Gedankengeflüster

Schneeschmelze

Rosa lief mit der Öllampe in der Hand durch die finstere Nacht, ein eisiger Wind peitschte ihr die Schneeflocken hart ins Gesicht und es fiel ihr schwer, durch die hohen Schneeverwehungen vorwärtszukommen.
„Schnell, Mädel, lauf zur Hebamme und bring sie her! S‘Nannerl bekommt ihr Kind!“ Mit diesen Worten hatte sie die alte Bäuerin mitten in der Nacht geweckt.
Die einzigen, knöchelhohen Paar Schuhe von Rosa waren abgetragen und löchrig, das dicke Leinenkleid hing nass und kalt an ihren schmalen Beinen, der Lodenmantel war fadenscheinig und wärmte nur wenig. Seit fünf Jahren war sie jetzt beim Seppenbauern als Dienstmagd angestellt, und in dieser Zeit, seit ihrem zwölften Lebensjahr, war sie nicht mehr richtig gewachsen. Sie sah auch nicht aus wie siebzehn, sie war klein, schmal und unterernährt. Rosa hatte jeden Tag Hunger, aber das interessierte niemanden.
„Sei froh, dass du ein Dach über dem Kopf hast und eine warme Suppe, bei deiner Großmutter wärst du längst verhungert!“, hatte sie die Altbäuerin mal geschimpft.
Endlich angekommen bei der Hebamme machten sich die zwei Frauen schnell auf den Rückweg zum Bauernhof, Rosa war keine Pause gegönnt. Gerade noch rechtzeitig zur Niederkunft kamen sie an. Für Rosa brach eine anstrengende Zeit an, sie musste die kommenden Wochen den Säugling hüten, damit sich die Jungbäuerin von der Geburt erholen konnte.

Um spätestens 21 Uhr fiel Rosa jeden Abend müde, abgekämpft und hungrig ins Bett, neben ihr schlief der Säugling in einem geflochtenen Korb. Sobald das Kind zu schreien anfing, brachte Rosa es zu Nannerl zum Stillen. Sie musste warten, bis es fertig getrunken hatte und nahm es wieder mit in ihre kleine Kammer. Es war eisig kalt, Rosa packte den Säugling ganz warm ein und achtete darauf, dass das Kind nicht fror. Um vier Uhr früh stand Rosa auf, heizte den Ofen in der Küche und der Stube und versorgte dann die Tiere am Hof. Der Wind pfiff um die Stallungen, Rosa zitterte am ganzen Leib. An den Kühen und Kälbern konnte sie sich wenigstens ein klein wenig wärmen, während sie den Stall ausmistete.
Nach der Stallarbeit gab es für alle ein kümmerliches Frühstück – lauwarme Milchsuppe mit etwas Brot. Die Dienstboten bekamen das alte, harte Brot von der Vorwoche, nur der Herrschaft war das frisch gebackene vorbehalten.

