Ich bin Bloggerin aus Leidenschaft. Nähere Infos über mich privat unter:
https://waldgefluesteronline.com/
Besucht auch unseren kleinen, privaten Pferdestall im Innviertel:
http://jacsstable.blogspot.com/
ein Mandala der Emotionen,
die gerade über uns thronen.
Wut keimt auf, nimmt uns Raum, Trauer begleitet sie, spür sie im Traum. Leere saugt an uns, laugt uns aus, Angst hält Einzug im Lebenshaus.
Ich male weiter, füge Farben hinzu,
mische, tauche ein, fühle: DU!
Bist mir wichtig, ein Teil von mir,
fehlst gerade so sehr hier.
Male Wut, mach` sie bunt wie Kraft,
ein Gefühl, das Stärke schafft.
Die Trauer bedeutet nicht immer Tod,
übermale sie mit Liebe, ganz in rot.
Der Leere soll weichen in Pastell, Lebendigkeit und Fülle, ganz grell.
Zuletzt bleibt die Angst, was mach ich mit ihr?
Mische weiter, male, spür` dich hier.
Vermische in Mut und Zuversicht,
etwas Farbiges, das Hoffnung verspricht.
Werde diesen Teil nicht alleine beenden,
gemeinsam werden wir dieses Werk vollenden.
Die Nacht bricht langsam herein, breitet sich wie ein dünner Schleier vor ihm aus. Der Highway scheint nicht enden zu wollen. Sein Nacken schmerzt, die Lider werden zunehmend schwer. „Mist, ich brauche eine Mütze voll Schlaf“, murmelt er in das dunkle Innere des Mietwagens. Ein kurzer Blick auf den Bildschirm des Navigationssystems lässt seine Hoffnungen jedoch schwinden. Nichts weit und breit. Null! Nada! Keine Tankstelle, kein Parkplatz, keine Häuser, gähnende Leere und Öde rundherum. Er tritt aufs Pedal. In der Ferne plötzlich Lichter! Nicht weit entfernt vom Highway. Ein paar Bäume säumen die Zufahrt. Kontrolle am Bildschirm des Navis. Eigenartig, hier ist nichts verzeichnet, denkt er.
„Motel“, steht auf einer verrosteten, altertümlich wirkenden Tafel neben der staubigen Zufahrt. Die Lichter der Autoscheinwerfer fangen ein altes, dunkelrot gestrichenes Gebäude mit schwarzen Fensterläden ein. Der Parkplatz davor ist leer. Wenigstens sieht er Beleuchtung hinter den Fenstern im Erdgeschoß. Tom greift nach seiner Reisetasche am Rücksitz und freut sich auf eine Dusche und ein gemütliches Bett. Ein leiser Klingelton ist zu hören, als er die knarzende Holztür öffnet. Ein schwach beleuchteter Gang führt zu einem Pult, dahinter steht mit dem Rücken zu Tom ein weißhaariger Mann, er trägt einen Frack. Tom schmunzelt bei dem Anblick. Der Mann, wohl der Portier, dreht sich um. Tom weicht einen Schritt zurück. „Oh!“, entfährt es ihm unabsichtlich. „Der Typ sieht eins zu eins aus wie Anthony Hopkins“, denkt er bei sich. „Guten Abend, Sir. Sie sehen müde aus. Ein Zimmer gefällig?“, entgegnet der Portier mit den blauen Augen. Erst jetzt bemerkt Tom leise Musik im Hintergrund, sieht den schmalen Gang, die alten Bilder an den Wänden, er nimmt einen eigentümlichen Duft wahr, der ihm einerseits bekannt ist, aber nicht vertraut. An der Decke hängt ein riesiger Kronleuchter, der nur fahles Licht von sich gibt. Eine schlanke Frau mit schwarzen, rückenlangen Haaren in einem weißen, bodenlangen Kleid betritt den Gang und kommt auf ihn zu. Ihre Lippen sind blutrot geschminkt, dunkle, große Augen strahlen ihn an, ihr Teint ist makellos, wie Alabaster. Unter der feinen Spitze des Oberteiles zeichnen sich verführerisch die prallen Brüste ab, Tom zwingt sich, nicht hinzusehen. „Kein Büstenhalter, krass!“, denkt er sich. Die Frau lächelt ihn an, reicht ihm die feingliedrige Hand. „Ich zeige dir gleich das Zimmer!“ Während sie von Anthony einen alten Schlüssel mit einem großen Holzanhänger, auf den die Sieben aufgedruckt ist, entgegennimmt, steigt Tom erneut dieser Geruch in die Nase. „Cannabis, oder?“, fragt er sich und schmunzelt.
