Vor tausenden von Jahren lebte einst eine namenlose Göttin hoch in den Bergen. Sie wurde von ihrer Mutter Sawuska zurückgelassen, da sie ein strampelndes, tobendes, jammerndes Kind war, nie zufriedenzustellen, ständig wollte sie unterhalten werden, Geschichten erzählt bekommen, Langeweile führte bei ihr zu einem Wutanfall, der seinesgleichen suchte.
Göttin Sawuska war es leid, ihre Göre zu besänftigen – sie ließ sie eines Tages ohne Namen in den Alpen zurück.
Das Mädchen irrte in den Bergen umher, rief nach der Mutter, stampfte, tobte und wütete in einer unbändigen Kraft durch die Berggipfel. Geröll löste sich von den schroffen Gesteinsmassen und stürzte in die Tiefe, Bäche liefen über die Ufer, überschwemmten ganze Täler, ein Erdbeben erschütterte die Region und führte zu Angst und Armut bei der Bevölkerung. Die Namenlose war eine Nichte des Wettergottes Tessub und seiner Frau Hebat, der Königin des Himmels. Das Mädchen war somit ausgestattet mit vielerlei Kräften, die Furcht und Schrecken verbreiten konnten.
Nach Jahren der Not wussten sich die Einwohner des Tales nicht mehr zu helfen. Besonders mutige Frauen und Männer suchten die Göttin auf, nahmen lange Wanderungen in Kauf, um die junge Frau zu besänftigen, sie zu unterhalten, ihr Geschichten zu erzählen. Doch die anschließend einkehrende Ruhe war nicht von langer Dauer.
Die Sennerin Wilbeth, die in den Sommermonaten mit ihren Kühen und Schafen in den Bergen das Vieh hütete, fasste ihren ganzen Mut und stieg hoch in die unbewaldete Gegend und suchte nach der jungen Frau. Aus Erzählungen wusste sie, dass sie nun zu einer einzigartigen dunkelhäutigen Schönheit herangewachsen war, mit pechschwarzem Haar, schneeweißen gesunden Zähnen und glühenden Augen.
Nach einer langen Wanderung traf sie endlich die Gesuchte, kniete nieder und flehte die Göttin an:
„So sei doch gnädig mit uns und unserem Vieh, verschone uns von Zornesausbrüchen und hilf uns zu verstehen, wie wir dich besänftigen können.“
Die Namenlose grinste hämisch und wanderte los, Wilbeth folgte ihr, etwas kraftlos schon, aber voller Mut. „Erzähl mir Geschichten, schenke mir neue Wörter, die ich noch nie gehört habe, die es noch nicht gibt. Ich bin eine Wortesammlerin, verstehst du? Ich muss wandern, von Berggipfel zu Berggipfel, mich fortbewegen und marschieren. Ruhe, Rast, alles Bekannte – es langweilt mich zu Tode.“
„Du willst Namen, Wörter? Aber ich bin doch eine ungebildete, einfache Frau, die nur ihr Überleben und das der Tiere und Nachkommen bewahren will.“
„Dann mach dich vom Acker und belästige mich nicht“, entgegnete die Göttin zornig und schritt schnell des steinigen Weges.
„Was bist du nur für ein ungnädiges Weibsbild!“ entfuhr es Wilbeth, die sofort ihre Hand auf ihren Mund legte und den Kopf senkte.
„Weibsbild? Hast Du Weibsbild gesagt? Wie interessant. Das hörte ich noch nicht.“
Flink und wendig wie ein Steinbock hüpfte die Namenlose die Geröllhalde hoch und war verschwunden.
Einige Zeit kehrte Ruhe ein im Tal und in den Bergen. Das Wetter hielt bis in den Herbst hinein, die Bevölkerung glaubte, der Groll sei endlich gezähmt.
Doch der Winter brachte Schnee, Eis und Stürme in noch nie dagewesener Stärke und Dimension. Also versuchte im Frühjahr darauf ein Bergarbeiter sein Glück, er brachte Mineralsteine, Gold und Silber mit als kleine milde Gaben.
„Was soll ich mit Steinen? Ich hab hier genug davon“, fragte sie ihn beleidigt.
„Aber sieh´ doch nur, du kannst darin dein wunderschönes Antlitz betrachten – das sind keine herkömmlichen Steine.“
Die Göttin drehte die Steine in ihren Händen, betrachtete sich darin und zog naserümpfend davon. Wieder half auch dieser Besuch nur für wenige Wochen, bald danach lösten sich Lawinen, die tosend in das Tal stürzten.
