Die festgefrorene Schnee- und Eisschicht glitzert im Sonnenlicht, unter den Winterstiefeln knirscht es bei jedem Schritt, ihr Atem malt nebelige Kringel in die Lüfte, die, von einer leichten Brise getragen, sanft entschweben. Die Tasthaare und das braune Fell rund um die Schnauze des Hundes, der an ihrer Seite marschiert, sind von Raureif bedeckt. Sophie hält inne, hebt den Blick in Richtung Osten – der Himmel ist in ein sachtes, helles Orange gehüllt, die Sonne steigt erhaben hinter den Hügeln empor.
Kurz vor Ankunft bei ihrem Haus wedelt Hank, der Hund, plötzlich mit dem Schwanz und läuft in eiligem Tempo zur Einfahrt. Er hat das parkende Auto von Katharina entdeckt, die auf sie wartet.
„Meine Liebe, was führt dich zum mir?“, begrüßt Sophie ihre Nichte mit einer herzlichen Umarmung.
„Aber komm erst mal rein, wir wärmen uns drinnen auf.“
Die Holzscheite im Ofen knistern und im Teekessel auf dem Herd brodelt das Wasser. Katharina sitzt am Küchentisch und hält ihre Tasse bereit, der Hund rollt sich unter dem Tisch zusammen, bettet seinen Kopf auf Katharinas Füße und schließt seine Augen. Sophie flechtet ihr langes graues Haar geschickt zu einem Zopf, den sie seitlich über die Schulter trägt, bändigt ihn mit einem roten Band und bereitet den Tee vor.
„Es ist wegen Chiara, ich mache mir große Sorgen um meine Tochter und brauche deine Hilfe, Sophie.“
„Was ist denn mit ihr? Ich habe mir schon Gedanken gemacht, weil sie mich in letzter Zeit selten besuchen kommt“, will Sophie wissen und streicht mit ihren arthritischen Fingern über Katharinas Hand.
„Chiara igelt sich völlig ein, geht nicht mehr aus ihrer Wohnung, erscheint nicht mehr in der Arbeit, verbringt die meiste Zeit des Tages auf dem Sofa oder im Bett. Sie sieht schrecklich aus und isst kaum was. Ich dachte anfangs, das vergeht schon wieder, wenn der Liebeskummer vorüber ist, aber es wird von Tag zu Tag schlimmer.“
Katharina beginnt zu schluchzen und ihre Stimme versagt, sie holt ein Taschentuch aus ihrer Westentasche und atmet tief durch:
„Ich weiß nicht mehr, was ich machen soll, Tante. Sie hört nicht mehr auf mich.“
Sophie nimmt einen Schluck vom Tee und schaut den tanzenden Schneeflocken vor dem Fenster zu. Die alte Pendeluhr an der Wand schlägt die volle Stunde an, im Ofen kippt ein Scheit züngelnd zur Seite und mit einem leisen Prasseln landet es am Sichtfenster.
„Bring sie zu mir, Katharina. Ich kümmere mich um ihre Wunden.“
Drei Tage später stehen Mutter und Tochter vor der Tür, Chiara in eine dicke Wolldecke gehüllt, nur mit einem Pyjama bekleidet, die nackten Füße in Winterstiefel gesteckt. Ihr strähniges, mattes Haar hängt ihr ins Gesicht, dunkle Augenringe und ein unruhiger Blick, wie im Fieber, schaut sie Sophie an. In ihren Ohren stecken Stöpsel, die mit dem Handy verbunden sind, das sie in einer Hand trägt.
Ohne Begrüßungsworte zu wechseln, wandern die drei Frauen die Holztreppe hoch in das Obergeschoß. Sie kennen den Weg und schweigend öffnen sie die alte knarzende Holztür zu Sophies Schlafzimmer. Es ist dunkel und kühl im Raum, das große ehrfurchteinflößende Bett aus Eichenholz steht an der Holzwand und ist mit weißer Bettwäsche bezogen. Langsam schlüpft Chiara aus ihren Stiefeln, legt die Wolldecke ab und kriecht unter die Daunendecke. Sophie löst die Ohrstöpsel und will ihr das Handy nehmen, da fährt Chiara jäh hoch und schreit:
„Nein! Das nicht! Das brauche ich.“
„Wozu?“, will die alte Sophie wissen.
„Ich brauche es, falls sich Mark meldet. Ich brauche es. Gib es mir!“ Mit einem wütenden Ausdruck im Gesicht fuchtelt sie mit ihren Händen nach dem Smartphone.
„Es wird dir nichts nützen, ich habe hier weder Empfang, noch Internetverbindung. Aber gut, nimm es.“
Die junge Frau fällt erschöpft auf die Kissen, umklammert ihren scheinbar wertvollsten Besitz und rollt sich auf die Seite, ihre Schultern zucken und ein leises Schluchzen ist zu hören.
Sophie flüstert ihrer Nichte ins Ohr:
„Das ist schlimmer, als gedacht. Fahr jetzt, ich kümmere mich um sie. Komme am 2. Februar abends gegen 18:00 Uhr vorbei. Jetzt geh.“
Mit einer großen Schüssel dampfender Hühnersuppe betritt Sophie das Schlafzimmer, stellt die Speise auf den Nachttisch und streicht sanft über den Rücken von Chiara:
„Komm, mein Mädchen. Iss etwas.“ Langsam setzt sich Chiara auf, ihre Augen sind geschwollen und rot umrandet. Mit zittrigen Händen greift sie nach der Suppe und löffelt langsam, Schluck für Schluck.
Später liegen beide, die Junge zur Seite gedreht, die Alte dahinter, die sie sanft umarmt, im dunklen Zimmer. Leise knarzend öffnet sich die angelehnte Tür, Hundepfoten sind zu hören, die über den Holzboden tapsen, ein zartes Schnüffeln an der Bettdecke, der Hund legt sich seufzend hin und schläft bald ein, ebenso die zwei Frauen.