Tom folgt ihr wortlos über die Treppe, sie schließt Zimmer Nummer Sieben auf. Er bemerkt die weißen Plateauschuhe, in denen sie, sanft wie eine Feder, Richtung Fenster zu schweben scheint. Sie zieht die Gardinen zur Seite und öffnet einen Fensterflügel. Die Musik ertönt jetzt lauter, sie muss wohl von einem Hinterhof kommen. Aus einem schwarzen Schrank entnimmt sie eine Flasche und zwei Kristallgläser, füllt ein tiefrotes Getränk in die Gläser und reicht ihm eines. „Herzlich willkommen, Fremder!“, haucht sie ihm ins Ohr, „du kommst uns noch besuchen, ja? Wir sitzen im Garten.“ Sie leert das Glas in einem Zug und verlässt das Zimmer. „Holla, die Waldfee! Wo bin ich denn da gelandet?“ Tom schüttelt den Kopf und nimmt einen großen Schluck. Bitteres Zeug, lauwarm, er hat sowas noch nie getrunken. Er sieht aus dem Fenster. Im Hof, auf der Rückseite des Motels, sitzen einige Männer um einen großen Tisch. Sie sind eigenartig gekleidet, manche in Schlaghosen und ärmellosen Pullis über bunten Hemden mit langen Kragen, einige haben altmodische Haarschnitte und alle himmeln die bildschöne Frau an, die soeben wieder zurückgekommen ist. Sie setzt sich keck auf den Schoß eines Mannes und küsst ihn leidenschaftlich auf den Mund. Hinter dem Grünstreifen des Gartenlokales sieht Tom jetzt einen Parkplatz. Mehrere Autos älteren Baujahres stehen ordentlich nebeneinander, genau genommen sechs Stück. Die Autos scheinen zu den Männern zu passen. „Maskenball oder Junggesellenabschied?“, fragt er sich. Die Musik wird lauter und die Fee erhebt sich und tanzt elfengleich.
Tom wird komisch schwindelig, alles um ihn herum beginnt sich zu drehen. Sein Herz pocht beim Anblick der tanzenden Frau, die Musik dröhnt in seinen Ohren, die Gerüche dringen intensiv in seine Nase, scheinen im Kopfinneren zu explodieren, die Farben rundherum werden grell und verschmelzen ineinander wie in einem Aquarellgemälde. Tom stolpert aus der Tür, über die Treppe hinunter, sucht den Ausgang zum Garten und kommt atemlos im Freien an. Die sechs Männer am Tisch verstummen, alle Augen sind auf Tom gerichtet. Einige nicken ihm zu und lächeln, die Fee hält unterm Tanzen inne und bewegt sich geschmeidig auf Tom zu. „Schön, dass du bei uns bist, Fremder!“, haucht sie in den Sommerabend. „Was wird denn hier gefeiert?“, fragt Tom, noch immer außer Atem. Ein brünetter, schlanker Typ mit Pilzkopffrisur wendet sich an Tom: „Wir feiern das Leben! Jeden Tag aufs Neue!“ Die Fee tanzt zu einem kleinen Tisch an der Hausmauer, daneben sieht Tom ein Piano stehen und weiter rechts davon eine Jukebox. Am Tisch steht ein hoher Wasserbehälter mit mehreren Hähnen, sieben antike Kristallgläser mit einer grünen Flüssigkeit sind unter diesen platziert, auf den Gläsern liegen gelochte Silberlöffel mit einem Stück Zucker darauf. Die Fee dreht einen Hahn des Wasserbehälters auf und jeder Tropfen, der in das darunter stehende Glas fällt, hinterlässt in der grünen Flüssigkeit milchige Spuren, sie wirken wie feine Nebelfäden, die langsam mit dem Grün verschmelzen. Tom beobachtet das Schauspiel, kalte Schauer laufen über seinen Rücken, gleichzeitig ist ihm heiß und er fühlt sich wie benommen. Die Fee nimmt das Glas und reicht es Tom. Sie streichelt mit den rot lackierten Fingernägeln langsam über die nackte Haut seines Unterarmes, über seine Schulter hinweg bis zum Hals und hält an seinem Ohr inne. Sie beugt sich vor und flüstert: „L´heure verte“. Tom versteht nur Bahnhof. Die Berührungen machen ihn halb verrückt. „Trink, Fremder!