Nun fasste sich Taron, ein weitum bekannter Schafhirte, ein Herz und besuchte die Namenlose. Er war ein kraftvoller junger Mann mit makelloser, braungebrannter Haut und dichter Lockenpracht am Kopf. Bald erreichte er sie in einer windigen Hochebene, sie tanzte und sang, hüpfte durch die hohen Almwiesen und schien glücklich und zufrieden. Taron hatte einen guten Tag erwischt, wie es schien. Er stand lange Zeit so da und beobachtete sie, mit einem breiten Lächeln im Gesicht.
„Wer bist du? Was machst du hier?“, hielt sie erschrocken inne und betrachtete ihn ungeniert von oben bis unten.
„Ich komme aus dem Elendtal und wollte mir mal ansehen, wem wir das ganze Elend zu verdanken haben?“, antwortete er unerschrocken.
„Elendtal? Dieses Wort habe ich noch nie gehört. Ist das so ähnlich wie Jammertal?“, fragte sie keck.
„Ich weiß es nicht, es ist mir gerade eben eingefallen. Elendtal trifft es ziemlich gut“
Taron war nun für lange Zeit nicht mehr gesehen, er war wie vom Erdboden verschluckt mitsamt seiner Schafherde. Die Menschen im Tal machten sich Sorgen, aber ihnen entging auch nicht, dass von nun an das Wetter täglich strahlend sonnig war, die Vögel zwitscherten vergnügt, die Bächlein plätscherten ruhig in ihrem Bachbett, nur manchmal versorgte ein leichter Nieselregen die Region mit dem nötigen Wasser und es bildeten sich zahlreiche Flechten, Moose und Farne, Beerensträucher und saftige Wiesen zur Versorgung für Mensch und Tier. Im Winter war die Schneedecke nicht allzu hoch und die Stürme blieben aus.
Einige Jahre zogen ins Land, viele Menschen, vor allem die jungen, erinnerten sich kaum noch an die harte Zeit mit der namenlosen, zornigen und polternden Göttin.
Als eines Tages Taron im Tal auftauchte. Geschwächt, mit grauen Haaren, einem langen Bart, traurigen Augen und kraft- und mutlos erschien er aus dem Nichts.
Die älteren Dorfbewohner erkannten ihn sofort wieder, sie umzingelten ihn und stellten viele Fragen. Wo er so lange gewesen sei, wie er es geschafft hatte, die Göttin so lange Zeit zu besänftigen.
„Ich habe mein Bestes gegeben. Sie Tag für Tag bei Laune gehalten, es war auch eine schöne Zeit mit ihr, sie ist ein unerschrockenes, keckes Wesen mit allerlei Schabernack und unermüdlich wandernd, von Gipfel zu Gipfel. Mir sind keine Geschichten mehr eingefallen, keine Wörter mehr – sie ist nämlich eine Wortesammlerin. Irgendwann war ich es leid. Sie hat mir alle Kraft geraubt mit ihrer Wortsucherei.“
Erschöpft setzte er sich an den Dorfbrunnen des Elendtales und verbarg sein Gesicht in beide Hände.
Plötzlich trat ein Mann aus der Gruppe hervor, Neran, der Bruder von Taron, trat an ihn heran. Er war ein geschätzter Jäger der Gemeinde und legte sanft die Hand auf Tarons Schulter.
„Lass es mich versuchen, Bruder. Ich möchte nicht, dass wieder Unheil ins Land zieht. Sag mir, wo finde ich die Wandernde?“
Es dauerte nur zwei Tage, bis der Jäger sie gefunden hatte. Er war kein Mann vieler Worte, aber er war schlau und furchtlos.
„Sei gegrüßt, du wunderschöne Tauernkönigin. Darf ich dich ein Stück des Weges bei deinen Wanderungen begleiten? Meine Gehdanken mit dir teilen, Gehschichten mit dir erfinden? Gehmächlich mit dir den Tag verbringen, gehschickt mit dir durch die Landschaft streichen?“
So hatte die namenlöse Göttin endlich ihren Namen gefunden – die majestätische Tauernkönigin vom Elendtal war nun zufrieden und niemand hatte mehr Leid zu befürchten, denn bei ihren ruhigen Wanderungen mit dem Jäger teilten sie allerhand Gehdanken und Gehschichten, die ihnen die wunderbare Natur in den Hohen Tauern Tag für Tag schenkten.

Die „Tauernkönigin“ – Hochalmspitze (3.360 m).
Kleine Anmerkung: bei den letzten zwei Absätzen handelt es sich nicht um Rechtschreibfehler – die Wortkreation „Gehdanken“ verdanke ich einem geschätzten „Mitschreiber“. Danke für diese Inspiration, lieber V.S.