Meinen ersten Blog habe ich im Dezember 2009 gestartet und ich betreue ihn noch immer. Zwar nicht sehr regelmäßig, aber dennoch – er ist noch da 🙂 .
Es war der Beginn meiner Leidenschaft fürs Bloggen. In diesem Blog – „Jac´s Stable“ – geht es um Erlebnisse und Erfahrungen auf unserem kleinen Pferdehof. Außerdem ist es auch noch ein Blog für meinen Mann, der nebenbei ja als Reittrainer unterwegs ist.
Vielleicht habt ihr Lust, meinen neuesten Beitrag in diesem Blog zu lesen.
Die festgefrorene Schnee- und Eisschicht glitzert im Sonnenlicht, unter den Winterstiefeln knirscht es bei jedem Schritt, ihr Atem malt nebelige Kringel in die Lüfte, die, von einer leichten Brise getragen, sanft entschweben. Die Tasthaare und das braune Fell rund um die Schnauze des Hundes, der an ihrer Seite marschiert, sind von Raureif bedeckt. Sophie hält inne, hebt den Blick in Richtung Osten – der Himmel ist in ein sachtes, helles Orange gehüllt, die Sonne steigt erhaben hinter den Hügeln empor.
Kurz vor Ankunft bei ihrem Haus wedelt Hank, der Hund, plötzlich mit dem Schwanz und läuft in eiligem Tempo zur Einfahrt. Er hat das parkende Auto von Katharina entdeckt, die auf sie wartet.
„Meine Liebe, was führt dich zum mir?“, begrüßt Sophie ihre Nichte mit einer herzlichen Umarmung.
„Aber komm erst mal rein, wir wärmen uns drinnen auf.“
Die Holzscheite im Ofen knistern und im Teekessel auf dem Herd brodelt das Wasser. Katharina sitzt am Küchentisch und hält ihre Tasse bereit, der Hund rollt sich unter dem Tisch zusammen, bettet seinen Kopf auf Katharinas Füße und schließt seine Augen. Sophie flechtet ihr langes graues Haar geschickt zu einem Zopf, den sie seitlich über die Schulter trägt, bändigt ihn mit einem roten Band und bereitet den Tee vor.
„Es ist wegen Chiara, ich mache mir große Sorgen um meine Tochter und brauche deine Hilfe, Sophie.“
„Was ist denn mit ihr? Ich habe mir schon Gedanken gemacht, weil sie mich in letzter Zeit selten besuchen kommt“, will Sophie wissen und streicht mit ihren arthritischen Fingern über Katharinas Hand.
„Chiara igelt sich völlig ein, geht nicht mehr aus ihrer Wohnung, erscheint nicht mehr in der Arbeit, verbringt die meiste Zeit des Tages auf dem Sofa oder im Bett. Sie sieht schrecklich aus und isst kaum was. Ich dachte anfangs, das vergeht schon wieder, wenn der Liebeskummer vorüber ist, aber es wird von Tag zu Tag schlimmer.“
Katharina beginnt zu schluchzen und ihre Stimme versagt, sie holt ein Taschentuch aus ihrer Westentasche und atmet tief durch:
„Ich weiß nicht mehr, was ich machen soll, Tante. Sie hört nicht mehr auf mich.“
Sophie nimmt einen Schluck vom Tee und schaut den tanzenden Schneeflocken vor dem Fenster zu. Die alte Pendeluhr an der Wand schlägt die volle Stunde an, im Ofen kippt ein Scheit züngelnd zur Seite und mit einem leisen Prasseln landet es am Sichtfenster.
„Bring sie zu mir, Katharina. Ich kümmere mich um ihre Wunden.“
Drei Tage später stehen Mutter und Tochter vor der Tür, Chiara in eine dicke Wolldecke gehüllt, nur mit einem Pyjama bekleidet, die nackten Füße in Winterstiefel gesteckt. Ihr strähniges, mattes Haar hängt ihr ins Gesicht, dunkle Augenringe und ein unruhiger Blick, wie im Fieber, schaut sie Sophie an. In ihren Ohren stecken Stöpsel, die mit dem Handy verbunden sind, das sie in einer Hand trägt.