“, fordert sie ihn auf. Ihr Atem riecht nach Kräutern, irgendwie nach Anis, Fenchel… Tom nimmt einen Schluck und seine trockene Kehle verlangt nach mehr. Nach mehr Flüssigkeit, nach mehr Berührung. „Komm! Setz dich ans Piano und spiele für uns!“ „Es ist ewig her, seit ich das letzte Mal gespielt habe….aber woher weißt du….?“, will Tom einwenden. „Sing us a song, you´re the piano man….“, fangen die Männer am Tisch zu singen an. Die Frau setzt sich ans Piano neben Tom und streichelt seinen Rücken. Toms Finger scheinen nun wie selbstverständlich über die Tasten zu fliegen, machen sich selbständig. Ein Mann am Tisch zieht eine Mundharmonika aus seiner Hosentasche. „…..well we’re all in the mood for a melody and you’ve got us feelin‘ alright…..la la la….“, stimmen nun alle mit ein. Tom spielt und alle singen, die Frau tanzt und verführt, neckt die Männer. Ein lauer Nachtwind kühlt die erregten Gemüter, lässt Toms Schweißperlen trocknen. Er weiß nicht, wie spät es ist, er weiß nicht, wo er ist, er weiß gar nichts mehr. Die Fee zieht ihn vom Piano weg, die Musik endet trotzdem nicht, die Tasten bewegen sich wie von Geisterhand. Sie tanzt mit ihm durch den Abend, drückt sich fest an ihn, er spürt jede Faser ihres schlanken Körpers, er ist elektrisiert. „Wirst du mich retten, Piano Man?“, fragt sie ihn plötzlich mit trauriger Stimme. „Ja… ja, natürlich. Aber ….?“, stottert Tom.
Stille.
Tom öffnet die Augen. Sein Kopf brummt, ein fahler Geschmack macht sich in seinem Mund breit, leichte Übelkeit überkommt ihn. Er sieht zerwühlte Bettlaken neben sich, versucht, sich zu erinnern, es ist zwecklos. „Was zum Geier…..?“ Das Fenster steht noch immer offen, eine zarte Melodie dringt an sein Ohr. Tom steht vorsichtig auf, er hat Angst, dass sich wieder alles um ihn herum dreht. Er läuft nackt ans Fenster und glaubt, seinen Augen nicht zu trauen. Sein Mietwagen ist nun neben den anderen Autos geparkt. Wie ist der bloß dahin gekommen? Sein Blick schweift in den Garten, dann sieht er sie. Die dunkelhaarige Schönheit, heute in einem roten, bodenlangen Kleid. Sie trägt einen geflochtenen Korb und pflückt Blumen, die sie liebevoll in diesen platziert, sie summt ein Lied…„Piano Man“….. „Mein Gott, sie ist so wunderschön!“ Ihr Anblick verursacht Herzrasen bei Tom. Er läuft durchs Zimmer, zieht sich an und verlässt mit Reisetasche und zerwühlten Haaren den Raum. „Ich muss weg von hier, verflucht!“, flüstert er mit zittriger Stimme. Er sucht den Autoschlüssel in der Jackentasche, findet ihn nicht, rennt zum Pult am Eingang und drückt mehrmals wie von Sinnen die Tischklingel. „Verdammt! Hallo? Ist hier jemand?“ Anthony kommt aus einer Seitentür und lächelt ihn an. „Sir, wie kann ich Ihnen helfen?“ „Ich will auschecken, schnell. Und wer hat meinen Autoschlüssel?“ Tom stottert weiter, ihm wird wieder schwindelig. Die Fee betritt den Gang, lächelt ihn an, küsst ihn auf den Mund. Wortlos stellt sie die Blumen auf das Pult. Anthony sieht Tom tief in die Augen, beugt sich etwas nach vorne und flüstert: „Du bist Nummer Sieben in der Runde, es ist vollbracht. Dieses Hotel kannst du nie mehr verlassen, du gehörst jetzt ihr, für immer!“
Wie in den News bereits angekündigt, hat diese Geschichte zum Thema „Schneewittchen“ im Monat März beim Schreiblust-Verlag unter 40 Geschichten Platz 1 erreicht und wird im Jahrbuch 2019 abgedruckt (erscheint voraussichtlich Anfang 2020).
