Mein Freund

Heute vor zwölf Jahren hast du den ersten Atemzug gemacht,
bestimmt hat die Sonne an diesem Tag gelacht.

Was für ein liebenswertes, freundliches Pferdewesen du bist,
hast mein Herz im Sturm erobert, Gefühle, die man nie vergisst.

Ein Freund, Kamerad, ein Clown – verpackt in goldenes Fell,
unsere gemeinsame Zeit vergeht so schnell!

Täglich bringst du mich zum Lachen,
mit allerhand witzigen Sachen.

Zauberst vielen Menschen ein Lächeln ins Gesicht,
es ist dein Blick, der Bände spricht.

Berührst meine Seele, mein Herz, ganz speziell,
das machst du mit links, das geht ganz schnell.

Erdest mich, lässt mich atmen und schenkst Humor,
das kommt nur bei ganz guten Freunden so vor.

Oder wie Jean-Claude Dysli hatte es auf den Punkt gebracht:
„Ein Pferd als Freund, ist ein Geschenk, das man sich selber macht!“

Danke und happy birthday, mein tolles Pferd,
bist einfach einzigartig und ganz viel Wert.

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Zwei fabelhafte Philosophen

Die Sonne strahlte an diesem Vormittag vom blauen Himmel, fröhliches Vogelgezwitscher war in den Bäumen neben dem Pferdestall zu hören. An der Raufe standen einige Pferde und mümmelten Heu, ein paar davon vertrieben mit ihren Schweifhaaren die lästigen Fliegen. Die Ruhe auf dem Hof war an diesem Samstag ungewöhnlich, denn üblicherweise waren um diese Zeit schon einige Pferdebesitzer hier und gingen ihrem Hobby nach.
Zwei Pferde in der Herde fielen besonders auf: ein Wallach mit glänzend rötlichbraunem Fell, die gleichfarbige Mähne und das Schweifhaar mit feinen, goldenen Strähnen durchzogen, sehr athletisch gebaut, muskulös, mit kleinen Hufen, sein Name war Ben. Neben ihm stand ein Falbe, ebenfalls Wallach, elfenbeinfarbiges Fellkleid, brauner Aalstrich, Mähne und Schweifhaar waren dunkelbraun, einzelne blonde Strähnen hatten sich ganz keck darin verirrt. Sein Körperbau war eher kräftig, er wirkte viel schwerfälliger als Ben und hatte große Hufe. Sein Name war Johnny.
Johnny drehte sich zu Ben: „Ist dir schon aufgefallen, dass unsere Menschen gerade so wenig Zeit für uns haben?“„Ja, natürlich ist mir das aufgefallen. Die haben gerade auch andere Sorgen.“ Ben knabberte weiter am Heu.
„Aha? Welche denn?“, fragte Johnny. Ben schnaubte tief durch und zog die Nüstern zusammen: „Tönt doch aus allen Dingern, mit denen die Menschen auf den Hof kutschieren, auch über das Flimmerteil in der Reiterschenke, das man durch die offenen Fenster hört und aus den kleinen, dünnen, bunten Geräten, die die Menschen ständig in der Hand halten, da läuft auch immer irgendeine Warnung.“
Johnny hob den feudalen Kopf vom Heu, hörte zu kauen auf und starrte Ben an.
„Warnung? Wovor?“
Die anderen Pferde verzogen sich in den Schatten, ließen Ben, den Chef der Herde, und seinen Freund Johnny allein mit ihren Gesprächen.
„Sag, passt du überhaupt nicht auf, wenn die Menschen sich unterhalten? Gibt doch seit Tagen kein anderes Gesprächsthema mehr?“, rügte Ben seinen Kumpel.
„Also ehrlich, die Menschen reden doch so viel. Wozu soll ich da noch hinhören?“, meinte Johnny und widmete sich wieder ausgiebig dem Futter.
Später zog plötzlich ein kräftiger Wind auf und nahm noch gleich ein paar Wolken aus dem Irgendwo mit, die, wütend wirkend, über den Himmel wirbelten. Abrupt hörte das Vogelgezwitscher auf und nun trotteten die Pferde, die zuvor dösend im Schatten gestanden waren, wieder zurück an die Futterstelle. Ben hob seine zarte Pferdenase gegen den Himmel, seine Ohren, wie Antennen, in ständigem Wechsel nach vor und zurück gewandt, seine Mähne wehte mit den anderen Pferdefrisuren um die Wette.
„Bald ist es so weit. Ich kann es ahnen“, meinte er schließlich.
Johnny zog seinen Kopf aus der Raufe, ging ein paar ausholende Schritte an den Zaun und hob ebenfalls, wenn auch bedeutend langsamer, die Nüstern in die Höhe.
„Hm … ich bemerke nichts. Du flunkerst.“ Er wandte sich wieder ab und stolperte über einen kleinen Ast, welcher zum Knabbern für die Pferde am Boden lag.
„Autsch! Verflixt!“ Verärgert über seine Tollpatschigkeit schüttelte er den Kopf, hob das imposante Hinterteil und kickte mit einem Bein kurz Richtung Ast aus. Das war aber auch schon alles, was er an Energie verschwendete.

