Fabelwesen

Ehret die Ahnen!

Eine neue Kurzgeschichte von mir ist heute auf der Seite von www.verdichtet.at erschienen. Ich habe sie Anfang Jänner 2020 anlässlich der letzten Raunächte geschrieben. Sehr viele Versionen bzw. Sagen über die „Wilde Jagd“ gibt es schon und die letzten Wochen im Jahr 2019 habe ich einiges über die „Perchta“ gelesen. Hier nun meine Version der Wilden Jagd. Viel Spaß beim Lesen! 

Die Fensterläden klappern, ein Schneesturm tobt und es wirkt, als könne das kleine, in die Jahre gekommene Bauernhaus dem Getöse nur schwer standhalten.
Martina liegt schlafend auf dem alten Sofa in der Stube ihrer Großmutter, die Holzscheite im Ofen sind fast niedergebrannt und schicken nur mehr wenig Wärme und Licht in den dunklen Raum. Zu ihren Füßen liegt dicht zusammengerollt eine getigerte Katze. In der Küche, gleich daneben, pfeift der Wind durch den Kamin herein und das rot karierte Geschirrtuch, das am Griff des Backofens hängt, zittert sachte. Am Herd steht noch das Abendessen von Oma; der gusseisernen Pfanne mit Dampfnudeln und Soße entströmt ein zarter Duft nach Karamell und Vanille. Irgendwo tropft ein Wasserhahn, und in dem kleinen Stall, der unmittelbar an das Haus grenzt, liegen zwei Kühe wiederkäuend im Stroh.

Der Wind legt zu und ein lautes, ächzendes Geräusch lässt Martina aus dem Schlaf hochschrecken.
„Hallo? Wer ist da?“ Ihre brünetten langen Haare sind zerzaust und das weiße bodenlange Nachthemd zerknittert. Sie schlüpft in abgetragene Pantoffeln ihrer Oma und zieht sich einen tannengrünen Leinenschal fest um die Schultern. Mit vor Kälte zittrigen Fingern sucht sie nach dem Lichtschalter der Stehlampe. Die alte Leuchte kann den Raum nur spärlich erhellen. Die Pendeluhr an der Wand tickt im Rhythmus und Martina sieht die Zeiger kurz vor Mitternacht stehen.

Draußen tobt der Sturm weiter und rüttelt an den Dachschindeln. Martina schlurft zum Fenster und drückt ihre Nase an die Scheibe. Durch das dichte Schneetreiben kann sie die naheliegenden Straßenlaternen kaum ausmachen. Plötzlich nimmt sie Umrisse wahr!
„Was ist das?“, denkt sie sich und kneift die Augen zusammen. Große, schwarze Hunde rennen in einem Affentempo durch den Garten, ihre Zungen hängen seitlich aus dem Maul und leuchten dunkelrot ins Schneegestöber. Den Hunden folgen in einigem Abstand weitere Gestalten, Martina hält den Atem an.
„Um Himmels willen!“ Sie nimmt ihre Hand vor den Mund. Alte Frauen, Kinder, Katzen, Ziegen, Schweine und unfassbar ekelhafte Menschengestalten mit rasselnden Ketten ziehen durch die Nacht. Scheinbar mühelos halten sie dem Sturm stand und mit lautem Geschrei kommen sie näher. Mitten in dem Getümmel erblickt sie jetzt ihre Oma. Sie hat ein Lächeln im Gesicht und marschiert hinter einer hässlichen Greisin mit wirren Haaren, glühenden roten Augen und einer krummen Nase her. Die Alte hinkt und hat einen großen Buckel, an ihrer Seite läuft mit eingezogenem Schwanz ein kläffender, missgebildeter Köter.
Die nächste Windbö rüttelt wieder an den Fensterläden und die Gestalten nähern sich mit Gerassel, Schreien, Johlen, Jammern und Ächzen der Haustür. Martina stockt der Atem, sie starrt entsetzt auf die Türklinke. Ein paar Mal hämmert es kräftig, dann gibt die alte Holztür nach und mit Getöse betreten Menschen und Tiere das Haus. Martina ist wie erstarrt, ihr Herz rast und ihre Knie zittern. Die Hunde zerren an ihrem Nachthemd, stinkender Speichel tropft aus ihren Mäulern auf den Boden und die alte, grauenhafte Frau kommt näher.
„Oma! Was ist hier los? So hilf mir doch!“, schreit Martina heiser. Ihre Großmutter legt lächelnd eine Hand auf den Buckel der Alten.
„Sei milde mit meiner Enkelin, Perchta!“, flüstert sie dem Weib ins Ohr. Die Alte schaut zuerst noch grimmig drein, aber dann entblößt ein boshaftes Grinsen lange, gelbe Zähne. Martina dreht sich angewidert um und schlägt die Hände vors Gesicht.
„Wehe dem Weib, welches die Ahninnen nicht ehrt!“, krächzt Perchta.
„Schließe Frieden und verabschiede dich von dem faulen Geruch nach Hass, Neid, Missgunst. Ansonsten wird dich die Wilde Jagd noch öfter heimsuchen!“ Die Greisin schüttelt langsam den Kopf, geht einige Schritte zurück, bückt sich und mit Anlauf springt sie Martina in den Rücken.
„Neeeeeeeeeeeeeeiiiiiiin!“