Meinen ersten Blog habe ich im Dezember 2009 gestartet und ich betreue ihn noch immer. Zwar nicht sehr regelmäßig, aber dennoch – er ist noch da 🙂 .
Es war der Beginn meiner Leidenschaft fürs Bloggen. In diesem Blog – „Jac´s Stable“ – geht es um Erlebnisse und Erfahrungen auf unserem kleinen Pferdehof. Außerdem ist es auch noch ein Blog für meinen Mann, der nebenbei ja als Reittrainer unterwegs ist.
Vielleicht habt ihr Lust, meinen neuesten Beitrag in diesem Blog zu lesen.
Dieser Zeitungsartikel ist in einer regionalen Tageszeitung vor ein paar Wochen erschienen.
Wie bereits erwähnt, schicke ich so manche Kurzgeschichte an den Schreib-Lust-Verlag. Am Monatsende gibt es bei diesem Online-Verlag einen kleinen Wettbewerb, in dem die jeweils drei besten Geschichten gekürt werden. Diese Stories werden dann in ein Jahrbuch (mit den 36 besten Geschichten aus zwölf Monaten) gedruckt.
Im Jahrbuch 2018 ist eine Kurzgeschichte von mir enthalten.
Nun habe ich heuer im März auch wieder eine Geschichte eingereicht und sie hat den ersten Platz belegt. 🙂 Sie wird dann im Jahrbuch 2019 abgedruckt.
Worum es in der Kurzgeschichte geht? Das erfahrt ihr hier demnächst! Nur so viel: Monatsvorgabe im März war „Schneewittchen!“ 🙂
Rosa lief mit der Öllampe in der Hand durch die finstere Nacht, ein eisiger Wind peitschte ihr die Schneeflocken hart ins Gesicht und es fiel ihr schwer, durch die hohen Schneeverwehungen vorwärtszukommen. „Schnell, Mädel, lauf zur Hebamme und bring sie her! S‘Nannerl bekommt ihr Kind!“ Mit diesen Worten hatte sie die alte Bäuerin mitten in der Nacht geweckt. Die einzigen, knöchelhohen Paar Schuhe von Rosa waren abgetragen und löchrig, das dicke Leinenkleid hing nass und kalt an ihren schmalen Beinen, der Lodenmantel war fadenscheinig und wärmte nur wenig. Seit fünf Jahren war sie jetzt beim Seppenbauern als Dienstmagd angestellt, und in dieser Zeit, seit ihrem zwölften Lebensjahr, war sie nicht mehr richtig gewachsen. Sie sah auch nicht aus wie siebzehn, sie war klein, schmal und unterernährt. Rosa hatte jeden Tag Hunger, aber das interessierte niemanden. „Sei froh, dass du ein Dach über dem Kopf hast und eine warme Suppe, bei deiner Großmutter wärst du längst verhungert!“, hatte sie die Altbäuerin mal geschimpft. Endlich angekommen bei der Hebamme machten sich die zwei Frauen schnell auf den Rückweg zum Bauernhof, Rosa war keine Pause gegönnt. Gerade noch rechtzeitig zur Niederkunft kamen sie an. Für Rosa brach eine anstrengende Zeit an, sie musste die kommenden Wochen den Säugling hüten, damit sich die Jungbäuerin von der Geburt erholen konnte.
Um spätestens 21 Uhr fiel Rosa jeden Abend müde, abgekämpft und hungrig ins Bett, neben ihr schlief der Säugling in einem geflochtenen Korb. Sobald das Kind zu schreien anfing, brachte Rosa es zu Nannerl zum Stillen. Sie musste warten, bis es fertig getrunken hatte und nahm es wieder mit in ihre kleine Kammer. Es war eisig kalt, Rosa packte den Säugling ganz warm ein und achtete darauf, dass das Kind nicht fror. Um vier Uhr früh stand Rosa auf, heizte den Ofen in der Küche und der Stube und versorgte dann die Tiere am Hof. Der Wind pfiff um die Stallungen, Rosa zitterte am ganzen Leib. An den Kühen und Kälbern konnte sie sich wenigstens ein klein wenig wärmen, während sie den Stall ausmistete. Nach der Stallarbeit gab es für alle ein kümmerliches Frühstück – lauwarme Milchsuppe mit etwas Brot. Die Dienstboten bekamen das alte, harte Brot von der Vorwoche, nur der Herrschaft war das frisch gebackene vorbehalten.
