Fabelwesen

Der Freund des Besonderen

„I´m a Hollywood Jac“ – kurz: „Woody“ – American Quarter-Horse

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Etwas Besonderes wie Du!

„A typical Jac“ – American Quarter-Horse

Fortsetzung folgt in Kürze ….

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Beltane und ihre Pferde

Beltane holte Pfeil und Bogen aus dem Schuppen, band geschickt mit einem grünen Samtband ihre wilden roten Locken im Nacken zusammen und ging zu den Stallungen. Die Holztür knarzte und die Pferde im Stall richteten aufmerksam ihre Blicke auf sie. Elwood wieherte leise und scharrte mit einem Vorderhuf.
„Elwood, wir haben einen Auftrag! Du weißt es schon, oder?“ Beltane lächelte und klopfte dem prachtvollen Tier sanft den Hals. Der Hengst schüttelte sachte den Kopf auf und ab, seine Muskeln spannten unter dem glänzenden Fell und seine Nüstern waren geweitet.
Beltane öffnete nun alle Tore und die Pferde folgten ihr langsam ins Freie. Die Frau war in ein langes pinkfarbenes Kleid gehüllt und an einer Kordel um die Taille hing ein großer Leinenbeutel. Sie richtete den Blick Richtung Dach des Stallgebäudes und pfiff mit zwei Fingern.
„Falco, du kommst auch mit!“ Mit einem rauen Rufen landete der Wanderfalke auf Beltanes Schulter.
Athletisch schwang sich die Frau auf Elwoods Rücken, hielt sich mit einer Hand an den Mähnenhaaren des Pferdes, drückte sachte ihre nackten Fersen an seinen Bauch und so setzten sich alle langsam in Bewegung.
„Du weißt, was zu tun ist? Gib mir immer ein Zeichen, mein Guter.“


Beltane richtete sich den Bogen, der mit dem Pfeilköcher über ihren Rücken hing, blickte den Falken auf ihrer Schulter von der Seite an und schnalzte mit der Zunge. Elwood gehorchte auf das Zeichen, galoppierte an und ein Dutzend Pferde folgte dem Leithengst.
So zogen sie in der Abenddämmerung über die Länder, mit wehenden Mähnen, donnernden Hufen und den Rufen des Falken. Beltane sang auf dem Rücken des Pferdes ein Lied in fremder Sprache und der Vollmond zeigte sich bereits am Horizont.
In der Nähe einer Kleinstadt verlangsamten sie ihr Tempo und erreichten einige Siedlungen. Elwood übernahm weiterhin die Führung, er näherte sich den Vorplätzen langsam, schritt durch Garteneingänge, hielt an und wartete ab. Die Einwohner kamen neugierig aus ihren Wohnungen, betrachteten die seltsamen Gäste und staunten. Viele waren spärlich gekleidet, hatten kranke Kinder auf dem Arm und wirkten verwahrlost. Elwood trat vorsichtig an die Kinder heran und mit seinen Nüstern blies er sachte seinen Atem über ihre Köpfe. Seine Augen leuchteten wie die Sonne und spendeten Trost und Zuversicht. Die anderen Pferde taten es ihm gleich und bald schon lachten und tanzten die Einwohner auf den Straßen und Plätzen. Falco zog einige Kreise über die Kleinstadt und landete anschließend wieder auf Beltanes Schulter.