Ohne Begrüßungsworte zu wechseln, wandern die drei Frauen die Holztreppe hoch in das Obergeschoß. Sie kennen den Weg und schweigend öffnen sie die alte knarzende Holztür zu Sophies Schlafzimmer. Es ist dunkel und kühl im Raum, das große ehrfurchteinflößende Bett aus Eichenholz steht an der Holzwand und ist mit weißer Bettwäsche bezogen. Langsam schlüpft Chiara aus ihren Stiefeln, legt die Wolldecke ab und kriecht unter die Daunendecke. Sophie löst die Ohrstöpsel und will ihr das Handy nehmen, da fährt Chiara jäh hoch und schreit:
„Nein! Das nicht! Das brauche ich.“
„Wozu?“, will die alte Sophie wissen.
„Ich brauche es, falls sich Mark meldet. Ich brauche es. Gib es mir!“ Mit einem wütenden Ausdruck im Gesicht fuchtelt sie mit ihren Händen nach dem Smartphone.
„Es wird dir nichts nützen, ich habe hier weder Empfang, noch Internetverbindung. Aber gut, nimm es.“
Die junge Frau fällt erschöpft auf die Kissen, umklammert ihren scheinbar wertvollsten Besitz und rollt sich auf die Seite, ihre Schultern zucken und ein leises Schluchzen ist zu hören.
Sophie flüstert ihrer Nichte ins Ohr:
„Das ist schlimmer, als gedacht. Fahr jetzt, ich kümmere mich um sie. Komme am 2. Februar abends gegen 18:00 Uhr vorbei. Jetzt geh.“
Mit einer großen Schüssel dampfender Hühnersuppe betritt Sophie das Schlafzimmer, stellt die Speise auf den Nachttisch und streicht sanft über den Rücken von Chiara:
„Komm, mein Mädchen. Iss etwas.“ Langsam setzt sich Chiara auf, ihre Augen sind geschwollen und rot umrandet. Mit zittrigen Händen greift sie nach der Suppe und löffelt langsam, Schluck für Schluck.
Später liegen beide, die Junge zur Seite gedreht, die Alte dahinter, die sie sanft umarmt, im dunklen Zimmer. Leise knarzend öffnet sich die angelehnte Tür, Hundepfoten sind zu hören, die über den Holzboden tapsen, ein zartes Schnüffeln an der Bettdecke, der Hund legt sich seufzend hin und schläft bald ein, ebenso die zwei Frauen.
Nächsten Tag sitzen beide zum Frühstück am Tisch in der heimelig warmen Küche. Chiara hat wenig Appetit und verstohlen schielt sie immer wieder auf das Handy.
„Du hast hier wirklich keine Verbindung zum Internet?“, fragt sie leise.
Sophie lächelt und schüttelt den Kopf.
„Hast du wenigstens eine Zeitung, irgendwas, wo man sich informieren könnte, was so los ist auf der Welt?“, nun wird ihre Stimme etwas lauter und klingt entrüstet.
Ein verhaltenes, krächzendes Lachen entweicht aus Sophies Hals.
