Fabelwesen

Die letzte Fahrt

Wieder nehme ich diesen Monat an dem Schreibprojekt #oneshortyear teil:

Worum gehts? Am Ende jeden Monats (von Juli 2020 – Juli 2021) gibt es jeweils ein Thema – gesucht werden Kurzgeschichten von entweder bis zu 1000 Worten, oder einen Prompt mit deutlich mehr Worten usw. usf…… 

Wer es am Ende (Juli 2021) in die Anthologie schafft, wird erst nach Ablauf des langen kurzen Jahres bekanntgegeben. 

Thema August 2020: 

Hier meine Geschichte:

Er stand am Bug des Schiffes und hielt sich mit einer Hand am Tau der Takelage fest. Der Wind peitschte ihm erbarmungslos die Gischt ins Gesicht, seine dunklen Locken klebten auf der Haut. Seinen Kopf gegen den Himmel gerichtet, flehte er die Götter an, die Meeresbewohner zu beruhigen. Die Ruderer an Bord kamen schwer voran, manche riefen ihm zu:

„Orpheus, hilf uns doch! Musiziere und beruhige die Götter!“ Mit Mühe kletterte er auf den rutschigen Dielen zu seiner Lyra und begann zu musizieren. Im Rhythmus gab er den Seemännern den Takt vor, besänftigte das wütend gewordene Meer und endlich konnten sie bei ruhiger See durch die Ägäis segeln.

„Das war knapp“, meinte ein Ruderer später und klopfte Orpheus freundschaftlich auf die Schulter. Die Sonne erhellte wieder das Firmament und trocknete die Kleidung der Seefahrer, die bis auf die Haut nass geworden waren. Zum Dank spielte er weiter auf seiner Lyra und bald erreichten sie die Insel Lesbos. Reges Treiben herrschte im Hafen und nach einem kurzen Marsch kamen sie in eine kleine Stadt. Sie wollten sich stärken von der anstrengenden Fahrt und entlang der Stadtmauer wurden die ersten Waren feilgeboten.

Orpheus fiel eine bedrückte Stimmung auf, ganz anders, als auf den restlichen Inseln, die sie bisher erreicht hatten. Die Landwirte mit ihren Eselkarren, Töpfer und Schmiede, die Frauen an den Ständen, in kümmerliche Kleider gehüllt, hatten alle einen abweisenden Gesichtsausdruck. Oder war es gar Trauer, die Orpheus in ihren Augen sah?

„Was ist den Menschen hier widerfahren?“, wandte er sich fragend an einen Mannschaftskollegen.

„Lesbos ist bekannt dafür, dass die Menschen hier sehr arm und unglücklich sind. Es fehlt ihnen an den schönen Dingen des Lebens. An Musik, Kunst, Vergnügen.“ Sie saßen an einem kleinen, wackeligen Holztisch und verspeisten Oliven und Schafskäse mit einem Becher Wein. Die gedämpften Stimmen der Händler im Hintergrund boten Waren feil und wurden nur wenig von den Vorbeimarschierenden beachtet, die alle ihre Köpfe einsteckten und ihren Blick auf die staubige Straße richteten.

„Meiner Frau Eurydike, die Götter mögen sie seelig ins Reich aufgenommen haben, versprach ich am Sterbebett, meine Musik weiterzuführen und Gutes zu tun. Meint ihr, ich könnte hier auf der Insel mit meiner Lyra die Leute wieder fröhlicher stimmen?“ Die Seeleute erhoben ihre Weinbecher und prosteten ihm zu:

„Ja, Orpheus! Wunderbar!“ Ein junger Matrose sprang auf eine kleine Steinmauer und rief den Menschen zu:

„So kommt und hört! Orpheus ist auf eurer Insel und wird euch mit seinem Gesang den Tag erhellen und erträglicher machen. Kommt herbei!“ Euphorisch die Hände schwingend, bedeutete er den Bewohnern, näher zu treten. Orpheus nahm seine neunsaitige Harfe und begann zu musizieren.

Bald drängten Männer, Frauen und Kinder mitsamt Eseln und Ochsen um den kleinen Platz und lauschten seiner Stimme. Manche hatten Tränen in den Augen, andere tanzten zur Musik, wieder andere nahmen ihre Mitbürger bei der Hand oder fielen sich in die Arme. Den ganzen Nachmittag erfreuten sich die Bewohner der Stadt an der Darbietung von Orpheus.

