Mondgöttinnen

Vor Anker in Manarola

Kapitel 3

Chiara stand am Oberdeck des Ausflugsschiffes. Ihr dunkles, schulterlanges Haar leuchtete in der Frühlingssonne. Aufmerksam betrachtete sie die ligurische Küste, die langsam an ihr vorbeizog. Der Duft des Meeres stimmte sie melancholisch. Sie fühlte sich, als würde sie nach einer langen Reise endlich ankommen, in einem Hafen landen und ankern, für immer möchte sie hier bleiben. Diese Sehnsucht spürte sie schon als kleines Mädchen, immer hatte es sie zum Meer hingezogen.

Das Schiff bog um einen schroffen Felsvorsprung, der steil in das blaue Meer ragte. Endlich der erste Blick auf Manarola, ein malerisches Dorf in den Cinque Terre. In allen Farbtönen gestrichene Hausfassaden, von rot, orange über gelb und violett funkelten ihr entgegen. Die mehrstöckigen Häuser, aberwitzig ineinander verschachtelt, aufgetürmt, an den Hängen emporgewachsen, strahlten eine unglaubliche Wärme aus.
Chiara griff in ihre Handtasche. Ohne zu schauen, fühlte sie das dünne Pergamentpapier und die breite Schleife, die um etliche Briefumschläge gebunden war. Sie wollte sich überzeugen, ob das Päckchen noch da war. Das Schiff näherte sich dem Hafen und ihr Herz schlug mit jedem Meter, dem sie sich der Mole näherten, schneller.

Chiara dachte an die Worte von Katharina, mit der sie drei Wochen zuvor gesprochen hatte:
„29 Jahre ist es her, als ich ihn kennenlernte, ich war als Kellnerin auf Saison in den Tiroler Bergen. Er war in der Küche des Nachbargasthofes angestellt. Schon bei unserer ersten Begegnung hüpfte mein Herz. Er war so ein fröhlicher Mann mit einer wunderbaren Ausstrahlung. Ihm ging es wohl ähnlich, wollte er doch gleich ein erstes Rendezvous mit mir. An unseren freien Stunden haben wir uns öfters fortgestohlen, Spaziergänge gemacht, sind die Berge hoch gewandert. Wir hatten so viel Spaß und waren uns von Anfang an vertraut und tief verbunden. Einen Lieblingsort hatten wir auch gefunden, eine zu dieser Zeit leer stehende Almhütte. Wir lagen dann vor dem Kaminfeuer, eng umschlungen und so sehr verliebt ineinander.“

***

Chiara ging an Land. Heute würde sie ihn erstmals sehen. Würde ihm endlich gegenüber stehen und seine Stimme hören. Sie folgte den gewundenen Treppengassen entlang der schmalen Hauptstraße den Hang hinauf. Nur wenige Touristen waren um diese Jahreszeit hier. Sie hielt kurz an und las die Straßenbezeichnungen an den Hauswänden. Immer und immer wieder hatte sie daheim auf einer Karte den Weg studiert, der zu ihm führen würde. Sie kannte ihn auswendig, obwohl sie noch nie hier war. Ihr ganzes Leben war sie noch nie so nervös gewesen wie heute. Wieder dachte sie an Katharinas Worte:
Eines Tages aber war er fort. Ohne Abschied und ohne Erklärung hat er Österreich verlassen. Ich lief verzweifelt zum Küchenchef des Gasthauses und fragte nach. Der hat mich jedoch wütend aus der Küche geschmissen, mit den Worten – Nach Italien, dort wo er hingehört, und hoffentlich nicht mehr wiederkommt, dieser Mistkerl – Ich habe nie erfahren, wo er wohnt. Ich wusste nur seinen Vornamen – Maurizio.

