Fabelwesen

Zwei fabelhafte Philosophen

Die Sonne strahlte an diesem Vormittag vom blauen Himmel, fröhliches Vogelgezwitscher war in den Bäumen neben dem Pferdestall zu hören. An der Raufe standen einige Pferde und mümmelten Heu, ein paar davon vertrieben mit ihren Schweifhaaren die lästigen Fliegen. Die Ruhe auf dem Hof war an diesem Samstag ungewöhnlich, denn üblicherweise waren um diese Zeit schon einige Pferdebesitzer hier und gingen ihrem Hobby nach.
Zwei Pferde in der Herde fielen besonders auf: ein Wallach mit glänzend rötlichbraunem Fell, die gleichfarbige Mähne und das Schweifhaar mit feinen, goldenen Strähnen durchzogen, sehr athletisch gebaut, muskulös, mit kleinen Hufen, sein Name war Ben. Neben ihm stand ein Falbe, ebenfalls Wallach, elfenbeinfarbiges Fellkleid, brauner Aalstrich, Mähne und Schweifhaar waren dunkelbraun, einzelne blonde Strähnen hatten sich ganz keck darin verirrt. Sein Körperbau war eher kräftig, er wirkte viel schwerfälliger als Ben und hatte große Hufe. Sein Name war Johnny.
Johnny drehte sich zu Ben: „Ist dir schon aufgefallen, dass unsere Menschen gerade so wenig Zeit für uns haben?“„Ja, natürlich ist mir das aufgefallen. Die haben gerade auch andere Sorgen.“ Ben knabberte weiter am Heu.
„Aha? Welche denn?“, fragte Johnny. Ben schnaubte tief durch und zog die Nüstern zusammen: „Tönt doch aus allen Dingern, mit denen die Menschen auf den Hof kutschieren, auch über das Flimmerteil in der Reiterschenke, das man durch die offenen Fenster hört und aus den kleinen, dünnen, bunten Geräten, die die Menschen ständig in der Hand halten, da läuft auch immer irgendeine Warnung.“
Johnny hob den feudalen Kopf vom Heu, hörte zu kauen auf und starrte Ben an.
„Warnung? Wovor?“
Die anderen Pferde verzogen sich in den Schatten, ließen Ben, den Chef der Herde, und seinen Freund Johnny allein mit ihren Gesprächen.
„Sag, passt du überhaupt nicht auf, wenn die Menschen sich unterhalten? Gibt doch seit Tagen kein anderes Gesprächsthema mehr?“, rügte Ben seinen Kumpel.
„Also ehrlich, die Menschen reden doch so viel. Wozu soll ich da noch hinhören?“, meinte Johnny und widmete sich wieder ausgiebig dem Futter.
Später zog plötzlich ein kräftiger Wind auf und nahm noch gleich ein paar Wolken aus dem Irgendwo mit, die, wütend wirkend, über den Himmel wirbelten. Abrupt hörte das Vogelgezwitscher auf und nun trotteten die Pferde, die zuvor dösend im Schatten gestanden waren, wieder zurück an die Futterstelle. Ben hob seine zarte Pferdenase gegen den Himmel, seine Ohren, wie Antennen, in ständigem Wechsel nach vor und zurück gewandt, seine Mähne wehte mit den anderen Pferdefrisuren um die Wette.
„Bald ist es so weit. Ich kann es ahnen“, meinte er schließlich.
Johnny zog seinen Kopf aus der Raufe, ging ein paar ausholende Schritte an den Zaun und hob ebenfalls, wenn auch bedeutend langsamer, die Nüstern in die Höhe.
„Hm … ich bemerke nichts. Du flunkerst.“ Er wandte sich wieder ab und stolperte über einen kleinen Ast, welcher zum Knabbern für die Pferde am Boden lag.
„Autsch! Verflixt!“ Verärgert über seine Tollpatschigkeit schüttelte er den Kopf, hob das imposante Hinterteil und kickte mit einem Bein kurz Richtung Ast aus. Das war aber auch schon alles, was er an Energie verschwendete.