Sie zogen weiter im Galopp in ferne Länder und Gebiete. Dort, wo Armut herrschte, hinterließen die Hufabdrücke der Tiere sofort fruchtbaren Boden. Der Schweiß, der den Pferden vom Fell tropfte, füllte ausgetrocknete Brunnen wieder mit quellklarem Wasser. In Gegenden, wo Menschen traurig und krank waren, schwebten besonders viele Schweif- und Mähnenhaare in die Lüfte. Diese Haare flochten sich die Bewohner in ihr eigenes und bald waren sie wieder mit Frohsinn und Hoffnung erfüllt.
Später in der Nacht erreichten sie eine noble Wohngegend mit pompösen Häusern und meterhohen Zäunen rund um deren Anwesen. Elwoods Atem beschleunigte sich, er stampfte mit dem Vorderhuf, stieg und wieherte laut. Falco hob sich in die Lüfte und schrille Warnrufe weckte die Menschen aus ihren Betten, die anschließend wild gestikulierend in noblen Nachtgewändern umherliefen. Beltane konnte es riechen, hier waren Macht, Gier und Respektlosigkeit zuhause. Hier lebten Menschen, die Tiere und die Natur nicht achteten. Flink griff sie nach dem Bogen und schoss gezielt ihre Pfeile auf Ferse und Knie, die die Verletzten am Davonlaufen hinderten. Die Pferde sprangen über die Zäune, zerstörten Gärten und Wohnräume und hinterließen große Verwüstung.

Der Vollmond stand hoch am Himmel, als sie dem Flug des Falken folgend in ein entferntes Land gelangten. Beltane verstreute aus ihrem Leinenbeutel Kardamom, Salbei und Veilchenwurzel, Moschus und Myrrhe. Elwood brummelte und wieherte leise und die Menschen erfüllte tiefe Liebe, Sinnlichkeit und Fülle.

Und so geschah es, dass sich in der Vollmondnacht vor dem ersten Maitag Himmel und Erde vereinten, die Menschen sich wieder liebten, Kranke geheilt wurden, die Erde wieder fruchtbar und heil war und Kriege, Pandemien, Hungersnot und Elend keinen Platz mehr fanden.

Beltane und ihre Pferde – Der Versuch, ein Märchen zu schreiben 🙂

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Die letzte Fahrt

Wieder nehme ich diesen Monat an dem Schreibprojekt #oneshortyear teil:

Worum gehts? Am Ende jeden Monats (von Juli 2020 – Juli 2021) gibt es jeweils ein Thema – gesucht werden Kurzgeschichten von entweder bis zu 1000 Worten, oder einen Prompt mit deutlich mehr Worten usw. usf…… 

Wer es am Ende (Juli 2021) in die Anthologie schafft, wird erst nach Ablauf des langen kurzen Jahres bekanntgegeben. 

Thema August 2020: 

Hier meine Geschichte:

Er stand am Bug des Schiffes und hielt sich mit einer Hand am Tau der Takelage fest. Der Wind peitschte ihm erbarmungslos die Gischt ins Gesicht, seine dunklen Locken klebten auf der Haut. Seinen Kopf gegen den Himmel gerichtet, flehte er die Götter an, die Meeresbewohner zu beruhigen. Die Ruderer an Bord kamen schwer voran, manche riefen ihm zu:

„Orpheus, hilf uns doch! Musiziere und beruhige die Götter!“ Mit Mühe kletterte er auf den rutschigen Dielen zu seiner Lyra und begann zu musizieren. Im Rhythmus gab er den Seemännern den Takt vor, besänftigte das wütend gewordene Meer und endlich konnten sie bei ruhiger See durch die Ägäis segeln.

„Das war knapp“, meinte ein Ruderer später und klopfte Orpheus freundschaftlich auf die Schulter. Die Sonne erhellte wieder das Firmament und trocknete die Kleidung der Seefahrer, die bis auf die Haut nass geworden waren. Zum Dank spielte er weiter auf seiner Lyra und bald erreichten sie die Insel Lesbos. Reges Treiben herrschte im Hafen und nach einem kurzen Marsch kamen sie in eine kleine Stadt. Sie wollten sich stärken von der anstrengenden Fahrt und entlang der Stadtmauer wurden die ersten Waren feilgeboten.