***

Von weitem sah Chiara die kleinen, weiß gedeckten Tische vor der Trattoria. Schöne Terrakottatröge, mit Kräutern, Ginster, Hyazinthen und Oleander bepflanzt, trennten diese Trattoria von einem benachbarten Ristorante. Vereinzelt saßen Gäste an den Tischen. Chiara nahm Platz und fühlte ihr Herz rasen.
Ein junger Kellner kam an den Tisch und fragte sie freundlich, was er ihr bringen dürfe. Chiara bestellte ein Glas Vino della casa, fasste all ihren Mut zusammen und fragte nach Maurizio. Der Kellner antwortete in gebrochenem Deutsch: „Maurizio? Il Padrone di casa? Eh, ich hole.“
Aus der Trattoria hörte sie Stimmen und die üblichen Geräusche eines Gastbetriebes. Kurz darauf betrat ein großer, schlanker Mann Anfang fünfzig mit pechschwarzen, fülligen Haaren die Veranda. Sein Gesicht mit einigen Lachfalten um die dunklen Augen war tief gebräunt, die Ärmel des weißen Hemdes hochgeschoben und die dunkle Hose von einer leuchtend roten Schürze bedeckt. Er wischte seine bemehlten Hände in der Schürze ab und kam zu Chiaras Tisch.
„Signora, wie kann ich Ihnen helfen?“ Wie selbstverständlich wechselte er in die deutsche Sprache. Er beherrschte sie gut, aber das wusste sie bereits.
Mit zittriger Stimme antwortete Chiara:
„Ich soll dir Grüße von Katharina überbringen.“ Maurizio sah sie verwundert an, atmete tief durch, nahm den Stuhl zur Seite und setzte sich ihr gegenüber hin.
„Von Katharina? Oh, das ist aber lange her!“ Er sprach leise und senkte seinen Blick, fixierte die weiße Tischdecke. Der Kellner brachte Wein und Focaccia, Chiara musste sofort einen Schluck nehmen, ihre Kehle war trocken und brannte.
Maurizio sah sie mit traurigen Augen an.
„Erzähl mir bitte von Katharina. Es muss fast 30 Jahre her sein, seit ich sie zuletzt gesehen habe.“
Nun begann Chiara alles, was sie von Katharina erfahren hatte, zu erzählen.
Maurizio richtete seinen Blick in die Ferne, auf die bunten Hauswände der gegenüberliegenden Straßenseite. Seine Augen waren immer noch sehr traurig, obwohl er doch ein fröhlicher Mann gewesen war, wie Katharina meinte.
Als Chiara von Maurizios plötzlicher Abreise erzählte, lehnte er sich zurück, strich mit seiner schmalen, feingliedrigen Hand über sein Gesicht und schüttelte den Kopf.
„Mein Vater lag im Sterben, ich musste dringend nach Ligurien zurück. Der Küchenchef war außer sich vor Wut und hat mich noch in der Nacht rausgeschmissen. Vier Wochen später kam ich wieder nach Österreich zurück, ich wollte Katharina alles erklären. Da war sie aber schon abgereist. Ich habe bei meiner Ankunft die Chefin des Hotels aufgesucht und mich nach Katharina erkundigt. Sie meinte, Katharina wollte dringend nach Hause, nach Deutschland, zu ihrem Vater. Aber die Hotelchefin hat gleich gemerkt, dass ich sehr verliebt war in Katharina und hat mir die Adresse gegeben.“