Ein Traktor fuhr auf den Hof, ein junger Mann sprang aus dem Führerhaus und lief schnurstracks Richtung Wohnhaus.
„Jetzt sag schon, Ben. Was ist das nun für eine Warnung, die die Menschen so aus dem Gleichgewicht geraten lässt?“
„Ein Komet wird, Berechnungen zufolge, auf die Erde krachen. Ungefähr einen halben Tagesritt von hier entfernt soll er einschlagen. Die Menschen fürchten sich“, erklärte Ben endlich seinem Freund.
„Oh, das ist natürlich blöd für die Menschen. Wobei so ein Komet ja nur eine Naturerscheinung ist“, brummelte Johnny.
Der Wind wurde immer stärker, aber die Pferde schenkten dem Wettergeschehen keine Aufmerksamkeit. Einzig Ben beobachtete sehr genau die Vorkommnisse am Horizont.
„Wann sollte es denn eigentlich so weit sein? Wo ist der Komet gerade?“, fragte Johnny.
„Nach dem Wind zu urteilen, kann es nicht mehr lange dauern. Er müsste gerade dort sein, wo der Ozean die Erde berührt.“
Johnny trottete, nun doch etwas interessierter an der Sache, mit vom Wind zerzauster Mähne gemütlich zu Ben.
„Wird etwas Schlimmes passieren, Ben? Nein, oder? Das würde ich spüren“, sagte Johnny.
„Es wird ein Schuss vor den Bug sein, der Komet wird die Menschen vielleicht etwas erschrecken. Weiter nichts.“
„Und sie haben schon seit Wochen die Hosen gestrichen voll!“, prustete Johnny los und entblößte sein beeindruckendes Pferdegebiss. Ben und die anderen Pferde taten es ihm gleich und wieherten vergnügt in den Wind hinein.

„Meine Menschenfrau sitzt manchmal auf mir, starrt in ihr buntes, kleines Gerät in der Hand, nimmt mich gar nicht wahr. Sie ist nicht geerdet, nicht in ihrer Mitte, manchmal ist sie verspannt und so weit weg in Gedanken, dass mir ganz elend wird. Sie atmet nicht vollständig durch, sie atmet oberflächlich. Wieso ist das so, Ben?“, fragte Johnny nun nachdenklich.
„Es sind nur Menschen, Johnny. Viele Sommer ziehen ins Land, und sie haben Stress, sie sind getrieben. Sie leben nicht im Hier und Jetzt, wie wir es tun. Sie machen sich Gedanken, was morgen sein wird, und es ist ihnen nicht egal, was gestern war. Auch können sie dem Druck nicht weichen, wie wir das gelernt haben, für uns ist das überlebenswichtig“, klärte Ben ihn auf.
„Stress? Druck?“
„Ja, Johnny. Sie stehen unter Druck. Sie spüren sich nicht mehr wirklich. Aber du stehst beispielsweise auch unter Stress, wenn die Heuraufe leer ist und du kein Futter mehr hast.“ Mit einem Grinsen sieht er Johnny an.
„Das ist aber auch berechtigter Stress! Himmel, unvorstellbar, eine leere Futterraufe“, entgegnete er.
„Weißt du, Johnny, wir haben trotzdem Glück. Unsere Menschen sind gut zu uns. Sie legen ihr Herz in ihre Hände, in allem, was sie mit uns machen. Wir hätten es schlimmer erwischen können.“
„Das ist wahr, Ben. Aber ich bin trotzdem froh, ein Pferd zu sein. Im Hier und Jetzt leben, das hat schon was!“, Johnny marschierte wieder zum Heu.

Sonntag, 13.05.2018
Berlin: Komet Benjamin hat die Bundeshauptstadt gestern Mittag erreicht. Die Stadt war menschenleer. Wie berichtet, wurde angenommen, der Komet könne direkt ins Zentrum der Stadt einschlagen und große Verwüstung anrichten. Zum Glück hat nur das goldene Schweifende des Kometen die Glaskuppel des Reichstagsgebäudes gestreift. Das Stahlskelett der Kuppel mit 800 Tonnen krachte in den darunterliegenden Saal, der Boden ist übersät mit Glasscherben. Es wird einige Wochen dauern, bis der Bundestag wieder Sitzungen abhalten kann. Mit den Aufräumarbeiten wird morgen begonnen.
Komet Benjamin machte nur einen Kurzbesuch, neuen Berechnungen zufolge wird er erst in 78 Jahren wieder die Erdumlaufbahn passieren.

Diese Fabel von mir ist heute auf http://www.verdichtet.at   erschienen.

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2 Gedanken zu „Zwei fabelhafte Philosophen“

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