Orpheus fiel eine bedrückte Stimmung auf, ganz anders, als auf den restlichen Inseln, die sie bisher erreicht hatten. Die Landwirte mit ihren Eselkarren, Töpfer und Schmiede, die Frauen an den Ständen, in kümmerliche Kleider gehüllt, hatten alle einen abweisenden Gesichtsausdruck. Oder war es gar Trauer, die Orpheus in ihren Augen sah?

„Was ist den Menschen hier widerfahren?“, wandte er sich fragend an einen Mannschaftskollegen.

„Lesbos ist bekannt dafür, dass die Menschen hier sehr arm und unglücklich sind. Es fehlt ihnen an den schönen Dingen des Lebens. An Musik, Kunst, Vergnügen.“ Sie saßen an einem kleinen, wackeligen Holztisch und verspeisten Oliven und Schafskäse mit einem Becher Wein. Die gedämpften Stimmen der Händler im Hintergrund boten Waren feil und wurden nur wenig von den Vorbeimarschierenden beachtet, die alle ihre Köpfe einsteckten und ihren Blick auf die staubige Straße richteten.

„Meiner Frau Eurydike, die Götter mögen sie seelig ins Reich aufgenommen haben, versprach ich am Sterbebett, meine Musik weiterzuführen und Gutes zu tun. Meint ihr, ich könnte hier auf der Insel mit meiner Lyra die Leute wieder fröhlicher stimmen?“ Die Seeleute erhoben ihre Weinbecher und prosteten ihm zu:

„Ja, Orpheus! Wunderbar!“ Ein junger Matrose sprang auf eine kleine Steinmauer und rief den Menschen zu:

„So kommt und hört! Orpheus ist auf eurer Insel und wird euch mit seinem Gesang den Tag erhellen und erträglicher machen. Kommt herbei!“ Euphorisch die Hände schwingend, bedeutete er den Bewohnern, näher zu treten. Orpheus nahm seine neunsaitige Harfe und begann zu musizieren.

Bald drängten Männer, Frauen und Kinder mitsamt Eseln und Ochsen um den kleinen Platz und lauschten seiner Stimme. Manche hatten Tränen in den Augen, andere tanzten zur Musik, wieder andere nahmen ihre Mitbürger bei der Hand oder fielen sich in die Arme. Den ganzen Nachmittag erfreuten sich die Bewohner der Stadt an der Darbietung von Orpheus.

Auch nächsten Tag und übernächsten Tag konnten es die Menschen kaum erwarten, ihn zu hören. Er hatte große Freude daran, die Einwohner glücklich zu sehen und in Gedanken war er bei seiner verstorbenen Frau Eurydike. Die Bewohner sprachen mit leiser Stimme:

„Mit seinem Gesang und der Dichtkunst kann er Götter betören, auch Menschen und sogar Tiere, Pflanzen und Steine. Bäume neigen ihm sich zu, wenn er spielt, und die wilden Tiere scharen sich friedlich um ihn.“

Nach einer Woche stand Orpheus im Hafen und verabschiedete sich von seinen Seefahrern.

„Dies war meine letzte Fahrt. Ich werde hier bleiben, es ist wohl meine Bestimmung.“

„Wir werden wiederkommen, Orpheus. Dann lass uns die Weinbecher erheben und uns deiner Gesangskunst lauschen.“ Die Mannschaft bestieg das große Schiff, nahm an den Rudern Platz und verließ den Hafen.

Bei seinem nächsten Auftritt bemerkte Orpheus unter den Zuhörern eine Frau, sie verweilte in der hintersten Reihe und beobachtete das Treiben. In einem ultramarinblauen seidenen Kleid mit aufgestickten fünfzackigen Sternen aus feinsten Goldfäden stand sie reglos in der Menge mit versteinerter Miene. Ihr blondes, langes Haar wehte im Wind und sie wirkte erhaben und elegant. Sie tanzte nicht, lachte nicht und sie sprach auch nicht mit den anderen. Manchmal blickte sie Orpheus tief in die Augen, als wolle sie ihn verführen. Entgegnete er mit einem Lächeln diesen Blick, wandte sie den Kopf ab und verschwand.

