Mondgöttinnen

Walpurgisnacht

Kapitel 6

Ihre Hand streicht immer wieder langsam über die zusammengerollte Tageszeitung. Im Hintergrund hört sie die Pendeluhr – „tick, tack, tick, tack“. Das Feuer knistert im Kamin und die Flammen malen rote und orange Farbschattierungen an die gegenüberliegende Wand. Sie hört die Haustüre ins Schloss fallen, endlich ist Sophie vom Spaziergang zurück.
„Möchtest du Tee? Ich habe gerade den Kessel aufgesetzt.“ Katharina nimmt ihrer Tante den Mantel ab. „Das ist sehr lieb von dir, danke.“
Sie setzen sich an den Tisch, wie zufällig legt Katharina die Zeitung zwischen die Teetassen. Sophie schmunzelt.
„Wieder was gefunden?“
„Ja, sieh auf die vorletzte Seite, da steht es!“
Sophie umschlingt mit beiden Händen die warme Teetasse, Altersflecken sind deutlich zu sehen, aber die Haut auf ihren schlanken Gliedern scheint wie aus Pergamentpapier zu sein, zart, dünn und kaum Falten.
„Willst du es gar nicht lesen?“, fragt Katharina ungeduldig.
„Ich weiß doch, was drin steht. Ist ja immer derselbe Text“, antwortet Sophie mit einem Lächeln.
Katharina nimmt die Ecke der Platzdecke aus buntem Stoff zwischen Zeigefinger und Daumen, rollt sie kurz zusammen, streicht sie glatt, rollt sie zusammen … Ihre Augen sind auf den dampfenden Tee gerichtet. Sie atmet tief durch:
„Du könntest ja mal antworten zur Abwechslung, wieso lässt du alle im Ungewissen?“, fragt sie leise.
Sophie greift nach der Hand ihrer Nichte, streichelt sanft über den Handrücken und verhindert so, dass Katharina ständig die Platzdecke zerknüllt.
„Tick, tack, tick, tack.“
„Ich lege nochmals nach, es soll heute Nacht stürmisch werden.“ Sophie erhebt sich und holt Holzscheite aus dem geflochtenen Korb in der Nähe des Ofens.
Langsam räumt Katharina den Tisch ab, schlägt die letzte Seite der Zeitung auf und verlässt den Raum.

Am nächsten Morgen liegt das Journal immer noch unberührt da. Beim Frühstück reden die Frauen belanglos über das Wetter und die bevorstehende Vollmondnacht.
Anschließend holt Sophie einige Papiertüten und Gläser, gefüllt mit Räucherharzen und Kräutern, aus dem Keller, nimmt den schweren Steinbehälter mit dem Stößel aus dem Regal und macht es sich am Küchentisch gemütlich.
„Kann ich dir behilflich sein, Tante?“, fragt Katharina. Langsam schüttelt Sophie den Kopf.
„Das ist nicht nötig, Liebes. Aber tu mir doch den Gefallen und hole aus meinem Kleiderschrank die alte Holzkiste, die ganz unten steht.“
Sophie mischt Kräuter, Samen und Harze in dem Steingefäß und mörsert leise vor sich hinsummend. Duftschwaden erfüllen den Raum, es riecht nach Myrrhe, Kardamom, Salbei und Moschus.
Katharina kehrt mit der alten Kiste zurück und nimmt den angenehm würzigen, sinnlichen Duft wahr.
„Willst du sie nicht öffnen?“, fragt Sophie.
Katharina versucht sich am zierlichen, verrosteten Vorhängeschloss, es ist jedoch zwecklos.
„Sie ist ja verschlossen. Wie soll ich sie öffnen?“
Die Tante greift an ihre Halskette, an der, unter vielen anderen kleinen Anhängern, auch ein winziger Schlüssel hängt, den sie nun abnimmt und ihrer Nichte reicht.
Katharina ist nervös, schon immer wollte sie wissen, was sich in dieser Kiste verbirgt. Dass sich heute das Geheimnis plötzlich lüften soll, kommt völlig überraschend.
Leise knarzend hebt sich der Deckel. Eine Ansammlung von Zeitungsausschnitten liegt fein säuberlich gefaltet darin, daneben eine alte Herrenuhr und ein goldener Ring. Sie nimmt den Ring zur Hand und liest die Gravur in der Innenseite. „Sophie – 01.05.1967“. Langsam faltet sie die Papierseiten auseinander. Inserate aus den vergangenen Jahren, immer mit derselben Formulierung.
„Du kannst das Inserat von gestern kontrollieren. Es wird der gleiche Text sein, richtig?“ Die Tante ist noch immer mit ihrer Räuchermischung beschäftigt und zwinkert Katharina zu.
Das Knistern im Kamin wird zunehmend lauter, als ob die Holzscheite eine extra Luftversorgung bekommen hätten. Plötzlich dringt der Moschus- und Kardamomduft ganz intensiv an Katharinas Nase und fährt ihr wie ein Blitz in die Stirnhöhlen.
„Tick, tack, tick, tack.“
Katharina hat insgesamt fünfundzwanzig Seiten aufgeklappt, ihre Tante hat mit krummer Handschrift jeweils das Erscheinungsdatum darauf notiert.