Ein Traktor fuhr auf den Hof, ein junger Mann sprang aus dem Führerhaus und lief schnurstracks Richtung Wohnhaus.
„Jetzt sag schon, Ben. Was ist das nun für eine Warnung, die die Menschen so aus dem Gleichgewicht geraten lässt?“
„Ein Komet wird, Berechnungen zufolge, auf die Erde krachen. Ungefähr einen halben Tagesritt von hier entfernt soll er einschlagen. Die Menschen fürchten sich“, erklärte Ben endlich seinem Freund.
„Oh, das ist natürlich blöd für die Menschen. Wobei so ein Komet ja nur eine Naturerscheinung ist“, brummelte Johnny.
Der Wind wurde immer stärker, aber die Pferde schenkten dem Wettergeschehen keine Aufmerksamkeit. Einzig Ben beobachtete sehr genau die Vorkommnisse am Horizont.
„Wann sollte es denn eigentlich so weit sein? Wo ist der Komet gerade?“, fragte Johnny.
„Nach dem Wind zu urteilen, kann es nicht mehr lange dauern. Er müsste gerade dort sein, wo der Ozean die Erde berührt.“
Johnny trottete, nun doch etwas interessierter an der Sache, mit vom Wind zerzauster Mähne gemütlich zu Ben.
„Wird etwas Schlimmes passieren, Ben? Nein, oder? Das würde ich spüren“, sagte Johnny.
„Es wird ein Schuss vor den Bug sein, der Komet wird die Menschen vielleicht etwas erschrecken. Weiter nichts.“
„Und sie haben schon seit Wochen die Hosen gestrichen voll!“, prustete Johnny los und entblößte sein beeindruckendes Pferdegebiss. Ben und die anderen Pferde taten es ihm gleich und wieherten vergnügt in den Wind hinein.

„Meine Menschenfrau sitzt manchmal auf mir, starrt in ihr buntes, kleines Gerät in der Hand, nimmt mich gar nicht wahr. Sie ist nicht geerdet, nicht in ihrer Mitte, manchmal ist sie verspannt und so weit weg in Gedanken, dass mir ganz elend wird. Sie atmet nicht vollständig durch, sie atmet oberflächlich. Wieso ist das so, Ben?“, fragte Johnny nun nachdenklich.
„Es sind nur Menschen, Johnny. Viele Sommer ziehen ins Land, und sie haben Stress, sie sind getrieben. Sie leben nicht im Hier und Jetzt, wie wir es tun. Sie machen sich Gedanken, was morgen sein wird, und es ist ihnen nicht egal, was gestern war. Auch können sie dem Druck nicht weichen, wie wir das gelernt haben, für uns ist das überlebenswichtig“, klärte Ben ihn auf.
„Stress? Druck?“
„Ja, Johnny. Sie stehen unter Druck. Sie spüren sich nicht mehr wirklich. Aber du stehst beispielsweise auch unter Stress, wenn die Heuraufe leer ist und du kein Futter mehr hast.“ Mit einem Grinsen sieht er Johnny an.
„Das ist aber auch berechtigter Stress! Himmel, unvorstellbar, eine leere Futterraufe“, entgegnete er.
„Weißt du, Johnny, wir haben trotzdem Glück. Unsere Menschen sind gut zu uns. Sie legen ihr Herz in ihre Hände, in allem, was sie mit uns machen. Wir hätten es schlimmer erwischen können.“
„Das ist wahr, Ben. Aber ich bin trotzdem froh, ein Pferd zu sein. Im Hier und Jetzt leben, das hat schon was!“, Johnny marschierte wieder zum Heu.

