Gedankengeflüster

Vorsichtige Relativierung

Diese Zeilen von „Herzundverstand.blog“, dem ich schon lange folge, muss ich mit euch teilen! Spricht mir aus der Seele. Und ich habe auch so einige in der Verwandtschaft, die schon gestorben sind, wo ich mir denken kann, dass sie auch so reagieren und diese Worte sagen würden.

Herz & Verstand

Jeder von uns betrachtet diese Zeit mit anderen Augen. Kontrolle, Einschränkungen, Verzicht, Krankheit und Tod…den ein einen belastet dieses, den anderen jenes mehr. Jeder hat seine persönlichen Gründe und Tragweiten. Klar ist: die meisten fühlen sich im Moment schlechter als vor 2 Jahren. Und jetzt kommt die vorsichtige Relativierung oder auch polemische Frage: was würde meine Oma wohl sagen, würde sie noch leben? Geboren 1903, erlebte sie den ersten Weltkrieg, die spanische Grippe, die Wirtschaftskrise, die Nazis, den zweiten Weltkrieg, den Tod des ältesten Sohnes, die Zerstörung ihrer Heimatstadt, die Hungerjahre nach dem Krieg, zehn Geburten und den frühen Tod meines Opas. Sie hat von früh bis spät gearbeitet, nicht geraucht und nicht gesoffen, immer erst gegessen, wenn die Kinder satt waren, und nie geklagt, so die Überlieferung. Sie starb mit 97 Jahren.

Ich denke, sie würde sagen:’Hör auf zu jammern. Bisse schon geimpft?‘

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Gedankengeflüster

luisa in gedanken – 09.11.2021   http://www.salamandra.de/

Heute möchte ich die Gedanken von Luisa Francia mit euch teilen – sie führt ein Online-Tagebuch und ich folge ihr schon eine ganze Weile:

als ich ein kind war kannte ich das wort zukunft gar nicht obwohl wir da auch schon genug gründe gehabt hätten, uns um die zukunft sorgen zu machen: atomkraft wurde eingeführt, agrochemie verseuchte die erde usw. wir hatten mit der gegenwart zu tun, umzingelt von nazilehrern, belästigt von irgendwelchen männern, ein späterer bürgermeister versuchte sogar bei einer feier meiner mutter mir ins klo zu folgen (ich gab ihm eine watschn).

wir hatten einfach den überblick nicht, den die „fridays for future“ mit den sozialen netzwerken haben. wir hatten ja nicht mal telefon. unsere mediale berieselung beschränkte sich aufs radio /karl valentin und  am samstag nachmittag „familie brandl“, hörspiele wie „terra incognita“. wir hatten keinen fernseher und wenn wir zur frau mitz zum fernsehen gingen oder mit der oma  zur schnaiter rosl, durften wir „77 sunset strip“ und „london 999“ schauen aber ganz bestimmt schauten wir keine nachrichten. das heimliche highlight: afn, der amisender in dem wolfman jack vor mitternacht die tollste musik und die coolsten sprüche brachte und unser englisch polierte. vielleicht noch der wetterbericht im radio wenn wir am wochenende mit mums „mädlgruppe“ in die berge gingen. natürlich wurden wir alle gegen pocken und kinderlähmung geimpft, keine frage. und natürlich gab es auch impfschäden, aber es gab halt auch z.b. in meiner klasse zwei kinder die polio durchgemacht und körperliche einschränkungen hatten.

Foto: Manuela

Gedankengeflüster

Hätte ich doch…..

das Gefühl am kroatischen Meer zu sitzen in Flaschen abgefüllt, ich könnte sie zu Hause öffnen, wenn es mir nicht gut geht.

Hätte ich doch den Duft der Olivenhaine Andalusiens in eine Holzschachtel gepackt, meine Nase könnte sich in Zeiten von Lockdowns daran erfreuen.

Hätte ich doch das Kaffeehaustreiben Roms in meine Handtasche verfrachtet, ich würde das Geräusch jederzeit herausholen, wenn es mir zu still ist.

Hätte ich doch das Rauschen der Pinien- und Zypressenbäume der Toskana in meine Hosentasche gesteckt, ich würde nach der Musik meditieren.

Hätte ich doch den kühlwitzigen Charme der Hamburger Kapitäne in meinem Repertoire, ich würde mehr Menschen zum Lachen bringen können.

Hätte ich doch das kühle Wasser des Atlantik aus Carbo da Roca´s Sandstrand in eine Brustflasche gefüllt, ich könnte meine Stirn damit kühlen, wenn ich erhitzt bin.

Hätte ich doch den Wind der Cote d’azur in meinen Haaren versteckt, ich müsste mir keine Sorgen mehr um die Frisur machen.

Hätte ich doch die Rezepte der ligurischen Region in mein Notizbuch geschrieben, es würde täglich ein köstliches Gericht auf dem Tisch stehen.

Hätte ich doch ein Gemälde eines Straßenkünstlers der Prager Karlsbrücke erstanden, ich könnte daheim mit der Fingerspitze über die Kontur streichen.