Einige Zeit saßen sie still da. Jeder in Gedanken versunken. Bis Chiara weiter erzählte:
„Der Vater von Katharina, ein Witwer, war ein verbitterter, ehemaliger General der deutschen Streitkräfte im 2. Weltkrieg. Er hat sie einige Wochen nach ihrer Ankunft aus Österreich zu einer Tante aufs Land geschickt und jeden Kontakt zu ihr abgebrochen. Bis zu seinem Tod vor drei Monaten hat sie nie mehr von ihm gehört. Als sie das Haus ihres Vaters dann schlussendlich ausräumen musste und den Schreibtisch öffnete, hat sie das hier gefunden.“ Chiara bückte sich zu ihrer Handtasche, nahm das verschnürte Paket und legte es vor Maurizio auf den Tisch.
Maurizio hielt den Atem an, er starrte auf die Briefumschläge, die fein säuberlich aufeinander lagen.
„Mein Gott, die Briefe an Katharina! Sie hat mir nie geantwortet. Jahrelang habe ich ihr geschrieben.“ Mit zittrigen Fingern strich er über die rote Schleife, die um die Umschläge gebunden war.
„Aber Maurizio, Katharina hat die Briefe nie gesehen! Ihr Vater hat sie nicht geöffnet. Sie lagen verschlossen in einer Ecke der Schublade. Erst jetzt, vor ein paar Wochen, konnte sie alle Briefe lesen und hat erfahren, dass du sie so vermisst hast.“
Maurizio betrachtete die Briefe lange, atmete schwer und sank in sich zusammen, er wirkte gebrochen.
„Was ist denn passiert? Wieso hegte der Vater so einen Groll auf Katharina?“, wollte er wissen.
Chiara lehnte sich nach vor, sah Maurizio tief in die Augen.
„Katharina kam schwanger heim aus Tirol, Maurizio. Ihr Vater hat sie aufs Übelste beschimpft. Hat ihr vorgeworfen, sie hätte den Namen der Familie in den Schmutz gezogen! Noch dazu ein Italiener als Vater des Bastards, ein Verräter der schlimmsten Sorte und nie wolle er jemals im Leben das Enkelkind sehen.“
Maurizio starrte Chiara an. Er schüttelte den Kopf, immer und immer wieder. Und nun begann er sie zu mustern, ihre dunklen Augen, das schwarze Haar, die schmalen, feingliedrigen Hände. Er hielt eine Hand vor den Mund und seine Augen füllten sich mit Tränen. Mit der anderen Hand fasste er nach Chiaras Händen und er zögerte noch, bevor er fragte:
„Katharina ist deine Mutter? Und ich….ich….?“
Chiara lächelte, drückte seine Hand und nickte.
Die Sonne versank langsam im Meer und tauchte die Häuser in ein sattes Orange. Chiara richtete ihren Blick in die Ferne, spürte, jetzt war sie angekommen und bald wird auch Katharina hier ankommen.

 

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Ein weiteres Kapitel meiner „mystischen Frauen vom Waldrand“ – ich hatte leider nur immer vergessen, die Geschichte hier hochzuladen 🙂 . Chiara ist die Großnichte von Sophie und die Tochter von Katharina – langsam fügt sich alles zusammen. Ich arbeite gerade noch an weiteren Geschichten der Mondgöttinnen – momentan nimmt gerade wieder eine Fortsetzung am Monatswettbewerb Mai vom Schreiblust-Verlag teil (Thema: „Hexenverfolgung“ 🙂 – wie passend zu Sophie, oder?). Ich werde ihn demnächst hochladen.

Mondgöttinnen

Die Mondgöttin

Kapitel 2

heute ist wieder eine Kurzgeschichte von mir auf www.verdichtet.at erschienen:

