Schließ´ die Augen …

Schließ´die Augen und erzähle mir…..    Sommer 2016

Die Schubkarre mit Pferdemist war schwer, es war heiß und schwül, ein Gewitter kündigte sich an. Eine kurze Pause wollte ich machen, schattig im Hof auf der Bank, nahe dem Kräutergarten. Vorher noch kurz die Füße in dem Granitbrunnen mit Wasser aus dem Wald gekühlt, setzte ich mich und lehnte mich an die Holzvertäfelung der Pferdebox.
„Schließ die Augen und erzähle mir…..“, sagte plötzlich eine Stimme. „Was riechst du rundherum?“ Ich schloss die Augen und machte eine Reise mit der Nase.
„Es ist schwül, die Luft ist zum Schneiden, drückend, es riecht nach Gewitter. Ich rieche auch Lavendel, Salbei, Rosmarin, rieche Mädesüß und etwas Eibisch vom Kräutergarten. Die frische Rindenmulch, die gestern ausgebracht wurde hier und ich rieche den Duft des Waldes nebenan, die Erde darin. …. „Ist das alles?“ fragte die Stimme. „Naja, es riecht natürlich auch nach Pferdemist hier und nach den Pferden selbst, die gerade dösend im Schatten stehen und vorher in der Sonne geschwitzt haben. Sie riechen auch etwas nach Fliegenspray. Und ich rieche Heu.“
„Schließ die Augen und erzähle mir….“, sagte die Stimme weiter. „Was hörst du rundherum?“ Ich schloss die Augen und machte eine Reise mit den Ohren.
„Ich höre das Plätschern des Wassers im Brunnen nebenan. Die Vögel in den Nestern an der Stallmauer. Höre die Bienen und Hummeln summen, die sich am Nektar bedienen. Am Nachbarhof gackern die Hühner, ein Hund bellt in der Ferne. Ich höre leises, zufriedenes Schnauben der Pferde und irgendwo zirpt eine Grille. Im Buchenbaum hängt ein Windspiel, ich höre den leisen Klang der Tonmotive aufeinander schlagen“ …… „Ist das alles?“ fragte die Stimme. „Naja, ich höre noch das Blätterrauschen im Wald, höre meinen Hund neben mir hecheln und manchmal schlägt ein Pferd mit dem Schweif und verscheucht die Fliegen“.
„Schließ die Augen und erzähle mir…“, sagte die Stimme wieder. „Was fühlst du rundherum?“ Meine Augen noch geschlossen machte ich wieder eine Reise.
„Ich fühle lauen, warmen Wind auf meiner Haut, fühle einen Schweißtropfen meinen Nacken runterlaufen. An meinem rechten Bein fühle ich das weiche Fell des Hundes, der neben mir liegt. Eine Fliege setzt sich auf meinen Arm, ich verscheuche sie mit meiner Hand. Mein Kopf fühlt das warme Holz, an das ich mich lehne und unter meinen Füßen ist heißer Asphalt.“ …..“Ist das alles?“ fragte die Stimme. „Naja, ich fühle mein Herz schlagen und fühle meinen Atem, weil es kurz vorher so anstrengend war. Ich muss noch ziemlich schnaufen.“
„Schließ die Augen und erzähle mir…“, sagte die Stimme. „Was siehst du für Farben, in deinem Inneren?“ Und so machte ich mit geschlossenen Lidern eine Reise mit den Augen.
„Ich sehe das helle Gelb der heißen Sonne, das Lila von Lavendel und Salbei, das Orange und Knallrot von Blumen, ich sehe unterschiedlichste Brauntöne von Pferde- und Hundefell, das sich in der Sonne spiegelt und ganz helles Grün vom Wasser im Brunnen.“….“Ist das alles?“ fragte die Stimme. „Naja, ich sehe noch verschiedenste Grüntöne der Wiese und der Bäume. Dunkles Blau vom Himmel, vermischt mit weißen Wolken.“
Es war still. Ich öffnete meine Augen und hörte mich sagen:
„Hallo, Du? Ich würde gerne wissen, wer du bist.“
Die Stimme antwortete: „Wer ich bin? Das ist ganz einfach: Ich bin Heimat!“

veröffentlicht im Smart Storys Verlag

 

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