Gedankengeflüster

Logbuch der Pinta

September:

Noch immer kein Flaggschiff in Sicht. Seit Wochen durchqueren wir als Teil der Armada den Atlantik. Die Niña, navigiert von meinem Bruder, ist stets an unserer Seite. Meine Karavelle ist das schnellste der Schiffe. Als wir am Donnerstag, den 6. September von der Insel Gomera aus in See stachen, gab es noch eine heftige Debatte mit dem Flottenführer. Er hat mich zu überreden versucht, der Mannschaft stets viel weniger Seemeilen bekannt zu geben, als wir tatsächlich segelten, damit die Besatzung nicht den Mut verlieren würde, falls die Reise zu lange dauern sollte. Darauf wollte ich jedoch nicht eingehen. Die Santa Maria mit Flottenkommandant Don Cristóbal ward seither nicht mehr gesehen.
Täglich finden wir auf unserer Reise nun Hinweise auf Land. Gestern, gegen zehn Uhr morgens, ließ sich ein Pelikan auf den Hauptmast nieder. Diese Vögel pflegen sich nie mehr als 80 Seemeilen vom Lande zu entfernen. Vielleicht haben wir Indien bald erreicht.

Mein erster Offizier macht sich seine Gedanken wegen der Santa Maria.
„Was meinst du, Martin, wollte der Kapitän uns abhängen? Hat er bewusst eine andere, schnellere Route gewählt und uns eine alte Seekarte überlassen?“
„Warum sollte er das tun?“, frage ich etwas zweifelnd.
„Du hast die Rede des Herrscherpaares vor unserer Abfahrt gehört? Die Auszahlung eines lebenslänglichen Ruhegehaltes von 10 000 Maravedis an denjenigen, der zuerst Land entdeckt.“
Ich gehe nicht näher auf diese Gedanken ein und mache mich ans Navigieren. Weiß der Himmel, was Don Cristóbal ausheckt.

28. September:

Endlich kreuzen wir mit der Santa Maria. Wir fahren mit Kurs West-zu-Nord und haben eine unstete Brise, kommen nicht vorwärts. Ich lasse mich heute mit einem Boot zur Santa Maria bringen. Kapitän Cristóbal erwartet mich bereits. Er hat ein argwöhnisches Grinsen aufgesetzt, als ich sein Schiff betrete.
„Mein lieber Martin! Na, wo warst du denn?“, begrüßt er mich. „Das frage ich dich, wenn es erlaubt ist“, entgegne ich und erweise mit einer höflichen, aber sehr kurzen Verbeugung meine Wertschätzung. Mein Bruder Vicente von der Niña steht bereits an seiner Seite und fragt:
„Könnten wir die Seekarten vergleichen, Don Cristóbal? Vielleicht klärt sich dann alles auf.“
„Meine geschätzten Kapitäne, wir vergleichen gar nichts. Wir segeln alle weiter in der Hoffnung, endlich Land zu sehen. Und seid euch gewiss – die Santa Maria wird als Flaggschiff die Aufgabe erfüllen! Von diesem Schiff aus wird auch Land entdeckt! Haben wir uns verstanden?“ Mit einer winkenden Geste gibt er uns zu erkennen, dass die Besprechung nun vorbei ist. Ich bin etwas verwirrt, um ehrlich zu sein.

Oktober:

Wir sichten viel grünes Gras, es handelt sich um Gras, das in salzarmen Buchten wächst oder in Flussnähe, jedoch nicht am Meer. Auf die Pinta kam aus West-Nordwest wieder ein Pelikan angeflogen und setzte seinen Flug nach Südosten fort, woraus man entnehmen kann, dass er von in westnordwestlicher Richtung gelegenem Lande abgeflogen sein muss.
Die letzten Tage über herrschte Windstille, das Meer ist spiegelglatt, wie ein ruhiger Strom und die Luft weich und mild. Nun kommt aber endlich Wind auf, diesen habe ich unbedingt nötig gehabt, muss ich doch meine Mannschaft stets zur Weiterfahrt antreiben, da sie der Ansicht ist, dass in diesen Gewässern keine Winde gehen, die geeignet wären, die Schiffe nach Spanien zurückzubringen.