Jeden Tag kam sie auf den Vorplatz an der Stadtmauer und während einer Mittagspause, als es unerträglich heiß wurde, drängte er sich durch die Menge auf die betörend schöne Frau zu. Mit einer leichten Verbeugung stellte er sich vor und fragte nach ihrem Namen.

„Ich heiße Europē“, entgegnete sie mit gehaltvoller Stimme.

„Nun, Europē, wie kommt es, dass du täglich meiner Darbietung lauschst, obwohl sie dir augenscheinlich nicht gefallen mag?“, fragte er gutmütig. Sie verzog ihren Mund zu einem abscheulichen Lächeln. Schlagartig war ihr Gesichtsausdruck nicht mehr feminin und zart, es glich eher einer Fratze. Mit spitzer Zunge und bebender Stimme antwortete sie:

„Ich bin lediglich hier um zu beobachten. Es interessiert mich nicht, wie du Menschen betörst und ihnen den Kopf verdrehst. Auf mich wirkt das nicht, es ist geheuchelt und ich harre der Dinge, die da kommen mögen!“, fauchte sie ihn an. Bei ihren Worten wich Orpheus jäh zurück und er konnte nicht fassen, was er gehört hatte.

„Aber ist es denn so schlimm, Gutes zu tun? Den Menschen wieder Zuversicht, Freude und Glück zukommen zu lassen? Viele Bewohner hier leiden Hunger und sind von Kriegsfahrten heimgekehrt, haben schreckliches Elend gesehen. Was ist verkehrt daran, ihnen mit ein wenig Gesang, Musik und Dichtkunst den Weg zu ebnen nach den reinen, feingeistigen Freuden und nach der Liebe?“

Lange Zeit starrte sie ihm in die Augen. Der Wind schien still zu stehen und es war, trotz der Mittagshitze, eine frostige Kälte zu spüren. Die Menschen, die vorher den Platz säumten, hatten die Worte von Europē gehört und liefen eilig weg vor Angst.

„Liebe, Mitgefühl, Empathie kann man nicht erzwingen, du Narr!“, entgegnete sie giftig und verließ den Platz.

   

Bild: Orpheus Taming Wild Animals, mosaic, 194 AD – aus: https://lbslatin.wordpress.com/author/alisoncrevi/

veröffentlicht auf: www.verdichtet.at

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Der Weisenrat

Ihre Kleider hingen in Fetzen an ihrem gebrechlichen, mageren Leib hinunter. Die Löcher im Gewand gaben den Blick frei auf zahlreiche Wunden. Manche eiterten, andere waren stark gerötet und wollten nicht verheilen. Bei den Bewegungen ihrer Glieder machte sich Mief in der Umgebung breit, sie stank aus jeder Pore. Viele Knochenbrüche hatte sie schon erlitten, an den Bruchstellen, die nicht mehr zu gesunden schienen, entstanden Schwellungen.
Etliche Krankheiten hatte sie überstanden, für ihr Alter war es ein Wunder, dass sie überhaupt noch lebte. Zäh war sie und an ein Aufgeben war nicht zu denken. Von Burn-out über Dehydration bis hin zu Sepsis und Beinahe-Organversagen, alles hatte sie einstecken müssen.
Ihre Freunde und Weggefährten machten sich unglaubliche Sorgen.
„Lang wird sie das nicht mehr machen, wir müssen jetzt einschreiten!“, schrieb der Chef des Weisenrates an seine Kollegen.