„Wozu? Ich fühle doch den Weltschmerz auch so? Ich brauch mir doch die Menschen rundherum nur anzusehen, wie sie hetzen, immer Tempo…Tempo, immer entsetzt über dies und das, das Lächeln ist aus ihren Gesichtern verschwunden, mehr brauche ich nicht zu wissen – da weiß ich doch schon genug?!“
„Wie kann man nur so leben?“
Chiara legt ihren rechten Arm auf die Tischplatte und bettet ihren Kopf seitlich darauf. Sophie macht es ihr gleich, damit sie ihr in die Augen sehen kann, und flüstert:
„Deine Seele, dein Geist, dein Herz – nenne es, wie du magst, sie kommen diesem Tempo und dieser modernen, technologisierten Welt nicht mehr hinterher. Die Seele geht zu Fuß, immer schon, die läuft nie einen Marathon.“ Nach einer Weile steht sie auf, holt dicke Daunenjacken und rüttelt Chiara an der Schulter:
„Komm, wir gehen jetzt mit Hank spazieren.“
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Ich schaffe es pünktlich, wie vereinbart, und trotz widrigen Straßenverhältnissen, zum Haus der Tante aufs Land. Ganz abgelegen und alleine steht das Heim meiner Kindheit am Waldrand, auf einer leichten Anhöhe, umgeben von einem großen Gemüse- und Kräutergarten, der jetzt im Winterschlaf liegt. Es wird schon fast dunkel, hinter dem Haus brennt ein Lagerfeuer und ich kann schemenhaft Tante Sophie erkennen, die mit einem dicken, bodenlangen Mantel am Feuer hantiert.
Ich stapfe im Schnee um das Haus herum und umarme meine geliebte, alte Sophie.
„Hilf mir bitte, es gibt noch einiges vorzubereiten.“ Ein paar Meter vom Lagerfeuer entfernt sehe ich das runde Kuppelgerüst des alten Schwitzhauses, aus Weidenstämmen geflochten. Es steht noch immer hier, ein wahres Refugium, scheinbar wiedererweckt aus einer längst vergangenen Zeit. Wir breiten Decken und Teppiche über das Gerüst, bis es vollständig bedeckt ist. In der Mitte der kleinen Hütte befindet sich die Feuerstelle, die noch leer ist, ein letzter Flickenteppich wird bereit gelegt, er dient später als Eingangstür.
Sophie holt mit einer alten Schaufel die heißen Steine aus dem Lagerfeuer und trägt sie in das Innere der Hütte, einen nach dem anderen.
„Ich hole sie, bleib hier und warte vor dem Lagerfeuer auf uns“, teilt sie mir mit und verschwindet durch die Hintertür ins Haus.
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Dutzende Kerzen entzündet im Garten, Duft nach Weihrauch, Rosmarin, Fichte, Engelwurz, dem Feuer übergeben als Geschenk, lautes Trommeln vor der Schwitzhütte, leise Gesänge, in der Hütte, bei den heißen Steinen die nackte Frau, fiebernd, schwitzend, sich reinigend, nach jedem Aufguss mit frischem Quellwasser, aus dem Bach nebenan in einen Eimer abgefüllt, das die Alte bringt, weinend und lachend zugleich hockt die Verwundete in der Höhle, ein Funkensprühregen nach jeder Kräutergabe ins Feuer, funkelnd züngelnd dem Himmel entgegen, alte Frauenhände, die auf die Trommel einschlagen, das lange graue Haar wirr vom Kopf stehend, tanzend und summend, ansteigend zu einem wilden Crescendo an Trommelschlägen….ein nicht enden wollender Ruf aus dem Wald, ein Kauz ..immer und immer wieder ruft er….die Nackte kommt aus dem Schwitzhaus, weint, lacht, atmet schnell, wirft sich in den Schnee, mit Birkenzweigen wird sie abgestreift, ein Schneeengel – hier – mit einladend, ausholenden Flügeln, malt sich in das Weiß, ein Lachen, „Danke!“, ruft die Nackte…..dann wird es still, die Alte hält inne, lächelt und flüstert:
„Die Erde gehört den Frauen!“
Das Fest von Imbolc, oder der Brigit / Birgit war vor allem eine Zeit der Reinigung. Wenn die Nacht, die Sonnen- oder Mondfinsternis vorbei war oder wenn, wie zu Anfang Februar (heutzutage „Maria Lichtmess“) die Tage wieder länger werden, muss der Schmutz der finsteren Zeit mit frischem Wasser weggewaschen oder/und mit Birkenreisig weggefegt werden. Imbolc ist die Zeit der Erneuerung, der Zeit vom „Willkommen-heißen-des-Lichts“.