10. Oktober 1492:

Es ist ein Wunder geschehen! Bei Sonnenuntergang sehe ich vom Heck meiner Karavelle endlich Land! Ich rufe Don Cristóbal auf der Santa Maria zu, er möge mir die versprochene Belohnung zukommen lassen. Zuerst will er mir nicht glauben, aber als auch die Mannschaft der Niña meine Wahrnehmung bestätigt, warf sich der Flottenführer auf die Knie, um Gott Dank zu sagen, meine Mannschaft betet zur gleichen Zeit das „Gloria in excelsis Deo“. Die dreißig Leute der Niña klettern sodann auf die Masten und Wanten und behaupten samt und sonders, Land vor sich zu sehen.

11. Oktober:

Bei Sonnenaufgang hissen wir die Flagge am Großmasttop und feuern eine Bombarde als Signal ab, dass Land in Sicht gekommen sei. Der Flottenkommandant ordnet an, dass die drei Schiffe Seite an Seite fahren sollen. Weiters kommt die Anordnung, die westliche Kursrichtung aufzugeben und Kurs auf West-Südwest zu nehmen, was ich nicht verstehen kann.
Da meine Karavelle schneller ist und ich das Seite-an-Seite-fahren nicht halten kann, kommen wir zuerst nähe Landes.
Die ganze Besatzung der Armada singt laut und voller Ehrfurcht das „Salve Regina“. Wir holen alle Segel ein und fahren mit nur einem Großsegel. Dann legen wir bei und fahren mit Booten zu einer Insel, die in der Indianersprache „Guanahaní“ heißt.
Wir gehen an Land und erblicken in der Ferne nackte Eingeborene. Don Cristóbal Colón entfaltet die königliche Flagge und ruft:
“Im Namen des Königs und der Königin – ich, als Kapitän der Santa Maria, habe dieses Land entdeckt und ergreife Besitz hierüber!“ Ich staune nicht schlecht, war es doch nicht er, der zuerst Land entdeckte, sage aber nichts dazu, denn bald sammeln
sich zahlreiche Inselbewohner um uns.

In den folgenden Wochen erkunden wir das Land, die Eingeborenen werden mit Hand-zeichen ausgefragt und wir treffen uns immer wieder mit unterschiedlichen Anführern der Indianer, um uns auszutauschen. Es entstehen Freundschaften zwischen mir und den Häuptlingen, wo hingegen Don Cristóbal die Menschen herablassend behandelt. Ich bin auf der Suche nach Gewürzen, Seide und anderen Reichtümern, von denen er vor unserer Reise mir so ausgiebig vorgeschwärmt hatte. Immerhin bin ich nicht nur Kapitän der Pinta, sondern auch Kaufmann und Handelsherr.

Ende November:

Mein Unmut wächst von Tag zu Tag. Ich besegle unterschiedliche Inseln, derer hier zahlreich vorhanden sind, jedoch machen die Einheimischen ein Geheimnis daraus, wo sich denn nun Gold und andere Schätze befinden.

Don Cristóbal hat heute Abend zum Gespräch auf die Santa Maria eingeladen.
„Meine Herren! Ich hege einen Plan, den ich mit euch teilen möchte, da ich hierzu eure Hilfe benötige. Wir wurden die letzten Wochen nicht fündig an Schätzen und bin zu folgender Erkenntnis gelangt: Die Indianer gehen nackend umher, so wie Gott sie erschaffen, Männer wie Frauen. Sie sind Wilde und alle noch sehr jung, gut gewachsen, haben einen schön geformten Körper.“
„Worauf willst du hinaus?“, wende ich ein.
„Ich hege den Gedanken, einige dieser Eingeborenen nach Spanien mitzunehmen, habe mittlerweile schon welche ergreifen lassen und sie sollen dort unsere Sprache lernen und den christlichen Glauben annehmen. Die königlichen Hoheiten werden mir alsdann den Befehl erteilen, diese Leute im Namen Gottes wieder zurückzubringen und sie hier auf ihren eigenen Inseln als Sklaven zu halten und uns zu helfen, Kolonien zu erbauen.“
Der Kommandant redet sich zunehmend in Rage.
„Aber unsere Schiffe sind zu klein, um mit so vielen Indianern nach Spanien zu segeln. Wie soll das gehen?“, fragt nun mein Bruder.
„Wir lassen unsere halbe Besatzung hier, diese bauen unterdessen mit den Einheimischen gemeinsam Siedlungen und bereiten alles vor, bis wir unter Zusage unserer Hoheiten wieder nach Indien segeln. Vielleicht schon im nächsten Frühjahr. Dann müssen wir mit einer sehr großen Armada segeln, um Frauen, Männer, Kinder und Haustiere hierher zu bringen. Und wir verbreiten hier das Christentum. Mich dünkt, dass diese Wilden gar keine eigene Religion besitzen!“

