Gedankengeflüster

Glücksmomente

Ein besonderes Schreibgeschenk habe ich mir anlässlich des „Schreibadvents“ mit Julia Rumplmayr vergangenen Advent gemacht. Das Glücksmomente-Glas.
In diesem Glas darf ich meine herrlichsten Momente über das Jahr sammeln. Manchmal lege ich täglich was dazu, manchmal nur alle paar Tage. Aber das Glas füllt sich. Am Jahresende kann man sich dann die Zeit nehmen, die Glücksmomente nochmals Revue passieren zu lassen.

In diesen vergangenen Wochen des jungen Jahres 2022 nehmen die Schreckensnachrichten scheinbar kein Ende. Manchmal ist es schon am frühen Morgen erschütternd, wenn man die Zeitung liest. Man kann nicht hinschauen, will aber gleichzeitig auch nicht wegschauen.
Was macht das mit mir? Mit uns? Mit den Kindern, Enkelkindern, Freunden, Verwandten, unseren Liebsten? Es gibt „schwere“ Tage, wo das Gedankenkarussel gar nicht mehr enden mag.

Heute habe ich wieder Zettelchen in das Glas gelegt. Denn eines sollten wir nicht vergessen – uns selbst! Wir müssen auf uns und unsere Gedanken achten. An jedem Tag gibt es bestimmt irgendeinen schönen Moment, den man gerne festhalten möchte. Ein Lächeln der Kinder, der Enkelkinder, ein liebes Wort des Partners, ein lustiges, spontanes Treffen mit Freunden, ein Händedruck eines geliebten Menschen, eine Umarmung, eine Yoga-Einheit, anregende Gespräche, ein Satz in einem Buch, der uns berührt, ein frisch entdecktes gesprochenes Wort des jüngsten Enkelkindes, ein Lied, gesungen von der Enkeltochter, die Stimme eines schon lang nicht mehr getroffenen Menschen am Telefon, ein Spaziergang mit dem alten Hund, ein Schnauben des Pferdes beim Striegeln, zwitschernde Vögel im Garten, ein erster Sonnengruß des Frühlings, Verwandte treffen, eine selbst gebackene und gut gelungene Geburtstagstorte für die Tochter, Pläne schmieden, ein frisch geputztes Fenster (ja, auch das kann Freude machen)…… ach, es gibt so vieles, das es aufzuschreiben lohnt.

Und ich mag auch nicht warten bis zum Jahresende, um die Glücksmomente wieder aufblühen zu lassen. Wenn es mir nicht gut geht, dann lese ich ein paar Momente durch, fühle mich in die erlebte Situation hinein, habe Bilder vor meinem inneren Auge und fühle mich gleich besser

Foto: Manuela
Gedankengeflüster

Der Schlüssel

Es ist so kalt in den alten Gemäuern dieses historischen Gebäudes. Ich zittere wie Espenlaub und laufe mit eingestecktem Kopf den nicht enden wollenden Gang entlang. Nur kurz blicke ich ab und zu hoch, wenn ich an den Schildern mit der Zimmernummer schaue, um zu sehen, ob ich endlich mein Ziel erreicht habe.
Meine Nase läuft wegen der Kälte, aber das macht nichts, das sieht ja keiner, trage ich ja seit beinahe zwei Jahren diese unfassbar hässlichen FFP2-Schutzmasken.
Durch die hohen Fenster kommt nun schon die Dämmerung gekrochen, draußen fallen dicke Schneeflocken und tanzen durch die Luft. Vor drei Stunden stand ich noch auf zugigen Bahnhöfen, auf den Zug wartend, der mich ins Kloster bringen sollte. In den Abteilen war es auch nicht wirklich warm, meine Winterjacke habe ich deshalb besser nicht ausgezogen. Gemütlich reisen ist anders.