VERMISST! Ich suche meinen Vater! Er war Pilot und ist wahrscheinlich im Raum Allgäu, Deutschland, geboren. In den Jahren 1970 bis 1980 war er für eine deutsche Fluggesellschaft tätig und ist regelmäßig in die USA geflogen. Seit Ende April 1980 ist er nicht mehr hier in Washington DC gesehen worden. Für nähere Hinweise bitte eine Mail an: mark.lewis@autornet.com

„Du musst ihm schreiben, Sophie!“ Katharina hält sich an der Stuhllehne fest, ihr wird schwindlig von dem durchdringenden Geruch und der Hitze im Raum.
„Den Teufel werde ich tun! Sein Vater war ein Mistkerl, er hat ein Doppelleben geführt und wahrscheinlich nicht nur mich betrogen. Ich werde früh genug entscheiden, ob ich ihm davon erzählen werde. Bald wird er hier eintreffen und wir lernen ihn kennen.“ Sophie lässt lautstark den Stößel auf den Tisch fallen und ihre Hände zittern.
Katharina setzt sich, sortiert die Zeitungsausschnitte und legt sie wieder sauber in die Kiste zurück.
„Wir werden ihn kennenlernen? Wann?“
„Noch in diesem Sommer, Katharina. Sobald Chiara wieder zurück ist. Es hat alles seine Richtigkeit, glaube mir.“
„Ihr habt also am 1. Mai 1967 geheiratet, morgen hättet ihr euren … 51. Hochzeitstag? Immer am Abend davor feierst du ein Ritual am Waldrand, wieso vor eurem Hochzeitstag, Sophie? Wenn er doch so ein Mistkerl war?“ Lange sehen sich die zwei Frauen über den Tisch hinweg an.
„Tick, tack, tick, tack.“
„Es war nicht nur unser Hochzeitstag, Liebes. In der Nacht davor, der Walpurgisnacht, habe ich endlich begriffen, dass ich betrogen werde. Und genau DAS feiere ich jedes Jahr.“
„Wir hatten beide nicht die besten Jahre, was Männer betrifft. Wird es für Chiara besser werden, Tante?“
„Ja, das wird es. Glaube mir!“ Sophie erhebt sich, geht um den Tisch herum und umarmt ihre Nichte herzlich.