Die Mondgöttin

Sie läuft barfuß hinter dem alten Hund her, ihre dunklen Locken, die bis zur Mitte des Rückens reichen, wehen im Sturm. Das geblümte Kleid klebt an ihren nackten Beinen, es ist durchnässt. „Hank! Warte auf mich!“ Das kleine Mädchen kann dem Hund nur schwer folgen, es weiß aber, dass er auf der Suche nach Schutz ist und ihm den Weg weisen wird. Hinter ihm öffnet sich der Boden, aus schmalen Kratern quillt eitrige Masse, vermischt mit lavaähnlicher Brühe, alles schwappt über seine Knöchel, es stinkt ganz ekelerregend und das Mädchen muss würgen. Es läuft weiter, der Wind peitscht Regen, Hagel und Schnee gegen sein Gesicht. Der Hund hält immer wieder an und wartet auf das Mädchen.
An einem Bachlauf springen Forellen aus dem Wasser, landen auf der blutenden Erde, schwänzeln verzweifelt in der Luft. Das Gewässer verfärbt sich blitzschnell dunkelrot und beißender Mief erfüllt die Umgebung. Bald haben sie den Wald erreicht. Hinter einer großen Hecke kriechen Schlangen, Würmer, Kröten und Echsen hervor, sie fliehen ebenso vor der sich öffnenden Erde. Aus den Baumrinden tropfen dicke, harzähnliche Absonderungen, die Äste kringeln sich ein, sind plötzlich tot, starr, es stinkt nach Ammoniak.
„Hank, hilf mir, ich kann nicht mehr!“ Das Mädchen ringt nach Luft, der Ammoniakgestank treibt ihm Tränen in die Augen. Es dreht sich um, die Schlangen, Echsen und Kröten folgen ihnen. Die Fußsohlen des Mädchens schmerzen, trotz Regen und Schnee beginnt der Wald nun zu brennen, fängt Feuer. Der Himmel verdunkelt sich und es kann nichts mehr sehen. Nun ist der Hund an seiner Seite und führt es weiter. Vor ihnen teilt sich plötzlich der Weg, das Mädchen nimmt Anlauf und springt dem Hund hinterher, stolpert und versinkt mit einem Fuß im Morast. Das Mädchen schreit auf, mit Händen und auf Knien versucht es, sich aus dem Abgrund zu befreien. Sein Herz schlägt bis zum Hals, es weint und fleht und krabbelt auf allen Vieren weiter … Schlangen streifen seine Hände und Arme, schlingern an ihm vorbei.
Dann, endlich, sieht das Mädchen vor sich einen Felsvorsprung und dahinter eine große Weide, die von all diesem Unheil verschont geblieben scheint. Hank legt sich unter die Weide ins saftige Gras und wartet auf das Kind. Den Hund umarmend legt es sich dicht neben ihn, zitternd am ganzen Leib, und gemeinsam schauen sie dem grauenvollen Schauspiel zu, das um sie herum passiert.
„Mutter Erde, Mutter Erde, was ist mit dir? Wo tut‘s denn weh?“, schreit das Mädchen laut in den Abendhimmel.
***
Chiara reißt die Augen auf und ringt nach Luft, an ihrem Bett sitzen Großtante Sophie und ihre Mutter Katharina.
„Schatz, es war nur wieder dieser Traum. Es ist alles gut, wir sind ja da.“ Chiara weint und ist schweißgebadet. Ihre Mutter streichelt ihr sanft über die Stirn und küsst sie, die Großtante hält ihre Hand.
„Wieso träume ich das immer wieder?“, schluchzt sie und legt ihren Kopf auf den Schoß der Mutter.
„Du hast die Gabe, liebe Chiara. Du fühlst den Schmerz der Erde. Genau wie deine Großtante“, flüstert ihre Mutter. Die Tür öffnet sich und das Mädchen sieht das Schweifende von Hank am Bett vorbeihuschen. Der Hund legt seinen Kopf auf die Bettkante und leckt über ihren Unterarm. Chiara betrachtet ihre Großtante, die Hank nun hinter dem Ohr krault. Sie sitzt im Nachthemd da, ihre silbergrauen, dichten Haare zu einem dicken Zopf gebunden. Sie lächelt Chiara an und ihre wunderschönen, bernsteinfarbenen Augen betrachten das Mädchen liebevoll.