Endlich, nur noch zwei Zimmer weiter, dann müsste ich da sein. Ich stecke meine Hand in die Jackentasche, fühle den kalten Schlüssel mit dem noch kälteren Messingschild, freue mich schon auf ein wohlig warmes Zimmer. Mist! Klappernd fällt der Schlüssel auf den Steinboden, meine Finger sind klamm vor Kälte. Ich schließe ungeschickt auf, in freudiger Erwartung. Ein offener Kamin mit brennenden Holzscheiten darin wäre jetzt eine Wohltat, aber natürlich wird es das hier in den bescheidenen Zimmern nicht geben, wo denke ich hin?
Meine Finger suchen nach dem Lichtschalter, eine steife Brise erfasst mich, lässt meine Haare wirbeln, die Gardinen wehen am Fenster, ich erstarre! Die schwere Tür hinter mir fällt träge und mit Lärm ins Schloss. Ich lasse mein Gepäck fallen und kann es kaum fassen. Hier drin ist es gefühlt kälter als draußen. Das Fenster im Zimmer steht sperrangelweit offen!

Diese kleine Geschichte entstand beim Seminar „Schreiben im Kloster“ mit Agnes Gerstenberg. Ich gebe es zu, ganz so kalt und grausam war es nicht – im Gegenteil: ich fühlte mich sehr wohl im Kloster St. Josef in Neumarkt in der Oberpfalz. Sehr gastfreundlich und vorzüglich geführtes Seminarhaus, das ich jedem nur empfehlen kann. Aber ihr wisst ja, das mit der Phantasie ist immer so eine Sache, die geht manchmal durch mit mir. Außerdem sollten wir einen Text über einen „Schlüssel“ schreiben – zum Aufwärmen am ersten Seminartag.

Bereits das zweite Mal habe ich beim Seminar mit Agnes teilgenommen. Themenschwerpunkte waren u.a.:

Achtsamen Schreiben

Automatisches Schreiben

Autorentreff, Schweigespaziergang

Handwerk – Figurenentwicklung – Dialoge

Offene Lesebühne am Abend – Teilnehmerinnen lesen ihre Geschichten (ja, Agnes, ich bin über meinen Schatten gesprungen, du weißt….. ;))

Ich muss mich nicht wiederholen, meine Begeisterung für die Workshops bei Agnes werdet ihr bereits bemerkt haben. Daher lasse ich noch Bilder sprechen. Aber eines steht fest – es war sicher nicht mein letztes Seminar „Schreiben im Kloster“ mit Agnes. Und natürlich freue ich mich zusätzlich, wenn ich wieder die Ladies von den letzten Kursen treffe: unglaublich tolle Frauen, die wunderschöne Texte schreiben und wo der Austausch wertschätzend stattfindet – die Ruhe im Kloster liefert den passenden Rahmen.

Wie schreibt Doris Dörrie in ihrem Buch „Leben – Schreiben – Atmen“ so schön?

„Wir sind alle Geschichtenerzähler. Während wir Schritt für Schritt weitergehen, ist es wichtig, auf die Umgebung zu achten, auf den Boden unter den Füßen, auf den Himmel über uns und auf die anderen, die gleichzeitig mit uns einen Fuß vor den anderen setzen, bevor wir uns schon wieder von allem verabschieden müssen. Schreibend erinnere ich mich an mich selbst. Schreiben heißt, die Welt einatmen!“

Gedankengeflüster

Vorsichtige Relativierung

Diese Zeilen von „Herzundverstand.blog“, dem ich schon lange folge, muss ich mit euch teilen! Spricht mir aus der Seele. Und ich habe auch so einige in der Verwandtschaft, die schon gestorben sind, wo ich mir denken kann, dass sie auch so reagieren und diese Worte sagen würden.

Herz & Verstand

Jeder von uns betrachtet diese Zeit mit anderen Augen. Kontrolle, Einschränkungen, Verzicht, Krankheit und Tod…den ein einen belastet dieses, den anderen jenes mehr. Jeder hat seine persönlichen Gründe und Tragweiten. Klar ist: die meisten fühlen sich im Moment schlechter als vor 2 Jahren. Und jetzt kommt die vorsichtige Relativierung oder auch polemische Frage: was würde meine Oma wohl sagen, würde sie noch leben? Geboren 1903, erlebte sie den ersten Weltkrieg, die spanische Grippe, die Wirtschaftskrise, die Nazis, den zweiten Weltkrieg, den Tod des ältesten Sohnes, die Zerstörung ihrer Heimatstadt, die Hungerjahre nach dem Krieg, zehn Geburten und den frühen Tod meines Opas. Sie hat von früh bis spät gearbeitet, nicht geraucht und nicht gesoffen, immer erst gegessen, wenn die Kinder satt waren, und nie geklagt, so die Überlieferung. Sie starb mit 97 Jahren.