****

„Hey, Liebes, das war nur ein Traum!“ Ralf nimmt Martina in die Arme. Schweißgebadet sitzt sie in dem schicken Boxspringbett und ringt nach Luft. Draußen ist es schon hell und durch die Terrassentür der Penthousewohnung sieht sie dichten Nebel über den Dächern der Stadt hängen.
„Wir hätten das Haus von Oma nicht verkaufen dürfen, Ralf! Das war nicht richtig!“
„Was, die alte Bude? Hattest du wegen dem Haus einen Alptraum, oder wie?“, fragt er kopfschüttelnd, schlägt die Decke zurück und steigt aus dem Bett.
„Sie hat es mir in gutem Glauben vererbt. Es war doch alles so liebevoll und wohnlich bei ihr und ich war als Kind so gerne dort am Land. Wieso haben wir es nicht restauriert?“ Sie schwingt ihre Beine Richtung Bettrand und möchte sich aufrichten.
„Aaaaaaah!“ Ein blitzartiger Schmerz durchzuckt ihre Lendenwirbelsäule und sie fällt zurück ins Bett.

„Ist dir die Hexe eingefahren?“, fragt er sie verblüfft. Martina legt eine Hand sachte in ihren Rücken und massiert die Stelle. Bei dem Gedanken an die Hexe muss sie schmunzeln und sie denkt an die grauenhaften Gestalten aus dem Traum.
„Die Hexe? Ja, die alte Perchta. Sie ist mir letzte Nacht ins Kreuz gesprungen.“

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Foto: Manuela Murauer

News

Der Kreis der Zeit

Noch diese Woche werde ich das druckfrische Jahrbuch 2019 vom Schreiblust-Verlag in den Händen halten. Ich freue mich schon sehr darauf. In dieser Ausgabe sind zwei Kurzgeschichten von mir enthalten. 

Abgedruckt sind die Geschichten Piano Man  und Blutmond

Ja, ich weiß. Beide Geschichten findet ihr auch hier auf diesem Blog. Aber ein Buch ist doch noch etwas anderes. Und als Autor der Geschichten hat man dann gleich noch mehr Freude, wenn man die eigenen Texte in gedruckter Form in den Händen hält. Also für jeden, der gerne Kurzgeschichten liest und Spaß daran hat, die unterschiedlichsten Stories zu lesen, der möge sich das Buch bestellen. Gibt es auch auf Amazon:

Amazon – Kreis-der-Zeit-Unsere-schönsten-Geschichten 2019

Andreas Schröter (Herausgeber) schreibt wie folgt zu diesem Jahrbuch:

Wow, 2020, ich fass es nicht! Dass es uns jetzt noch geben würde, damit hätte ich 2001, als ich das Mitmachprojekt „Schreib-Lust“ gründete, niemals gerechnet.