Eine Woche später trafen sich die Experten an einem warmen Frühlingstag und saßen auf der Wiese in einem großen Garten. In einem Fragenkatalog, der zuvor an die Mitglieder ergangen war, wurden etliche Punkte erörtert.
„Es wäre gut, wenn jeder für sich aus seinen Beobachtungen berichtet. Anschließend können wir Vorschläge einbringen, wie wir der Alten endlich zielführend helfen können. So wie es jetzt ist, steht sie kurz vor einem Kollaps, und niemand wird sie mehr auf die Beine bringen können.“ Der Vorsitzende sprach mit bedachter, gleichmäßiger Stimme und richtete den Blick seiner intensiv grünen Augen an jedes einzelne Mitglied in der Runde. Er war schon ein altes Semester, und zahlreiche Falten gruben sich in sein braungebranntes Gesicht. Die Haare an seinem Kopf waren spärlich und standen in kleinen, grauen Büscheln kreisrund ab, die Augenbrauen jedoch waren üppig und schienen, wie dicke Borsten aus Stroh, kaum zu bändigen zu sein.
„Magst du beginnen?“, fragte er seinen rechten Sitznachbarn.

Der Mann an seiner Seite hob träge seine alten Hände und räusperte sich. Seine Kleidung wirkte etwas schmuddelig, um nicht zu sagen schmutzig an manchen Stellen.
„Meine Beobachtungen? Es hat sich nichts geändert, muss ich sagen. Die kurze Verschnaufpause für die Alte, als sie auf Reha war, brachte nichts. Wenn wieder alle so weitermachen wie vorher, war das nur ein kurzes Abebben der Symptome. In meinem Ressort stehen schon wieder etliche der Spezies Schlange in den Häfen, um Kreuzfahrtschiffe zu besteigen, die Gewässer versinken schon wieder im Dreck, die Ressourcen werden knapp. Ich befürchte, der Countdown läuft, und die Tage sind gezählt.“

Schweigen in der Runde. Der zweite Redner hob die Schultern und schüttelte den Kopf, er richtete seinen Blick auf die Frau neben ihm und hob die Hand als Aufforderung, dass sie fortfahren solle.
Sie war eine bunte, kesse Erscheinung in grellen Kleidern. Ihre Haare glänzten in allen Farben des Regenbogens, vor langer Zeit waren sie jedoch noch viel prächtiger gewesen, man wusste nicht, war es Gefieder, Fell oder Haar. Ihr Gesicht hatte etliche unterschiedliche Züge, von katzenhaft über krötenähnlich bis hin zu einer schlangenartigen Spitzmündigkeit, alles in ständigem Wechsel.
„Leider muss ich auch Ähnliches berichten wie mein Freund hier. Die Fluchträume sind eingeschränkt, die Versorgung ist sehr schlecht. Es wird ausgebeutet und abgeschlachtet wie vor dem Shutdown, die Würde wird uns geraubt, und unser Lebensraum ist beinahe nicht mehr vorhanden.“

Wieder herrschte Unverständnis, bis ein kaum vernehmliches Krächzen von der nächsten Weisen in der Runde die Stille durchbrach.
„Habt ihr es nicht bemerkt? Die letzten Tage?“, flüsterte sie leise, und es schien, als hätte sie extreme Atemnot. Jedes Wort kam besonnen und mit großer Anstrengung über ihre spröden Lippen. Ihre Haut war fahl und farblos, die Augen von hellem Grau, das Haar hing in Strähnen über den krummen Rücken.
„Die Stadien sind wieder voll, Großveranstaltungen finden wieder statt, die Flughäfen sind auf Hochbetrieb, zahlreiche Flieger starten und landen. Die Spezies hat nichts verstanden. Ich denke, wir müssen zu unserem letzten Schritt übergehen, bevor uns die Alte krepiert.“
„Das Worst-Case-Szenario, wie wir das schon mal besprochen hatten? Ist das dein Ernst?“, fragte der Diskussionsleiter.
Ein Raunen und Schnauben ging durch die Runde.
„Wenn wir das jetzt nicht machen, bedeutet das auch unseren Untergang. Wir werden mit der Alten gemeinsam verrecken. Ist euch das klar?“, zischte die Atemlose ihre Freunde an.