Ich denke, sie würde sagen:’Hör auf zu jammern. Bisse schon geimpft?‘

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Gedankengeflüster

luisa in gedanken – 09.11.2021   http://www.salamandra.de/

Heute möchte ich die Gedanken von Luisa Francia mit euch teilen – sie führt ein Online-Tagebuch und ich folge ihr schon eine ganze Weile:

als ich ein kind war kannte ich das wort zukunft gar nicht obwohl wir da auch schon genug gründe gehabt hätten, uns um die zukunft sorgen zu machen: atomkraft wurde eingeführt, agrochemie verseuchte die erde usw. wir hatten mit der gegenwart zu tun, umzingelt von nazilehrern, belästigt von irgendwelchen männern, ein späterer bürgermeister versuchte sogar bei einer feier meiner mutter mir ins klo zu folgen (ich gab ihm eine watschn).

wir hatten einfach den überblick nicht, den die „fridays for future“ mit den sozialen netzwerken haben. wir hatten ja nicht mal telefon. unsere mediale berieselung beschränkte sich aufs radio /karl valentin und  am samstag nachmittag „familie brandl“, hörspiele wie „terra incognita“. wir hatten keinen fernseher und wenn wir zur frau mitz zum fernsehen gingen oder mit der oma  zur schnaiter rosl, durften wir „77 sunset strip“ und „london 999“ schauen aber ganz bestimmt schauten wir keine nachrichten. das heimliche highlight: afn, der amisender in dem wolfman jack vor mitternacht die tollste musik und die coolsten sprüche brachte und unser englisch polierte. vielleicht noch der wetterbericht im radio wenn wir am wochenende mit mums „mädlgruppe“ in die berge gingen. natürlich wurden wir alle gegen pocken und kinderlähmung geimpft, keine frage. und natürlich gab es auch impfschäden, aber es gab halt auch z.b. in meiner klasse zwei kinder die polio durchgemacht und körperliche einschränkungen hatten.

Foto: Manuela

Gedankengeflüster

Hätte ich doch…..

das Gefühl am kroatischen Meer zu sitzen in Flaschen abgefüllt, ich könnte sie zu Hause öffnen, wenn es mir nicht gut geht.

Hätte ich doch den Duft der Olivenhaine Andalusiens in eine Holzschachtel gepackt, meine Nase könnte sich in Zeiten von Lockdowns daran erfreuen.

Hätte ich doch das Kaffeehaustreiben Roms in meine Handtasche verfrachtet, ich würde das Geräusch jederzeit herausholen, wenn es mir zu still ist.

Hätte ich doch das Rauschen der Pinien- und Zypressenbäume der Toskana in meine Hosentasche gesteckt, ich würde nach der Musik meditieren.

Hätte ich doch den kühlwitzigen Charme der Hamburger Kapitäne in meinem Repertoire, ich würde mehr Menschen zum Lachen bringen können.

Hätte ich doch das kühle Wasser des Atlantik aus Carbo da Roca´s Sandstrand in eine Brustflasche gefüllt, ich könnte meine Stirn damit kühlen, wenn ich erhitzt bin.

Hätte ich doch den Wind der Cote d’azur in meinen Haaren versteckt, ich müsste mir keine Sorgen mehr um die Frisur machen.

Hätte ich doch die Rezepte der ligurischen Region in mein Notizbuch geschrieben, es würde täglich ein köstliches Gericht auf dem Tisch stehen.

Hätte ich doch ein Gemälde eines Straßenkünstlers der Prager Karlsbrücke erstanden, ich könnte daheim mit der Fingerspitze über die Kontur streichen.

Hätte ich doch………nicht so viele Wünsche, die sich gerade nicht erfüllen.

veröffentlicht auf http://www.verdichtet.at