, wie wir der Alten endlich zielführend helfen können. So wie es jetzt ist, steht sie kurz vor einem Kollaps und niemand wird sie mehr auf die Beine bringen können.“ Der Vorsitzende sprach mit bedachter, gleichmäßiger Stimme und richtete den Blick seiner intensiv grünen Augen an jedes einzelne Mitglied in der Runde. Er war schon ein altes Semester und zahlreiche Falten gruben sich in sein braungebranntes Gesicht. Die Haare an seinem Kopf waren spärlich und standen in kleinen, grauen Büscheln kreisrund ab, die Augenbrauen jedoch waren üppig und, wie dicke Borsten aus Stroh, schienen sie kaum zu bändigen zu sein.
„Magst du beginnen?“, fragte er seinen rechten Sitznachbarn.
Der Mann an seiner Seite hob träge seine alten Hände und räusperte sich. Seine Kleidung wirkte etwas schmuddelig, um nicht zu sagen schmutzig an manchen Stellen.
„Meine Beobachtungen? Es hat sich nichts geändert, muss ich sagen. Die kurze Verschnaufpause für die Alte, als sie auf Reha war, brachte nichts. Wenn wieder alle so weitermachen wie vorher, war das nur ein kurzes Abebben der Symptome. In meinem Ressort stehen schon wieder etliche der Spezies Schlange in den Häfen, um Kreuzfahrtschiffe zu besteigen, die Gewässer versinken schon wieder im Dreck, die Resourcen werden knapp. Ich befürchte, der Countdown läuft und die Tage sind gezählt.“
Schweigen in der Runde. Der zweite Redner hob die Schultern und schüttelte den Kopf, er richtete seinen Blick auf die Frau neben ihm und hob die Hand als Aufforderung, dass sie fortfahren soll.
Sie war eine bunte, kesse Erscheinung in grellen Kleidern. Ihre Haare glänzten in allen Farben des Regenbogens, vor langer Zeit waren sie jedoch noch viel prächtiger, man wusste nicht, war es Gefieder, Fell oder Haar. Ihr Gesicht hatte etliche unterschiedliche Züge, von katzenhaft über krötenähnlich bis hin zu einer schlangenartigen Spitzmündigkeit, alles in ständigem Wechsel.
„Leider muss ich auch Ähnliches berichten wie mein Freund hier. Die Fluchträume sind eingeschränkt, die Versorgung ist sehr schlecht. Es wird ausgebeutet und abge-schlachtet wie vor dem Shutdown, die Würde wird uns geraubt und unser Lebensraum ist beinahe nicht mehr vorhanden.“
Wieder herrschte Unverständnis, bis ein kaum vernehmliches Krächzen von der nächsten Weisen in der Runde die Stille durchbrach.
„Habt ihr es nicht bemerkt? Die letzten Tage?“, flüsterte sie leise und es schien, als hätte sie extreme Atemnot. Jedes Wort kam besonnen und mit großer Anstrengung über ihre spröden Lippen. Ihre Haut war fahl und farblos, die Augen von hellem Grau, das Haar hing in Strähnen über den krummen Rücken.
„Die Stadien sind wieder voll, Großveranstaltungen finden wieder statt, die Flughäfen sind auf Hochbetrieb, zahlreiche Flieger starten und landen. Die Spezies hat nichts verstanden. Ich denke, wir müssen zu unserem letzten Schritt übergehen, bevor uns die Alte krepiert.“
„Das worst-case Szenario, wie wir das schon mal besprochen hatten? Ist das dein ernst?“, fragte der Diskussionsleiter.
Ein Raunen und Schnauben ging durch die Runde.
„Wenn wir das jetzt nicht machen, bedeutet das auch unseren Untergang. Wir werden mit der Alten gemeinsam verrecken. Ist euch das klar?“, zischte die Atemlose ihre Freunde an.

Aus heiterem Himmel bog die Alte um die Ecke, sie stützte sich auf zwei Krücken und hatte große Mühe. Ein erbärmlicher Anblick bot sich dem Weisenrat. Sie war nur noch ein Schatten ihrer selbst.
„Komm, lass dir helfen“, der Vorsitzende erhob sich und begleitete sie zu seinen Kol-legen.
„Ihr habt wohl gedacht, ihr könnt ohne mich einen Plan aushecken?“. Sie schmunzelte und man konnte erahnen, dass sie einmal eine stolze, wunderschöne Frau war. Aber das musste vor sehr langer Zeit gewesen sein.