Hätte ich doch………nicht so viele Wünsche, die sich gerade nicht erfüllen.

veröffentlicht auf http://www.verdichtet.at
Gedankengeflüster

Alles geht vorbei

Wie schön, dass ich meine Mama noch fragen kann, wie es früher so war.
Geboren ist sie während des 2. Weltkrieges, ein Kleinkind war sie also noch, als die Sirenen heulten und die Oma dann ihre drei Kinder an der Hand genommen hat, in den feuchten, kalten Keller sind sie geflüchtet. Da lagen zwei Matratzen am Boden und dort haben sie sich die ganze Nacht verschanzt. Ohne Papa an der Seite, der war ja im Krieg.
Ihre Erinnerungen sind schon etwas verblasst, sie war ja noch sehr klein. Aber sie weiß noch, dass sie gefroren hat und dass es feucht, finster und kalt war.
Sie kann sich auch noch erinnern, als dann die Stadtbewohner, die aufs Land zu den Bauern betteln kamen, an der Tür geklopft haben. Sie knieten dann auf den Stufen und mit karger Bekleidung und zittrigen Händen baten sie um „etwas Milch für die Kinder, und vielleicht ein Stück Brot“. Die Oma hat immer gegeben! Diese Menschen nach dem Krieg hatten Hunger und waren arm. Die Wirtschaft lag am Boden, alles zerstört, viele Arbeitslose.
„Alles geht vorbei“, hat meine Oma immer gesagt. „Irgendwann werden wir wieder lachen können und Freude haben.“

Erinnerungen einer Kindheit. Meine Mama ist heuer 78 Jahre geworden, sie ist fit und gesund, erfreut sich an täglichen Spaziergängen, ist gesellig und Familie bedeutet ihr alles. Nachdem der Papa vor zwei Jahren von uns gegangen ist, hat Mama nur noch ihre Kinder, Schwiegerkinder, Enkelkinder und Urenkel. Natürlich hätte sie gerne Ostern mit uns gefeiert. Es ist seit jeher Brauch bei uns, dass wir uns alle an den Feiertagen am großen Esstisch von Mama treffen, der dann auch reich gedeckt ist – die Mama kocht ganz besonders fein!
Ist es heuer an Weihnachten möglich, dass wir alle wieder beisammen sitzen?
Wir wissen es nicht.

Aber wir wissen: Die Krankenhäuser, vor allem die Intensivstationen, sind übervoll. Das Pflegepersonal (in unserer Verwandtschaft gibt es zwei davon) stößt an ihre Grenzen. Wir wissen auch, dass es Menschen zu schützen gilt.

Und was wir auch wissen: Wir müssen nicht in kalte, feuchte, dunkle Keller fliehen während eines Lockdowns. Wir müssen nicht hungern, wie die Menschen nach / während dem Krieg, die keinen Bauernhof hatten um sich selbst zu versorgen. Wir müssen keine Angst haben, dass Bomben auf uns fallen oder dass geliebte Menschen nicht mehr heimkommen.

Nein, wir dürfen in warmen Wohnzimmern vorm Fernseher sitzen, in kuscheligen, weichen Betten liegen, haben volle Kühlschränke und vielleicht auch Tiefkühltruhen, dürfen auch einkaufen fahren für das Nötigste, haben genug Kleidung und Schuhe, können unsere Liebsten am Telefon hören oder mit der Familie gemeinsam Spaziergänge im Freien machen.
Wie war das mit dem Eingeschränkt-Sein? Freiheitsberaubung? Was würde dazu meine Oma sagen? Mein Schwiegervater, der zwei Jahre in Gefangenschaft im Freien ausharren musste? Was würden sie wohl alle zu unserem Jammern, Schimpfen, zu unseren gegenseitigen Beleidigungen sagen….? Ich schäme mich direkt, wenn ich daran denke.

„Alles geht vorbei“, hat meine Oma immer gesagt.

Gedankengeflüster

Vom Abstandhalten und vom Händeschütteln

Es ist ein eigenartiges Gefühl. Ich wollte gerade eine Fortsetzungsgeschichte schreiben und lese mir die „Originalstory“ vom August 2019 durch.

Dort schütteln die Protagonisten sich die Hände, umarmen sich, ein Unbekannter aus einem kroatischen Dorf berührt sogar meine Protagonistin aus Österreich, vom Abstandhalten keine Spur und alles ohne Schutzmasken! 

Ist es nicht verrückt, was sich in wenigen Monaten alles verändert hat? Wie ungewohnt jetzt vieles erscheint? Wenn ich mir Fotos von „vor-Corona“ anschaue, herzliche Umarmungen, Städteausflüge (U-Bahnen und Züge überfüllt….), Besuch eines Live-Konzertes mit über 50.000 Zuschauern im Stadion, eine große Messe in Augsburg besucht, bei der die Menschenmassen sich von Aussteller zu Aussteller schlängeln, eine feuchtfröhliche Faschingsfeier, bei der man mit wildfremden Menschen eng im Kreis tanzt……

Ja, es ist verrückt!

Ich überlege gerade: wie schreibe ich die Geschichten zukünftig? Dürfen sich in meiner Phantasie die Menschen noch umarmen und sich die Hände reichen? Und müssen sie Masken tragen?

Vielleicht schlafe ich mal eine Nacht darüber.

 

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„Umarmung“