Nach diesen anstrengenden Wochen wurde Rosa krank. Sie hatte hohes Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen und sie hustete sich die Seele aus dem Leib. Der alte Knecht, Matthias, bemerkte Rosas glühende Wangen beim Frühstück und sprach die Altbäuerin an:
„Die Rosa gehört ins Bett und ein Arzt muss her. Seht euch das Mädel doch an? Die stirbt euch noch weg.“
„Das wäre ja noch schöner! Wer soll denn für die Arztkosten aufkommen? Die hat doch nichts Erspartes! Und bis Maria Lichtmess bleibt sie hier am Hof als Dienstmagd!“, keifte die Alte.
Der Seppenbauer funkelte Rosa streng an und spuckte abwertend auf die Holzdielen.
„Na, wo hast dich denn herumgetrieben, weil du plötzlich so krank bist?“, meinte er.
„Kann ich bitte heißen Tee haben und eine kräftige Suppe, Bauer? Dann werde ich sicher schnell wieder gesund“, flehte Rosa die Bauersleute an.
„Nichts da. Geh an die Arbeit. Wo kommen wir denn da hin, wenn plötzlich jeder eine Sonderbehandlung möchte?“ Die Bäuerin ging wieder zurück in die Küche an den Herd.
Matthias schüttelte den Kopf und nahm Rosa an der Hand.
„Komm, Rosa. Ich helfe dir.“ Am Vormittag musste Rosa immer die schweren Wasserkübel vom Brunnen in den Stall tragen und das Vieh tränken. Außerdem war noch das Getreide mit einem Dreschflegel zu schlagen, damit die Pferde am Hof Korn hatten.
Mit zittrigen Beinen und aus voller Brust hustend verrichtete sie ihre Arbeiten. Der Knecht half ihr, soweit es möglich war, denn er hatte selber noch einiges an Aufgaben zu erledigen.
Rosa konnte an diesem Abend nicht einschlafen. Sie wollte am liebsten weglaufen, aber sie wusste nicht, wohin. Bis Anfang Februar war sie verpflichtet am Hof. Erst dann bekam sie ihren Lohn vom letzten Jahr ausbezahlt. Wenn es die Bauersleute gut mit den Dienstboten meinten, gab es zusätzlich vielleicht noch Schuhe oder neue Kleidung. Sie hielt das bei den Seppenbauern aber für sehr unwahrscheinlich.
Die Bettwäsche in der Kammer waren mit einer dünnen Eisschicht bedeckt. In den Räumen der Dienstboten herrschte im Winter immer eisige Kälte. Rosa hielt es nicht mehr aus, sie schleppte sich in den Stall, legte sich neben die Kälbchen ins Stroh und deckte sich mit alten Leinensäcken zu. Bald fiel sie in einen tiefen Schlaf.

Ganze vier Tage blieb sie so im Stall liegen, trank manchmal einen Schluck Milch aus dem Euter der Kühe und legte sich wieder hin. Niemand kümmerte sich um sie, aber zum Glück wurde sie auch nicht mehr aufgefordert, ihrer Arbeit nachzugehen.

Am fünften Tag ging sie verschmutzt, stinkend und abgemagert über den Hof zum Bauernhaus. Ein Pferdegespann fuhr gerade durch das Einfahrtstor und auf dem Kutschbock saß der Alois aus dem benachbarten Ort. Rosa kannte ihn schon länger, er holte sich immer Holz vom Seppenbauern. Er hatte sich vor einiger Zeit mit seiner Frau ein kleines Haus am Dorfrand gebaut, er war Hufschmied und verdiente sich damit mehr recht als schlecht den Unterhalt. Die meisten Bauern zahlten in Naturalien, er hatte wenigstens zu essen. Vor einigen Jahren war die Frau von Alois gestorben, an der Schwindsucht, wie es hieß.
„Rosa! Bist du das?“, rief er entsetzt. „In aller Herrgottsnamen, wie siehst du denn aus?“
„Ich war krank, Alois. Jetzt geht es mir aber wieder besser.“ Rosa war beschämt und schlüpfte schnell durch die Tür ins Haus.
Sie nahm einen Holzkübel, um Wasser zu holen. Der Brunnen lag außerhalb des Hofes, in der Nähe des Einfahrtstores. Aus dem Hofinneren hörte sie plötzlich laute Stimmen.
„Bist du denn von allen guten Geistern verlassen? Die Rosa sieht ja schrecklich aus! Lässt du sie verhungern?“, hörte sie die Stimme von Alois.
„Das sind nicht deine Angelegenheiten! Die Rosa soll froh sein, dass sie bei uns ist. Ihre Großmutter kann sich nicht noch um ein weiteres Balg kümmern.“
„Am liebsten würde ich sie einpacken und mitnehmen. So kann das nicht weitergehen, Sepp! Soll ich dem Arzt sagen, er muss mal vorbeischauen? Dann wirst du aber dein blaues Wunder erleben!“
„Das Angeld ist bezahlt, die Rosa bleibt bis Lichtmess hier! Dann kannst du sie von mir aus holen, das unnütze Weibsbild.“
Rosa lief schnell in das Haus zurück, ehe sie jemand sah. Ihr Herz pochte! Konnte das wahr sein? Würde sie wirklich endlich wegkönnen von diesem Hof? Bis zweiten Februar waren es nur noch einige Tage, die hielt sie sicher noch aus.
Abends hörte sie dann die Bauersleute über Alois reden, sie lachten und machten Witze. Sie wollten es nicht glauben, dass der Mann so dumm sein konnte.