Mein Mann und ich begrüßen Imbolc am 02.02. des Jahres mit einem Lagerfeuer, mit achtsamen Räuchern und mit einem sanften Wachrütteln der Obstbäume.Das Leben in der Natur und das Licht kommen zurück und wir heißen beides willkommen.
In meinem letzten Eintrag habe ich über Jac geschrieben, der Besondere! Die versprochene Fortsetzung handelt nun von Woody – der Freund des Besonderen! Ich lasse meine Gedanken fließen……
Seit Ende Oktober 2007 bist Du nun bei uns. Ich erinnere mich an einen 9-Monate jungen Absetzer, ich habe Dein Foto als Verkaufspferd im Internet entdeckt und wollte Dich unbedingt live sehen. Der Ausflug hat sich gelohnt. Ich habe selten so ein gechilltes, ruhiges und schönes Hengstfohlen gesehen. Den Besuchern am Koppelrand – in dem Falle uns – schenktest Du nur wenig Aufmerksamkeit, Du hast uns nur aus der Ferne etwas skeptisch beobachtet. Kurt und ich mussten lächeln bei Deinem Anblick. Du schaffst es auch heute noch, mir täglich ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern – einfach nur mit Deinem „Sein“. Schon bei der Heimfahrt stand fest, dass wir Dich zu uns holen wollen. Du hast mein Herz im Sturm erobert, Du kleiner Schlawiner.
Beim Studieren der Quarter-Horse Papiere ist uns aufgefallen, dass Du zu Jac blutsverwandt bist. Und doch: ihr seid so grundverschieden, wie es nur möglich ist. Nicht nur vom Charakter her, auch vom Körperbau.
Du hast Dich prächtig entwickelt die ersten Jahre, hast uns aber trotzdem einige Rätsel bezüglich Deiner Gesundheit aufgegeben und mehrere Therapeuten und Tierärzte haben sich die Stallklinke in die Hand gegeben. Im Gegensatz zu Jac, der durch Rangeleien und seine Wildheit öfter verletzt war, waren es bei Dir diverse, diffuse Stoffwechselprobleme. Einige Jahre später waren wir schlauer, Du hast eine Genmutation. Was hab ich mich um Dich bemüht, Ausbildungen gemacht, Kurse besucht, mich in den unterschiedlichsten Internetforen schlau gemacht.
Wo uns Jac ganz deutlich immer wieder auf die Dringlichkeit eines pferdegerechten Ausbildungsweges in Form der Altkalifornischen Reitweise hingewiesen hat, so hast uns Du auf den Weg zu artgerechter Haltung und Fütterung – back-to-the-roots – geführt. Dein Anreiten mit 3,5 Jahren verlief völlig unspektakulär und gelassen. Die ersten Jahre, bevor Du gesattelt wurdest, haben wir viele Spaziergänge gemacht, manchmal hat Dich Kurt auch als Handpferd mitgenommen. Jac, der Besondere, hat Deine Gesellschaft aufgrund Deiner Gelassenheit geschätzt. Dein zweiter Name ist Geduld, nicht wahr? Unter Artgenossen bist Du taff und man kann oft staunen über Deine Wendigkeit, die nicht wirklich mit der Optik Deines stämmigen Körperbaus übereinstimmen mag. Du hast keine Figur wie eine Primaballerina, aber einen breiten Brustkorb, in dem ein wundervolles, starkes Herz schlägt. Auf Deinem Rücken sitzt man gern, ist er doch breit und bequem wie ein Kanapee. Menschen, die Dich nicht so oft sehen oder nicht besonders gut kennen, verwechseln Deine Gelassenheit manchmal mit Sturheit. Ich sage: Du sparst Energie! Hysterie ist für Dich ein Fremdwort, Du schaust dir etwas genau an, beurteilst korrekt und erst dann entscheidest Du, ob Flucht sich lohnt. Meist lohnt sie sich absolut nicht. Und doch – wie gern Du über die Koppel saust, buckelnd im gestreckten Galopp!
