Ich sitze hier am Schreibtisch und mein Blick schweift aus dem Fenster über die Pferdekoppel. Du hast dich wieder mal im Dreck gewälzt und gehörtest eigentlich gestriegelt. Heute Abend werde ich mir dafür Zeit nehmen. In Gedanken lasse ich unsere gemeinsamen Jahre Revue passieren:
Vor mir sehe ich einen 4-jährigen Hengst, Stockmaß 1,50 m, jedoch mit einem Gehabe wie ein vollblütiges Rennpferd. Ein Halbstarker, der gerade so strotzt vor Power. Ich erinnere mich an einen ständig verletzten Braunen, der voll Übermut an Baumstämme vorbeischrammte, der sich fortlaufend bei Rangeleien den Kopf angeschlagen hat und öfters vom Tierarzt genäht werden musste.
Auch an einen kleinen Wallach denke ich, der beim Ausritt immer vorne sein wollte und wehe, es hat ein anderes Pferd versucht zu überholen! Der Reiter war dann oft in Wohnungsnot, wenn der Braune aufs Gas gedrückt hat. Ich sehe ein aufgebrachtes Quarter-Horse, das gesattelt und aufgetrenst über einen 1,50m hohen Reitplatzzaun gesprungen ist und im Galopp das Weite suchte, keinen Bock auf Training.
Deine Bewegungen als Jungspund waren zackig, wendig und in erster Linie unbeschreiblich schnell. Bei der täglichen Kraftfutterfütterung standest du am liebsten auf den Hinterbeinen, tief grummelnd in Erwartung, der Mähnenschopf zerzaust mit einem wütenden Gesichtsausdruck und feurigen Augen. Du warst immer etwas anders. Hast gerne alle auf die Probe gestellt, nicht nur uns, auch die Stallbetreiber. Ich denke an den verrückten chestnut-färbigen, der sich beim Versuch des Reinbringens von der Koppel losgerissen hat und auf Erkundungstour ging. Mensch, Pferd! Was hattest Du für eine Geduld, Dich uns mitzuteilen!
Bei all deinen Spektakeln hast Du jedoch immer auf uns Menschen aufgepasst, warst nie respektlos und besonders unsere Tochter hast Du stets mit Vorsicht und Liebe getragen.
Ein Pferd wie Dich muss man verstehen. Es braucht ein gutes, sanftes Händchen und sehr viel Ruhe und Sensibilität im Umgang. Mit Kurt an Deiner Seite hast Du den perfekten Partner – nicht ohne Grund bist Du bei uns.
Ich denke an einen Herdenchef, der schlussendlich darin seinen Job gefunden hat. Mit Konsequenz und Beharrlichkeit leitest Du die kleine Herde. Bist ständig auf der Hut, witterst jede Gefahr.
Nachdem Du hier im familiären Zuhause einen sicheren Ort hast, gibt es keinen Grund mehr für Rangeleien. Auch bei Ausritten bist Du absolut vorbildlich. Du hast ihn endlich gefunden, Deinen behüteten Platz an unserer Seite. Dein „will to please“ zeichnet Dich aus. Ich sehe aber immer noch diesen Hauch von Verrücktheit und die Power. Jedoch scheint nun alles in die richtigen Bahnen gelenkt. Es ergibt scheinbar nun Sinn für Dich.
Ich sehe auch diesen unglaublichen Freund von Woody. Jac, der mit einem Stück Weiderinde im Maul angetrabt kommt und seinen kranken Freund Woody füttert. Wieder diese Beharrlichkeit und Konsequenz beim Versorgen seines Kumpels. Ich werde diese Szene nie vergessen.
Du hattest in allem Recht, lieber Jac! Es braucht keine ständig schärfer werdenden Hilfsmittel beim Reiten. Keine Hilfszügel, keine Ausbinder, keinen permanenten Sporeneinsatz. Es braucht auch nicht viel Leder und Sperrriemen am Kopf! Es braucht auch keine gut gemeinten Ratschläge von außen, die da meinten „Sei sein dominantes Alphatier! Mache dich zum Chef! Mache ihn mürbe!“ Es braucht auch keine Boxenhaltung für – wie oft von Außenstehenden angemerkt – dieses crazy horse!
Du hast uns so vieles gelernt für unser Leben. Es hat ein wenig gebraucht, bis wir verstanden haben. „Weniger ist mehr! Habt Feeling, in allem, was ihr tut. Legt euer Herz in Eure Hände und ich werde für euch alles geben. Ihr werdet einen Freund und Partner haben – für immer!“
Vor zwei Jahren haben wir Dich in die Teilpension geschickt. Nach etlichen Ausflügen als Begleitung und Musterschüler bei Kurts Reitkursen, zahlreichen Ausritten in unserer wunderbaren Umgebung mit dem Hund an der Seite, nach vielen „Reitstunden“ mit Freunden von unserem Hof und unserer Philosophie, die von Dir lernen wollten, hast Du Dir die Ruhe mehr als verdient. Manchmal will unsere Tochter noch auf Dir sitzen, der du jahrelang ein perfekter Lehrmeister warst, ein anderes mal will Dich die Enkeltochter putzen oder wir gehen einfach an der Hand mit Dir spazieren. Die meiste Zeit genießt Du aber Deinen Ruhestand auf der Koppel, gemeinsam mit Deinem Kumpel Woody. Dein Alter von knapp 26 Jahren sieht man Dir nicht an – Du hast noch kein einziges graues Stichelhaar im Fell. Das wäre auch nicht in Deinem Sinne – wo kämen wir da hin? Es würde Deinen Stolz verletzen.
Ein kleiner Wunsch ans Universum von meiner Seite: mögest Du noch viele Jahre hier bei uns am Haus verbringen können und weiterhin so fit und gesund sein. Du bereicherst jeden unserer Tage mit Deinem Elan und Deiner Willensstärke.
Vom verrückten, kleinen Braunen zum wunderschönen, stolzen, charismatischen Pferd!
Pro equi dignitate – Für die Würde des Pferdes!


Fortsetzung folgt in Kürze ….
Wie schön wäre es, wenn sich alle Pferde so entfalten könnten und dann auch noch so einen schönen Lebensabend vor sich hätten!
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Hallo Christa,
vielen Dank für deinen Kommentar. Ich weiß ja nicht, ob es in Kanada auch gerade mediale Aufmerksamkeit über den Turnierreitsport gibt und die Lockerung der „Blood Rules“ durch die FEI?! Jedenfalls ist das mein Beitrag dazu, welche Möglichkeiten und Philosophien es noch gibt, die PRO Pferd sind. Und wir sind in der glücklichen Lage, den Pferden diese Möglichkeit zu bieten. Sie haben es sich wahrlich verdient 🙂 .
lg
Manuela
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