Auch nächsten Tag und übernächsten Tag konnten es die Menschen kaum erwarten, ihn zu hören. Er hatte große Freude daran, die Einwohner glücklich zu sehen und in Gedanken war er bei seiner verstorbenen Frau Eurydike. Die Bewohner sprachen mit leiser Stimme:

„Mit seinem Gesang und der Dichtkunst kann er Götter betören, auch Menschen und sogar Tiere, Pflanzen und Steine. Bäume neigen ihm sich zu, wenn er spielt, und die wilden Tiere scharen sich friedlich um ihn.“

Nach einer Woche stand Orpheus im Hafen und verabschiedete sich von seinen Seefahrern.

„Dies war meine letzte Fahrt. Ich werde hier bleiben, es ist wohl meine Bestimmung.“

„Wir werden wiederkommen, Orpheus. Dann lass uns die Weinbecher erheben und uns deiner Gesangskunst lauschen.“ Die Mannschaft bestieg das große Schiff, nahm an den Rudern Platz und verließ den Hafen.

Bei seinem nächsten Auftritt bemerkte Orpheus unter den Zuhörern eine Frau, sie verweilte in der hintersten Reihe und beobachtete das Treiben. In einem ultramarinblauen seidenen Kleid mit aufgestickten fünfzackigen Sternen aus feinsten Goldfäden stand sie reglos in der Menge mit versteinerter Miene. Ihr blondes, langes Haar wehte im Wind und sie wirkte erhaben und elegant. Sie tanzte nicht, lachte nicht und sie sprach auch nicht mit den anderen. Manchmal blickte sie Orpheus tief in die Augen, als wolle sie ihn verführen. Entgegnete er mit einem Lächeln diesen Blick, wandte sie den Kopf ab und verschwand.

Jeden Tag kam sie auf den Vorplatz an der Stadtmauer und während einer Mittagspause, als es unerträglich heiß wurde, drängte er sich durch die Menge auf die betörend schöne Frau zu. Mit einer leichten Verbeugung stellte er sich vor und fragte nach ihrem Namen.

„Ich heiße Europē“, entgegnete sie mit gehaltvoller Stimme.

„Nun, Europē, wie kommt es, dass du täglich meiner Darbietung lauschst, obwohl sie dir augenscheinlich nicht gefallen mag?“, fragte er gutmütig. Sie verzog ihren Mund zu einem abscheulichen Lächeln. Schlagartig war ihr Gesichtsausdruck nicht mehr feminin und zart, es glich eher einer Fratze. Mit spitzer Zunge und bebender Stimme antwortete sie:

„Ich bin lediglich hier um zu beobachten. Es interessiert mich nicht, wie du Menschen betörst und ihnen den Kopf verdrehst. Auf mich wirkt das nicht, es ist geheuchelt und ich harre der Dinge, die da kommen mögen!“, fauchte sie ihn an. Bei ihren Worten wich Orpheus jäh zurück und er konnte nicht fassen, was er gehört hatte.

„Aber ist es denn so schlimm, Gutes zu tun? Den Menschen wieder Zuversicht, Freude und Glück zukommen zu lassen? Viele Bewohner hier leiden Hunger und sind von Kriegsfahrten heimgekehrt, haben schreckliches Elend gesehen. Was ist verkehrt daran, ihnen mit ein wenig Gesang, Musik und Dichtkunst den Weg zu ebnen nach den reinen, feingeistigen Freuden und nach der Liebe?“

Lange Zeit starrte sie ihm in die Augen. Der Wind schien still zu stehen und es war, trotz der Mittagshitze, eine frostige Kälte zu spüren. Die Menschen, die vorher den Platz säumten, hatten die Worte von Europē gehört und liefen eilig weg vor Angst.

„Liebe, Mitgefühl, Empathie kann man nicht erzwingen, du Narr!“, entgegnete sie giftig und verließ den Platz.

   

Bild: Orpheus Taming Wild Animals, mosaic, 194 AD – aus: https://lbslatin.wordpress.com/author/alisoncrevi/

veröffentlicht auf: www.verdichtet.at

Private Wiese

Mutterpflicht

„Wenn wir wahren Frieden in der Welt erlangen wollen, müssen wir bei den Kindern anfangen!“

Mahatma Gandhi

Es stimmt mich unglaublich traurig, was tausende Menschen auf der Insel Lesbos gerade erleiden müssen. Gefühlt zwei Handvoll Flugkilometer von meinem Heimatort entfernt, in Europa (!), müssen Menschen, Babies, Kinder, Hunger leiden. Im Jahr 2020!

Und das Leid geht weiter: ab heute wurde den freiwilligen Helfern vor Ort verboten, irgendetwas zu verteilen. Bis zu 13.000 Menschen sollen in ein Camp, welches für max. 4.000 Menschen Platz bietet. Bei Abgabe von Essen, Wasser, Windeln etc. wird den Helfenden mit empfindlichen Strafen bzw. mit Verhaftung gedroht. Wieso lässt man Griechenland seit Jahren allein? Viele Versprechungen – nichts passiert.