Es herrscht betretene Stille! Ich kann es nicht fassen. Niemals war von solchen Plänen die Rede, als wir in See gestochen sind, um Indien zu suchen und Kostbarkeiten für den Seehandel in Gang zu bringen.
„Das ist Sklaverei und Menschenhandel! Davon war nie die Rede!“, antworte ich.
„Davon hast du keine Ahnung, Martin. Du bist ein einfacher Kaufmann und kannst wohl auch ein Schiff navigieren. Aber über Landeroberung weißt du gar nichts. Wir müssen unserer Krone zu großer Herrschaft verhelfen!“. Er scheint nun völlig von Sinnen, springt auf und läuft um den großen Tisch zu mir herüber, auf seiner hohen Stirn und auf der Adlernase sind Falten des Zornes ersichtlich.
„Ich bewundere deinen Entdeckerdrang und den Mut, in unbekannte Gewässer vorzu-stoßen, Don Cristóbal. Aber diese Vorhaben will ich nicht unterstützen. Dein religiöser Eifer wird in einer Katastrophe enden. Diese Menschen sind so völlig anders, sie sind glücklich mit ihrer einfachen Lebensweise. Lassen wir sie in Ruhe.“ Ich will gerade gehen, als er mich am Arm packt.
„Du verrätst das Land und die Krone? Du verweigerst die Ausbreitung des Christentums? Wahrhaftig? Verräter!“ Er faucht es mehr, als er es spricht.
Ohne ein weiteres Wort verlasse ich die Santa Maria, kehre auf mein Schiff zurück, lasse noch in dieser Nacht Anker lichten und trete die Heimreise an.

***

Brief meines Freundes Bartolomé de Las Casas, im Jahre 1525:

„Mein lieber Freund Martin,

du hast es geahnt und es ist wahrlich so gekommen. Die Verwüstung Westindiens durch Massenmorde, Ausbeutung und Vergewaltigungen war in vollem Gange. Eingeschleppte Krankheiten durch die Spanier, die schonungslos des Goldes wegen hierher kamen und nicht, wie geplant, wegen Landwirtschaft und Kolonialisierung, ließen die Einwohnerzahl sinken. Die Pläne von Kolumbus lösten eine demografische Katastrophe aus. Er hat durch seine Haltung und sein Verhalten den Grundstein für eine der größten Katastrophen aller Zeiten gelegt. Die Ureinwohner wurden beraubt, unterdrückt, ausgebeutet und ausgerottet. Die Bevölkerungszahl Hispaniolas sank von 400.000 auf heute kaum noch 200. Ich bin ehrlich, wenn ich dir meine Auffassung hier in größter Trauer mitteile: Die Motive von Kolumbus standen und stehen in engem Zusammenhang mit den Interessen der hierher nachfolgenden Konquistadores: Es geht um Macht und Gold! Nichts anderes ist ihr Ansinnen! In Erwartung eines baldigen Wiedersehens!“

Dein Freund

Bartolomé

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Diese Kurzgeschichte ist zum Monatsthema „Fundsache“ des Schreiblust-Verlages entstanden.  Es steckte sehr viel Recherchearbeit in dem Text, das hat richtig Spaß gemacht. Außerdem wollte ich (aus persönlichen Gründen) den Schiffsnamen „Pinta“ in einem Text verewigen. 

Foto: privat @Manuela Murauer – aufgenommen in Kroatien.
News

Was brauchen wir?

Heute auf dem Blog von Bernhard  https://motivationsgeschichten.com/

entdeckt – ein Zitat von Brooke Hampton;

Nein, wir brauchen nicht mehr Schlaf.
Es sind unsere Seelen, die müde sind, nicht unsere Körper.
Wir brauchen die Natur.
Wir brauchen Magie.
Wir brauchen Abenteuer.
Wir brauchen Freiheit.
Wir brauchen die Wahrheit.
Wir brauchen Stille.
Wir brauchen nicht mehr Schlaf, wir müssen aufwachen und leben!