Pünktlich an Lichtmess begann die Schneeschmelze und an diesem Tag fuhr Alois auf den Hof.
Die Altbäuerin wartete an der Eingangstür und stemmte ihre Arme in die breite Taille.
„Na, Alois? Meinst du es wirklich ernst? Bist um die Rosa gekommen?“, fragte sie ihn mit scheinheiliger Stimme.
„Das ist richtig. Wo ist sie? Ich nehme sie gleich mit.“
„Ich verstehe gar nicht, was du dir an dem Mädel siehst, hässlich, wie sie ist. Und zur Arbeit taugt sie auch nicht“, fauchte die Alte weiter.
Rosa hatte ihr bestes Kleid angezogen, ihren kleinen Lederkoffer in der Hand und schlich sich an der Bäuerin vorbei.
„Rosa, hast du auch deinen Lohn vom letzten Jahr bekommen, wie es dir zusteht?“, fragte Alois leise.
„Ja. Es ist zwar nicht viel, aber immerhin kann ich heute den Hof verlassen.“ Rosa lächelte.
Geschickt kletterte sie auf den Kutschbock und beide fuhren sie vom Hof des Seppenbauern. Ein Jahr später heirateten sie. Alois war zwölf Jahre älter als Rosa und die Ehe blieb kinderlos.
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Der Schnee schmilzt unter meinen Stiefeln, das Februarlicht dringt sanft durch die knorrigen Äste der Pappeln am Friedhofsweg. Ich zünde eine Kerze an, wie alle Jahre an Maria Lichtmess. Auf dem Grabstein steht in geschwungener Schrift:
Maria Gruber 1901 – 1926
Alois Gruber 1899 – 1977
Rosa Gruber 1911 – 2000
Tante Rosa hat meinem Mann und mir damals das kleine Haus vererbt. In ihrer Schlafkammer habe ich in einer alten Holzkommode die Tagebücher gefunden. Sie hat erst später ihre Erlebnisse in dünne Hefte geschrieben. Die Kriegsjahre haben sie einigermaßen gut überstanden, die Pferde wurden gebraucht und mussten ja beschlagen werden, Alois hatte immer Arbeit. Rosa war an der Seite ihres Mannes glücklich gewesen. Sie war ihm eine gute Ehefrau.
Die Enkeltochter zupft an meinem Mantel: „Oma, wer ist denn hier begraben?“
„Hier liegt meine Tante Rosa, liebe Laura. Eine wundervolle Frau, die von Onkel Alois aus der Eiseskälte gerettet wurde.“

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Diese Kurzgeschichte  hat beim Schreiblust-Verlag (http://schreiblust-verlag.de/) zum Monatsthema „Eiseskälte“ im Februar 2019 teilgenommen.

Vergangenes Wochenende wurde sie auf der Seite von verdichtet.at  veröffentlicht.

Unsere Tante Rosa war eine einfache Landarbeiterin (so steht es auch als Berufsbezeichnung in ihrem Pass 🙂 ) , sie war eine bescheidene Frau mit viel Humor und einem lustigen Funkeln in den Augen, bis ins hohe Alter.

 

News

Nutzt du die Stille?

Wenn man schon eine Weile unter den Bloggern ist, so wie ich (ich betreibe ja seit Jahren mittlerweile drei Blog´s), folgt man natürlich auch anderen Bloggern, die ähnliche Themen anbieten, oder deren Seite mich mit den unterschiedlichsten Beiträgen anspricht.

So auch die Seite Schreiben als Hobby von Rhiannon Brunner.

Gestern hat sie einen sehr interessanten Beitrag auf ihrer Seite gepostet, den ich gerne mit euch teilen möchte (ich habe natürlich bei Rhiannon vorher um Erlaubnis gefragt – danke Rhiannon).

Wie ihr wisst, verbringe ich gerne meine Freizeit im Wald, in der Natur, bei den Tieren. So entstehen dann in Ruhe, in der Stille, meine Texte im Kopf, die ich dann später aufs Papier bringe (besser gesagt auf die Tastatur).

Und um die Frage von Rhiannon zu beantworten: Ja, ich nutze die Stille sehr gern, ich bin gern ein „Spinner“ und brauche diese achtsame Zeit sehr dringend.