Überhaupt scheint Bocken ein Hobby von Dir zu sein. Manchmal vergisst Du, sogar wenn man auf Dir reitet, den Rücken still zu halten und würdest gerne eine Runde bocken. Erinnert man Dich daran, dass jemand oben sitzt, fällt es Dir sogleich wieder ein, artig zu sein. Ich habe ja den leisen Verdacht, dass Du uns so Deine Zufriedenheit und Lebensfreude mitteilen willst. Menschen gegenüber bist Du ein überaus freundliches Pferdewesen. Betritt man Paddock oder Weide, kommst Du neugierig angetrabt. Spannend wird es, wenn sich Deine Körpermasse im Galopp bergab auf einen zu bewegt. Doch Deine Einschätzung hat Dich noch nie getäuscht und Du hast immer früh genug die Bremse gezogen.
Viele Stunden haben wir gemeinsam mit dem Tierarzt in Deiner Box verbracht. Deine Stoffwechselprobleme und Allergien haben uns zusammengeschweißt. Als ob Du spüren würdest, wie sehr wir uns bemühen, Dir zu helfen, hältst Du still und bist geduldig und wohlerzogen bei der Behandlung. Einige schlaflose Nächte vor Sorgen sind ins Land gezogen und Deine Art, mir zu zeigen, dass alles okay ist, so wie es ist, lässt mich staunen. Kommt man nächsten Tag in den Stall, wo am Vortag der Veterinär noch an Deiner Seite stand, funkeln Deine dunklen Augen mich an, Du beschnupperst meine Hand und schnaubst tief durch. Dein Blick scheint zu sagen: „Es geht mir gut, sorge dich nicht so viel!“ Überhaupt scheint Dein Lebensmotto zu sein: „Die Welt ist gut, das Leben ist schön.“ So ist mein Woody. Eine Seele von einem Pferd, sanftmütig, manchmal ein klein wenig frech aber dennoch unendlich geerdet.
Uns verbindet eine spezielle Freundschaft. Wenn man so viel gemeinsam durch dick und dünn geht, dann haben nicht die Stunden auf Deinem Rücken Priorität für mich. Es sind die besonderen Momente mit Dir, unsere täglichen Rituale. Wenn ich am Morgen meine Nase in Dein weiches Fell hinter Deinen Ohren stecke und Du an meiner Hand riechst, wenn Du mich spüren lässt, wie wichtig ich bin in Deiner Nähe. Weil Du mein Freund bist und der Freund des Besonderen, und weil Du mir gut tust. Vor ein paar Jahren haben wir Dich in die Vollpension geschickt, auch, wenn Du jünger bist als Jac. Es war die richtige Entscheidung für Dich und für mich. Du darfst hier bei uns – gemeinsam mit Deinem Freund – einfach wohnen, über die Koppel sausen und bocken, so viel Du willst.