Brooke Hampton (Schriftstellerin)

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Gedankengeflüster

Spaziergang

Ein Spaziergang mit dir. Ich fühle deinen warmen Atem auf meiner Haut. Meine Füße und deine Hufe im Takt, unser Rhythmus ist eins.
Nach vorne schauen, sich freuen am Augenblick, gemeinsam. Du drehst dich nicht um, denkst nie an das, was war. Es ist nicht wichtig.

Für dich gibt es nur Hier und Jetzt. Du zeigst immer ehrlich, wie du dich fühlst.
Diese Schritte von dir sind manchmal energiegeladen und voller Power. An anderen Tagen sind sie bedächtig und ruhig.

Ich mag noch viel lernen von dir, nicht nur bei unseren Spaziergängen. Keine Worte, die die Stille durchbrechen, nur freier Raum. Unser Raum.

Manchmal streichle ich dein Fell. Du nimmst es zur Kenntnis. Ein Blick in deine Augen verrät deine Loyalität, eintauchen möchte ich darin.

Diese Schritte neben dir, mein Freund, sind kostbar. Lass sie uns hüten wie einen Schatz.
Schon nach kurzer Strecke spüre ich deine Lebensfreude – du bist zufrieden am Augenblick, egal was kommt. Es ist nicht wichtig.

Diese Schritte neben dir, mein Freund, stiften Frieden in mir.

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News

Siegergeschichte Mai

Ich freue mich besonders, dass eine weitere Geschichte von mir beim Schreiblust-Verlag das Treppchen erklommen hat.

Im Monat März war „Piano Man“ und im Monat Mai „Blutmond“ auf Rang 1! Beide Geschichten erscheinen somit im Jahrbuch 2019 in gedruckter Form (erscheint Anfang des Jahres 2020).

Blutmond findet ihr im Untermenü „Mondgöttinnen“ – es handelt sich um Kapitel 7 meiner mystischen Frauen 🙂 – Viel Spaß beim Lesen!

Hier geht´s direkt zur Geschichte: Blutmond

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Mondgöttinnen

Blutmond

Kapitel 7

Sophie öffnet die Augen, ihre Handgelenke schmerzen. Sie weiß nicht, wie sie hierhergekommen ist, warum sie hier, angebunden an einen Baum, vor einem kleinen Haufen mit Holzscheiten steht, kurz vor Einbruch der Dunkelheit. Am Nachmittag war sie noch mit ihrem Hund unterwegs gewesen, Kräuter sammeln.
„Sie ist wach!“, hört sie eine Männerstimme. Sophie möchte sich umsehen, sie ist aber fest und starr mit Händen und Füßen an den Baum gefesselt. Sie richtet den Blick zur Baumkrone. Es ist eine Ulme, die mitten in der Wiese steht.
Plötzlich nähern sich mehrere Gestalten, stellen sich im Halbkreis vor ihr auf. Alle tragen weiße Kapuzengewänder mit jeweils drei eingeschnittenen Löchern vor Augen und Mund.
„Jetzt werden wir dir mal das Fürchten lehren, Alte!“

Sophie riecht Blut, ein kleines Rinnsal läuft von ihrer Stirn über das rechte Auge an ihrer Wange hinab.
„Habt ihr mir eins übergezogen? Zwei Hand voll Männer gegen eine alte Frau? Alle Achtung, ihr könnt stolz auf euch sein!“ Sophie lacht heiser auf.
„Dir wird das Lachen noch vergehen“, meint nun ein Weiterer aus der Gruppe.

„Was habt ihr mit meinem Hund gemacht? Wo ist er?“
„Der feige Köter hat den Schwanz eingezogen und ist weggelaufen!“ Die Männer lachen argwöhnisch.