Sonntag, 13.05.2018
Berlin: Komet Benjamin hat die Bundeshauptstadt gestern Mittag erreicht. Die Stadt war menschenleer. Wie berichtet, wurde angenommen, der Komet könne direkt ins Zentrum der Stadt einschlagen und große Verwüstung anrichten. Zum Glück hat nur das goldene Schweifende des Kometen die Glaskuppel des Reichstagsgebäudes gestreift. Das Stahlskelett der Kuppel mit 800 Tonnen krachte in den darunterliegenden Saal, der Boden ist übersät mit Glasscherben. Es wird einige Wochen dauern, bis der Bundestag wieder Sitzungen abhalten kann. Mit den Aufräumarbeiten wird morgen begonnen.
Komet Benjamin machte nur einen Kurzbesuch, neuen Berechnungen zufolge wird er erst in 78 Jahren wieder die Erdumlaufbahn passieren.

Diese Fabel von mir ist heute auf http://www.verdichtet.at   erschienen.

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Weil Krebse nicht fliegen können – Taschenbuch

Wie schon öfters erwähnt, schicke ich so manche Kurzgeschichte an den Schreib-Lust-Verlag. Die monatlichen Themenvorgaben inspirieren nicht nur mich, es sind schon einige tausend Texte auf diese Weise entstanden – erstaunliche, fantasievolle, emotionale, lustige, spannende und schlicht lesenswerte.

Am Monatsende gibt es bei diesem Online-Verlag einen kleinen Wettbewerb, in dem die jeweils drei besten Geschichten gekürt werden. Und weil die es, lt. Verlag, immer verdient haben, einem größeren Lesepublikum vorgestellt zu werden, wurden sie zwischen 2005 und 2012 in der Literaturzeitschrift „Schreib-Lust Print“ veröffentlicht.
Die Zeitschrift ist seit Ende 2012 selbst Geschichte, doch der Wunsch, die drei Siegerbeiträge jedes Monats weiterhin zu veröffentlichen, blieb, sowohl bei den Schreibenden als auch im Verlag. Und so wurde die Idee eines Jahrbuches mit den 36 besten Storys aus zwölf Monaten geboren. Ausgabe 6 ist nun erschienen und unterscheidet sich von den Vorgängern durch Cover und Titel. 

Eine Kurzgeschichte von mir ist darin enthalten. Ich freue mich auf die Ausgabe, die nun im Jänner 2019 erscheint. Meine Geschichte mit dem Titel „Was wäre, wenn?“ erreichte beim Monatswettbewerb April 2018 den zweiten Platz. 🙂

Andreas Schröter (Hrsg.): Weil Krebse nicht fliegen können – unsere schönsten Geschichten 2018
Schreiblust-Verlag, Dortmund, Januar 2019
290 Seiten, Taschenbuch. ISBN: 978-3-9820122-1-6

hier zu bestellen: http://schreib-lust.de/verlag/bestellung.php  

Nähere Infos zum Schreiblust-Verlag: http://schreiblust-verlag.de/

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In die eigene Seele abtauchen

Mein letzter Blogeintrag im Jahr 2018 enthält einige “ unbezahlte Werbeeinträge“, da ich aus Büchern zitiere und einige Quellen anführe.

In den Raunächten, das ist die Zeit zwischen den Jahren, widme ich mich täglich ganz bewusst der Rückschau und der Vorschau aufs neue Jahr. Die zwölf heiligen Nächte ergeben sich astronomisch durch den rechnerischen Unterschied zwischen Mond- und Sonnenjahr. Der Mond benötigt 29,5 Tage für seinen Umlauf, zwölf mal im Jahr umkreist er die Erde – das ergibt also 354 Tage. Hier fehlen also zwölf Tage (die sog. Raunächte) auf das Sonnenjahr.