„Meine Liebe, was sind denn deine Wünsche in Anbetracht der Situation?“, fragte der Vorsitzende.
„Ihr kennt meine Meinung“, antwortete sie röchelnd. „Noch schlägt mein Herz, tagein, tagaus. Meine Organe funktionieren und tun gefügig ihren Dienst, aber lange werde ich das nicht mehr schaffen. Ich will keine Kriege mehr schicken, keine Epidemien, keine Pandemien. Ich habe an die Spezies geglaubt und habe ihr vertraut, aber scheinbar lässt ihre Intelligenz sehr zu wünschen übrig.“

„Du weißt aber, was unser worst-case Szenario bewirken könnte? Wir haben das hundertmal durchbesprochen. Die Konsequenzen sind von großer Tragweite“, meldete sich ein Mitglied zu Wort.
„Wir müssen es versuchen. Um unser aller Überleben willen!“, zischelte die schlan-genhafte Gestalt.
„Ich werde euch sagen, was passieren wird“, sprach die Alte weiter. „Eine Katastrophe wird über die Spezies hereinbrechen, die einzelnen Facetten würden hier den Rahmen sprengen. Millionen werden obdachlos, in den Hospitälern geht den Not-stromaggregaten nach 48 Stunden die vorgeschriebene Treibstoffreserve aus, Be-atmungsmaschinen schalten sich ab, lebenswichtige Medikamente gehen zur Neige. Ärzten bleibt nur noch, ihren Patienten Sterbehilfe zu leisten. Unruhen brechen aus, bewaffnete Banden überfallen Krankenhäuser und Supermärkte, um Vorräte zu rauben. Notunterkünfte werden errichtet, dort greifen aufgrund fehlender Toiletten und Medikamenten Krankheiten um sich. Nach ein paar Tagen erhalten Polizisten das Recht, wie in einem Krieg Plünderer zu erschießen. Es wird ein Holocaust. Langsam, aber sicher, wird die Spezies aussterben.“
„Ja, ein Holocaust, aber für uns bedeutet es, dass wir überleben!“, setzte der Vorsit-zende fort.

Nach kurzem Expertenaustausch wurde einstimmig der Blackout beschlossen. Für mehr als 7,7 Milliarden Menschen auf der Erde fiel an diesem Tag der Strom aus, das Treiben rundum den Globus stand abrupt still. Genau die Spezies, die sich am intelligentesten glaubte, stieß völlig an ihre Grenzen.

Und alle Weisen aus dem Stab, die in Vertretung für Pflanzen, Ozeane, Tiere, Sonne, Himmelskörper und Luft den Blackout beschlossen hatten, feierten bald mit der alten Mutter Erde, die sich von ihren Gebrechen langsam erholte, einen zweiten Geburtstag.

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Foto von @Solveig Swenson (https://fineartamerica.com/featured/mother-earth-in-her-struggle-to-save-the-night-solveig-swenson.html )

Diese Geschichte wird demnächst auf der Seite von www.verdichtet.at veröffentlicht und nimmt außerdem am Monatswettbewerb Mai des Schreiblust-Verlages zum Thema „Als das Licht ausging“ teil.

 

Wurzelstöcke und Baumkronen

in dubio pro reo

 

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Armer kleiner Baum. Der Zaun engt ihn ein, nimmt ihm Platz, hindert ihn, sich frei entfalten zu können. Was war zuerst da? Der kleine Baum, oder der Zaun? Wer von beiden hat mehr Rechte? Wer ist schuldig an der augenscheinlichen Misere?

Hartnäckig und zielstrebig klettert die Pflanze an den Kanten des Drahtes hoch, vielleicht ist die Stütze oftmals nicht schlecht, bei Wind oder Unwetter, vielleicht schützt der Draht auch vor Fressfeinden? 

Engt uns der Staat in Zeiten der Corona-Krise ein? Nimmt uns die Regierung Rechte, die uns zustehen? Oder wollen die Minister eine große Gefahr der Gesundheit und des Gesundheitswesen von uns abwenden?

Es wird ein „nach der Krise“ geben, davon bin ich überzeugt. Bedenklich finde ich die immer lauter werdenden Stimmen,  die nach einem Schuldigen suchen, die täglich zunehmenden Verschwörungstheorien, die Opposition, die es sich lautstark rufend nicht mehr länger gefallen lässt, plötzlich nicht mehr angehört zu werden. Es dreht sich nicht mehr so sehr um die Gefahr, die von dem Virus ausgeht, sondern vielmehr um die Rechtsfrage: wer hat Recht? Wer hat Schuld? Wer ist für die Misere, die uns nachher wirtschaftlich blüht, verantwortlich?

Ich sage: in dubio pro reo – im Zweifel für den Angeklagten!

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Heute früh war eine Bachstelze damit beschäftigt, vor dem Küchenfenster Mücken im Fangflug zu erbeuten. Unsere Holzvertäfelung an der Hausmauer bietet sich hier wohl gut an. Wir haben jährlich hier im Sommer Bachstelzen im Garten. Gern halten diese sich in der Nähe von Weidetieren auf, wo sie auf Dunghaufen oder von den Tieren aufgescheucht ein reiches Nahrungsangebot findet. Unsere Pferde liefern ihnen also ebenso eine Nahrungsquelle.