Hier der Link zum Verlag bzw. zum Buch.

http://schreiblust-verlag.de/verlagsprogramm/der-kreis-der-zeit

Andreas Schröter (Hrsg.): Der Kreis der Zeit – unsere schönsten Geschichten 2019
Schreiblust-Verlag, Dortmund, Januar 2020.
320 Seiten ISBN: 9783982012230

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Lyrikpfad

Kräuterhexe

Salbei, Weihrauch, Myrrhe und Rosmarin,
rauf auf die Kohle und schon geht´s dahin.
Die Wohnräume reinigen, die Aura auch,
so ist es bei mir ein willkommener Brauch!

Der Hund, wie ein Schatten, läuft hinter mir her,
wedelt mit dem Schweif und niest wirklich sehr!
Er findet´s spannend, täglich aufs Neue,
ich mich seiner Begeisterung erfreue.

Rein in den Stall, bei den Pferden ist´s wichtig!
Noch mehr Harze und Kräuter rauf. So ist das richtig.
Die Schwaden begleiten und hüllen mich ein,
in jede Stallecke laufe ich rein.

Vier Pferdeköpfe heben sich vom duftenden Heu,
sie schauen interessiert, doch es ist nicht mehr neu.
Der eine prustet, der andre steht im Eck,
der dritte spitzt die Ohren und der vierte will weg.

Ich fange an zu summen und lächle ihnen zu,
täglich fragen sie sich, was ich denn da tu?!
„Ein bisschen Hexe sein, darf ich das nicht?“
…..lache ich und erzähl ihnen eine Geschicht`:

„Salbei schützt und reinigt die Räume,
Myrrhe erdet euch und schickt schöne Träume.
Weihrauch hebt die Stimmung, entspannt noch dazu.
Rosmarin schickt Kraft und desinfiziert – juppidu !“

Da stehen sie, schauen und hören auf zu kauen,
„Soll man dieser Hexe wirklich vertrauen ?“
„Ohja, ihr lieben Kerle, das könnt ihr gern,
ein schlechter Gedanke, der liegt mir fern.“

Die Hitze der Kohle lässt langsam nach,
die Rauchschwaden liegen auch plötzlich brach.
So gehe ich jetzt, schließ` die Tür ganz leise,
damit Kräuter und Harze wirken – auf ihre Weise.

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Private Wiese

Die wilde Jagd ist beendet

Seit alters her galt die Zeit um Weihnachten als gefährlich. Die Wilde Jagd war unterwegs. Mit Lärmen und Beten, mit Fasten und Essen, mit Handlungen und Unterlassungen, mit Opfergaben und Räucherungen versuchte man, sich vor den Geistern und Gespenstern zu schützen. Hier war sie, die hohe Zeit der Winterdämoninnen, die durch die stürmischen Lüfte sausten, an den Türen und Fensterläden rütteln und an den Herzen der Menschen. 

So berichten es jedenfalls die Sagen. Es gab da die „alte Holle“, die mit den wilden Frauen, mit der Geisterschar und den Seelen der ungeborenen Kinder über die winterliche Erde saust und wegfegt, was keine Kraft mehr hat. In anderen Gegenden ist es die „Perchta“, die als Anführerin der Wilden Jagd nach dem Rechten sieht. Ganze Nächte hindurch kann sie sich einer Faulen auf die Brust setzen und für Alpträume sorgen oder einer Arbeitssüchtigen unerwartet ins Genick springen, bis diese sich besinnt.

Ausschnitte aus „Wild und Weise“ von Ursula Walser-Biffiger

In meinem Blogeintrag In die eigene Seele abtauchen habe ich Ende Dezember 2018 berichtet, wie ich die Raunächte zelebriere. Auch heuer habe ich wieder geräuchert, Wunschzettel dem Feuer übergeben, Tagebuch geschrieben. Und in diesem Jahr waren die Nächte und die Träume besonders intensiv. Manchmal kam es mir vor, als wäre die alte Holle oder die wilde Perchta hinter mir her in den Nächten. Dennoch: die „alten Weiber“ haben mir viele Antworten geschickt und mich intensiv Rückschau / Innenschau machen lassen. So wild und grausam sind sie nicht 🙂 ! 

Letzte Nacht, in der allerletzten Raunacht,  ist mir dann aber doch noch eine wild gewordene Dämonin ins „Kreuz“ (mein übliches, altes Leid mit der Lendenwirbelsäule) gesprungen, bevor sie sich vom Acker gemacht hat. 

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