Nach diesen anstrengenden Wochen wurde Rosa krank. Sie hatte hohes Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen und sie hustete sich die Seele aus dem Leib. Der alte Knecht, Matthias, bemerkte Rosas glühende Wangen beim Frühstück und sprach die Altbäuerin an: „Die Rosa gehört ins Bett und ein Arzt muss her. Seht euch das Mädel doch an? Die stirbt euch noch weg.“ „Das wäre ja noch schöner! Wer soll denn für die Arztkosten aufkommen? Die hat doch nichts Erspartes! Und bis Maria Lichtmess bleibt sie hier am Hof als Dienstmagd!“, keifte die Alte. Der Seppenbauer funkelte Rosa streng an und spuckte abwertend auf die Holzdielen. „Na, wo hast dich denn herumgetrieben, weil du plötzlich so krank bist?“, meinte er. „Kann ich bitte heißen Tee haben und eine kräftige Suppe, Bauer? Dann werde ich sicher schnell wieder gesund“, flehte Rosa die Bauersleute an. „Nichts da. Geh an die Arbeit. Wo kommen wir denn da hin, wenn plötzlich jeder eine Sonderbehandlung möchte?“ Die Bäuerin ging wieder zurück in die Küche an den Herd. Matthias schüttelte den Kopf und nahm Rosa an der Hand. „Komm, Rosa. Ich helfe dir.“ Am Vormittag musste Rosa immer die schweren Wasserkübel vom Brunnen in den Stall tragen und das Vieh tränken. Außerdem war noch das Getreide mit einem Dreschflegel zu schlagen, damit die Pferde am Hof Korn hatten. Mit zittrigen Beinen und aus voller Brust hustend verrichtete sie ihre Arbeiten. Der Knecht half ihr, soweit es möglich war, denn er hatte selber noch einiges an Aufgaben zu erledigen. Rosa konnte an diesem Abend nicht einschlafen. Sie wollte am liebsten weglaufen, aber sie wusste nicht, wohin. Bis Anfang Februar war sie verpflichtet am Hof. Erst dann bekam sie ihren Lohn vom letzten Jahr ausbezahlt. Wenn es die Bauersleute gut mit den Dienstboten meinten, gab es zusätzlich vielleicht noch Schuhe oder neue Kleidung. Sie hielt das bei den Seppenbauern aber für sehr unwahrscheinlich. Die Bettwäsche in der Kammer waren mit einer dünnen Eisschicht bedeckt. In den Räumen der Dienstboten herrschte im Winter immer eisige Kälte. Rosa hielt es nicht mehr aus, sie schleppte sich in den Stall, legte sich neben die Kälbchen ins Stroh und deckte sich mit alten Leinensäcken zu. Bald fiel sie in einen tiefen Schlaf.
Ganze vier Tage blieb sie so im Stall liegen, trank manchmal einen Schluck Milch aus dem Euter der Kühe und legte sich wieder hin. Niemand kümmerte sich um sie, aber zum Glück wurde sie auch nicht mehr aufgefordert, ihrer Arbeit nachzugehen.