Später am Abend machen sich die beiden Frauen auf den Weg zum Waldrand. Sophie trägt ein weites, knöchellanges Leinenkleid in Purpurrot, viele bunte Armreifen und Ketten klimpern bei jedem Schritt und ihr silbergraues, welliges Haar weht im Wind. Katharina ist in einen hellblauen Mantel gehüllt und trägt einen großen Korb gefüllt mit Holzscheiten, einem Glas mit der Räuchermischung, einer Thermoskanne und zwei Porzellantassen mit bunten Blumen darauf.
Sie halten an einem Lagerfeuerplatz, der kreisförmig mit Granitsteinen umrandet ist. Das Ritual der Walpurgisnacht wird jährlich im selben Ablauf zelebriert. Einige Frauen aus dem Dorf kommen ebenfalls anspaziert, schweigend nicken sich die Damen zu und packen ihre Körbe aus. Sophie entzündet das Feuer und lässt achtsam ein klein wenig Räucherware hineinrieseln.
Langsam wird es dunkel. Die Frauen wärmen sich an den Flammen und trinken heißen Punsch. Aus den Tassen steigt der Geruch von Waldmeister, Melisse, Johannisbeere, Salbei und Wein empor.
Manche Frauen tanzen um das Feuer, andere trommeln und singen eigentümliche Lieder. In der Mitte steht Sophie und lächelt, sie betrachtet den Nachthimmel und entfernt sich einige Meter von der Gruppe. Katharina folgt ihr schweigend.
An einem Felsvorsprung halten sie an. Ein laues Lüftchen weht und es riecht intensiv erdig. Sophie betrachtet aufmerksam den Felsen, hinter dem nun der Vollmond strahlend leuchtet.

„Tante, wohin ist dein Mann verschwunden? Leute im Dorf erzählen, du hättest … also du hättest was mit seinem Verschwinden zu tun. Du weißt schon …!“
Plötzlich hören sie ein lautes Jaulen in der Ferne. Ein Wolf stimmt in die Lieder der um das Lagerfeuer tanzenden Frauen ein.

„Die Antwort kennt nur der Wolf, meine Liebe!“

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Vergangene Woche ist dieser Text von mir auf  www.verdichtet.at  erschienen. Es ist eine weitere (Fortsetzungs-) Geschichte von den mystischen Frauen vom Waldrand.  🙂 

Private Wiese

Weihnachten in schwarz

Heuer trage ich an Weihnachten schwarz.

s ehnsüchtig
c hancenlos
h erzerwärmend
w ehmütig
a usgekämpft
r eglos
z ärtlich

Sehnsüchtig an viele Momente denkend, chancenlos, du kommst nicht wieder.
Herzerwärmende Erinnerungen an Tage am Meer, wehmütige Gedanken in mir.
Ausgekämpft hast du, zuletzt reglos – und doch – in zärtlicher Erinnerung an dich!

Heuer trage ich an Weihnachten schwarz.

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Foto von:

http://www.thomasschwellenbach.de/sw-fotografie/sw-fotografie-schwellenbach-landschaft-40/

Private Wiese

Unser Kapitän

Uns Kindern warst du in den ersten Lebensjahren die Sicherheitsleine. Du hast uns das Schwimmen gelernt, damit wir über Wasser bleiben.

Dein Schiff hatte immer einen funktionstüchtigen Motor und ein gutes Echolot, um auch durch untiefe Gewässer steuern zu können und nicht zu stranden.
Du warst uns allen die helfende Hand, der aufmerksame Ratgeber, der Steuermann in ruhiger und stürmischer See.
Stets hattest du exakte Ziele und hast das Familienschiff sicher in den Hafen gebracht. Du warst der Kompass mit den klaren Wertvorstellungen, egal, ob Familie, Beruf oder Hobby – du hattest das Steuerrad souverän geführt!

Manchmal kam starker Wind auf, aber auch da hattest du mutig durch die Wellen gesteuert. Ein kluger Kapitän hat ein Gespür dafür, woher der Wind weht und wie das Wetter kommen wird. Immer war da ein Enterhaken, den du uns gereicht hast, wenn wir dringend ans Ufer mussten. Du warst die gut verankerte Boje, an der wir anlegen konnten.

