Lyrikpfad

Wann hast du zuletzt…?

Wann hast du zuletzt….?         Juni 2016

Wann hast du zuletzt einen Spaziergang durch den Wald gemacht? Deinen Blick zu den Wipfeln erhoben, dieses einzigartige Rauschen gehört?

Wann wirst du deine Hände wieder über das sanfte Gras streichen lassen, das sich um die Baumstämme wiegt?

Wann hat dich zuletzt der Geruch von Farnen und Moos in der Nase gekitzelt? Hat ein scheuer Waldbewohner deinen Weg gequert?

Wann wirst du wieder diese prachtvollen Farben und kunstvolle Pflanzenwelt bestaunen?

Wann hast du zuletzt deine nackten Füße auf das Holz eines gefällten Baumes gesetzt? Dessen Jahresringe auf deine Haut wirken lassen?

Wann wirst du wieder dieses weiche Licht, das durch die Blätter und Äste schwingt, in dein Herz fließen lassen?

Wann hast du dich zuletzt an einen Baum gelehnt, seine starke Rinde an deinem Rücken gespürt? Oder ihn gar umarmt und ihn um Kraft gebeten?

Wann wirst du erkennen, dass dieses wilde Wuchern, Treiben und Wachsen eigentlich perfekte Symbiose ist?

Diese Ruhe spüren und gleichzeitig Kraft.
Diese Erdung und auch diese Macht.
Diese unbändige Schöpfung und Energie.
Beflügelt Seele, Geist und Phantasie.

Wann hast du zuletzt………..geatmet?
Wirst du……..erkennen?

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Gedankengeflüster

Schließ´ die Augen …

Schließ´die Augen und erzähle mir…..    Sommer 2016

Die Schubkarre mit Pferdemist war schwer, es war heiß und schwül, ein Gewitter kündigte sich an. Eine kurze Pause wollte ich machen, schattig im Hof auf der Bank, nahe dem Kräutergarten. Vorher noch kurz die Füße in dem Granitbrunnen mit Wasser aus dem Wald gekühlt, setzte ich mich und lehnte mich an die Holzvertäfelung der Pferdebox.
„Schließ die Augen und erzähle mir…..“, sagte plötzlich eine Stimme. „Was riechst du rundherum?“ Ich schloss die Augen und machte eine Reise mit der Nase.
„Es ist schwül, die Luft ist zum Schneiden, drückend, es riecht nach Gewitter. Ich rieche auch Lavendel, Salbei, Rosmarin, rieche Mädesüß und etwas Eibisch vom Kräutergarten. Die frische Rindenmulch, die gestern ausgebracht wurde hier und ich rieche den Duft des Waldes nebenan, die Erde darin. …. „Ist das alles?“ fragte die Stimme. „Naja, es riecht natürlich auch nach Pferdemist hier und nach den Pferden selbst, die gerade dösend im Schatten stehen und vorher in der Sonne geschwitzt haben. Sie riechen auch etwas nach Fliegenspray. Und ich rieche Heu.“
„Schließ die Augen und erzähle mir….“, sagte die Stimme weiter. „Was hörst du rundherum?“ Ich schloss die Augen und machte eine Reise mit den Ohren.
„Ich höre das Plätschern des Wassers im Brunnen nebenan. Die Vögel in den Nestern an der Stallmauer. Höre die Bienen und Hummeln summen, die sich am Nektar bedienen. Am Nachbarhof gackern die Hühner, ein Hund bellt in der Ferne. Ich höre leises, zufriedenes Schnauben der Pferde und irgendwo zirpt eine Grille. Im Buchenbaum hängt ein Windspiel, ich höre den leisen Klang der Tonmotive aufeinander schlagen“ …… „Ist das alles?“ fragte die Stimme. „Naja, ich höre noch das Blätterrauschen im Wald, höre meinen Hund neben mir hecheln und manchmal schlägt ein Pferd mit dem Schweif und verscheucht die Fliegen“.
„Schließ die Augen und erzähle mir…“, sagte die Stimme wieder. „Was fühlst du rundherum?“ Meine Augen noch geschlossen machte ich wieder eine Reise.
„Ich fühle lauen, warmen Wind auf meiner Haut, fühle einen Schweißtropfen meinen Nacken runterlaufen. An meinem rechten Bein fühle ich das weiche Fell des Hundes, der neben mir liegt. Eine Fliege setzt sich auf meinen Arm, ich verscheuche sie mit meiner Hand. Mein Kopf fühlt das warme Holz, an das ich mich lehne und unter meinen Füßen ist heißer Asphalt.“ …..“Ist das alles?“ fragte die Stimme. „Naja, ich fühle mein Herz schlagen und fühle meinen Atem, weil es kurz vorher so anstrengend war. Ich muss noch ziemlich schnaufen.“
„Schließ die Augen und erzähle mir…“, sagte die Stimme. „Was siehst du für Farben, in deinem Inneren?“ Und so machte ich mit geschlossenen Lidern eine Reise mit den Augen.
„Ich sehe das helle Gelb der heißen Sonne, das Lila von Lavendel und Salbei, das Orange und Knallrot von Blumen, ich sehe unterschiedlichste Brauntöne von Pferde- und Hundefell, das sich in der Sonne spiegelt und ganz helles Grün vom Wasser im Brunnen.“….“Ist das alles?“ fragte die Stimme. „Naja, ich sehe noch verschiedenste Grüntöne der Wiese und der Bäume. Dunkles Blau vom Himmel, vermischt mit weißen Wolken.“
Es war still. Ich öffnete meine Augen und hörte mich sagen:
„Hallo, Du? Ich würde gerne wissen, wer du bist.“
Die Stimme antwortete: „Wer ich bin? Das ist ganz einfach: Ich bin Heimat!“

veröffentlicht im Smart Storys Verlag

 