Die zierliche Bachstelze war ganz emsig bei der Nahrungssuche, mit ihren Flügeln und Krallen schlug sie manchmal am Fensterglas und Fensterbrett auf. Später, als ich meinen Kaffee getrunken hatte und die tägliche Morgenzeitung online am PC lesen wollte, flatterte der kleine Singvogel am Bürofenster, welches ein Stockwerk höher liegt, vorbei.

„Was willst du mir denn sagen? So nah bist du doch selten?“, waren meine Gedanken.

Und weil ich gerne und oft in der Mythologie Antworten suche, recherchierte ich zum Krafttier Bachstelze folgende Zeilen:

Jedes mal wenn sich die Bachstelze bei dir meldet möchte sie dich auf die Leichtigkeit im Leben hinweisen, du scheinst zu viel zu Grübeln und dich in deinen Gedanken verrannt zu haben.  Es ist an der Zeit, zu dir zu stehen, und dich nicht unterkriegen zu lassen.  Negative Gedanken und Zweifel sperren uns ein, wie einen Vogel in einen Käfig, die Bachstelze zeigt dir, wie du dich selbst aus diesem Käfig befreien kannst. Nutze ihr uraltes Wissen und ihre Freude, welche sie in den kleinen Dingen findet, um selbst zur Kraft zu kommen.

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Gestern habe ich mit meinem Mann und unserem Hund einen Waldspaziergang gemacht. Die Bewegung in der Natur tut uns gut, eine Auszeit von TV, Nachrichten und Sozialen Medien ebenso. Genug Meinungen anderer gelesen, Verschwörungstheorien dürfen keinen Raum in meinem Kopf bekommen. So wie der Wanderstock meines Mannes Halt und Sicherheit gibt, so gibt mir der Wald in der Seele Zuversicht und Freude. 

Es geht eine magische Kraft aus vom Walde, ein unbestimmtes Weißnichtwas, das sänftigend auf Gemüt und Seele und anregend auf die Sinne wirkt.   (Carl W. Neumann)

Mit der Natur verbunden und sie still genießen zu dürfen, ist ein großes Geschenk. Oder wie Wolf-Dieter Storl sagt: „Der beste Naturschutz, der wirksamste Waldschutz ist nicht die großspurige politische Aktion oder laute Demonstrationen, sondern in erster Linie unsere persönliche Zuwendung und unser Interesse.“

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Diese Krise wird vorübergehen. Es wird Blessuren geben, nicht nur bei Arbeitgebern / Einzelunternehmern und Arbeitnehmern, es wird auch Blessuren in manchen Menschen hinterlassen. Selten hat sich nämlich auch so viel Aggressivität, versteckt in der Anonymität des WorldWideWeb, gezeigt, wie in den letzten Tagen.  Auf der anderen Seite war auch erstaunlich viel Solidarität zu spüren. Ich würde mich lieber weiterhin von Zweiterem anstecken lassen und werde den lauten Aufschreien und Parolen keinen Platz mehr einräumen.

Und: mein Mann hat mir gestern einen Stock vom Waldboden ausgesucht und ihn vorbereitet. Da er noch zu schwer für mich ist und noch ein paar Unregelmäßigkeiten an der Rinde aufweist, darf ich vorerst seinen Wanderstock haben, der ihn schon etliche Kilometer begleitet hat. Er liegt sanft, leicht und geschmeidig in der Hand und weist mir garantiert den richtigen Weg voll Halt und Sicherheit.  

Was hat mich diese Krise persönlich gelehrt? Ich habe so einiges über die Menschen gelernt. Manche sind egoistisch und sehen überhaupt nicht ein, sich irgendetwas „vorschreiben“ zu lassen. Ihr Hobby, ihr Sport, ihre Freizeit, ihr Job, ihr Verdienst…. wahrscheinlich sind das dann auch diejenigen, die im Nachhinein (wenn wir mit einem blauen Auge davongekommen sind aufgrund guter politischer Einschätzung) am Lautesten schreien: „Hab ich´s doch gewusst! Das war alles übertrieben.“ 

Ich bleibe meinem Gefühl treu, und lasse mich nicht mehr länger verunsichern oder in die Spirale der Aggression hineinziehen.

Und wenn wir alle dies, die ganze Familie, Verwandtschaft und Freunde gesund und mit hoffentlich wenig finanziellen und seelischen Blessuren überstanden haben, dann gehen wir bitte nicht auf diejenigen los, die uns eine Weile in unserer persönlichen Freiheit eingeschränkt haben, sondern erinnern uns daran, was so eine Krise zusätzlich an Positivem bringen kann. Vielleicht einen Wanderstock? Oder leuchtende, zufriedene Hundeaugen, die sich abends, nach einer langen Wanderung, müde schließen. Vielleicht auch ein neues Bewusstsein in uns selbst und über uns selbst. 

„Es ist, was es ist, sagt die Liebe.“  (Erich Fried)

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