Nun zum Artikel (nachzulesen auch hier – Nutzt du die Stille? )

Laut ist es in unserer hektischen Welt geworden.
Lärm gehört längst zum Alltag dazu, vorrangig, wenn du in einer größeren Stadt wohnst. Menschen, die die Ruhe vorziehen, werden häufig als »Spinner« bezeichnet. Früher verstanden Menschen die Vorzüge des »in-sich-gehens«, wie es heute oftmals verloren ging.
Viele lassen sich Dauerberieseln und »fremdlenken«, doch damit verlieren sie auch ihre eigene Individualität – und das vor allem, weil es bequemer und ablenkend ist. Viele der jungen Generation kennen es gar nicht mehr anders.
Ich sehe es in meinem persönlichen Umfeld, in einer Familie, wo der Sohn, ein Volksschüler, nicht ohne Hintergrundgeräusche sein kann und der ohne seine elektrischen Spielsachen beinahe durchdreht. Im Vergleich dazu die ältere Schwester, die Bücher liest und sich trotz ihrer jungen Jahre verantwortungsbewusst verhält.
Es geht hier nicht um Sinn oder Unsinn moderner Gerätschaften, als vielmehr zu begreifen, wie viel wir alle verlieren können, wenn wir nicht ab und zu innehalten, durchatmen und still sind. In dieser Stille liegt Kraft, die von vielen gern übersehen wird.
Wege zur Stille und zur Ruhe zu kommen gibt es viele, ob du es nun mit (ZaZen)Meditation, Waldspaziergängen oder Kontemplation versuchst, spielt keine Rolle, solange es für dich das Richtige ist.
Ziel ist im Regelfall Achtsamkeit, Gelassenheit und innere Ruhe zu finden.
In Japan beispielsweise wird seit einigen Jahren das »Waldbaden« ärztlich verordnet. Das Eintauchen in die Natur, tiefes Durchatmen mitten im Wald und die Ruhe zu genießen fällt anfangs schwer, aber bald schon »dockt« der Mensch an und erhält Ausgeglichenheit.
Welchen Weg der Besinnung wählst du und warum?

https://myskaldkonur.com

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News

Update Seite

Diesen Blog gibt es noch nicht ganz ein Jahr und ich habe einige Veränderungen / Anpassungen durchgeführt. Mittlerweile haben sich doch schon etliche Texte hier angesammelt und ich habe deshalb Untermenüs eingebaut.

Auch das Titelbild habe ich abgeändert.

Mit WordPress muss ich mich noch näher befassen, da stecken einige Möglichkeiten drin, die ich leider alleine nicht umsetzen konnte 🙂 .

Ich bin froh, diese Seite hier gefunden zu haben:

https://www.blogheim.at/

Hier habe ich bei Fragen zum Bloggen immer beste Unterstützung! Kann die Seite nur empfehlen! Ein großes Dankeschön an Jürgen an dieser Stelle.

Ich hoffe, meine Änderungen gefallen euch und ihr schaut öfter mal rein. Es gibt laufend neue Texte, Gedanken, Kurzgeschichten, Lyrik…..

Eure

Manuela

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Lyrikpfad

Ich bin reich beschenkt

Dankbar bin ich, für so ein Leben!
Wenn Träume sich in Formen weben.

Neben den Tieren, umgeben von Natur,
einatmen, aufatmen, durchatmen pur.

Möchte Danke sagen, für Gesundheit und Glück,
so ist man dem Himmel näher, ein kleines Stück.

Von Herzen auch dankbar, dass es sie gibt,
Momente, Gefühle – darin verliebt.

Durch die Tiere habe ich vieles gefunden,
wahre Bereicherung, diese Stunden!

Tut so gut, diese Harmonie hier im Stall,
fern der Hektik – spür` sie überall.

Friede bei den Tieren, mehr Stille für uns alle,
Achtsamkeit und Demut, von Herzen empfunden.

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Gedankengeflüster

Hey, Mercedes!