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Mondgöttinnen

Die Fährte

Kapitel 1

– eine Fortsetzungsgeschichte   –   wie alles begann

Sie saß auf der Bank vor dem Haus, lehnte sich an die Holzvertäfelung und schloss die Augen. Die Morgensonne wärmte ihr Gesicht. Die Tasse Kaffee hielt sie mit beiden Händen umschlungen, wie sie es jeden Morgen machte. Es war Samstag und ihr Mann war auf Geschäftsreise. Wieder einmal, wie so oft, war sie alleine. Nur der Anwesenheit des Hundes, der neben ihr in der Wiese lag, war es zu verdanken, dass sie sich nicht einsam fühlte. „Er wird an deiner Seite sein, wenn ich unterwegs bin“, meinte er damals, als er mit dem kleinen Welpen im Arm in der Tür stand. Sie hatte Freude an dem Hund, vom ersten Tag an. Doch der Ehemann war nun immer öfter für Tage unterwegs.
Der Ruf des jungen Mäusebussards im angrenzenden Wald ließ sie aufhorchen. Sie hob die rechte Hand und beschattete ihre Augen. „Was will er uns wohl mitteilen, Hank?!“, sagte sie, mehr zu sich selbst als zum Hund. Dieser hob den Kopf, den er vorher auf seine Vorderpfoten abgelegt hatte, und spitzte die Ohren.
Hank erhob sich und trabte Richtung Waldrand. Sein dunkelbraunes Fell glänzte in der Sonne, seine Bewegungen waren elegant, beinahe katzenhaft. „Hank, bleib hier! Du sollst nicht alleine in den Wald!“, rief sie ihm hinterher. Doch Hank war nicht beeindruckt. Dies war völlig untypisch für den normalerweise sehr folgsamen Hund. Sie erhob sich von der Bank, stellte die Kaffeetasse ab, pfiff auf zwei Fingern und wartete. Nichts.
Plötzlich nahm sie es wahr. Der Wald, die Stimmung, das Licht – alles war anders an diesem Morgen. Obwohl ein lauer Wind wehte, rührten sich die Blätter der Laubbäume nicht. Alles schien erstarrt, der Wald lag ruhig vor ihr, der Mäusebussard war verstummt und der Hund verschwunden. Die zarte Frühlingssonne tauchte alles in samtig gelbes Licht, die Umgebung schien von einer hauchdünnen Seidendecke eingehüllt. „Wie die Ruhe vor dem Sturm“, dachte sie.
„Hank!“, rief sie – doch sogar ihre Stimme schien von dem Licht verschluckt zu werden.
Sie holte den Mantel vom Haken in der Garderobe, schloss die Tür ab und ging in den Wald.

