Geheimnisvolle Abzweigungen

Der Wind der Julier

Der Dobratsch

Die Julischen Alpen im Hintergrund

Angelehnt an die wahre Begebenheit des Bergsturzes vom Dobratsch am 25. Jänner 1348.

Geheimnisvolle Abzweigungen

Zeitreise

In Erinnerung an meine wunderschönen Prag-Reisen und an Franz Kafka
Geheimnisvolle Abzweigungen

Kleines Sommerrätsel

Im Seminar zum kreativen Schreiben im Kloster ist ein Text entstanden bei einem „Schweigespaziergang“. Wir TeilnehmerInnen sollten uns bei unserer Wanderung mit der „inneren Autorin, der inneren Künstlerin“ treffen und Gedanken austauschen.

Ich dachte mir, ich könnte diesen Text als kleines Rätsel verfassen. Es handelt von einem „fancy Wort“ – sprich – ein außergewöhnliches Wort, das uns am Seminar besonders gut gefallen oder angesprochen hat und über das wir gerne mal schreiben würden. Gerne könnt ihr also raten, um was für ein Wort es sich handeln könnte. Kleiner Tipp: es kommt in meiner Geschichte https://waldgefluesteronline.com/2021/07/09/sinnesreise/“ vor. Wer es errät, gerne unten kommentieren. In einer Woche kommt die Auflösung.

Künstlertreff

Hast du es auch gesehen? Wir durften ja nicht reden, gerne hätte ich laut geschrien: „Schau mal, da ist es. Erst gestern habe ich darüber vorgelesen!“ Aber es war ja ein Schweigespaziergang, daher blieb ich ruhig. Diese achtsame Wanderung hat gut getan. Keine Verpflichtung zum Small Talk. Frau darf einfach ihren Mund halten, ohne unhöflich zu sein. Und dann hab ich´s gesehen! Sogar mehrmals! Ich hab geschmunzelt bei der Begegnung. Dieses Sanfte, Umschmeichelnde, dennoch aber auch Kräftige, Einnehmende.

Es ist ein Überlebenskünstler seit Anbeginn der Zeit. Lässt sich nicht unterkriegen. Auch in seinem Namen steckt so einiges, in diesem Wort, das so zart beginnt, mit einem weich geformten Mund lässt es sich sprechen. In der Mitte ist es dann ein wenig zickig, ein kurzes aufflackern von harten Lauten lässt einen aufhorchen, um dann aber wieder zum Ende hin friedlich gehaucht versöhnlich zu sein. Meine Fingerkuppen haben es berührt und es ist unheimlich weich und es war von der Sonne gewärmt, als wollte es den Sommer für immer speichern. Und der Duft! Hach, dieser Duft!

P.S.: Foto kommt erst nach Auflösung des Rätsels 🙂

Geheimnisvolle Abzweigungen

Sonnentanz

In staubigen Mokassins betrat Pa-Akanti den großen Platz, der sich kreisrund inmitten der zahlreich angeordneten Tipis seines Stammesvolkes bildete. Vor der Lagerfeuerstelle machte er Halt. Die langen schwarzen Haare hingen windzerzaust über seinen Rücken. Seine reichverzierte Lederkleidung wirkte etwas mitgenommen. Der Schamane des Kiowa-Stammes mit dem bedeutenden Namen „Stürmischer Stier“ war ein imposanter Mann mittleren Alters, hochgewachsen, schlank und sein Körper durch viele Stunden auf dem Pferderücken stählern muskulös.

„Sei gegrüßt, Pa-Akanti. Endlich bist du zurückgekehrt von deinen geheimen Zeremonien!“ Dohasan, der Häuptling des Stammes, trat auf den Schamanen zu und klopfte ihm brüderlich auf die Schulter. Auch Dohasan machte den Kiowas alle Ehre mit seiner vornehmen Erscheinung.

Hinter den Tipis liefen Kinder um die Wette. Die Buben übten an Pfeil und Bogen und der Rest veranstaltete kleine Pferderennen. Als nun alle Pa-Akanti entdeckten, kamen sie angelaufen und brachten Holz für das Lagerfeuer, sie breiteten Bisonfelle aus, und die Frauen des Stammes kümmerten sich um Essen und Getränke. Dohasan holte seine Pfeife aus dem Tipi, und die Ältesten gesellten sich ebenso zu der Runde.