Was ist mit uns Menschen passiert?

Ein weiteres Zitat von Mahatma Gandhi lautet:

„Die Geschichte lehrt die Menschen, dass die Geschichte die Menschen nichts lehrt!“

Ich sehe es als meine fühlende (Mutter)pflicht und als meine Pflicht als Oma an, hier dringend zu helfen. Eine Österreicherin ist gerade eben vor Ort in Moria – ihre Worte auf ihrem Blog, ihre Zeilen auf Instagram treiben mir Tränen in die Augen! Vielleicht mögt ihr Doro Blancke unterstützen?

https://doroblancke.at/

Geheimnisvolle Abzweigungen

Goodbye

Aktuell nehme ich an einem Schreibprojekt teil, es heißt: #oneshortyear

Worum gehts? Am Ende jeden Monats (von Juli 2020 – Juli 2021) gibt es jeweils ein Thema – gesucht werden Kurzgeschichten von entweder bis zu 1000 Worten, oder einen Prompt mit deutlich mehr Worten usw. usf…… 

Wer es am Ende (Juli 2021) in die Anthologie schafft, wird erst nach Ablauf des langen kurzen Jahres bekanntgegeben. 

Thema Juli 2020: 

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Mein 3. Song in meiner Lieblingsplaylist am Handy lautet: „Seconds“ von U2 (zum Reinhören: youtube song „seconds“ von U2 )

Und hier meine Geschichte:

Goodbye

Vor vielen Jahren, irgendwo in der Nähe vom Times Square, trafen sie sich erstmals. Seine Kollegen wurden ihm nicht näher vorgestellt, sie waren, ähnlich wie er, hochgewachsene, dünne Gestalten mit fahler Gesichtshaut, sie sahen aus wie Zombies, die gerade ihren miefigen Kellern entsprungen waren. John hatte keine Wahl, er hatte das Wissen und die Fertigkeit und was er noch hatte: jede Menge Schulden. Die Sorgen um die Familie, und wie er Frau und Sohn durchfüttern sollte, raubten ihm den nächtlichen Schlaf. Es waren harte Zeiten, es herrschte Krieg. Er musste diese gut bezahlte Arbeit annehmen.

Wie Diebe in der Nacht schlichen sich er und seine Kollegen in das aufgelassene Fabrikgebäude und bauten wortlos Tag für Tag mit zittrigen Fingern und in Schutzkleidung gehüllt an diesem Teil. Sie sprachen nicht miteinander, jeder einzelne von ihnen wusste, was zu tun war. Über Konstruktionspläne gebeugt gingen sie ihrer Arbeit nach. Dennoch – sie waren nur Marionetten in einem System, wo die Fäden anderswo gezogen wurden. Das Geld der Mächtigen und Einflussreichen hatte sie gelockt. Sie wussten genau, entweder sie machen ihr Ding richtig und möglichst schnell, oder sie würden mit dem Leben bezahlen.

Die Drahtzieher saßen in mondänen Büros in London, New York, Moskau oder Peking – niemand wusste das so genau! Gekleidet in teure Anzüge und mit Luxusuhren an den Handgelenken sprachen sie Befehle und Aufträge auf Tonbänder, die John anonym übermittelt wurden.

Aufstieg und Fall einer ganzen Generation lag in den Händen dieser hochrangigen Männer. Es war alles genau durchgeplant und die Ziele waren ausgewählt.

„Machen oder sterben! Ihr habt keine Wahl. Merkt euch, es dauert nur Sekunden, um Goodbye zu sagen, wenn ich den Knopf drücke!“

Und so schlichen sie weiter, wie Diebe in der Nacht. Sie bauten und konstruierten und warteten auf den Tag, an dem sie ihr Lösegeld bekamen und sich aus dem Staub machen konnten. Egal, ob sie zukünftig die Welt nur mehr bei Kerzenlicht sehen würden. Sie wussten, sie würden mit der Hölle bezahlen.

Und so erschufen sie die Atombombe und John sah in seinen Träumen Blitze am Firmament, von Ost nach West und von Nord nach Süd. Die Stimme aus dem Tonband wiederholte sich in seinem Kopf laut und furchteinflößend: „Es dauert nur Sekunden, um Goodbye zu sagen!“

***

Vierundsiebzig Jahre später sitzt Johns Enkelsohn Tom in einem modernen Labor, irgendwo in London, New York, Moskau oder Peking – niemand darf das so genau wissen. Tom hat keine Wahl, er hat das Wissen und die Fertigkeit und was er noch hat: jede Menge Schulden. Die Sorgen um die Familie, und wie er Frau und Sohn durchfüttern sollte, rauben ihm den nächtlichen Schlaf.