*** 12 Jahre später ***

Mark nimmt an einem der kleinen Tische vor der Bäckerei Platz. Er sortiert seinen Notizblock und die Stifte und bestellt sich einen Kaffee. Sein Deutsch ist zwar nicht akzentfrei, aber sehr gut. Am Nebentisch sitzt ein älteres Pärchen und mustert ihn neugierig.
„Sie sind wohl nicht von hier, was?“, fragt der Mann, der seine Hände auf einen Stock stützt.
„Ich komme aus Amerika und muss hier für eine Fachzeitschrift recherchieren“, antwortet Mark.
„Hier, bei uns? In diesem Kaff?“ Der Alte lacht laut auf. „Was soll es da zu recherchieren geben?“
„Es geht um das Thema Plastic Planet und um Mythologie. Ich bin auf der Suche nach drei Frauen, die hier wohnen. Vielleicht können Sie mir sagen, wo ich sie finde?“
Der alte Mann stopft sich mit krummen, arthritischen Fingern eine Pfeife und brummt leise vor sich hin. „Die ollen Weiber vom Waldrand?“, fragt er. Die Frau daneben stößt ihm den Ellenbogen in die Seite:
„Aber Friedrich, wie redest du nur?“, entgegnet sie.
„Ist doch wahr! Früher hätte man sowas wie die auf dem Scheiterhaufen verbrannt!“
Mark macht sich ein paar Notizen und muss schmunzeln. Dieses kleine Dorf hat einen seltsamen Charme, hier läuft alles etwas ruhiger ab als in seiner Heimatstadt, als hätte man die Zeit um Jahre zurückgedreht.
„Sie müssen wissen, die Damen leben sehr abgeschieden am Waldrand und das ist vielen hier im Dorf unheimlich. Die Ältere heißt Sophie, sie streift oft stundenlang barfuß und mit wehenden Kleidern durch die Wälder, an ihrer Seite ist immer ein Hund. Man erzählt sich, dass sie vor langer Zeit eine Begegnung mit einem Wolf hatte und seither sei sie völlig verändert. Leute, die nicht so ängstlich sind, kommen zu ihr und suchen Rat und Hilfe. Sophie hat schon sehr vielen Menschen helfen können.“
„Ach, papperlapapp!“ Der alte Mann nimmt die Pfeife aus dem Mund und bläst den Rauch in die Luft. „Das ist doch alles Quatsch, den du erzählst, Mutti.“ Mark wendet sich nun der Frau zu und klopft nachdenklich mit dem Bleistift auf den Zettel.
„Wie darf ich das verstehen, ihr sei ein Wolf begegnet? Können Sie mir das näher erklären?“
Die alte Frau rutscht mit dem Stuhl nun näher an Mark heran.
„Näheres weiß niemand hier. Sie war ja damals verheiratet, aber seit sie dem Wolf begegnet ist, sei der Mann wie vom Erdboden verschluckt. Niemand hat ihn je wieder gesehen. Und sie hat sich seit diesem Tag nicht nur vom Wesen her verändert, sondern auch äußerlich. Früher hatte sie blaue Augen, seit dieser Wolfsbegegnung aber sind ihre Augen wie aus dunklem Bernstein. Es leben drei Frauen in diesem Haus: Sophie, ihre Nichte Katharina und die Tochter von Katharina, sie heißt Chiara. Es wird gemunkelt, dass Katharinas Kind von einem Italiener ist, aber niemand weiß das so genau.“ Die Hände der Frau zittern nun, und sie wirkt nervös.
„Sophie und Chiara sind Sehende, müssen Sie wissen. Sie haben eine Gabe, sagt man“, flüstert sie Mark hinter vorgehaltener Hand zu.
„Kann ich unangemeldet bei den Frauen vorbeischauen? Was meinen Sie?“, fragt Mark.
Die zwei Alten sehen sich an und der Mann zuckt mit den Schultern.
„Wenn Sie meinen?! Ich wünsche Ihnen viel Glück. Die olle Sophie lässt Männer verschwinden. Passen Sie bloß auf sich auf!“
Mark notiert sich noch den Weg und marschiert los. Was für Schauermärchen, denkt er und lacht.