Im Hintergrund funkelte der Canadian River, der sich ruhig durch die markanten Sandsteinfelsformationen schlängelte. An den Hängen in Ufernähe wuchsen vereinzelt Kieferbäume und Wacholderbüsche, deren Duft ständiger Begleiter des Stammes war.

„Hattest du eine Vision während deiner Sonnentanz-Zeremonie, Pa-Akanti?“, richtete der Häuptling das Wort an den Heimgekehrten. Die Stammesmitglieder, die nun alle dicht gedrängt im Kreis am Boden saßen, lauschten aufmerksam.

„Diesmal bat ich die Schutzgeister, mir in einer Vision zu zeigen, welche Krankheiten uns heimsuchen könnten in den nächsten Wintern und wie ich unser Volk davor beschützen könnte. Ich hatte eine ganz besonders anstrengende Visionsreise während meines Fastens. Ich weiß nicht, welches wundersame Kraut mir Meda da in die Pfeife gepackt hat?“, er zwinkerte der alten Medizinfrau zu. Sie lachte und entblößte dabei eine Reihe von Zahnlücken.

„Ich habe in meiner Vision nicht nur die kommenden Jahreszeiten bereist, es wird wohl einige hundert Winter dauern, bis es zu solchen Bedrohungen kommt, wie ich sie gesehen habe. Dort habe ich Völker erahnt, die gänzlich verschieden leben im Vergleich zu unseren Stammesvölkern hier in der Prärie. Es herrschte Angst und Schrecken unter ihnen, sie liefen mit verhüllten Gesichtern durch den Tag. Ich sah nur ihre Augen, der Rest blieb mir verborgen. Manche hatten ängstliche, weit aufgerissene Augen, als wäre der Grizzly hinter ihnen her. Andere hatten einen verschlagenen, respektlosen Ausdruck. Doch eines war ihnen gemeinsam, sie wurden von einer unsichtbaren Krankheit bedroht, die kein Medizinmann und keine Medizinfrau abwenden konnten. Manche erkrankten so schlimm, dass sie daran starben. Andere hatten nur eine leichte Schwäche oder etwas Fieber.“

Der kleine Manipi kletterte wendig auf den Schoß des Schamanen, seine schmutzigen Hände streichelten über Pa-Akantis Gesicht.

„Wieso haben sich die kranken Menschen nicht an so einen klugen Mann wie dich gewandt? Er hätte ihnen bestimmt helfen können, Onkel.“ Ein Lächeln huschte über die Indianergesichter.

„In meiner Vision schien es, dass niemand diese unsichtbare Bedrohung abwenden konnte. Diese Krankheit schlich sich leise und unsichtbar an wie ein Puma, um dann wie ein Tornado durch das Land zu fegen.“

Meda, die alte Medizinfrau, nahm einen tiefen Zug aus ihrer Pfeife und entgegnete mit krächzender Stimme.

„Gegen Fieber wird es doch immer ein Heilkraut geben?“

Es wurde still um das Lagerfeuer, nur das Knistern des Holzes und der rauschende Fluss waren zu hören.

Langsam erhoben sich einige Frauen des Stammes und holten Maisbrot und getrocknetes Büffelfleisch. Die Kinder bevorzugten Wildbeeren, welche in Holzschalen herumgereicht wurden. Mit einem behutsamen Nicken bedankten sich die Männer und Ältesten bei den Frauen für die Fürsorge.

„Konnten denn keine Häuptlinge und Krieger diese Gefahr abwenden?“, erkundigte sich aus den hinteren Reihen eine junge Indianerin mit pechschwarzen Haaren, die kunstvoll geflochten ihren Rücken bedeckten. Pa-Akanti blickte ihr tief in die Augen und dachte lange über die Frage nach.

„Ihre Pferde waren nicht schnell genug und sie konnten sie nicht reiten, Niyaha!“, antwortete der Schamane schließlich.

Eine lange Pause entstand. Der Schamane schloss die Augen und summte eine leise Melodie. Sein Oberkörper bewegte sich im Rhythmus der Flammen, mit der geöffneten rechten Handfläche fächelte er sich Rauch über Gesicht und Haupt. Sein Ausdruck war gequält und angestrengt. Immer lauter wurde sein Summen und Singen, seine Hand zitterte kaum merklich.