(Achtung, diese Kurzgeschichte enthält Produktplatzierungen 🙂 )

Sie steht müde in der neuen Designerküche und schaltet die Nespresso-Maschine ein. Vor dem Küchenfenster wirbeln dicke Schneeflocken im Halbdunkel, die Fensterläden klappern gedämpft und halten dem starken Wind stand. Leise surrt Kaffee in die kleine Espressotasse, der würzige Duft steigt ihr in die Nase, sie muss an George Clooney denken. Während sie ihren ersten Schluck zu sich nimmt und ihren Gedanken nachhängt, poltert ihr pubertierender Sohn in die Küche. Die Kopfhörer im Ohr, den Blick aufs Smartphone gerichtet, tastet er nach der Kühlschranktür.
„Guten Morgen, Jonas.“ Ohne eine Antwort nimmt er Orangensaft aus dem Kühlschrank, trinkt in einem Satz die halbe Flasche leer und stellt sie auf die Anrichte. Sie kippt um und ein dünnes Rinnsal tropft auf die Steinplatte und anschließend über die weiße Hochglanzfront. „Really, George?“, denkt sie und schmunzelt.
„Alexa, setze Orangensaft auf die Einkaufsliste“, murmelt Jonas und verlässt die Küche.
Beate wischt sauber und entsorgt die PVC-Flasche. Sie atmet tief durch und sieht sich das Schneetreiben an.

„Wie soll ich heute bloß zu meinem Meeting kommen?“, stöhnt sie.
„Nimm meinen Wagen, ist ein Allrad“, ihr Mann betritt den Raum. In der einen Hand hält er ein Tablet, in der anderen eine Mappe.
„Der ist nagelneu, ich bin mit dem noch nie gefahren!“
Ralf lacht laut auf und schüttelt den Kopf.
„Du brauchst nur drinsitzen, das Auto macht alles selber. Ich habe heute eine Telefonkonferenz von zu Hause aus, brauche den Wagen also nicht.“
Beate wählt einen dunkelblauen Hosenanzug und ein buntes Seidentuch, sieht sich in ihrem großen Ankleidezimmer um und überlegt, welche Schuhe sie anziehen soll bei diesem Mistwetter. „Egal, ich werde in einer Tiefgarage parken, da kann ich dann auch die Highheels anziehen, ich werde ja nicht im Schnee rumlaufen müssen.“
„Alexa, schalte die Alarmanlage aus.“ Ihr Sohn schlurft am Schrankraum vorbei, öffnet die Haustür und weg ist er Richtung Bushaltestelle.
An der Küchentheke sitzt ihr Mann am Barhocker, trinkt Espresso und sieht ins Tablet. „Pling …“, das Signal für eine eingehende Mail ertönt.
„Alexa, öffne das Garagentor.“
„Alexa, sag Mercedes starte die Standheizung.“ Ralf dirigiert Alexa, während er weiter in seinem Tablet liest.
Ein lauter Signalton surrt aus Beates iPhone. Anschließend ein „Pling“ und gleich hinterher ein „Sssrrrrrum“.
„Eine WhatsApp Nachricht, ein neuer Facebookbeitrag und eine Mail“, denkt sie, steckt das Telefon in ihre Gucci-Tasche und verlässt die Küche.
„Bis heute Abend dann. Ich nehme uns etwas vom Koreaner mit, okay?“
„Ja, ist gut.“