„I´m a Hollywood Jac“ – kurz: „Woody“ – American Quarter-Horse
Ich sitze hier am Schreibtisch und mein Blick schweift aus dem Fenster über die Pferdekoppel. Du hast dich wieder mal im Dreck gewälzt und gehörtest eigentlich gestriegelt. Heute Abend werde ich mir dafür Zeit nehmen. In Gedanken lasse ich unsere gemeinsamen Jahre Revue passieren:
Vor mir sehe ich einen 4-jährigen Hengst, Stockmaß 1,50 m, jedoch mit einem Gehabe wie ein vollblütiges Rennpferd. Ein Halbstarker, der gerade so strotzt vor Power. Ich erinnere mich an einen ständig verletzten Braunen, der voll Übermut an Baumstämme vorbeischrammte, der sich fortlaufend bei Rangeleien den Kopf angeschlagen hat und öfters vom Tierarzt genäht werden musste. Auch an einen kleinen Wallach denke ich, der beim Ausritt immer vorne sein wollte und wehe, es hat ein anderes Pferd versucht zu überholen! Der Reiter war dann oft in Wohnungsnot, wenn der Braune aufs Gas gedrückt hat. Ich sehe ein aufgebrachtes Quarter-Horse, das gesattelt und aufgetrenst über einen 1,50m hohen Reitplatzzaun gesprungen ist und im Galopp das Weite suchte, keinen Bock auf Training. Deine Bewegungen als Jungspund waren zackig, wendig und in erster Linie unbeschreiblich schnell. Bei der täglichen Kraftfutterfütterung standest du am liebsten auf den Hinterbeinen, tief grummelnd in Erwartung, der Mähnenschopf zerzaust mit einem wütenden Gesichtsausdruck und feurigen Augen. Du warst immer etwas anders. Hast gerne alle auf die Probe gestellt, nicht nur uns, auch die Stallbetreiber. Ich denke an den verrückten chestnut-färbigen, der sich beim Versuch des Reinbringens von der Koppel losgerissen hat und auf Erkundungstour ging. Mensch, Pferd! Was hattest Du für eine Geduld, Dich uns mitzuteilen! Bei all deinen Spektakeln hast Du jedoch immer auf uns Menschen aufgepasst, warst nie respektlos und besonders unsere Tochter hast Du stets mit Vorsicht und Liebe getragen. Ein Pferd wie Dich muss man verstehen. Es braucht ein gutes, sanftes Händchen und sehr viel Ruhe und Sensibilität im Umgang. Mit Kurt an Deiner Seite hast Du den perfekten Partner – nicht ohne Grund bist Du bei uns. Ich denke an einen Herdenchef, der schlussendlich darin seinen Job gefunden hat. Mit Konsequenz und Beharrlichkeit leitest Du die kleine Herde. Bist ständig auf der Hut, witterst jede Gefahr. Nachdem Du hier im familiären Zuhause einen sicheren Ort hast, gibt es keinen Grund mehr für Rangeleien. Auch bei Ausritten bist Du absolut vorbildlich. Du hast ihn endlich gefunden, Deinen behüteten Platz an unserer Seite. Dein „will to please“ zeichnet Dich aus. Ich sehe aber immer noch diesen Hauch von Verrücktheit und die Power. Jedoch scheint nun alles in die richtigen Bahnen gelenkt. Es ergibt scheinbar nun Sinn für Dich.
Ich sehe auch diesen unglaublichen Freund von Woody. Jac, der mit einem Stück Weiderinde im Maul angetrabt kommt und seinen kranken Freund Woody füttert. Wieder diese Beharrlichkeit und Konsequenz beim Versorgen seines Kumpels. Ich werde diese Szene nie vergessen. Du hattest in allem Recht, lieber Jac! Es braucht keine ständig schärfer werdenden Hilfsmittel beim Reiten. Keine Hilfszügel, keine Ausbinder, keinen permanenten Sporeneinsatz. Es braucht auch nicht viel Leder und Sperrriemen am Kopf! Es braucht auch keine gut gemeinten Ratschläge von außen, die da meinten „Sei sein dominantes Alphatier! Mache dich zum Chef! Mache ihn mürbe!“ Es braucht auch keine Boxenhaltung für – wie oft von Außenstehenden angemerkt – dieses crazy horse! Du hast uns so vieles gelernt für unser Leben. Es hat ein wenig gebraucht, bis wir verstanden haben. „Weniger ist mehr! Habt Feeling, in allem, was ihr tut. Legt euer Herz in Eure Hände und ich werde für euch alles geben. Ihr werdet einen Freund und Partner haben – für immer!“ Vor zwei Jahren haben wir Dich in die Teilpension geschickt. Nach etlichen Ausflügen als Begleitung und Musterschüler bei Kurts Reitkursen, zahlreichen Ausritten in unserer wunderbaren Umgebung mit dem Hund an der Seite, nach vielen „Reitstunden“ mit Freunden von unserem Hof und unserer Philosophie, die von Dir lernen wollten, hast Du Dir die Ruhe mehr als verdient. Manchmal will unsere Tochter noch auf Dir sitzen, der du jahrelang ein perfekter Lehrmeister warst, ein anderes mal will Dich die Enkeltochter putzen oder wir gehen einfach an der Hand mit Dir spazieren. Die meiste Zeit genießt Du aber Deinen Ruhestand auf der Koppel, gemeinsam mit Deinem Kumpel Woody. Dein Alter von knapp 26 Jahren sieht man Dir nicht an – Du hast noch kein einziges graues Stichelhaar im Fell. Das wäre auch nicht in Deinem Sinne – wo kämen wir da hin? Es würde Deinen Stolz verletzen.