An seiner Seite arbeiten Frauen und Männer in Schutzanzügen und mit Einweghandschuhen, sie forschen und studieren an Viren und deren Auswirkungen. Sie testen an Tieren und führen genaue Aufzeichnungen. Tag für Tag gehen sie ihrer Arbeit nach, wie Diebe in der Nacht betreten sie ihren Arbeitsplatz, wohl wissend, wie gefährlich ihre Arbeit für die ganze Menschheit ist. Dennoch – sie sind nur Marionetten in einem System, wo die Fäden anderswo gezogen werden. Das Geld der Mächtigen und Einflussreichen hat sie gelockt. Sie wissen genau, entweder sie machen ihr Ding richtig und möglichst schnell, oder sie würden mit dem Leben bezahlen. Wenn sie es nicht machen, macht es jemand anderer.

Großer Reichtum wird ihnen versprochen, ein sorgenfreies Leben für die ganze Familie, wenn sie diese Forschung zu Ende führen. Die Drahtzieher sitzen in klimatisierten Büros in einer Großstadt irgendwo auf der Welt. Gekleidet in teure Anzüge und mit Luxusuhren an den Handgelenken.

Aus anonymisierten Handys erhält Tom Befehle, er muss seinen hochrangigen und mächtigen Auftraggebern über den Verlauf der Forschung berichten.

Aufstieg und Fall einer ganzen Generation liegt in ihren Händen, das weiß Tom. Weltweit wird ihre Entwicklung Schaden in großem Ausmaß anrichten können, auch das ist ihm bewusst. Aber er hat keine Wahl mehr, die Mächtigen und Einflussreichen haben sein Schicksal in der Hand. „Machen oder sterben! Ihr habt keine Wahl. Merkt euch, es dauert nur Sekunden, um Goodbye zu sagen, wenn ich das Virus freisetze!“

Und so schleichen er und seine Kollegen weiter, wie Diebe in der Nacht. Sie forschen und vermehren und studieren mit den Viren und warten auf den Tag, an dem sie ihr Lösegeld bekommen würden und sich aus dem Staub machen konnten. Egal, ob sie zukünftig krank werden oder Verwandte, Freunde von ihnen daran sterben würden. Sie wissen, sie würden sowieso mit der Hölle bezahlen.

Und so erschaffen sie eine Pandemie in Reagenzgläsern und Tom sieht in seinen Träumen Blitze am Firmament, von Ost nach West und von Nord nach Süd. Die Stimme aus dem Handy wiederholt sich in seinem Kopf laut und furchteinflößend: „Es dauert nur Sekunden, um Goodbye zu sagen! Für immer!“

 

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Lyrikpfad

Inspiration August

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Wie unter „News“ schon angekündigt, herrscht hier leider immer noch Flaute im Blog. Aber ich gebe zu, im Hintergrund arbeite ich an einer aktuellen Geschichte zu einem neu ins Leben gerufenen Schreibprojekt und ich bin nicht ganz untätig 😉 . Außerdem habe ich mich nun fix für ein Wochenend-Schreibseminar im Jänner 2021 angemeldet. Man kann ja bloß hoffen, dass 2021 in allen Belangen ein viel besseres Jahr wird!

Einstweilen folge ich dem Rat von Erich Kästner. 

 

Gedankengeflüster

Vom Abstandhalten und vom Händeschütteln

Es ist ein eigenartiges Gefühl. Ich wollte gerade eine Fortsetzungsgeschichte schreiben und lese mir die „Originalstory“ vom August 2019 durch.

Dort schütteln die Protagonisten sich die Hände, umarmen sich, ein Unbekannter aus einem kroatischen Dorf berührt sogar meine Protagonistin aus Österreich, vom Abstandhalten keine Spur und alles ohne Schutzmasken! 

Ist es nicht verrückt, was sich in wenigen Monaten alles verändert hat? Wie ungewohnt jetzt vieles erscheint? Wenn ich mir Fotos von „vor-Corona“ anschaue, herzliche Umarmungen, Städteausflüge (U-Bahnen und Züge überfüllt….), Besuch eines Live-Konzertes mit über 50.000 Zuschauern im Stadion, eine große Messe in Augsburg besucht, bei der die Menschenmassen sich von Aussteller zu Aussteller schlängeln, eine feuchtfröhliche Faschingsfeier, bei der man mit wildfremden Menschen eng im Kreis tanzt……

Ja, es ist verrückt!

Ich überlege gerade: wie schreibe ich die Geschichten zukünftig? Dürfen sich in meiner Phantasie die Menschen noch umarmen und sich die Hände reichen? Und müssen sie Masken tragen?

Vielleicht schlafe ich mal eine Nacht darüber.

 

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„Umarmung“