Die letzten Jahre bist du in stürmische Gewässer gelangt, unser Steuermann ist in Seenot geraten.
Doch auch da hattest du es immer wieder geschafft, mit nur einem Ruder das Land zu erreichen und dich in Sicherheit zu bringen.
In unserem Seemann steckte ein Kämpferherz, das hat dich ausgezeichnet und darauf sind wir stolz.

Nach einem anstrengenden Törn die letzten Monate hat Papa nun seinen Zielhafen erreicht. Unser Steuermann und Kapitän ist zum letzten Mal und für immer vor Anker gegangen.

Danke für alles, Papa!                                                                       06. November 2018

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In liebevoller Erinnerung an meinen PapaDas Foto ist von meinem Bruder, aufgenommen bei einer Bootsfahrt, gemeinsam mit dem Papa,  in Kroatien 2018.

Wurzelstöcke und Baumkronen

Inspiration

Ich liebe den Herbst – ich kann mich gar nicht genug sattsehen an den Farben, sattriechen an den Düften, sattsaugen an der unglaublichen Ausstrahlung – vor allem im Wald! 

Gestern war ich mit meinem Freund Faith spazieren. Bei der Haustür raus, in den Wald hinein. Kann es schöner sein? 🙂 Ich bin täglich dankbar für meinen wunderschönen Heimatplatz.

Faith ist ein traumhaft guter Begleiter. Er redet nicht, quatscht mich nicht voll, stellt keine Fragen…. er ist nur an meiner Seite, still und freundlich. Nach einem Tag im Büro ist das sehr wohltuend. 

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So kann „frau“ die Seele baumeln lassen, die würzige Luft einatmen, durchatmen und sich inspirieren lassen……

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In meinem Kopf entstehen erste Texte, Gedichte. Wortfetzen schweben gedanklich durch die Lüfte, wie die Spinnwebenfäden, denen ich zahlreich begegnet bin.

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Ich setze mich auf einen Baumstumpf und schaue mit Faith ins Land hinein. Diese gedämpfte, sanfte Stille ist fast schon befremdlich, nach all dem Lärm den ganzen Tag. 

Wie gut, dass ich mein Notizbuch dabei hatte, Gedanken werden notiert, damit sie sich nicht wieder in Luft auflösen, bis ich daheim bin.

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Solche Spaziergänge im Herbstwald bereichern meine Kreativität sehr. Bin gespannt, was ich demnächst aufs Papier bringe 🙂 .

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Ihr werdet dann hier davon lesen. 

Ich wünsche euch noch einen schönen Herbst. Möge er uns noch lange erhalten bleiben.

Manuela

Mondgöttinnen

Der Schafhirte

Kapitel 5

Sie lenkt den Mietwagen auf die Bundesstraße Richtung Nationalpark Sierra de Grazalema. Auf dem Beifahrersitz liegt die neueste Canon EOS 80D, ein Geschenk ihrer Mutter vor ihrer Abreise nach Andalusien.

„Halte alle Wunder der Natur auf deiner Studienreise damit fest.“

Seit drei Wochen jobbt sie jetzt auf der Hacienda Andaluz, einem Wanderreitbetrieb. Heute ist ihr erster freier Tag und sie ist bei Sonnenaufgang losgefahren. Chiara erreicht die schmale, steile Straße, die hoch in die Berge führt, die regenreichste Region Spaniens mit einer traumhaften Pflanzenwelt. Die Märzsonne taucht alles in elfenbeinfarbiges Licht. Auf den Wiesen liegt ein silbern funkelnder Schal aus Tau. Rauschende Bäche stürzen von den Bergen in die Tiefe und hinterlassen einen Gischtnebel, der sich bunt mit dem Licht der Sonne vereint.