Beate fühlt schon angenehme Wärme im Auto. Sie legt ihr Smartphone auf den Beifahrersitz und sucht am Cockpit des Wagens nach dem Schalter „Navi“. Das hochauflösende Display kann via Touch bedient werden, das findet sie schon mal prima, damit kann sie umgehen.
Schnell sucht sie in ihrem Handy unter den Mails nach der Adresse, die ihr die Kundin mitgeteilt hat, und tippt sie in die Navigationsleiste.
Der Motor startet sanft schnurrend, und sie biegt in die Straße ein.
„Pling“, „Sssrrrrrum“ am Beifahrersitz.
„Hey, was für ein Sauwetter!“ Beate lehnt sich weiter vor in der Hoffnung, so besser durch das Schneetreiben blicken zu können.
„Wie bitte?“, ertönt es von irgendwoher im Auto.
„Was zum Geier … wer redet hier?“ Beate versucht, sich zu konzentrieren.
„Wie bitte?“ —— „Pling“, „Sssrrrrrum“ – Vibrationen am Beifahrersitz.
„Diese Reiseroute enthält Verkehrsbehinderungen. Bitte wählen Sie eine andere Strecke.“ Das muss die Dame aus dem Navi sein, denkt sie, denn die Navigationsroute am Display blinkt auf.
In einer Kurve kommt das Auto leicht ins Schleudern, fängt sich aber sofort wieder.
„Hey, Mercedes, gut gemacht.“ Beate lächelt.
„Wie kann ich Ihnen helfen?“, wieder diese freundliche, andere Frauenstimme aus dem Irgendwo.
Plötzlich erkennt Beate blinkende Rücklichter vor sich, sie drückt etwas umständlich aufs Bremspedal und spürt ein Rattern unter ihrem Stöckelschuh, kurz darauf verstärkt das Auto die Bremse selbständig.
„Mist, Stau!“ Beate schlägt auf das Lenkrad. Ihr Handy läutet.
„Beate Lauterbach“, nimmt sie den Anruf entgegen.
„Guten Tag, Frau Lauterbach. Ohlsberg spricht. Ich habe Ihnen heute schon einige Mails geschickt, haben Sie diese erhalten? Ich brauche dringend ein Angebot von Ihnen …“, die ihr bekannte quietschende Frauenstimme am anderen Ende schmerzt in ihrem Ohr. „Frau Ohlsberg, ich muss mich später darum kümmern. Ich bin unterwegs in ein Meeting und stecke im Stau fest.“
„Aber es ist wirklich dringend …!“
Beate beendet das Gespräch, denn im Rückspiegel sieht sie das gelbe Warnlicht der Straßenräumungsgesellschaft und sie weiß nicht, wie diese weiter durchkommen soll.
„Verdammt!“
„Wie bitte?“ ——— „Pling“, „Sssrrrrrum“ – Vibrationen am Beifahrersitz.
Beate fährt ein paar Meter nach vorn zu einer Bushaltestelle, lässt den Räumungsdienst vorbei und wendet den Wagen.
„Die Route enthält Verkehrsbehinderungen …“, wieder diese vorwurfsvolle Stimme des Navis.
Beate will es über die Autobahn versuchen, das ist zwar ein Umweg, aber die ist sicher besser geräumt.
„Bitte wenden Sie jetzt.“
„Halt einfach die Klappe!“ Beate spürt ein krampfendes Gefühl in der Magengegend, und es wird ihr abwechselnd kalt und heiß.
„Wie bitte?“ ———
„Du sollst auch die Klappe halten. Seid BEIDE einfach ruhig!“, schreit Beate jetzt.
„Pling“, „Sssrrrrrum“ – Vibrationen am Beifahrersitz.

Die Scheibenwischer arbeiten auf Höchststufe, das Schneetreiben nimmt zu. Beate fährt vorsichtig weiter und sucht auf den Verkehrsschildern nach dem Wegweiser zur Autobahn, doch es sind alle Schilder durch die Schneeverwehungen unlesbar.
„In 500 m rechts halten und auf die A3 auffahren!“
„Na endlich!“, denkt Beate.
Sie beugt sich wieder nach vorne, setzt den Blinker …
„Oh nein!“ Beate springt auf die Bremse. Zwei LKW stehen quer über die Auffahrtsstraße.
„Jaaaa, klar! So ohne Schneeketten wird‘s nicht klappen, ihr Idioten!“
„Wie bitte?“ ———
„Mercedes, du nervst!“
„Wie kann ich behilflich sein?“ Freundlich und ruhig, wie immer.
Beate möchte wieder wenden, sie muss den Gegenverkehr abwarten.
„Pling“, „Sssrrrrrum“ – Vibrationen am Beifahrersitz.
Beate überlegt lange Zeit, sie weiß nur mehr eine weitere Strecke, die sie aber über schmale Nebenstraßen führen wird. Ob die geräumt sind?
Sie nimmt ihr Handy und wählt Ralfs Nummer, er soll ihr weiterhelfen. Besetzt! Natürlich, war zu erwarten!
Sie tritt aufs Gaspedal und der Wagen kommt leicht ins Schleudern, ein Warnlicht auf der Tachoanzeige.
„Vielleicht soll ich einfach wieder heimfahren und das Meeting abblasen?“, denkt sie. Doch sie kommt halbwegs gut vorwärts und es ist nur wenig Verkehr auf diesen Straßen.
„Pling“, „Sssrrrrrum“ – Vibrationen am Beifahrersitz.
Kurz darauf ein Anruf, leider nicht Ralf. Sie geht nicht ran.
„Bitte wenden Sie nach Möglichkeit jetzt!“
„Hey, ich wende nicht! Blöde Kuh!“ Beates Fingerknöchel leuchten weiß am Lenkrad, sie hält es fest und verkrampft in beiden Händen.
„Wie bitte?“, fragt die Autodame höflich.
„Pling“, „Sssrrrrrum“ – Vibrationen am Beifahrersitz.