„Nicht die unsichtbare Bedrohung der Krankheit wird diese Menschen zerstören. Nein, es ist ihre Lebensart, die viel gefährlicher ist. In der Früh verlassen sie ihr Heim, in alle Himmelsrichtungen verstreuen sie sich. Die Kinder verbringen den Tag über unter ihresgleichen, die Alten leben in extra für sie vorgesehenen Behausungen und nicht, wie bei uns hier, hochgeachtet unter uns. Alle scheinen sie auf der Flucht zu sein, wie eine Herde ungestümer Pferde! Nichts geschieht behutsam und bedacht bei ihnen, ihre Herzen schlagen laut und beinahe rasend, wie eine Büffelherde. Es wird eine schreckliche Zeit werden, sage ich euch.“

Der kleine Manipi, der an der Seite seines Onkels aufmerksam zugehört hatte, beugte sich über das Feuer und stocherte mit einem Stock die Flammen erneut an.

„Was suchen sie denn nur? Sind sie Jäger?“, fragte er kopfschüttelnd.

„Ja, sie werden auf der Jagd sein. Nach Gold und Silber und Reichtum. Damit sie es eintauschen können in immer größere Behausungen mit immer kleiner werdenden Clans. Sie werden einsame Wölfe sein und jaulen die halbe Nacht. Und niemand wird sie hören.“

Langsam zog die Nacht über die Prärie und vereinzelt war das Rufen der Coyoten zu hören. Die Sonne tauchte den Canadian River in ein dunkles Orange und die Pferdeherde des Stammes zog langsam und stetig das Ufer entlang auf der Suche nach Futter.

Nach und nach verließen die Stammesmitglieder das Feuer und zogen sich zurück in ihre Tipis. Nur Meda, Dohasan und Pa-Akanti saßen zuletzt noch am Lagerfeuer und hingen ihren Gedanken nach.

„Der Letzte macht das Feuer aus“, flüsterte Meda und erhob sich etwas schwerfällig von ihrem Platz.

Diese Kurzgeschichte nimmt im Monat November am Schreibwettbewerb zum Thema „Der Letzte macht das Licht aus“ beim http://schreiblust-verlag.de/mitmach-projekt/aktuelle-schreibaufgabe teil.

Sie wurde außerdem auf der Seite von www.verdichtet.at veröffentlicht.

Geheimnisvolle Abzweigungen

Goodbye

Aktuell nehme ich an einem Schreibprojekt teil, es heißt: #oneshortyear

Worum gehts? Am Ende jeden Monats (von Juli 2020 – Juli 2021) gibt es jeweils ein Thema – gesucht werden Kurzgeschichten von entweder bis zu 1000 Worten, oder einen Prompt mit deutlich mehr Worten usw. usf…… 

Wer es am Ende (Juli 2021) in die Anthologie schafft, wird erst nach Ablauf des langen kurzen Jahres bekanntgegeben. 

Thema Juli 2020: 

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Mein 3. Song in meiner Lieblingsplaylist am Handy lautet: „Seconds“ von U2 (zum Reinhören: youtube song „seconds“ von U2 )

Und hier meine Geschichte:

Goodbye

Vor vielen Jahren, irgendwo in der Nähe vom Times Square, trafen sie sich erstmals. Seine Kollegen wurden ihm nicht näher vorgestellt, sie waren, ähnlich wie er, hochgewachsene, dünne Gestalten mit fahler Gesichtshaut, sie sahen aus wie Zombies, die gerade ihren miefigen Kellern entsprungen waren. John hatte keine Wahl, er hatte das Wissen und die Fertigkeit und was er noch hatte: jede Menge Schulden. Die Sorgen um die Familie, und wie er Frau und Sohn durchfüttern sollte, raubten ihm den nächtlichen Schlaf. Es waren harte Zeiten, es herrschte Krieg. Er musste diese gut bezahlte Arbeit annehmen.

Wie Diebe in der Nacht schlichen sich er und seine Kollegen in das aufgelassene Fabrikgebäude und bauten wortlos Tag für Tag mit zittrigen Fingern und in Schutzkleidung gehüllt an diesem Teil. Sie sprachen nicht miteinander, jeder einzelne von ihnen wusste, was zu tun war. Über Konstruktionspläne gebeugt gingen sie ihrer Arbeit nach. Dennoch – sie waren nur Marionetten in einem System, wo die Fäden anderswo gezogen wurden. Das Geld der Mächtigen und Einflussreichen hatte sie gelockt. Sie wussten genau, entweder sie machen ihr Ding richtig und möglichst schnell, oder sie würden mit dem Leben bezahlen.