Aus heiterem Himmel bog die Alte um die Ecke, sie stützte sich auf zwei Krücken und hatte große Mühe. Ein erbärmlicher Anblick bot sich dem Weisenrat. Sie war nur noch ein Schatten ihrer selbst.
„Komm, lass dir helfen“, der Vorsitzende erhob sich und begleitete sie zu seinen Kollegen.
„Ihr habt wohl gedacht, ihr könnt ohne mich einen Plan aushecken?“ Sie schmunzelte, und man konnte erahnen, dass sie einmal eine stolze, wunderschöne Frau gewesen war. Aber das musste vor sehr langer Zeit gewesen sein.

„Meine Liebe, was sind denn deine Wünsche in Anbetracht der Situation?“, fragte der Vorsitzende.
„Ihr kennt meine Meinung“, antwortete sie röchelnd. „Noch schlägt mein Herz, tagein, tagaus. Meine Organe funktionieren und tun gefügig ihren Dienst, aber lange werde ich das nicht mehr schaffen. Ich will keine Kriege mehr schicken, keine Epidemien, keine Pandemien. Ich habe an die Spezies geglaubt und habe ihr vertraut, aber scheinbar lässt ihre Intelligenz sehr zu wünschen übrig.“

„Du weißt aber, was unser Worst-Case-Szenario bewirken könnte? Wir haben das hundertmal durchbesprochen. Die Konsequenzen sind von großer Tragweite“, meldete sich ein Mitglied zu Wort.
„Wir müssen es versuchen. Um unser aller Überleben willen!“, zischelte die schlangenhafte Gestalt.
„Ich werde euch sagen, was passieren wird“, sprach die Alte weiter. „Eine Katastrophe wird über die Spezies hereinbrechen, die einzelnen Facetten würden hier den Rahmen sprengen. Millionen werden obdachlos, in den Hospitälern geht den Notstromaggregaten nach 48 Stunden die vorgeschriebene Treibstoffreserve aus, Beatmungsmaschinen schalten sich ab, lebenswichtige Medikamente gehen zur Neige. Ärzten bleibt nur noch, ihren Patienten Sterbehilfe zu leisten. Unruhen brechen aus, bewaffnete Banden überfallen Krankenhäuser und Supermärkte, um Vorräte zu rauben. Notunterkünfte werden errichtet, dort greifen aufgrund fehlender Toiletten und Medikamente Krankheiten um sich. Nach ein paar Tagen erhalten Polizisten das Recht, wie in einem Krieg Plünderer zu erschießen. Es wird ein Holocaust. Langsam, aber sicher, wird die Spezies aussterben.“
„Ja, ein Holocaust, aber für uns bedeutet es, dass wir überleben!“, setzte der Vorsitzende fort.

Nach kurzem Expertenaustausch wurde einstimmig der Blackout beschlossen. Für mehr als 7,7 Milliarden Menschen auf der Erde fiel an diesem Tag der Strom aus, das Treiben rund um den Globus stand abrupt still. Genau die Spezies, die sich am intelligentesten glaubte, stieß völlig an ihre Grenzen.

Und alle Weisen aus dem Stab, die in Vertretung für Pflanzen, Ozeane, Tiere, Sonne, Himmelskörper und Luft den Blackout beschlossen hatten, feierten bald mit der alten Mutter Erde, die sich von ihren Gebrechen langsam erholte, einen zweiten Geburtstag.

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Foto von @Solveig Swenson (https://fineartamerica.com/featured/mother-earth-in-her-struggle-to-save-the-night-solveig-swenson.html )

Diese Geschichte wurde auf der Seite von www.verdichtet.at veröffentlicht und hat  außerdem am Monatswettbewerb Mai des Schreiblust-Verlages zum Thema „Als das Licht ausging“ teilgenommen.