In der Ferne eine große Schafherde auf einem Wiesenstück. Langsam fährt sie vorbei und bemerkt erst jetzt im Schatten einer Steineiche den Schäfer mit seinem Border Collie. Chiara kann dieser zarten Atmosphäre nicht widerstehen, sie hält am Straßenrand, nimmt ihre Kamera und steigt aus.
„Puedo tomar fotos, Señor?“ Der Hirte lächelt und nickt, ohne zu antworten. Durch ihr Objektiv kann sie die tiefen Furchen im Gesicht des Mannes erkennen. Unter der Baskenmütze dunkelblaue, jugendlich wirkende Augen, die irgendwie nicht zu der gegerbten Haut passen. In seiner linken Hand hält er eine krumme, schlanke Zigarre, aus der er einen Zug nimmt. Zu seinen Füßen liegt der Border Collie, sein abwartendes Verhalten an der Seite des Hirten zeugt von Sensibilität, die Augen sind ruhig auf die Schafe gerichtet. Sie kann sich der Ausstrahlung dieses Hundes kaum entziehen und muss an Hank denken, den Hund ihrer Großtante. `Ach, wie er mir fehlt!`, denkt sie wehmütig.
Der Schafhirte erhebt sich und humpelt, er zieht ein Bein nach, der Hund folgt ihm wie ein Schatten.
„Gracias, Señor!“ ruft Chiara hinterher. Sie hat einige Fotos gemacht und bricht wieder auf.
Pünktlich zum Abendessen trifft sie in Prado del Rey ein. Lautes Geschrei aus der Küche der Hacienda.

„Dieser Mistkerl! Wenn ich den erwische, hacke ich ihm die Finger eigenhändig ab!“ Chiara verdreht die Augen. Die Hofbesitzerin Marietta, eine deutsche Auswanderin, bei einem hysterischen Anfall. „Chiara! Komm sofort hier her!“
„Was ist denn passiert, Señora?“
„Wir wurden schon wieder bestohlen! Hast du nichts bemerkt in der Früh? Diese scheiß nutzlosen Köter schlagen auch nicht an!“ Vor der Tür liegen zwei Cattle Dogs in der Sonne und dösen.
„Es war ganz ruhig, als ich losgefahren bin. Was fehlt denn wieder?“
„Es fehlt Käse, Geräuchertes, Brot… es ist zum Verrücktwerden!“ Mariettas Haar ist zerzaust, einzelne Strähnen kleben an ihren Schläfen und sie hat Schweißflecken an ihrem Kleid.
„Mach´ dich an die Arbeit und betreue die Gäste. Eine neue Ausreitgruppe ist eingetroffen. Nach dem Abendessen hast du Stalldienst und morgen früh hilf´ dem Reitführer beim Satteln. Rápido!“

Nachdem Chiara die Tische der neu eingetroffenen Gäste abgeräumt hat, geht sie müde Richtung Stallungen. Niedrige, drückende Mauern mit einem alten Gewölbe erstrecken sich entlang der Pferdeboxen, es riecht miefig und es ist heiß. Zu viele Pferde für zu viele Stunden eingepfercht auf engstem Raum. Die Pferde schauen hinter Gitterstäben zu Chiara, manche brummeln oder wiehern ihr zu.
„Diego, mein Freund. Wie geht es dir?“ Chiara streichelt dem Schimmelwallach über den Hals. Das Heu hat er bereits aufgefressen. Diego, der sicherlich mal ein stattlicher Spanier gewesen ist, senkt den Kopf. Seine Rippen sind deutlich zu sehen und die Hüftknochen stehen hervor. Chiara steckt ihre Nase in seine Mähne, kann ihre Tränen kaum unterdrücken. Sie hält noch bei jedem einzelnen Pferd Nachschau, füttert Heu und streichelt die Tiere liebevoll. Dann geht sie in ihr kleines Pueblo hinter einer leer stehenden Stallung. Hier hat sie zum Glück genügend Abstand zu den Touristen, die im Hofinneren wohnen und hört den Lärm nicht, den sie nach dem Abendessen auf der Veranda sitzend machen. Sie verstaut ihre Kamera sorgfältig und fällt dann gleich in tiefen Schlaf.