Ein kleiner Wunsch ans Universum von meiner Seite: mögest Du noch viele Jahre hier bei uns am Haus verbringen können und weiterhin so fit und gesund sein. Du bereicherst jeden unserer Tage mit Deinem Elan und Deiner Willensstärke.
Vom verrückten, kleinen Braunen zum wunderschönen, stolzen, charismatischen Pferd!
Die ersten Weggefährten, an die ich mich erinnere, gab es bereits in der Kindheit, aber in der Jugendzeit gewannen sie an Bedeutung und wurden immer mehr zu meinen treuen, wichtigen Begleitern – bis heute!
In den vergangenen Tagen hatte ich Gelegenheit, diese treuen Gefährten wieder zu treffen und ihnen neu zu begegnen, sogar den Enkelkindern, die letzte Woche hier waren, konnte ich ein paar sehr langjährige Vertreter aus meiner früheren Kindheit vorstellen. Es gibt diese Weggefährten in den unterschiedlichsten Ausführungen: dick, dünn, groß, klein, manche kleiden sich gerne bunt, andere in gediegenen Farben. Manche haben eine harte Schale und einen weichen Kern, wieder andere gibt es nur mit weicher Schale und zartem Kern. Die letzten Tage streichelte ich sanft über das Äußere dieser lieb gewonnen Lebenswegbegleiter. Sofort erinnerte ich mich an Gerüche, Orte, Witterung, Modetrends, Musikhits, Anekdoten und meinen Seelenzustand während dieser innig verbrachten Zeit. Innehaltend führte ich Gespräch, der Satzanfang war jeweils: „Weißt du noch, damals, als wir ein Stück des Weges gemeinsam gegangen sind?“ Bei anderen fiel es mir wie Schuppen von den Augen: „Mensch, das war eine schwierige Zeit!“ Oder auch: „Hach, was war das schön damals.“ Bei etlichen musste ich etwas nachhaken und fragen: „Wie war das noch mal damals?“ Ganz besonders in Erinnerung sind mir aber diese, die mich auf eine Reise begleitet haben. Als würde ich wieder an den Ort zurückkehren, an den Strand, in die Stadt zu Sehenswürdigkeiten und in Kaffeehäuser, auf den Berg, auf eine Alm oder sonst wo in weiterer Ferne.
Hi und da stieß ich auf jene, die mich anfangs neugierig machten, denen ich aber dann im Laufe der Zeit keine Bedeutung mehr zumessen konnte. Gut, sie dürfen sich trotzdem einreihen in den Reigen meiner treuen Wegbegleiter. Dafür gibt es auch jene, die ich nie mehr missen möchte und mit denen ich mich bei einem Gläschen oder einer Tasse Tee gerne wieder treffe, die mir nach wie vor ungemein vertraut sind. Ganz schüchtern kamen auch jene Weggefährten hervor, denen ich vieles anvertraute – sie haben bis heute die Geheimnisse bewahrt. Da war ich besonders gerührt, sie wieder zu sehen.
Alles in allem haben mich diese Weggefährten berührt, mich zum Lachen, zum Weinen, zum Nachdenken und zum Staunen gebracht, mich manchmal auch erschüttert oder sprachlos zurück gelassen. Aber das ist auch deren Aufgabe. Ich möchte sie alle nicht mehr missen an meiner Seite.