Die Drahtzieher saßen in mondänen Büros in London, New York, Moskau oder Peking – niemand wusste das so genau! Gekleidet in teure Anzüge und mit Luxusuhren an den Handgelenken sprachen sie Befehle und Aufträge auf Tonbänder, die John anonym übermittelt wurden.

Aufstieg und Fall einer ganzen Generation lag in den Händen dieser hochrangigen Männer. Es war alles genau durchgeplant und die Ziele waren ausgewählt.

„Machen oder sterben! Ihr habt keine Wahl. Merkt euch, es dauert nur Sekunden, um Goodbye zu sagen, wenn ich den Knopf drücke!“

Und so schlichen sie weiter, wie Diebe in der Nacht. Sie bauten und konstruierten und warteten auf den Tag, an dem sie ihr Lösegeld bekamen und sich aus dem Staub machen konnten. Egal, ob sie zukünftig die Welt nur mehr bei Kerzenlicht sehen würden. Sie wussten, sie würden mit der Hölle bezahlen.

Und so erschufen sie die Atombombe und John sah in seinen Träumen Blitze am Firmament, von Ost nach West und von Nord nach Süd. Die Stimme aus dem Tonband wiederholte sich in seinem Kopf laut und furchteinflößend: „Es dauert nur Sekunden, um Goodbye zu sagen!“

***

Vierundsiebzig Jahre später sitzt Johns Enkelsohn Tom in einem modernen Labor, irgendwo in London, New York, Moskau oder Peking – niemand darf das so genau wissen. Tom hat keine Wahl, er hat das Wissen und die Fertigkeit und was er noch hat: jede Menge Schulden. Die Sorgen um die Familie, und wie er Frau und Sohn durchfüttern sollte, rauben ihm den nächtlichen Schlaf.

An seiner Seite arbeiten Frauen und Männer in Schutzanzügen und mit Einweghandschuhen, sie forschen und studieren an Viren und deren Auswirkungen. Sie testen an Tieren und führen genaue Aufzeichnungen. Tag für Tag gehen sie ihrer Arbeit nach, wie Diebe in der Nacht betreten sie ihren Arbeitsplatz, wohl wissend, wie gefährlich ihre Arbeit für die ganze Menschheit ist. Dennoch – sie sind nur Marionetten in einem System, wo die Fäden anderswo gezogen werden. Das Geld der Mächtigen und Einflussreichen hat sie gelockt. Sie wissen genau, entweder sie machen ihr Ding richtig und möglichst schnell, oder sie würden mit dem Leben bezahlen. Wenn sie es nicht machen, macht es jemand anderer.

Großer Reichtum wird ihnen versprochen, ein sorgenfreies Leben für die ganze Familie, wenn sie diese Forschung zu Ende führen. Die Drahtzieher sitzen in klimatisierten Büros in einer Großstadt irgendwo auf der Welt. Gekleidet in teure Anzüge und mit Luxusuhren an den Handgelenken.

Aus anonymisierten Handys erhält Tom Befehle, er muss seinen hochrangigen und mächtigen Auftraggebern über den Verlauf der Forschung berichten.

Aufstieg und Fall einer ganzen Generation liegt in ihren Händen, das weiß Tom. Weltweit wird ihre Entwicklung Schaden in großem Ausmaß anrichten können, auch das ist ihm bewusst. Aber er hat keine Wahl mehr, die Mächtigen und Einflussreichen haben sein Schicksal in der Hand. „Machen oder sterben! Ihr habt keine Wahl. Merkt euch, es dauert nur Sekunden, um Goodbye zu sagen, wenn ich das Virus freisetze!“

Und so schleichen er und seine Kollegen weiter, wie Diebe in der Nacht. Sie forschen und vermehren und studieren mit den Viren und warten auf den Tag, an dem sie ihr Lösegeld bekommen würden und sich aus dem Staub machen konnten. Egal, ob sie zukünftig krank werden oder Verwandte, Freunde von ihnen daran sterben würden. Sie wissen, sie würden sowieso mit der Hölle bezahlen.

Und so erschaffen sie eine Pandemie in Reagenzgläsern und Tom sieht in seinen Träumen Blitze am Firmament, von Ost nach West und von Nord nach Süd. Die Stimme aus dem Handy wiederholt sich in seinem Kopf laut und furchteinflößend: „Es dauert nur Sekunden, um Goodbye zu sagen! Für immer!“

 

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