Nach einer Viertelstunde Fußmarsch kommt er an ein alleinstehendes Haus am Waldrand, die Fassade ist mit Lärchenholz vertäfelt, viele bunte Windspiele hängen an der Veranda, im dicht blühenden Garten sieht er vereinzelt Statuen aus Stein, elfenhafte, lächelnde Frauengestalten. Das Haus steht auf einer Anhöhe und Mark hält an, um sich einen Eindruck zu verschaffen. Plötzlich kommt Wind auf, die Tonmotive der Windspiele schlagen aufeinander und eine wundersame Melodie ertönt. Die sich im Wind wiegenden Blüten lassen die Elfenfiguren manchmal verschwinden und wieder erscheinen, es sieht aus, als würden sie tanzen. Wie aus dem Nichts steht nun ein Hund am Hauseingang, stolz und erhaben kommt er auf Mark zu und hält einige Meter vor ihm an, er mustert Mark, sein Fellkleid schimmert in allen Brauntönen. Dann ebbt der Wind wieder ab, es ist still rundherum. Mark nimmt nun befremdliche Duftnoten wahr, es riecht intensiv erdig, nach Myrrhe und auch nach Moschus. Kalte Schauer laufen seinen Rücken hinunter, ihm wird übel.

Plötzlich ein leises Zischen. Mark dreht sich abrupt um! Sie steht knapp hinter ihm, ihre Augen sind geschlossen, sie ist barfuß, hat lange, grau schimmernde Haare, sie kräuselt fast unmerklich ihre Nase, ihre Nasenflügel beben – als würde sie an Mark riechen, zieht sie mit einem leisen Zischlaut die Luft durch den leicht geöffneten Mund ein. Nun lächelt sie und öffnet die Augen. Mark weicht vor Schreck zurück, er hat noch nie solche Augen bei einem Menschen gesehen, sie sind bernsteinfarben und funkeln ihn an.

Sie nimmt seine Hand und spricht mit rauer, leiser Stimme: „Wir haben Sie schon erwartet!“

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Lyrikpfad

Glücksmomente

Glücksmomente           Herbst 2015

Achtsame Schritte, Mensch und Tier,
Natur fühlen – jetzt und hier!

Bewusst wahrnehmen und schauen,
leise Hufe und Pfoten über die Auen.

Es ist ein Schreiten, kein Hetzen.
Einfach mal in die Wiese rein setzen…..

Warmer Atem, sanfte Pferdenase im Gras,
Energie folgt der Aufmerksamkeit – das hat schon was!

Glück und Freude kommen mit der würzigen Luft,
Ruhe stellt sich ein, Dankbarkeit ruft.

„Eins-Sein“ mit Tieren, Pflanzen und der Erde,
dem freundlichen Hund und dem Wesen der Pferde.

 

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Lyrikpfad

Wann hast du zuletzt…?

Wann hast du zuletzt….?         Juni 2016

Wann hast du zuletzt einen Spaziergang durch den Wald gemacht? Deinen Blick zu den Wipfeln erhoben, dieses einzigartige Rauschen gehört?

Wann wirst du deine Hände wieder über das sanfte Gras streichen lassen, das sich um die Baumstämme wiegt?

Wann hat dich zuletzt der Geruch von Farnen und Moos in der Nase gekitzelt? Hat ein scheuer Waldbewohner deinen Weg gequert?

Wann wirst du wieder diese prachtvollen Farben und kunstvolle Pflanzenwelt bestaunen?

Wann hast du zuletzt deine nackten Füße auf das Holz eines gefällten Baumes gesetzt? Dessen Jahresringe auf deine Haut wirken lassen?

Wann wirst du wieder dieses weiche Licht, das durch die Blätter und Äste schwingt, in dein Herz fließen lassen?

Wann hast du dich zuletzt an einen Baum gelehnt, seine starke Rinde an deinem Rücken gespürt? Oder ihn gar umarmt und ihn um Kraft gebeten?

Wann wirst du erkennen, dass dieses wilde Wuchern, Treiben und Wachsen eigentlich perfekte Symbiose ist?

Diese Ruhe spüren und gleichzeitig Kraft.
Diese Erdung und auch diese Macht.
Diese unbändige Schöpfung und Energie.
Beflügelt Seele, Geist und Phantasie.

Wann hast du zuletzt………..geatmet?
Wirst du……..erkennen?