„Die Pferde sind gesattelt“, begrüßt Chiara am nächsten Morgen Hernandez, den Reitführer. Der aus der Region stammende, wortkarge Mann mittleren Alters zieht seine Stiefel und Sporen an und holt sich eine Kandarentrense aus der Sattelkammer. Diego reißt die Augen auf und wirft seinen Kopf in die Höhe, als Hernandez sich ihm nähert.
Ein Dutzend Reitgäste kommt herbei, laut plaudernd und lachend. Hernandez weist den Gästen die Pferde zu, erklärt kurz den geplanten Weg und alle sitzen auf. Zwei Gäste prosten sich bereits jetzt aus Brustflaschen zu und drücken die Sporen in das Pferdefell. Chiara hat einen Kloß im Hals und ein bedrückendes Gefühl in der Magengegend, mit zittrigen Händen räumt sie die Putzkisten weg und macht sich an die Stallarbeit.

„Marietta, einige Pferde bluten aus dem Maul und sind kräftig sporniert worden. Die Gäste sind mehr als grob. Wieso weist Hernandez die Gäste nicht zurecht? Das ist seine Pflicht!“ Chiara steht abends in der Küche und kann ihre Wut nicht bremsen.
„Das müssen die Rösser schon aushalten. Das ist ihr Job. Und überhaupt geht dich das nichts an, kümmere dich um deine Arbeit und lass mich in Ruhe, ich habe zu tun.“

Eine Nacht voll Kummer und Sorge um die Pferde. Chiara kann nicht einschlafen, es ist bereits lange nach Mitternacht, als sie plötzlich ein Knacksen und Rascheln vor ihrer Hütte hört. Sie steht auf und sieht aus dem Fenster. Ein Hund, geduckt und schleichend, dahinter ein hinkender Mann. Der Schafhirte! Langsam öffnet sie die Tür.
„Ola? Qué haces aquí?“ flüstert sie. Der Mann bleibt erschrocken stehen.
„Sie können Deutsch mit mir sprechen, Señorita!“, flüstert er zurück.
„Kommen Sie rein, bitte. Wir wollen niemanden wecken.“ Chiara macht eine einladende Handbewegung.
Heute hinkt er besonders schlimm und während er über die Türschwelle tritt, kommt er ins Stolpern, seine Leinentasche fällt auf den Boden und der Inhalt entleert sich auf den Holzdielen. Chiara schließt schnell die Tür und bückt sich. Sie muss schmunzeln: Brot, Käse, Zigarren, Hundefutter…
„Da haben wir ja den Dieb!“, sagt sie lächelnd und sammelt alles ein.
„Setzen Sie sich doch. Wie heißen Sie?“
„Ich heiße Roland.“ Er reicht ihr die Hand. „Ich bin Chiara und arbeite als Aushilfe hier.“
„Sicher keine leichte Aufgabe bei dem Hausdrachen“, entgegnet er.
„Roland, die Chefin bemerkt, dass sie bestohlen wird. Was, wenn sie dich erwischt?“
„Wenn Marietta nicht so gefühlskalt wäre, wüsste sie, dass ich es bin und mir nur das hole, was mir zusteht. Sie ist nämlich meine Frau.“
„Deine Frau?“
„Denk ich mir, dass sie das nicht erwähnt hat. Wir sind vor über 20 Jahren ausgewandert und haben die Hacienda übernommen. Bis zu meinem Autounfall habe ich die Gäste auf Ausritten begleitet. Danach ging nichts mehr. Ich kann nicht Reiten mit meiner kaputten Hüfte. Marietta ist sehr geschäftstüchtig, von Jahr zu Jahr wurde ihre Gier schlimmer. Ich hab das nicht mehr ausgehalten. Als sie dann noch diesen Hernandez als Reitführer einstellte, hat es mir gereicht. Dieser grobe Hammel! Die Tiere gehen kaputt!“
„Ich betreue sie gut, aber leider hat Marietta kein Einsehen. Die Pferde müssten ganz anders gehalten werden. Hernandez und manche Reitgäste sind richtig grob….“ Chiara kann nicht mehr weiter sprechen, ihre Stimme versagt bei dem Gedanken an die blutenden Pferde.
„Es war nur noch Streit und Krampf. Vor einem Jahr bin ich mit meinem Hund und den Schafen einfach abgehauen, es war ihr egal. Am liebsten hätte ich auch die Pferde mitgenommen, ganz weit weg von hier. Die Behörden in Spanien machen leider nichts.“
Das erste Morgenlicht blinzelt durch das Fenster. Ein Hund bellt auf der Hacienda.
„Die Hunde! Wieso schlagen die Hunde nicht an, wenn du hier rum geisterst in der Nacht?“ Roland lacht laut auf. „Die Hunde kennen mich doch, die wedeln sogar mit dem Schweif. Und die Pferde gehe ich auch besuchen, die sind mucksmäuschenstill, wenn ich den Stall betrete.“ Jetzt müssen beide lachen. Der Hund von Roland läuft zur Tür, als wolle er sagen: Komm, es wird höchste Zeit.
„Wie heißt er?“, will Chiara wissen. „Das ist mein Flash, der beste Hund der Welt.“ Roland erhebt sich mühsam. „Danke, Chiara.“
„Wann kommst du wieder?“ Roland lächelt sie an, zuckt mit den Schultern und verlässt mit Flash die Hütte.