Errät der Blogleser/die Blogleserin, um wen es sich bei den Weggefährten handeln könnte? 😉
Ankommen, durchatmen, entrückt vom Alltag. Sich gerne Zeit nehmen und den Augen Erholung gönnen. Der Blick bleibt hängen an der sanften Berglandschaft, will sich nicht losreißen von den kuppenartigen, grasbewachsenen Berggipfeln gegenüber. Der fetzblaue Himmel ist gespickt mit watteweichweißen Wolkentürmen, zum Greifen nahe. Die Herzfrequenz fährt einen Gang herunter, angenehmer Ruhepuls auf 2.000 m Höhe. Mit einem kühlen Hopfengetränk, den Schaum von den Lippen leckend, nehmen wir vor der Almhütte Platz bei Familie und Freunden. Bereichernde, amüsante und auch tiefsinnige Gespräche, die Uhrzeit ist nicht mehr wichtig hier oben. Ein leichter Wind zieht um die Hütte, Lagerfeuerduft streichelt die Nase, man folgt ihm um die Ecke. Feuerzungen prasseln in die Höhe, rhythmisches Funkensprühen. In der Küche bereiten wir gemeinsam das Essen vor, Almluft macht hungrig und später auch müde. Der Schlaf bei offenem Fenster ist erholsam, kein Lärm hier oben, statt einem Klingelton wecken die Kuhglocken. Frostklirrendes Gebirgsquellwasser aus dem Wasserhahn erfrischt müde Knochen in der Früh. Der Tisch ist bereits mit selbstgemachten Köstlichkeiten gedeckt, die Gastgeberin hat noch eine Vase mit Almblumen arrangiert. Später spazieren wir über sanfte Almmatten an Kuhschelle, Hauswurz und Speik vorbei, ihr herbwürziger Baldriangeruch begleitet uns. Kühe liegen wiederkäuend auf den Wiesen, manche marschieren aber auch langsam neben uns her und starren uns, wie fragend, an. In der Ferne sehen wir Murmeltiere, sie sitzen hoch aufgerichtet und pfeifen schrill – um dann, Tier für Tier, im Bau zu verschwinden. Die Nachmittagssonne wärmt unsere vom Wandern etwas trägen Beine, jeder hat hier eine Lederhose an, Tradition und Brauchtum in den Bergen. Aus der Hütte dringt der warme melodische Klang der Ziehharmonika, irgendwer greift sich die Teufelsgeige und begleitet im Takt. Wir stecken uns gegenseitig an, necken uns, lachen, singen, tanzen. Der Hund von Freunden liegt in der Mitte, immer mal wieder streichelt jemand das weiche Fell. Schmetterlinge tanzen in der Luft zur Musik, setzen sich keck auf nackte Füße oder gleich direkt ans Ohr, auf Arme und Beine, sie laben sich an unserer salzigen Haut. Die Gastgeberin stimmt das Lied „Freindschoft“ an, wir lauschen dem Text. „Mit euch kann man feiern, mit euch kann man lachen, mit euch kann man tanzen und viel Blödsinn machen….!“ Die Sonne schickt ihre letzten Strahlen und pünktlich erscheinen über der vor uns liegenden Bergkuppe die Stuten mit ihren Fohlen, sie kommen täglich um dieselbe Uhrzeit. Gepunktete Norikertigerschecken, hunderte schwarze Punkte auf weißem Fell. Sie kommen direkt ans Gatter, spitzen die Ohren, lauschen und beobachten uns. Ein herzerwärmender Anblick bei Sonnenuntergang.
Ein großes Dankeschön an meine liebe Schwägerin und meinen Bruder, dass wir immer wieder mal kommen dürfen zu eurem Kleinod in den Nockbergen. Gemeinsam mit euch und der Familie und Freunden diese Stunden zu verbringen, ist ein großes Geschenk.