Am fünften Tag ging sie verschmutzt, stinkend und abgemagert über den Hof zum Bauernhaus. Ein Pferdegespann fuhr gerade durch das Einfahrtstor und auf dem Kutschbock saß der Alois aus dem benachbarten Ort. Rosa kannte ihn schon länger, er holte sich immer Holz vom Seppenbauern. Er hatte sich vor einiger Zeit mit seiner Frau ein kleines Haus am Dorfrand gebaut, er war Hufschmied und verdiente sich damit mehr recht als schlecht den Unterhalt. Die meisten Bauern zahlten in Naturalien, er hatte wenigstens zu essen. Vor einigen Jahren war die Frau von Alois gestorben, an der Schwindsucht, wie es hieß. „Rosa! Bist du das?“, rief er entsetzt. „In aller Herrgottsnamen, wie siehst du denn aus?“ „Ich war krank, Alois. Jetzt geht es mir aber wieder besser.“ Rosa war beschämt und schlüpfte schnell durch die Tür ins Haus. Sie nahm einen Holzkübel, um Wasser zu holen. Der Brunnen lag außerhalb des Hofes, in der Nähe des Einfahrtstores. Aus dem Hofinneren hörte sie plötzlich laute Stimmen. „Bist du denn von allen guten Geistern verlassen? Die Rosa sieht ja schrecklich aus! Lässt du sie verhungern?“, hörte sie die Stimme von Alois. „Das sind nicht deine Angelegenheiten! Die Rosa soll froh sein, dass sie bei uns ist. Ihre Großmutter kann sich nicht noch um ein weiteres Balg kümmern.“ „Am liebsten würde ich sie einpacken und mitnehmen. So kann das nicht weitergehen, Sepp! Soll ich dem Arzt sagen, er muss mal vorbeischauen? Dann wirst du aber dein blaues Wunder erleben!“ „Das Angeld ist bezahlt, die Rosa bleibt bis Lichtmess hier! Dann kannst du sie von mir aus holen, das unnütze Weibsbild.“ Rosa lief schnell in das Haus zurück, ehe sie jemand sah. Ihr Herz pochte! Konnte das wahr sein? Würde sie wirklich endlich wegkönnen von diesem Hof? Bis zweiten Februar waren es nur noch einige Tage, die hielt sie sicher noch aus. Abends hörte sie dann die Bauersleute über Alois reden, sie lachten und machten Witze. Sie wollten es nicht glauben, dass der Mann so dumm sein konnte.
Pünktlich an Lichtmess begann die Schneeschmelze und an diesem Tag fuhr Alois auf den Hof. Die Altbäuerin wartete an der Eingangstür und stemmte ihre Arme in die breite Taille. „Na, Alois? Meinst du es wirklich ernst? Bist um die Rosa gekommen?“, fragte sie ihn mit scheinheiliger Stimme. „Das ist richtig. Wo ist sie? Ich nehme sie gleich mit.“ „Ich verstehe gar nicht, was du dir an dem Mädel siehst, hässlich, wie sie ist. Und zur Arbeit taugt sie auch nicht“, fauchte die Alte weiter. Rosa hatte ihr bestes Kleid angezogen, ihren kleinen Lederkoffer in der Hand und schlich sich an der Bäuerin vorbei. „Rosa, hast du auch deinen Lohn vom letzten Jahr bekommen, wie es dir zusteht?“, fragte Alois leise. „Ja. Es ist zwar nicht viel, aber immerhin kann ich heute den Hof verlassen.“ Rosa lächelte. Geschickt kletterte sie auf den Kutschbock und beide fuhren sie vom Hof des Seppenbauern. Ein Jahr später heirateten sie. Alois war zwölf Jahre älter als Rosa und die Ehe blieb kinderlos.
——————– Der Schnee schmilzt unter meinen Stiefeln, das Februarlicht dringt sanft durch die knorrigen Äste der Pappeln am Friedhofsweg. Ich zünde eine Kerze an, wie alle Jahre an Maria Lichtmess. Auf dem Grabstein steht in geschwungener Schrift: Maria Gruber 1901 – 1926 Alois Gruber 1899 – 1977 Rosa Gruber 1911 – 2000 Tante Rosa hat meinem Mann und mir damals das kleine Haus vererbt. In ihrer Schlafkammer habe ich in einer alten Holzkommode die Tagebücher gefunden. Sie hat erst später ihre Erlebnisse in dünne Hefte geschrieben. Die Kriegsjahre haben sie einigermaßen gut überstanden, die Pferde wurden gebraucht und mussten ja beschlagen werden, Alois hatte immer Arbeit. Rosa war an der Seite ihres Mannes glücklich gewesen. Sie war ihm eine gute Ehefrau. Die Enkeltochter zupft an meinem Mantel: „Oma, wer ist denn hier begraben?“ „Hier liegt meine Tante Rosa, liebe Laura. Eine wundervolle Frau, die von Onkel Alois aus der Eiseskälte gerettet wurde.“
Diese Kurzgeschichte hat beim Schreiblust-Verlag (http://schreiblust-verlag.de/) zum Monatsthema „Eiseskälte“ im Februar 2019 teilgenommen.
Vergangenes Wochenende wurde sie auf der Seite von verdichtet.at veröffentlicht.
Unsere Tante Rosa war eine einfache Landarbeiterin (so steht es auch als Berufsbezeichnung in ihrem Pass 🙂 ) , sie war eine bescheidene Frau mit viel Humor und einem lustigen Funkeln in den Augen, bis ins hohe Alter.