Ich darf hier Christine Fuchs zitieren, sie schreibt in ihrem Buch „Räuchern in Winterzeit und Raunächten“: ….. „Der Winter ist körperlich wie seelisch eine anstrengende Zeit. Der Körper schaltet auf Winterschlaf um, der Organismus verlangsamt. Die Seele möchte es nun eher gemütlich, heimelig und warm. Wir lieben Kerzenschein und den Platz am Kamin. ……..Die Zeitqualität des Winters macht uns das persönliche Innehalten leichter. Genau jetzt ist der richtige Zeitpunkt für Stille und Rückzug. Das Räuchern unterstützt das. Wir tauchen in die winterliche Jahreskreis-Themen ein und finden dabei oftmals erstaunliche Inspirationen und Antworten auf tiefgründige persönliche Fragen. Wir tauchen ein in den inneren Seelenraum…….“

Das Ritual des Ausräucherns von Hof, Stallungen und Haus während der Raunächte wird bei mir daheim seit Jahren gelebt. Ganz früher, am Bauernhof meiner Mutter z.B.,  war das nicht nur Brauchtum, die Tiere und Menschen sollten dadurch auch von krankmachenden Geistern, Dämonen und schlechten Energien während der Wintermonate verschont bleiben.

Ich genieße diese Zeit gerade sehr und setze mich täglich hin. Lasse das vergangene Jahr Revue passieren (was war gut, was war traurig, was hat mich verletzt?) und halte Vorschau auf 2019 (was möchte ich anders machen, wo soll mein Fokus liegen?). Unterstützend arbeite ich dazu gerne mit Kartensets, sie regen meine Kreativität an und lassen mich eintauchen in eine andere Welt. Manchmal beantwortet so eine Karte sogar meine offenen Fragen und mit einem Lächeln im Gesicht wird mir vieles klarer. Meine Gedanken zu den Tagesthemen schreibe ich in einem eigenen Raunachtstagebuch nieder und es macht auch unterm Jahr recht viel Freude, darin zu blättern. 

Vor ein paar Wochen habe ich mir das Kartenset „Weisheit der Vier Winde“ (www.WeisheitDerVierWinde.de) zugelegt. Ich kann diesen wunderbaren Schatz nur allen empfehlen, die gerne auf eine Reise in die eigene Seele abtauchen möchten, einen Wegbegleiter suchen, der kraftvoll und zugleich sanft und einfühlsam unterstützt. 

Zusätzlich ist noch Katharina Waibel seit Jahren an meiner Seite – „WildesWeiberWissen“ (https://www.wildesweiberwissen.at/wildes-weiber-wissen/) – sie entführt mich in meine geliebte Welt der Kräuter!

Ich möchte euch gerne einladen, in die magischen Nächte einzutauchen und ein uraltes Ritual zu zelebrieren. Mich bereichern und erstaunen die Raunächte alle Jahre wieder aufs Neue. 

Bevor ich nun wieder mit Eisvogel, Weißdorn, Albatros, Seepferdchen und Sanddorn.… auf die Reise gehe, wünsche ich euch ein angenehmes, gesundes, glückliches Jahr 2019! Ich freue mich, wenn ihr meinem Blog weiterhin treu bleibt, mir „folgt“, und hoffe, dass mich im nächsten Jahr die Muse wieder vermehrt küsst und einige Kurzgeschichten oder Lyriktexte aufs Papier 😉 / auf die Blogseite kommen. 

eure Manuela

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Walpurgisnacht

Ihre Hand streicht immer wieder langsam über die zusammengerollte Tageszeitung. Im Hintergrund hört sie die Pendeluhr – „tick, tack, tick, tack“. Das Feuer knistert im Kamin und die Flammen malen rote und orange Farbschattierungen an die gegenüberliegende Wand. Sie hört die Haustüre ins Schloss fallen, endlich ist Sophie vom Spaziergang zurück.
„Möchtest du Tee? Ich habe gerade den Kessel aufgesetzt.“ Katharina nimmt ihrer Tante den Mantel ab. „Das ist sehr lieb von dir, danke.“
Sie setzen sich an den Tisch, wie zufällig legt Katharina die Zeitung zwischen die Teetassen. Sophie schmunzelt.
„Wieder was gefunden?“
„Ja, sieh auf die vorletzte Seite, da steht es!“
Sophie umschlingt mit beiden Händen die warme Teetasse, Altersflecken sind deutlich zu sehen, aber die Haut auf ihren schlanken Gliedern scheint wie aus Pergamentpapier zu sein, zart, dünn und kaum Falten.
„Willst du es gar nicht lesen?“, fragt Katharina ungeduldig.
„Ich weiß doch, was drin steht. Ist ja immer derselbe Text“, antwortet Sophie mit einem Lächeln.
Katharina nimmt die Ecke der Platzdecke aus buntem Stoff zwischen Zeigefinger und Daumen, rollt sie kurz zusammen, streicht sie glatt, rollt sie zusammen … Ihre Augen sind auf den dampfenden Tee gerichtet. Sie atmet tief durch:
„Du könntest ja mal antworten zur Abwechslung, wieso lässt du alle im Ungewissen?“, fragt sie leise.
Sophie greift nach der Hand ihrer Nichte, streichelt sanft über den Handrücken und verhindert so, dass Katharina ständig die Platzdecke zerknüllt.
„Tick, tack, tick, tack.“
„Ich lege nochmals nach, es soll heute Nacht stürmisch werden.“ Sophie erhebt sich und holt Holzscheite aus dem geflochtenen Korb in der Nähe des Ofens.
Langsam räumt Katharina den Tisch ab, schlägt die letzte Seite der Zeitung auf und verlässt den Raum.