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Gedankengeflüster

Schließ´ die Augen …

Schließ´die Augen und erzähle mir…..    Sommer 2016

Die Schubkarre mit Pferdemist war schwer, es war heiß und schwül, ein Gewitter kündigte sich an. Eine kurze Pause wollte ich machen, schattig im Hof auf der Bank, nahe dem Kräutergarten. Vorher noch kurz die Füße in dem Granitbrunnen mit Wasser aus dem Wald gekühlt, setzte ich mich und lehnte mich an die Holzvertäfelung der Pferdebox.
„Schließ die Augen und erzähle mir…..“, sagte plötzlich eine Stimme. „Was riechst du rundherum?“ Ich schloss die Augen und machte eine Reise mit der Nase.
„Es ist schwül, die Luft ist zum Schneiden, drückend, es riecht nach Gewitter. Ich rieche auch Lavendel, Salbei, Rosmarin, rieche Mädesüß und etwas Eibisch vom Kräutergarten. Die frische Rindenmulch, die gestern ausgebracht wurde hier und ich rieche den Duft des Waldes nebenan, die Erde darin. …. „Ist das alles?“ fragte die Stimme. „Naja, es riecht natürlich auch nach Pferdemist hier und nach den Pferden selbst, die gerade dösend im Schatten stehen und vorher in der Sonne geschwitzt haben. Sie riechen auch etwas nach Fliegenspray. Und ich rieche Heu.“
„Schließ die Augen und erzähle mir….“, sagte die Stimme weiter. „Was hörst du rundherum?“ Ich schloss die Augen und machte eine Reise mit den Ohren.
„Ich höre das Plätschern des Wassers im Brunnen nebenan. Die Vögel in den Nestern an der Stallmauer. Höre die Bienen und Hummeln summen, die sich am Nektar bedienen. Am Nachbarhof gackern die Hühner, ein Hund bellt in der Ferne. Ich höre leises, zufriedenes Schnauben der Pferde und irgendwo zirpt eine Grille. Im Buchenbaum hängt ein Windspiel, ich höre den leisen Klang der Tonmotive aufeinander schlagen“ …… „Ist das alles?“ fragte die Stimme. „Naja, ich höre noch das Blätterrauschen im Wald, höre meinen Hund neben mir hecheln und manchmal schlägt ein Pferd mit dem Schweif und verscheucht die Fliegen“.
„Schließ die Augen und erzähle mir…“, sagte die Stimme wieder. „Was fühlst du rundherum?“ Meine Augen noch geschlossen machte ich wieder eine Reise.
„Ich fühle lauen, warmen Wind auf meiner Haut, fühle einen Schweißtropfen meinen Nacken runterlaufen. An meinem rechten Bein fühle ich das weiche Fell des Hundes, der neben mir liegt. Eine Fliege setzt sich auf meinen Arm, ich verscheuche sie mit meiner Hand. Mein Kopf fühlt das warme Holz, an das ich mich lehne und unter meinen Füßen ist heißer Asphalt.“ …..“Ist das alles?“ fragte die Stimme. „Naja, ich fühle mein Herz schlagen und fühle meinen Atem, weil es kurz vorher so anstrengend war. Ich muss noch ziemlich schnaufen.“
„Schließ die Augen und erzähle mir…“, sagte die Stimme. „Was siehst du für Farben, in deinem Inneren?“ Und so machte ich mit geschlossenen Lidern eine Reise mit den Augen.
„Ich sehe das helle Gelb der heißen Sonne, das Lila von Lavendel und Salbei, das Orange und Knallrot von Blumen, ich sehe unterschiedlichste Brauntöne von Pferde- und Hundefell, das sich in der Sonne spiegelt und ganz helles Grün vom Wasser im Brunnen.“….“Ist das alles?“ fragte die Stimme. „Naja, ich sehe noch verschiedenste Grüntöne der Wiese und der Bäume. Dunkles Blau vom Himmel, vermischt mit weißen Wolken.“
Es war still. Ich öffnete meine Augen und hörte mich sagen:
„Hallo, Du? Ich würde gerne wissen, wer du bist.“
Die Stimme antwortete: „Wer ich bin? Das ist ganz einfach: Ich bin Heimat!“

veröffentlicht im Smart Storys Verlag

 

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