Ihre Schritte auf dem Schotterweg waren kaum zu hören, als ob sie mit Schalldämpfern an den Schuhen unterwegs wäre. Sie folgte dem üblichen Weg, den sie sonst gerne mit dem Hund spazierte. Irgendwo musste er doch zu finden sein? An der Weggabelung angelangt, blieb sie stehen und schaute in beide Richtungen. „Hank?“ Es war nun kein Rufen mehr, eher ein fragendes Flüstern. Und dann sah sie ihn! Die Rute des Hundes war noch zu erkennen in der Ferne, als er um eine Baumgruppe bog. Er trabte den Hügel hoch, der in ein ziemliches Dickicht führen würde.
Ihre Schritte wurden schneller, ihr Herz pochte und nun wurde sie nervös. Sie kannte ihren Hund nicht mehr, er war die ganzen Jahre noch nie weggelaufen. Der Aufstieg erwies sich als sehr mühsam, der Waldboden war locker und teilweise rutschte sie weg. Manchmal musste sie sich an einem Baum hochhanteln, so steil war es. Aber nun war wenigstens der Hund nicht mehr weit von ihr entfernt. Manchmal drehte er sich um, wartete ein Weilchen und lief dann wieder voran.
Endlich war sie bei ihm angekommen. Noch nie war sie in dieser Gegend gewesen. Sie spürte einen leichten Windhauch in ihrem schweißnassen Nacken, doch auch hier war der Wald lautlos, regungslos. Sie lehnte sich an einen Baum, musste tief Luft holen und stützte sich mit den Händen auf ihren Knien ab. „Hank, was ist heute los mit dir?“ Der Hund hechelte ein wenig, sah sie an, machte dann auf den Hinterläufen kehrt und trabte einen schmalen Pfad entlang, der zu einem großen, spitzen Felsvorsprung führte. Dann blieb er abrupt stehen, verharrte, hob gleichzeitig einen Vorderlauf und winkelte diesen an. Sie dachte, er hätte wohl Wild entdeckt in der Ferne und folgte ihm langsam. Hank starrte in eine Richtung, die für sie noch nicht frei einzusehen war. Dann war ein leises Winseln von Hank zu vernehmen, nur kurz. Hank ging vier oder fünf Schritte rückwärts, zog die Rute ein und legte sich hin.
Aufmerksam folgte sie dem Pfad – dann stand er plötzlich vor ihr, etwa vier Meter höher auf dem Felsvorsprung. Ein beeindruckendes Tier. Die bernsteinfarbigen Augen fixierten sie, ihre Blicke trafen sich. Sie blieb stehen und hielt gleichzeitig den Atem an. Der Wolf hatte graubraunes Fell, einen kräftigen Nacken, er war gut genährt und strahlte Dominanz aus. Der Wind streifte über sein Fellkleid und malte Schattierungen. Sie konnte sich nicht losreißen von seinen Augen, sie schienen so klug, so allwissend und doch auch warnend. In ihren Adern pulsierte es, ihr ganzer Körper schien zu glühen. Es war keine Angst, die sie verspürte, es war eine freudige Erwartung von etwas Unbekanntem. Ganz langsam und ruhig näherte sich dem Wolf nun von der hinteren Seite ein weiteres Tier. Es war etwas kleiner und nicht ganz so imposant, aber mit ebenso wunderschönen, bernsteinfarbigen Augen. Dahinter waren nun auch drei oder vier Welpen zu sehen, ganz jung mussten sie noch sein. Es war also die Fähe, die dem Rüden neugierig folgte, jedoch respektvolle Distanz hielt.
Der Wolf fixierte sie noch eine Weile, leckte sich dann die Schnauze und wandte sich ab. Sie wusste nicht mehr, wie lange sie so dagestanden hatte. Es kam ihr vor, als wären es Stunden gewesen. Als sie sich zu Hank umdrehte, lag dieser immer noch unterwürfig auf dem Pfad. Sie flüsterte: „Hank, komm, wir gehen.“ Er erhob sich ruhig und ging langsamen Schrittes voraus.
Nun war das Blätterrauschen wieder zu hören, ihre Schritte waren nicht mehr gedämpft, ein helles Licht durchflutete die Bäume. Als würde der Wald nun wieder atmen.
Sie steckte den Schlüssel ins Schloss und öffnete die Tür. „Hallo mein Schatz, wo warst du bloß so lange? Ich hab dich schon ein paar Mal am Handy angerufen. Du hast es daheim liegen lassen!“ Ihr Mann drückte ihr einen Kuss auf die Wange. „Ich konnte schon das frühere Flugzeug nehmen. Na, ist das eine freudige Überraschung?“ Er half ihr aus dem Mantel und genau in diesem Moment nahm ihre Nase Witterung auf!

Wie ein Blitz durchdrang dieses fremde Parfum ihre Riechsinneszellen. Er ließ den Mantel fallen und wich zurück. Sie stand imposant vor ihm, mit gekräuseltem Nasenrücken, bebenden Nasenflügeln und bernsteinfarbene Augen starrten ihn durchdringend an.

Veröffentlicht auf der Seite von www.verdichtet.at

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Freude

Freude                              Winter 2016

Jeden Tag hab ich Freude an dir,
schon als Fohlen kamst du zu mir.
Eine lange Zeit, schon viel erlebt,
Momente zu Geschichten verwebt.

Ein weißer Stern in deinem Gesicht,
weist mir den Weg, der Spaß verspricht.
Funkelnde Augen, goldenes Fell,
machen düstere Tage wieder hell.

Meine Nase in die wilde Mähne gesteckt,
der würzige Duft meine Sinne erweckt.
`Tokadong` – es tief in dir tönt,
ein Klang, der mir alles verschönt.

`Tokadong` – deine Hufe im Takt,
manchmal dich der Übermut packt.

Rhythmus, Herzschlag, Spirit – ist deins!
Und doch…..für Augenblicke sind wir eins.

 

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Demut

Demut                                        Mai, 2017

Insekten an prallen Blüten, Sommersonne satt und lange herbeigesehnt!
Lautes Summen und Zwitschern, als ginge es um die Wette.
Barfuß durchs warme Gras, Kitzeln an den Sohlen. Mensch und Tier im
Schatten zum Schlafen und genießen.

Durst löschen – mit Krügen voll Wasser und Minze, frisch gepflückt.
Alle Sinne schärfen, sich volltanken und staunen.

Den Elfen lauschen, ein Lächeln zaubern mit Freude im Herzen.
Meterhohe bunte Wiese, Heimat der Pferde, übermütiges Toben, aber erst spät, wenn die Sonne versinkt.

So lässt es sich leben hier, dankbar für jeden Tag – another day in paradise – Demut, wie ich sie mag.

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