Sophie schaut in die Ferne, hinter einem kleinen Hügel kann sie den Waldrand erkennen. Ihre Augen suchen die Gegend ab. Dann sieht sie ihn! Zwischen einer kleinen Baumgruppe lugt er hervor, seine Augen fixieren sie. „Hank!“, denkt sie, „mein bester Freund!“. Sophie atmet tief durch und bündelt all ihre Energie, sie konzentriert sich auf ihren Hund und formt mit den Lippen lautlos zwei Worte, sie hofft, er versteht:
„Hole Hilfe!“
„Was machst du da?“ Eine Kapuzengestalt tritt aus dem Halbkreis vor und nähert sich. Sie merkt noch, dass Hank im Wald verschwindet und fühlt, dass er verstanden hat, dann sieht sie in die zwei Augenlöcher des Maskierten. Sophie antwortet nicht, sie starrt weiter auf den Mann vor ihr. Leichter Wind kommt auf, ihre langen, grauen Haare verheddern sich in der Baumrinde, das bodenlange Leinenkleid kringelt sich um ihre nackten Knöchel. Sie spürt die feuchte Erde unter ihren Fußsohlen und ihr Rücken nimmt den Puls der Ulme auf, sie atmet nun mit dem Rhythmus des Baumes.
Am Horizont steigt der Mond langsam in die Höhe, heute ist Blutmond und bevor die Nacht endgültig hereinbricht, taucht der Himmelskörper noch alles in ein sattes Orange.
„Der Himmel brennt“, denkt sie.
Die Kapuzenmänner entzünden die Fackeln in ihren Händen. Der Mann vor ihr ist wohl der Anführer.
„Jetzt lass uns mal zur Sache kommen, Alte. Wir fragen uns schon die längste Zeit, was du mit unseren Weibsbildern machst. Was geht da in den vier Wänden vor, wenn sie bei dir sind? Willst du sie gegen uns aufhetzen? Sie werden aufsässig, das lassen wir uns nicht länger gefallen! Du hast sie verhext.“ Ein anderer aus der Gruppe ergreift nun das Wort:
„Meiner schwangeren Frau hast du versichert, dass ihr die Tropfen, die du verordnet hast, bei der Entbindung helfen werden. Und was war? Sie hat einen Kaiserschnitt gebraucht. Alles Humbug, den du verzapfst!“
„Meine Mathilde kam von deinem Walpurgisfest am Lagerfeuer betrunken nach Hause. Am nächsten Morgen stand kein Frühstück am Tisch und sie hatte den ganzen Tag Kopfschmerzen und war zu nichts zu gebrauchen! Sowas hat es früher nicht gegeben, als du noch nicht hier gewohnt hast. Es ist zum Davonrennen.“
Sophie kann sich ein raues Lachen nicht verkneifen.
„Wie armselig ihr doch seid. Kaum werden eure Frauen wagemutig, denken selbständig, sind lustig und heiter, habt ihr Angst. Dann müsst ihr eine Schuldige suchen, kommt daher, verkleidet wie der Ku-Klux-Klan, und werft mir Hexerei vor? Und dich, Franz, möchte ich fragen – wo warst du, als deine Frau in den Wehen lag? Im Dorfgasthaus bist du gesessen bis spät nachts. Hast dich nicht gekümmert um Frau und Kind!“

Ein stürmischer Wind lässt die Flammen der Fackeln züngeln, die Blätter der Ulme rascheln und die Zweige krümmen sich. Die Spitzen der Kapuzen flattern und die Männer greifen nach ihren Masken.
„Du gibst ihnen verhextes Kraut, Tropfen, Salben – allerlei Hexenkram. Unsere Ehefrauen benehmen sich sonderbar, sie hören nicht mehr auf uns. Deine komischen Feste am Lagerfeuer kannst du dir auch abschminken. Ab heute wirst du sie in Ruhe lassen, wir warnen dich! Wehe, du bringst sie nochmal gegen uns auf.“ Die Gestalt vor ihr hat die Stimme erhoben und fuchtelt wild mit ihrer Fackel vor dem Haufen mit den Holzscheiten.
„Was passiert dann? Verbrennt ihr mich auf dem Scheiterhaufen? Man fasst es nicht!“ Sophie hebt ihren Kopf, sieht in die Baumkrone und lacht laut und aus voller Brust. Ihr düsteres Lachen zieht durch die Wiesen, bis hinauf zum Hügel und in den Wald hinein ist ihre Stimme zu hören, vermischt sich mit dem Wind und hält Einzug in die entlegensten Winkel des kleinen Tales und streift sogar das kleine, abgeschiedene Dorf in der Ferne. Den Männern läuft ein kalter Schauer über den Rücken, sie weichen einige Schritte zurück und tauschen Blicke untereinander aus. Abrupt hört Sophie mit dem
Lachen auf, den Blick noch immer in die Krone der Ulme gerichtet, flüstert sie jetzt leise und rau:

„In der Nacht des Blutmondes bitte ich dich, meine treue Ulme, Stammfrau der Menschheit, schenke mir Kraft, meine Aufgabe zu erfüllen. Ich lehne mich getrost an dich und verbinde mich mit allen Wesenheiten. Ich wende mich an meine Ahninnen, an alle Pflanzen und Tiere da draußen. Schenke diesen Frauen im Dorf Zuversicht und Hoffnung, erlöse sie von Selbstmitleid und pathetischer Dramatik, lass sie wagen und Neues entdecken…….“ Sophie spricht zunehmend leiser und rauer, ihr Brustkorb hebt und senkt sich in raschem Tempo, ihre Stimme ist nur mehr ein Zischeln.
Die Natur scheint sich plötzlich aufzubäumen, die Erde bebt kaum merklich, als würde sich eine Herde galoppierender Pferde nähern. Ein lautes Tosen ist zu hören, ähnlich einer Meeresgischt, die sich mit dem Wind vereint. Glockengeläute und Trommelwirbel, alles in einem dröhnenden, rhythmischen Mosaik.

„Was ist hier los?“ „Um Gottes Willen!“ Die Männer blicken Richtung Himmel und beobachten das Schauspiel. Sophie lächelt und ihre Gesichtszüge scheinen nun zart und jung, sie ist nicht mehr die alte Frau. Der Blutmond steht wie ein Mahnmal hoch am Firmament, leuchtet rot in eine wolkenlose, mit Sternen übersäte Nacht. Plötzlich
erscheint ein Rotmilan vor dem runden Himmelskörper, er fliegt schrill rufend auf die Ulme zu. Ihm folgen Bussard, Habicht und Falke, alle ziehen sie kreischend über den Hügel und umkreisen die Ulme. Der Wind braust auf, das Beben wird stärker und das
Hufgedonner kommt immer näher.
Sophie atmet tief ein und mit klangvoller, jugendlicher Stimme singt sie:

„Det er så kaldt her
vinden tok mine siste lauv
Ormen gneg i grunna
kvasst eg eldest
Elden som tek – Liv

Djupt or djupet
Hjerte hamrar
Djupt or djupet
Hjerte slår
Lik stein slår gneist
slår gneist til bringas
brisingeld
slår gneist til hjartet
til hug og blod“

Der Wind erfasst die Kapuzen der Männer und trägt sie fort, wild gestikulierend laufen sie durcheinander.
„Sie ist wirklich eine Hexe! Kommt, lasst uns verschwinden“, ruft ein älterer Mann. Er stolpert über eine Baumwurzel und fällt mit der Fackel voran in den Scheiterhaufen.
Panisch richtet er sich auf, lässt die Fackel liegen und läuft den anderen hinterher. Das Holz fängt Feuer, der Scheiterhaufen brennt, in der Nähe eines kleinen Dorfes im Allgäu im 21. Jahrhundert.

Doch Sophie lächelt, ihre bernsteinfarbenen Augen funkeln, sie schaut Richtung Waldrand. Sie spürt die Wärme der Flammen auf ihren Wangen glühen und hört die donnernden Hufe näher kommen. Und zum Kreischen der Vögel, dem Windgetöse und Meeresrauschen mischt sich nun das Jaulen des Wolfes in der Ferne.

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Foto von: https://www.deviantart.com/thanith-cs/art/Blutmond-321713848

Ein weiteres Kapitel der „Mondgöttinnen“! Dieser Text hat im Monat Mai am Schreibwettbewerb des Schreiblustverlages (Schreiblust Verlag) zum Thema: „Hexenverfolgung“ teilgenommen. Meine Sophie hat Rang 1 erreicht 🙂 und ich freue mich sehr, dass auch dieser Text im Jahrbuch 2019 des Verlages erscheinen wird. 

Die Musik am Schluss des Textes ist in norwegischer Sprache von der Band „Wardruna“. Ich höre gerne mystische Musik, wenn ich beim Schreiben bin, wenn wir am Lagerfeuer sitzen oder / und wenn ich räuchere. Mehr dazu hier (inkl. Übersetzung von Norwegisch auf Deutsch und Hörprobe): https://lyricstranslate.com/de/wardruna-naudir-lyrics.html