Nächsten Tag sitzen beide zum Frühstück am Tisch in der heimelig warmen Küche. Chiara hat wenig Appetit und verstohlen schielt sie immer wieder auf das Handy.
„Du hast hier wirklich keine Verbindung zum Internet?“, fragt sie leise.
Sophie lächelt und schüttelt den Kopf.
„Hast du wenigstens eine Zeitung, irgendwas, wo man sich informieren könnte, was so los ist auf der Welt?“, nun wird ihre Stimme etwas lauter und klingt entrüstet.
Ein verhaltenes, krächzendes Lachen entweicht aus Sophies Hals.
„Wozu? Ich fühle doch den Weltschmerz auch so? Ich brauch mir doch die Menschen rundherum nur anzusehen, wie sie hetzen, immer Tempo…Tempo, immer entsetzt über dies und das, das Lächeln ist aus ihren Gesichtern verschwunden, mehr brauche ich nicht zu wissen – da weiß ich doch schon genug?!“
„Wie kann man nur so leben?“
Chiara legt ihren rechten Arm auf die Tischplatte und bettet ihren Kopf seitlich darauf. Sophie macht es ihr gleich, damit sie ihr in die Augen sehen kann, und flüstert:
„Deine Seele, dein Geist, dein Herz – nenne es, wie du magst, sie kommen diesem Tempo und dieser modernen, technologisierten Welt nicht mehr hinterher. Die Seele geht zu Fuß, immer schon, die läuft nie einen Marathon.“ Nach einer Weile steht sie auf, holt dicke Daunenjacken und rüttelt Chiara an der Schulter:
„Komm, wir gehen jetzt mit Hank spazieren.“
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Ich schaffe es pünktlich, wie vereinbart, und trotz widrigen Straßenverhältnissen, zum Haus der Tante aufs Land. Ganz abgelegen und alleine steht das Heim meiner Kindheit am Waldrand, auf einer leichten Anhöhe, umgeben von einem großen Gemüse- und Kräutergarten, der jetzt im Winterschlaf liegt. Es wird schon fast dunkel, hinter dem Haus brennt ein Lagerfeuer und ich kann schemenhaft Tante Sophie erkennen, die mit einem dicken, bodenlangen Mantel am Feuer hantiert.
Ich stapfe im Schnee um das Haus herum und umarme meine geliebte, alte Sophie.
„Hilf mir bitte, es gibt noch einiges vorzubereiten.“ Ein paar Meter vom Lagerfeuer entfernt sehe ich das runde Kuppelgerüst des alten Schwitzhauses, aus Weidenstämmen geflochten. Es steht noch immer hier, ein wahres Refugium, scheinbar wiedererweckt aus einer längst vergangenen Zeit. Wir breiten Decken und Teppiche über das Gerüst, bis es vollständig bedeckt ist. In der Mitte der kleinen Hütte befindet sich die Feuerstelle, die noch leer ist, ein letzter Flickenteppich wird bereit gelegt, er dient später als Eingangstür.
Sophie holt mit einer alten Schaufel die heißen Steine aus dem Lagerfeuer und trägt sie in das Innere der Hütte, einen nach dem anderen.
„Ich hole sie, bleib hier und warte vor dem Lagerfeuer auf uns“, teilt sie mir mit und verschwindet durch die Hintertür ins Haus.
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Dutzende Kerzen entzündet im Garten, Duft nach Weihrauch, Rosmarin, Fichte, Engelwurz, dem Feuer übergeben als Geschenk, lautes Trommeln vor der Schwitzhütte, leise Gesänge, in der Hütte, bei den heißen Steinen die nackte Frau, fiebernd, schwitzend, sich reinigend, nach jedem Aufguss mit frischem Quellwasser, aus dem Bach nebenan in einen Eimer abgefüllt, das die Alte bringt, weinend und lachend zugleich hockt die Verwundete in der Höhle, ein Funkensprühregen nach jeder Kräutergabe ins Feuer, funkelnd züngelnd dem Himmel entgegen, alte Frauenhände, die auf die Trommel einschlagen, das lange graue Haar wirr vom Kopf stehend, tanzend und summend, ansteigend zu einem wilden Crescendo an Trommelschlägen….ein nicht enden wollender Ruf aus dem Wald, ein Kauz ..immer und immer wieder ruft er….die Nackte kommt aus dem Schwitzhaus, weint, lacht, atmet schnell, wirft sich in den Schnee, mit Birkenzweigen wird sie abgestreift, ein Schneeengel – hier – mit einladend, ausholenden Flügeln, malt sich in das Weiß, ein Lachen, „Danke!“, ruft die Nackte…..dann wird es still, die Alte hält inne, lächelt und flüstert:
„Die Erde gehört den Frauen!“

Das Fest von Imbolc, oder der Brigit / Birgit war vor allem eine Zeit der Reinigung. Wenn die Nacht, die Sonnen- oder Mondfinsternis vorbei war oder wenn, wie zu Anfang Februar (heutzutage „Maria Lichtmess“) die Tage wieder länger werden, muss der Schmutz der finsteren Zeit mit frischem Wasser weggewaschen oder/und mit Birkenreisig weggefegt werden. Imbolc ist die Zeit der Erneuerung, der Zeit vom „Willkommen-heißen-des-Lichts“.
Mein Mann und ich begrüßen Imbolc am 02.02. des Jahres mit einem Lagerfeuer, mit achtsamen Räuchern und mit einem sanften Wachrütteln der Obstbäume. Das Leben in der Natur und das Licht kommen zurück und wir heißen beides willkommen.