Am nächsten Morgen liegt das Journal immer noch unberührt da. Beim Frühstück reden die Frauen belanglos über das Wetter und die bevorstehende Vollmondnacht.
Anschließend holt Sophie einige Papiertüten und Gläser, gefüllt mit Räucherharzen und Kräutern, aus dem Keller, nimmt den schweren Steinbehälter mit dem Stößel aus dem Regal und macht es sich am Küchentisch gemütlich.
„Kann ich dir behilflich sein, Tante?“, fragt Katharina. Langsam schüttelt Sophie den Kopf.
„Das ist nicht nötig, Liebes. Aber tu mir doch den Gefallen und hole aus meinem Kleiderschrank die alte Holzkiste, die ganz unten steht.“
Sophie mischt Kräuter, Samen und Harze in dem Steingefäß und mörsert leise vor sich hinsummend. Duftschwaden erfüllen den Raum, es riecht nach Myrrhe, Kardamom, Salbei und Moschus.
Katharina kehrt mit der alten Kiste zurück und nimmt den angenehm würzigen, sinnlichen Duft wahr.
„Willst du sie nicht öffnen?“, fragt Sophie.
Katharina versucht sich am zierlichen, verrosteten Vorhängeschloss, es ist jedoch zwecklos.
„Sie ist ja verschlossen. Wie soll ich sie öffnen?“
Die Tante greift an ihre Halskette, an der, unter vielen anderen kleinen Anhängern, auch ein winziger Schlüssel hängt, den sie nun abnimmt und ihrer Nichte reicht.
Katharina ist nervös, schon immer wollte sie wissen, was sich in dieser Kiste verbirgt. Dass sich heute das Geheimnis plötzlich lüften soll, kommt völlig überraschend.
Leise knarzend hebt sich der Deckel. Eine Ansammlung von Zeitungsausschnitten liegt fein säuberlich gefaltet darin, daneben eine alte Herrenuhr und ein goldener Ring. Sie nimmt den Ring zur Hand und liest die Gravur in der Innenseite. „Sophie – 01.05.1967“. Langsam faltet sie die Papierseiten auseinander. Inserate aus den vergangenen Jahren, immer mit derselben Formulierung.
„Du kannst das Inserat von gestern kontrollieren. Es wird der gleiche Text sein, richtig?“ Die Tante ist noch immer mit ihrer Räuchermischung beschäftigt und zwinkert Katharina zu.
Das Knistern im Kamin wird zunehmend lauter, als ob die Holzscheite eine extra Luftversorgung bekommen hätten. Plötzlich dringt der Moschus- und Kardamomduft ganz intensiv an Katharinas Nase und fährt ihr wie ein Blitz in die Stirnhöhlen.
„Tick, tack, tick, tack.“
Katharina hat insgesamt fünfundzwanzig Seiten aufgeklappt, ihre Tante hat mit krummer Handschrift jeweils das Erscheinungsdatum darauf notiert.