Beate bremst abrupt, sie sucht verzweifelt nach dem Schalter für das Seitenfenster, drückt ihn fest, der rote Gelnagel löst sich von ihrem Fingernagel, wütend nimmt sie das iPhone vom Beifahrersitz und wirft es aus dem Fenster in den Schnee.
„Aaaaaaaaaaaaaaaaah, ich werde verrückt hier!“
„Wie bitte?“
Sie holt tief Luft, vereinzelt verirren sich die Schneeflocken auf ihrer Kostümjacke, blitzen kurz auf und schmelzen dahin.
Beate schließt das Fenster, drückt den „Off-Schalter“ der Mittelkonsole, das Display verdunkelt sich. Sie legt den Gang ein und fährt langsam weiter. Ziellos, planlos, sie fährt einfach. Es ist nun ganz still im Auto. Nur das leise Summen des Scheibenwischers ist hörbar und das Knarzen der Autoreifen auf der Schneefahrbahn.
Beate spürt Tränen über ihr Gesicht laufen. Sie wischt sie mit dem Handrücken weg.
Nach einigen Kilometern langsamer Fahrt lässt der Schneefall nach. In der Ferne erkennt sie eine kleine Ortschaft.
„Nein, das ist nicht möglich, oder?“, fragt sie leise ins nun stumme Auto. „Das muss Kneidelsdorf sein … es ist Jahre her, Jahre …!“

Wieder ein paar Tränen, die sie schnell wegwischt. Der schneebedeckte Zwiebelturm der Kirche glitzert, Beate fährt durch schmale Straßen, vereinzelt sieht sie ältere Frauen mit Kopftuch die Gehwege freischaufeln.
Der Mercedes surrt an ihnen vorbei. Sie weiß genau, welche Abbiegung sie nehmen muss, kurz nach der Ortstafel. Wie lange hatte sie ihn nicht mehr besucht?
Sie lenkt den Mercedes in einen Innenhof, die Dachschindeln der Stallgebäude sehen schäbig aus. Das Mauerwerk des Wohnhauses ist renovierungsbedürftig, die Fensterrahmen und die Holztür wirken blass. Beate steigt der Duft von Heu und Mist in die Nase.
„Also noch immer Tiere hier?“
In Gedanken sieht sie sich als kleines Mädchen jungen Katzen hinterherlaufen, barfuß durch hohe Wiesen, Bilder von Schafherden auf Weideflächen, von einem alten Schäferhund bewacht, erscheinen. Sie erinnert sich an viele Sommertage hier auf dem Hof, spürt den Geschmack von Butterbrot mit Schnittlauch auf ihrem Gaumen, schmeckt warme, frisch gemolkene Kuhmilch, die sie damals mit einer großen Suppenkelle aus der Kanne schöpfte.

Aus einer klapperigen Stalltür kommt ein alter Mann, er schlurft in Gummistiefeln stark gebückt Richtung Wohnhaus. In seinem Mundwinkel hängt eine Pfeife. Erst jetzt bemerkt er das Auto im Innenhof stehen.
Er lächelt, nimmt die Pfeife aus dem Mund und die Mütze vom Kopf.
Beate öffnet die Tür, versinkt mit ihren Highheels im Schneematsch, bleibt stecken. Sie entledigt sich der Schuhe und läuft in Seidenstrümpfen über den Hof.
„Schicker Wagen!“, ruft er ihr mit heiserer Stimme entgegen.
Beate fällt ihm um den Hals, sie riecht Tabak und Heu.
„Hey, Mädel, was führt dich hierher in die Einöde?“ Er drückt sie fest an sich.
„Ich will mein altes Leben wieder zurück, Opi!“

Dieser Text von mir ist gestern im Online-Verlag verdichtet.at erschienen und hat zum Monatsthema Jänner („Wutbürger“) beim Schreiblust-Verlag (schreiblust-verlag.de) teilgenommen (Platz 6).

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