Die folgenden Wochen kümmert sich Chiara liebevoll um die Pferde, sie sind ihr zur Herzensangelegenheit geworden. Roland und Flash kommen nun öfter vorbei. Nicht nur, um Essen zu klauen, sondern auch, um Chiara zu besuchen. Sie sitzen dann die halbe Nacht im Pueblo, naschen vom gestohlenen Brot, Käse und Wein und schmieden Pläne. Und was für Pläne! Chiara kann ihren letzten Arbeitstag kaum erwarten.
„Willst du nicht verlängern? Ich kann jede Arbeitskraft gebrauchen.“ Marietta sitzt an ihrem Schreibtisch und holt die Geldbörse aus der Schublade.

„Nein, Marietta. Ich kann die geschundenen Seelen im Stall nicht mehr sehen.“ Feindselig grinst Marietta Chiara an und reicht ihr das Geld.

Sorgfältig verstaut Chiara spät abends alles im Mietwagen. Um vier Uhr, wie vereinbart, ein leises Klopfen an der Tür.
„Bist du bereit?“, flüstert Roland. Sie nickt und reicht ihm den Autoschlüssel. Gemeinsam gehen sie zu den Stallungen.
„Mein Flug geht mittags.“
„Wir treffen uns in etwa zwei Stunden. Danke, Chiara. Dich hat der Himmel geschickt!“

„Psst, Diego, wir machen eine Reise.“ Chiara streift dem Pferd sanft das Stallhalfter über. Als sie den Innenhof erreichen, öffnet Roland alle Boxentüren. Ruhig folgen alle Pferde, als wüssten sie, dass sie leise sein müssen. Roland hilft Chiara auf den Rücken von Diego, sie hält sich an seiner Mähne fest.

„Vamos, Diego!“ Nach kurzer Zeit erreichen sie die Wiesen der Ebene, sie galoppieren in den Sonnenaufgang. Chiaras dunkles Haar und Diegos weiße Mähne wehen im Wind. Bald werden die Pferde auf saftigen Wiesen in den Bergen der Grazalema für immer frei sein!

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Diese Kurzgeschichte hat unter „Schreiblustverlag“ im Monatswettbewerb September unter 26 Geschichten Rang 5 erreicht.

Auf dem Foto seht ihr unseren Border-Collie „Faith“ – er steht hier symbolhaft für die wunderbare Hunderasse.