VERMISST! Ich suche meinen Vater! Er war Pilot und ist wahrscheinlich im Raum Allgäu, Deutschland, geboren. In den Jahren 1970 bis 1980 war er für eine deutsche Fluggesellschaft tätig und ist regelmäßig in die USA geflogen. Seit Ende April 1980 ist er nicht mehr hier in Washington DC gesehen worden. Für nähere Hinweise bitte eine Mail an: mark.lewis@autornet.com

„Du musst ihm schreiben, Sophie!“ Katharina hält sich an der Stuhllehne fest, ihr wird schwindlig von dem durchdringenden Geruch und der Hitze im Raum.
„Den Teufel werde ich tun! Sein Vater war ein Mistkerl, er hat ein Doppelleben geführt und wahrscheinlich nicht nur mich betrogen. Ich werde früh genug entscheiden, ob ich ihm davon erzählen werde. Bald wird er hier eintreffen und wir lernen ihn kennen.“ Sophie lässt lautstark den Stößel auf den Tisch fallen und ihre Hände zittern.
Katharina setzt sich, sortiert die Zeitungsausschnitte und legt sie wieder sauber in die Kiste zurück.
„Wir werden ihn kennenlernen? Wann?“
„Noch in diesem Sommer, Katharina. Sobald Chiara wieder zurück ist. Es hat alles seine Richtigkeit, glaube mir.“
„Ihr habt also am 1. Mai 1967 geheiratet, morgen hättet ihr euren … 51. Hochzeitstag? Immer am Abend davor feierst du ein Ritual am Waldrand, wieso vor eurem Hochzeitstag, Sophie? Wenn er doch so ein Mistkerl war?“ Lange sehen sich die zwei Frauen über den Tisch hinweg an.
„Tick, tack, tick, tack.“
„Es war nicht nur unser Hochzeitstag, Liebes. In der Nacht davor, der Walpurgisnacht, habe ich endlich begriffen, dass ich betrogen werde. Und genau DAS feiere ich jedes Jahr.“
„Wir hatten beide nicht die besten Jahre, was Männer betrifft. Wird es für Chiara besser werden, Tante?“
„Ja, das wird es. Glaube mir!“ Sophie erhebt sich, geht um den Tisch herum und umarmt ihre Nichte herzlich.

Später am Abend machen sich die beiden Frauen auf den Weg zum Waldrand. Sophie trägt ein weites, knöchellanges Leinenkleid in Purpurrot, viele bunte Armreifen und Ketten klimpern bei jedem Schritt und ihr silbergraues, welliges Haar weht im Wind. Katharina ist in einen hellblauen Mantel gehüllt und trägt einen großen Korb gefüllt mit Holzscheiten, einem Glas mit der Räuchermischung, einer Thermoskanne und zwei Porzellantassen mit bunten Blumen darauf.
Sie halten an einem Lagerfeuerplatz, der kreisförmig mit Granitsteinen umrandet ist. Das Ritual der Walpurgisnacht wird jährlich im selben Ablauf zelebriert. Einige Frauen aus dem Dorf kommen ebenfalls anspaziert, schweigend nicken sich die Damen zu und packen ihre Körbe aus. Sophie entzündet das Feuer und lässt achtsam ein klein wenig Räucherware hineinrieseln.
Langsam wird es dunkel. Die Frauen wärmen sich an den Flammen und trinken heißen Punsch. Aus den Tassen steigt der Geruch von Waldmeister, Melisse, Johannisbeere, Salbei und Wein empor.
Manche Frauen tanzen um das Feuer, andere trommeln und singen eigentümliche Lieder. In der Mitte steht Sophie und lächelt, sie betrachtet den Nachthimmel und entfernt sich einige Meter von der Gruppe. Katharina folgt ihr schweigend.
An einem Felsvorsprung halten sie an. Ein laues Lüftchen weht und es riecht intensiv erdig. Sophie betrachtet aufmerksam den Felsen, hinter dem nun der Vollmond strahlend leuchtet.

„Tante, wohin ist dein Mann verschwunden? Leute im Dorf erzählen, du hättest … also du hättest was mit seinem Verschwinden zu tun. Du weißt schon …!“
Plötzlich hören sie ein lautes Jaulen in der Ferne. Ein Wolf stimmt in die Lieder der um das Lagerfeuer tanzenden Frauen ein.

„Die Antwort kennt nur der Wolf, meine Liebe!“

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Vergangene Woche ist dieser Text von mir auf  www.verdichtet.at  erschienen. Es ist eine weitere (Fortsetzungs-) Geschichte von den mystischen Frauen vom Waldrand.  🙂